„Volksgesundheit“ und Lebensbedingungen in Deutschland während es frühen 19. Jahrhunderts

 

 

 

„Volksgesundheit“ und Lebensbedingungen in Deutschland

                        während des frühen 19. Jahrhunderts[1]

 

 

(

 

 

                        Gliederung

 

  1. Einleitung

 

1.1                  Gesundheit und ärztliche Versorgung

1.2                  Sozialhistorischer Forschungsstand

1.3                  Begriffe, Konzepte, Ansatz

1.4                  Zum Aufbau

 

  1. Indikatoren der „Volksgesundheit“ seit der Mitte des
  2. Jahrhunderts

 

2.1                  Die Konzepte des Demographischen und des Epidemiologischen
Übergangs

2.2                  Das sozio-ökonomische Epochenproblem: Der Pauperismus

2.3                  Die Entwicklung der Sterblichkeit in Deutschland

2.3.1               Methodische Vorbemerkungen

2.3.2               Sterblichkeitstendenzen seit dem späten 18. Jahrhundert

2.3.3               Entwicklung der altersspezifischen Sterblichkeit

2.3.4               Veränderungen des Todesursachen-Spektrums

2.4                  Fazit: Die Entwicklung der „Volksgesundheit“ im Spiegel der empirischen Ergebnisse

 

  1. Tendenzen des Wandels der Lebensbedingungen und deren
    Auswirkungen auf die „Volksgesundheit“

 

3.1                  Modellierung des Zusammenhangs von „Volksgesundheit“ und
Lebensbedingungen

3.2                  Empirische Belege

3.2.1               Das agrarische Übergangs-„Modell“: Leezen

3.2.2               Das protoindustrielle Übergangs-„Modell“: Spenge

 

  1. Fazit: „Volksgesundheit“ und Pauperimus

 

  1. Einleitung

 

1.1       Gesundheit und ärztliche Versorgung

 

Während des späten 18. und weit in das 19. Jahrhundert hinein hatten die Menschen eine Einstellung zu Gesundheit und Krankheit, die wenig mit unserer modernen, medikalisierten Vorstellung zu tun hat.[2] Ge­sundheit bedeutete vor allem Arbeitsfähigkeit und war im Prinzip göttliche Gnade. Krankheit dagegen wurde als alltäglicher Begleiter und ständige Bedrohung erfahren; man konnte sich weder präventiv vor ihr schützen noch kurativ gezielt von ihr befreien. Entsprechend machten die meisten Menschen Krankheiten im Rahmen von Familie und Haushalt mit Selbstdiagnose und Selbstmedikation ab. Ärzte wurden fast nie hinzugezogen. Hindernisse waren allein schon die mangelnde Verfügbarkeit aufgrund der niedrigen Arztdichte[3] und die allzu hohen Kosten. Vor allem fehlte aber wohl in der Regel auch das Bewusstsein, dass man von einer ärztlichen Konsultation im Krankheitsfall nennens­werte Hilfe zu erwarten habe.[4]

 

Hier deutet sich nun ein Problem von erheblicher Reichweite an. Wenn während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die meisten Menschen ihre Krankheiten ohne Arzt „abmachten“, dann existieren kaum zuver­lässige Zeugnisse von den Krankheiten der „großen Masse“ und von den Ursachen ihres Sterbens, die im Wege der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung angefallen wären. Anhand welcher Quellen kann aber in dieser Situation der Historiker die Entwicklung des durchschnitt­lichen Gesundheitszustandes einer Bevölkerung rekonstruieren? Die nur sporadischen Zeugnisse aus ärztlicher Hand bieten kein sicheres und umfassendes Bild, da sie auf viel zu kleine Ausschnitte der Ge­sellschaft beschränkt sind.

 

Darüber hinaus ist erstaunlich, wie wenig sich die zeitgenössischen Ärzte überhaupt für die „Volksgesundheit“ interessierten, selbst wenn sie als Verfasser sogenannter Medizinischer Topographien aus­drücklich zur Beobachtung und Berichterstattung gesundheitsrelevan­ter lokaler Umstände verpflichtet waren oder sich dazu aus eigenem Antrieb berufen fühlten. Zwischen 1770 und 1850 sind ca. 60 Medizi­nische Topographien über deutsche Orte veröffentlicht worden.[5] Aus­sagen über den Gesundheitszustand in der beobachteten Bevölkerung und über die Krankheits- bzw. Sterblichkeitsverhältnisse enthalten sie nur in geringem Umfang. Die entsprechenden Aussagen wirken perspek­tivisch verzerrt, sind unzulänglich begründet und insgesamt wenig erhellend, es sei denn für die Zwecke eng begrenzter und dann durch zusätzliches Material fundierter Lokalstudien.[6]

 

Man kann mit gutem Grund behaupten, dass im frühen 19. Jahrhunderts kein Zusammenhang zwischen ärztlicher Versorgung und durchschnittli­chem Gesundheitszustand der Bevölkerung bestanden hat in dem Sinne, dass die ärztliche kurative Tätigkeit kaum Einfluss auf die „Volksge­sundheit“ hatte.[7] Anders ist möglicherweise die Bedeutung der medi­zinalpolizeilichen Maßnahmen zu beurteilen. Besonders die hoheitli­chen, meist im kommunalen Rahmen erfolgten Bemühungen um die Eindäm­mung der großen Seuchen, aber auch die Ausbreitung der Pockenschutz-Impfung seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts können durchaus einen Beitrag zur Hebung der „Volksgesundheit“ geleistet haben – obwohl auch das umstritten ist.[8] Festzuhalten ist, dass weder kurative noch präventive ärztliche Aktivitäten während des frühen 19. Jahrhunderts in ausreichendem Umfang geeignete Zeugnisse hinterlassen haben, die als Quellen zur Rekonstruktion der „Volksgesundheit“ dienen könnten. Möglicherweise hat das mit dazu beigetragen, dass die Medizinge­schichte in Deutschland bisher keinen nennenswerten Beitrag zur Ge­schichte der „Volksgesundheit“ geleistet hat.

 

Dennoch finden sich in der Literatur Aussagen zur Entwicklung der „Volksgesundheit“ in früherer Zeit. Sie stützen sich in erster Linie nicht auf medizinische, sondern auf demographische Informationen[9]: Von den Sterblichkeitsveränderungen wird auf Variationen des Gesund­heitszustands geschlossen. Dies Vorgehen ist prinzipiell nicht un­problematisch.[10] Allerdings darf es als um so angemessener gelten, je unmittelbarer sich der Zusammenhang zwischen Erkrankung und Tod darstellt. Das gilt vor allem dann, wenn akute Infektionskrankhei­ten, die relativ rasch verlaufen und eine hohe Letalität besitzen, das Krankheits- und Sterblichkeitsgeschehen beherrschen. Je mehr je­doch in einer Bevölkerung chronische Krankheiten und Mehrfachschädi­gungen dominieren, desto lockerer wird der Zusammenhang zwischen Er­krankung und Tod, desto weniger eignet sich die Mortalität als Indi­kator der Morbidität bzw. der „Volksgesundheit“.[11] Aufgrund von Ver­schiebungen in der Altersstruktur der Gestorbenen und im Todesursa­chen-Spektrum ist die Sterblichkeit heute ein weniger geeigneter Ge­sundheitsindikator als im frühen 19. Jahrhundert. Seinerzeit starben rd. 50% der Menschen im Säuglings- und Kindesalter. Und wenn sie äl­ter wurden, herrschten akute Krankheiten vor, die entweder rasch zur Genesung oder zum Tode führten. Chronische Krankheiten und Mehrfachschädigungen waren in der Bevölkerung insgesamt erheblich seltener als heute. Allerdings waren sie – wie heute[12] – im höheren Alter die Regel, das jedoch bei deutlich geringerem Bevölkerungsanteil dieser Altersgruppen. Unter solchen Bedingungen können Sterblichkeitsveränderungen mit Fug und Recht als Ausdruck für Gesundheitsänderungen gedeutet werden.[13]

 

Auf der Grundlage von Interpretationen demographischer Kennziffern, vor allem der Mortalitätsentwicklung, ist inzwischen ein Kenntnis­stand erreicht worden, der einige Sozialhistoriker dazu ermutigt hat, sich zur Entwicklung der „Volksgesundheit“ seit dem späten 18. Jahrhundert in Deutschland zu äußern. Der hier vorliegende For­schungsstand scheint der angemessene Ausgangspunkt für eine erneute Auseinandersetzung mit diesem Gegenstand zu sein.

 

1.2       Sozialhistorischer Forschungsstand

 

Conze spricht in seinem Überblick zur „Sozialgeschichte 1800-1850“ von einer allmählichen „Hebung der Volksgesundheit“, die sich vor allem im deutlichen Rückgang der durchschnittlichen Sterblichkeit manifestiert habe.[14] Allerdings seien die rasch wachsenden gesell­schaftlichen Unterschichten von den Gesundheitsverbesserungen kaum erreicht worden, besonders nicht während der 1830er und 1840er Jahre.

 

Eine ähnliche Aussage findet sich bei Ute Frevert. Sie zitiert eine zeitgenössische Autorität, den Berliner Medizinprofessors Johann Ludwig Casper, der in den 1820er Jahren Berechnungen der durchschnittlichen Lebensdauer, differenziert nach sozialen Ständen, vorgenommen und 1835 publiziert hat. Nach Casper hat „sich die Sterblichkeit im Vergleich zum vergangenen Jahrhundert erheblich verringert und die allgemeine Lebenserwartung erhöht“. Diese Fortschritte kamen jedoch fast ausschließlich den wohlhabenderen Gesellschaftsschichten zugute. „Die Unterschichten dagegen waren nach wie vor in ihrer Lebensfähigkeit übermäßig stark bedroht. Seuchen und Mangelkrankheiten waren im 19. wie im 18. Jahrhundert ständiger Gast in den Behausungen der ärmeren Leute; die soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod hatte sich im Bewusstsein der >öffentlichen Meinung< gegenüber dem 18. Jahrhundert eher noch verschärft“.[15]

 

Auch Imhof geht von einer globalen tendenziellen Sterblichkeitsab­nahme in Deutschland seit dem späten 18. Jahrhundert aus.[16] Eine sehr klare Formulierung der These findet sich bei Wehler.[17] Das Bevölkerungswachstum seit der Mitte des 18. Jahrhunderts müsse durch regional und altersspezifisch unterschiedliche, aber insgesamt durchschlagende Sterblichkeitssenkungen bewirkt worden sein. Sie fanden vor allem in den nördlichen und westlichen Provinzen Preußens statt und hier zunächst bei den Altersklassen der 10-14jährigen, et­was später bei den 1-3jährigen und schließlich bei den 10-19jährigen insgesamt. Die süddeutschen Staaten und die preußischen Ostprovinzen waren von diesen Veränderungen weitgehend ausgeschlossen, ebenso in allen Regionen Erwachsene in den höheren Altersklassen und die Säuglinge.

 

Im Gegensatz zu den vorgenannten Autoren konstatiert Rürup jedoch ausdrücklich, dass sich bei Geburten- wie Sterblichkeitsziffern von 1817-1870 keine eindeutigen Veränderungen erkennen lassen. So fanden auch auf keiner Altersstufe merkliche Zunahmen der Lebenserwartung zwischen dem frühen 19. Jahrhundert und den 1870er Jahren statt. Im jüngeren Erwachsenenalter betrug der Zuwachs maximal 2 Jahre, im höheren knapp

1 Jahr. „Insgesamt vollzog sich das Bevölkerungswachstum in Deutschland bis 1870 also weiterhin auf der Grundlage hoher Ge­burten- und Sterberaten. Anders als in früheren Jahrhunderten war die Spanne zwischen diesen Raten jetzt aber beständig groß genug, um einen anhaltenden Bevölkerungsüberschuss entstehen zu lassen. Die traditionellen Wachstumsbremsen – Kriege, Hungersnöte, Seuchen -, die früher eine hohe >Krisensterblichkeit< bewirkt hatten, wurden nur noch in begrenztem Umfang wirksam und verursachten jedenfalls keinen vollständigen Trendwechsel mehr.“[18]

 

Fasst man den Forschungsstand bezüglich der Entwicklungstendenzen der „Volksgesundheit“ während des frühen 19. Jahrhunderts zusammen, so hat sich diese offenbar durchschnittlich gebessert. Das jedoch in so starker regionaler und vermutlich altersspezifischer und sozialer Differenzierung, dass bevorzugten Regionen bzw. sozialen und Alters­gruppen stets auch benachteiligte gegenübergestellt werden können. Schließlich war der Prozess nicht einlinig: Auf Perioden stärkerer durchschnittlicher Besserung, vor allem in Form von Sterblichkeits­senkungen, folgten immer wieder rückläufige Phasen, während derer sehr hohe Sterblichkeitsniveaus realisiert wurden. Allerdings dürf­ten sich seit dem frühen 19. Jahrhundert die Ursachen und Bedingun­gen für Verbesserungen oder Verschlechterungen der „Volksgesundheit“ deutlich gewandelt haben, z. B. in dem Sinne, dass auch heftige Epide­mien oder wirtschaftliche Notlagen nur selten Sterbeüberschüsse be­wirkten. Der folgende Beitrag setzt sich zur Aufgabe, diesen Forschungsstand zu überprüfen und zu differenzieren.

 

1.3       Begriffe, Konzepte, Ansatz

 

Der zentrale Begriff „Volksgesundheit“ steht hier für durchschnitt­lichen Gesundheitszustand einer Bevölkerung. Sein wichtigster Indi­kator ist – analog zum älteren Verständnis und zum regelmäßigen Vor­gehen in der Literatur – die Sterblichkeit. Auch wenn diese, was leider in der einschlägigen Literatur selten genug geschieht, tatsächlich nach Geschlecht, Alter, Beruf und/oder Regionen differen­ziert wird, bleibt die Sterblichkeit – wie gesagt – ein grober, allerdings brauchbarer Indikator für Gesundheit. Angemerkt sei je­doch, dass diesem Vorgehen ein restriktives Gesundheitsverständnis zugrunde liegt: Es ist von unserer heutigen Auffassung, wonach Ge­sundheit als Wohlbefinden und Schmerzfreiheit sowie als Bedingung für ein sozial und wirtschaftlich produktives Leben begriffen wird, weit entfernt und meint schlicht eine möglichst niedrige Virulenz von zum Tode führenden Krankheiten in einer Population.

 

Die Sterblichkeit (in verschiedenen Differenzierungen) ist also die Hauptvariable der folgenden Darstellung. Gelegentlich kann sie durch die Betrachtung des Todesursachen-Spektrums ergänzt werden. Damit ist klar, dass sich die Untersuchungen auf der Grenze zwischen Sozi­algeschichte der Medizin und Historischer Demographie bewegen. Der letzteren verdanken wir ja die Zahlenreihen, mit denen der Gegen­stand bis ins frühe 19. Jahrhundert und ggf. sogar zurück bis ins 18. verfolgt werden kann. Darüber hinaus sind an der Grenze zwischen den beiden Disziplinen die Konzepte entwickelt worden, die überhaupt erst erlauben, die hier vorgegebene Themenstellung ernst­haft als globale zu formulieren. Ohne Konzepte bzw. modellhafte Ver­knüpfungen wohldefinierter Begriffe wäre es sinnlos, über die „Volksgesundheit“ auf gesamtgesellschaftlicher Ebene reden zu wol­len. Man könnte nur den Gesundheitszustand einzelner Menschen oder sehr kleiner Gruppen beschreiben. Die Konzepte des Demographischen und des Epidemiologischen Übergangs jedoch liefern einen Bezugsrah­men, mit Hilfe dessen Lebensbedingungen und „Volksgesundheit“ im Zu­sammenhang erfasst werden können.

 

1.4       Zum Aufbau

 

–          Im 2. Teil werden einleitend die genannten Konzepte knapp erläutert, die es gestatten, einen Zusammenhang zwischen „Volksgesundheit“ und Lebensbedingungen zu postulieren. Sie werden ergänzt um eine Skizze des sozio-ökonomischen Hauptproblems der Epoche, des „Pauperismus“, der bestimmte Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung der „Volksgesundheit“ nahelegt.

 

–          Mit Bezug darauf sind anschließend Indikatoren der „Volksgesundheit“ zu diskutieren, und zwar seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, um die Veränderungen des frühen 19. Jahrhunderts in eine Perspektive zu stellen. Das zentrale Anliegen ist der Versuch, die Entwicklung der altersspezifischen Sterblichkeit auf unterschiedlichen Aggregationsniveaus während der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts zu messen.

 

–          Zusammenhänge von Lebensbedingungen und „Volksgesundheit“ werden im 3. Teil als Ausblick auf Forschungsdesiderata zunächst in Form von Quasi-Modellen skizziert, die unterschiedliche Reaktionen der „Volksgesundheit“ auf die sozio-ökonomischen Randbedingungen zu interpretieren gestatten. Die „Modelle“ sind
schließlich mit empirischem Material zu belegen.

 

 

  1. Indikatoren der „Volksgesundheit“ seit der Mitte des
  2. Jahrhunderts

 

2.1       Die Konzepte des Demographischen und des Epidemiologischen Übergangs

 

Beim Konzept des Demographischen Übergangs handelt es sich um die modellhafte Fassung des natürlichen Bevölkerungswachstums, das wäh­rend des langfristigen gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses bestimmte Phasen durchläuft. Diese sind durch typische Beziehungen zwischen Fruchtbarkeits- und Sterblichkeitsniveaus geprägt.[19] Zu Be­ginn des Übergangs öffnet sich die „Bevölkerungsschere“, indem die Sterblichkeit zu sinken beginnt, während die Fruchtbarkeit, noch von traditionellen Normen gesteuert, auf hohem Niveau verharrt. In der zweiten Übergangsphase schließt sich die „Schere“ wieder, da nun die Fruchtbarkeit auf die veränderten Lebensbedingungen und normativen Vorgaben reagiert. Familienplanung und Geburtenkontrolle werden zunehmend gesellschaftlich akzeptiert und von immer mehr Gruppen in der Bevölkerung praktiziert; der säkulare Geburtenrückgang setzt ein. Ist er abgeschlossen, haben sich Frucht­barkeit und Sterblichkeit auf einem relativ niedrigen Niveau einge­pendelt. Die Zuwachsrate der Bevölkerung ist klein und abhängig von periodischen Fruchtbarkeitschwankungen, die vom Ausmaß der bewusst betriebenen Geburtenkontrolle gesteuert werden.

 

Das Konzept des Epidemiologischen Übergangs ergänzt das eben skizzierte und beschreibt die trendmäßige Entwicklung der Sterblichkeit in den verschiedenen Phasen des Demographischen Übergangs. Implizit modelliert es Wechselwirkungen zwischen dem durchschnittlichen Ge­sundheitszustand einer Bevölkerung und dem sozio-ökonomischen Wan­del.[20] Unterschieden werden drei Phasen, 1. das vormoderne „Zeital­ter der Seuchen und Hungersnöte“, 2. das „Zeitalter der rückläufigen großen Epidemien“ und 3. das „Zeitalter der degenerativen und ge­sellschaftlich verursachten Krankheiten“. Während der

  1. Phase ver­stetigt sich bereits die Sterblichkeit und beginnt zu sinken. Ent­sprechend kann die Lebenserwartung bei der Geburt von ca. 20-40 Jahren auf rund 50 Jahre ansteigen. In der bis heute andauernden 3. Phase pendelt sich die Sterblichkeit auf niedrigem Niveau ein, und die Lebenserwartung bei Geburt steigt auf 70 Jahre und mehr.

 

Analytisch brauchbar wird das Konzept des Epidemiologischen Über­gangs, wenn die zentrale Variable, die durchschnittliche Sterblich­keit, nach Alter und Geschlecht sowie nach Todesursachen differen­ziert wird. Es ist kürzlich in bestimmten Punkten konkretisiert wor­den, die besonders für die hier untersuchte Periode bedeutsam sind.[21] Demnach fanden bereits gegen Ende der Phase 1 wichtige Wand­lungsprozesse statt, die die Merkmale der Phase 2 zu präzisieren ge­statten: Diese ist geprägt durch einen starken Rückgang der zunehmend nicht mehr epidemisch auftretenden Infektionskrankheiten, die zu Kinderkrankheiten werden, und durch eine nur sehr langsame Eindämmung der Virulenz von relativ unspezifischen gastro-intestinalen Infekten (sogenannter Diarrhoe-Komplex), die wiederum primär Säuglinge und Kleinkinder bedrohten. So erklärt sich, warum gegen Ende der Phase 1 typischerweise ein allmählicher Rückgang der Erwachsenen-Sterblich­keit einsetzt, während die Kindersterblichkeit erst in der Phase 2 trendmäßig zu sinken beginnt, die Säuglingssterblichkeit sogar erst gegen Ende derselben.

 

Die beiden Konzepte liefern einige Hypothesen für die vorliegende Untersuchung. Z. B. kann gefolgert werden, dass sich die „Volksgesund­heit“ durchschnittlich bereits gegen Ende der Phase 1 des Epidemio­logischen Übergangs gebessert hat, nämlich im Sinne eines leichten Rückgangs und einer ersten Verstetigung der Erwachsenensterblichkeit. Diese Entwicklung müsste sich verstärkt und auf die Altersklassen der Kinder und Jugendlichen ausgeweitet haben, sobald sich in der deutschen Gesellschaft die Phase 2 des Epidemiologischen Übergangs durchsetzte. Und im Verlauf der Phase 2 sollten alle Alters­klassen, ausgenommen die Säuglinge, und nahezu alle sozialen Schichten deutliche Stabilisierungen ihrer Gesundheit und eine spürbare Verlängerung ihrer Lebenserwartung verzeichnen können.

 

Das Konzept des Epidemiologischen Übergangs und die Datierungen der Phasen sind nun allerdings fast ausschließlich anhand von histori­schem Material aus England, den USA und Frankreich gewonnen worden. Die genannten Folgerungen bezüglich der „Volksgesundheit“ können nicht einfach auf Deutschland übertragen werden. Da Studien zum Epi­demiologischen Übergang anhand von deutschem Material bisher nur in ersten Ansätzen vorliegen[22], sind vielmehr einige grundsätzliche Fragen, die sich aus dem Konzept ergeben, ungeklärt. Z. B. ist die ganz entscheidende Datierung der Phase 2 strittig, damit die Datie­rung des Übergangsprozesses überhaupt, denn der Beginn von Phase 1 und das Ende von Phase 3 sind sowieso offen.[23]

 

Als Arbeitshypothese wird im Folgenden davon ausgegangen, dass das „Zeitalter der Seuchen und Hungersnöte“ in Deutschland während des späten 18. Jahrhunderts seinem Ende zuging und dass sich während der 1820er/30er Jahre die Phase 2 des Epidemiologischen Übergangs durch­setzte.[24] Dieser Datierungsversuch soll anhand zusätzlicher und breiterer Informationen überprüft werden. Dabei wird vor allem auf die dem Konzept inhärente Vorstellung zurückgegriffen, dass das Ende der Phase 1 und der Beginn der Phase 2 durch die Verringerung und das allmähliche Ausbleiben von Jahren offener Bevölkerungskrisen mit Sterbeüberschüssen sowie durch eine Verstetigung und beginnende trendmäßige Senkung der durchschnittlichen Sterblichkeit charakteri­siert seien.[25] Es ergeben sich folgende (operationalisierte) Datie­rungskriterien:

 

–          Zahl und Häufigkeit von Jahren mit Sterbeüberschüssen

–          Trendrichtung der durchschnittlichen Sterblichkeitsziffer

–          Variationskoeffizient der Sterblichkeitsziffer.[26]

 

Ein massives Problem wirft nun aber die Tatsache auf, dass für das 18. und frühe 19. Jahrhundert (bis 1815) in der Regel keine zuver­lässigen längeren Bevölkerungsreihen in Deutschland vorhanden sind. Für das späte 18. Jahrhundert wird die Frage nach den o. g. Verände­rungen der Sterblichkeit deshalb primär anhand von lokalstatisti­schem Material untersucht. Als Sterblichkeits-Indikator fungiert da­bei das Verhältnis von Gestorbenen zu Geburten (in v.H.).[27] Die Fol­gerungen können natürlich nur tentativ sein. Ab 1815 steht dann ein umfangreicheres bevölkerungsstatistisches Material zur Verfügung, sodass mit echten Sterblichkeitsziffern gearbeitet werden kann.[28]

 

 

2.2       Das sozio-ökonomische Epochenproblem: Der Pauperismus

 

Die Datierungs-Hypothese ist, wie gesagt, auf einige empirische Evi­denz gestützt. Eine Überprüfung erscheint jedoch nicht nur deshalb geboten, weil die Evidenz besser abgesichert werden sollte. Vielmehr stellt allein der Hinweis auf die Möglichkeit, dass innerhalb Deutschlands während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Durchschnittssterblichkeit sich verstetigt habe und zu sinken begann, eine ausgesprochene Herausforderung für den Wirtschafts- und Sozialhistoriker dar. Das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert (bis 1850/60) sind bekannt als eine Epoche, die durch starke wirtschaft­liche Strukturveränderungen geprägt war: Agrarreformen; Frühindu­strialisierung und Proletarisierung sowie – als Konsequenz – Pauperismus.[29] Vor allem zwei Prozesse bewirkten die seit den 1830er Jahren deutlich wahrgenommene, neuartige und heftig beklagte Massenverarmung: Der eine Faktor ist das Vordringen der Kommerzialisierung und Kapitalisierung der Landwirtschaft seit dem späten 18. Jahrhundert. Die damit einhergehende Modernisierung und der Ausbau der Produktion vergrößerten den agrarischen Arbeitskräftebedarf und die Zahl bäuerlicher bzw. kleinbäuerlicher Erwerbsstellen, förderten aber andererseits auch die Proletarisierung. Zugleich stieg die Agrarproduktivität stark an, sodass eine wachsende Bevölkerung, gerade auch außerhalb des Agrarsektors, ernährt werden konnte. Als der andere Faktor gilt das Wachstum und die im späten 18. Jahrhundert erreichte Hochblüte des protoindustriell-handelskapitalistisch organisierten Verlagswesens. Dieser Prozess, der nicht zuletzt durch die Entstehung von Zonen verdichteten ländlichen Gewerbes (Textilherstellung; Kleineisengewerbe; Holzverarbeitung, z. B. Spielzeugherstellung) geprägt war, schuf ebenfalls in großem Stil neue Erwerbsmöglichkeiten und proletarische Existenzen.

 

Beide Prozesse hielten das fortgesetzte Bevölkerungswachstum in Gang. In den 1830er Jahren öffnete sich dann jedoch die „malthusianische Falle“: Das Bevölkerungswachstum überschritt „eine Art Sättigungs­grenze der Wirtschaft“.[30] Es eilte dem unter den gegebenen Bedingungen möglichen Wachstum der Wirtschaft und des Arbeitsplatzangebots deutlich voraus.

 

Die Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung der Lebensbedingungen der breiten Masse der Bevölkerung sind ambivalent: Die Massen­verelendung traf vor allem die sich ständig absolut und relativ ver­mehrenden Unterschichten. Deren Lebensbedingungen dürften sich kaum vor Ende der 1860er Jahre gebessert haben. Dafür spricht auch die Entwicklung des Reallohns, der während des Zeitraums 1820-1869 ten­denziell sank und erst seit den 1870er Jahren stieg.[31] Andererseits profitierten gewisse Gruppen ländlicher Produzenten (Mittel- und Großbetriebe) sowie Handel- und Gewerbetreibender von den neuen öko­nomischen Bedingungen und Chancen. Als Beleg sei darauf hingewiesen, dass die Agrarproduktivität während dieser Zeit im Mittel stets schneller wuchs als die Bevölkerung. Das beruhte nicht zuletzt auf einer auch durch die Agrarreformen vorangetriebenen Ökonomisierung des Einsatzes der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, durch den sich wiederum die in den feudalen Verhältnissen bisher versteckt gebliebene Arbeitslosigkeit (u. a. saisonale Unterbeschäftigung) vor allem für die vielen Landlosen in offene Arbeitslosigkeit wandelte.[32] Erinnert sei auch an den per­manenten relativen Überschuss an anlagefähigem Kapitel in Deutschland bis in die 1850er Jahre hinein.[33] Dieser bestand trotz der hohen In­vestitionstätigkeit während der 1830er und 1840er Jahre, die Richard Tilly aufgezeigt hat.[34] Man darf folgern, dass sich die Lebensbedin­gungen großer Gruppen der Bevölkerung auseinander entwickelten, dass insofern die soziale Ungleichheit zunahm. Für die große Masse muss allerdings von deutlichen Verschlechterungen ausgegangen werden.

 

Vor diesem Hintergrund erscheint nun die Hypothese einer durch­schnittlichen Sterblichkeitsverstetigung und -senkung während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts äußerst gewagt. Sie impliziert, dass auch in den ständig weiter verarmenden Unterschichten immer mehr Men­schen überlebt haben. Ihr Gewicht war nämlich in der Bevölkerung so groß, dass es auf den Verlauf der Durchschnittssterblichkeit durchschlagen musste. Diese konnte nur trendmäßig zu sinken beginnen, wenn sich während der schwierigsten Phase des Pauperismus auch die Überlebenschancen der Unterschichten gebessert hätten. Aus dem Forschungsüberblick bei Wehler ist eher das Gegenteil zu folgern.[35] Je­doch waren, was bereits betont wurde, nicht nur die sozialen, son­dern auch die regionalen Disparitäten groß. Sie wuchsen sogar noch bis ins späte 19. Jahrhundert. Somit ist es notwendig, die Tendenzen der Sterblichkeitsentwicklung im Folgenden möglichst konkret und in regionaler Differenzierung zu untersuchen.

 

 

2.3       Die Entwicklung der Sterblichkeit in Deutschland

 

2.3.1    Sterblichkeitstendenzen seit dem späten 18. Jahrhundert

 

In diesem Abschnitt wird die These überprüft, dass seit dem späten 18. Jahrhundert die Sterblichkeit in Deutschland trendmäßig zu sin­ken begann und sich dabei verstetigte. Die Kennziffern der Sterb­lichkeitsentwicklung[36] wurden für verschiedene Teilperioden berech­net, die sich durch unterschiedliche Sterblichkeitsbedingungen aus­zeichnen: 1740-80, 1780-1805 und 1816-1868. Von 1740 bis 1780 stieg der Sterblichkeitsindikator in fast allen Orten an (vgl. Tabellen 1 u. 2 im Anhang).[37] Dagegen sank er überwiegend bereits zwischen 1780 und 1805. Das folgt auch aus den Berechnungen mit echten Sterblich­keitsziffern, die allerdings nur wenige Orte/Regionen betreffen (vgl. Tabelle 2 im Anhang).[38] Dass aber nach 1816 mit Sicherheit ein trendmäßiger Sterblichkeitsrückgang in großen Teilen Deutschlands stattfand, teilweise als Fortsetzung aus der 2. Teilperiode, belegt das Ergebnis der Trenduntersuchungen für die Periode 1816-1868. Es ist methodisch gut abgesichert, weil anhand echter Sterblichkeitsda­ten für größere Regionen berechnet (vgl. Tabelle 3 im Anhang).[39]

 

Ein Problem werfen in diesem Zusammenhang die sehr niedrigen Sterb­lichkeitswerte der Jahre 1819-1826 auf. Die anschließend zunächst bis zum Beginn der 1830er Jahre wieder ansteigenden Ziffern verzer­ren viele Trendverläufe. Deshalb wurden zusätzlich Trends für die Teilperiode 1830-68 berechnet. Seit Beginn der 1830er Jahre fallen die Trends für die größeren deutschen Staaten durchweg, mit Ausnahme von Bayern (vgl. Schaubild 1). Auffällig ist das unterschiedliche Niveau der Durchschnittssterblichkeit, das in den Trends zum Aus­druck kommt. Das obere und das untere Extrem bilden Württemberg mit einer sehr hohen Sterblichkeit, die auch gegen Ende der Untersu­chungsperiode noch weit über dem deutschen Durchschnitt lag, und – deutlich nach unten abgesetzt – Schleswig-Holstein. In den übrigen Staaten lag die Sterblichkeit auf einem vergleichbar mittleren Ni­veau.

 

Der Trend für Preußen ist ein grober Mittelwert über abweichende re­gionale Tendenzen. Sie kommen in Schaubild 2 zum Ausdruck, in dem die Sterblichkeitstrends für ausgewählte preußische Provinzen darge­stellt sind. Auch hier fallen alle Trends im Prinzip. Die Ausnahme bildet Ostpreußen, wo – ähnlich wie in Bayern –  die Sterblichkeit bis zum Ende der Untersuchungsperiode trendmäßig anstieg. Insgesamt lag das Sterblichkeitsniveau in den drei östlichen Provinzen stets 20%-25% über dem der Westprovinzen (inkl. Brandenburg).[40] Auffällig schließlich, dass die Rate der Trendsenkung in fast allen Provinzen etwa gleich groß war, nur dass man eben von einem jeweils anderen Ni­veau ausging.

 

Man kann als erstes Fazit festhalten, dass die eingangs formulierte These haltbar ist, wonach in vielen Teilen Deutschlands bereits im späten 18. Jahrhundert ein Rückgang der durchschnittlichen Sterb­lichkeit begann, der sich im überwiegenden Teil Deutschlands trend­mäßig bis zum Ende des 2. Drittels des 19. Jahrhunderts fort­setzte.[41]

 

Weniger eindeutig fällt die Prüfung der Variationskoeffizienten aus, mit Hilfe derer die Schwankungsintensität der Sterblichkeit bzw. ihres Indikators gemessen wird (vgl. Tabellen 1-3 im Anhang). In fast allen Regionen nahm zwar die Schwankungsintensität von der 1. zur 2. Periode ab. Andererseits stieg sie in der Zeit von 1816-68 in einigen Fällen auch wieder an.

 

Cum grano salis darf dennoch gefolgert werden, dass die Schwankungs­intensität der Sterblichkeit in weiten Teilen Deutschlands bereits im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert abnahm und dass sich diese Tendenz seit den 1820er Jahren noch verstärkte.

 

Allerdings gilt diese Aussage keineswegs für alle Regionen in glei­cher Weise. Nicht nur hatten die Sterblichkeitstrends in den ver­schiedenen Regionen Deutschlands ein unterschiedliches Niveau. Noch krasser waren die Differenzen der Schwankungsbreite um die Trends. Diesen Sachverhalt verdeutlicht Schaubild 3, in dem die Sterblich­keitsentwicklung für Bayern, Württemberg und Ostpreußen zwischen 1830-1868 dargestellt ist. Es handelt sich – wie bereits anhand der Trendverläufe gezeigt – um Regionen mit besonders ungünstiger Sterb­lichkeitsstruktur. Um einen historisch relevanten Maßstab dafür zu bieten, wurden die jeweiligen Sterblichkeitsziffern auf diejenige von Schleswig-Holstein (= 100) bezogen. Man kann deshalb sofort er­kennen, um wieviel Prozent die Sterblichkeit in den betrachteten Re­gionen über derjenigen von Schleswig-Holstein lag. Während in den 1830er und 1840er Jahren vor allem die württembergische Sterblich­keit diejenige von Schleswig-Holstein um 60%-80% übertraf, erreichte Ostpreußen in den späten 1840er und frühen 1850er Jahren Spitzenab­weichungen von über 100%. Fast dieselben Werte errechnen sich übri­gens für die Provinz Posen.

 

Dass diese extremen Übersterblichkeitsverhältnisse in annähernd dem­selben Maße auch innerhalb Preußens gelten, zeigt Schaubild 4, in dem als Bezugsmaßstab der Trend der preußischen Durchschnittssterb­lichkeit fungiert. Die Sterblichkeitsziffern von Schleswig-Holstein lagen mit geringen Schwankungen um etwa 20% unter dem preußischen Trend, die von Ostpreußen und Posen mit starken Schwankungen häufig um 50%-80% darüber. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich die Sterblichkeitsbedingungen in den preußischen Ostprovinzen von denen fast aller anderen preußischen Provinzen und der übrigen deutschen Staaten unterschieden. Nach den Epidemie-Jahren 1831/32 senkte sich nämlich das Sterblichkeitsniveau in den Ostprovinzen bis Mitte der 1840er Jahre, vor allem relativ zum preußischen Durchschnitt. Dagegen verschlechterte es sich absolut und relativ stark von etwa 1845 bis 1855. Hier machten die Ostprovinzen nochmals Jahre mit Bevölkerungskrisen (Sterbeüberschüssen) durch und reali­sierten überhaupt erst ihre Sterblichkeitsmaxima.

 

In allen übrigen größeren Regionen lagen die Sterblichkeitsmaxima in den 1830er Jahren, und Sterbeüberschüsse traten zu der Zeit schon längst nicht mehr auf, selbst nicht in Jahren kurzfristig stark er­höhter Sterblichkeit. (Vgl. dazu die Daten in Tabelle 4 im Anhang). Zwar stieg in vielen Regionen die Sterblichkeit während der Mitte der 1840er Jahre nochmals an. Aber so hohe Niveaus wie 1831/32 bzw. 1837 erreichte sie nur in den preußischen Ostprovinzen bzw. in ande­ren primär agrarisch geprägten Gebieten.

 

Imhofs o. g. These von der Ablösung des Zeitalters der offenen Be­völkerungskrisen durch das der larvierten seit den 1820er Jahren ist zu modifizieren: Die Wende fand während der 1830er Jahre statt, und zwar im Durchschnitt der größeren deutschen Staaten, nicht jedoch in allen Unterregionen. Nicht nur die preußischen Ostprovinzen, sondern auch Teile anderer deutscher Staaten (bes. Bayerns und Württembergs) dürften bis in die 1850er Jahre hinein immer wieder von offenen Bevölkerungskrisen heimgesucht worden sein.

 

Dennoch und vor allem auf höherem Aggregationsniveau erscheint die Aussage haltbar, dass seit dem späten 18. Jahrhundert eine allmähli­che Verstetigung des Bevölkerungswachstums in Deutschland stattfand und dass im größten Teil Deutschlands die Durchschnittssterblichkeit in immer mehr Regionen trendmäßig zu sinken begann, spätestens seit den 1830er Jahren. Das „Zeitalter der Seuchen und Hungersnöte“ ging während des betrachteten Zeitraums zu Ende. Das heißt aber: Außer in den genannten Problemregionen haben sich während der Pauperismus-Pe­riode die Überlebenschancen auch der Unterschichten gebessert.[42] Um so dringlicher stellt sich die Frage nach den konkreten Bedingungen, unter denen dies geschehen konnte.

 

 

2.3.2    Entwicklung der altersspezifischen Sterblichkeit

 

Um den möglichen Einflussfaktoren näher zu kommen, sollte der bisher skizzierte Sterblichkeits-Befund differenziert werden. Zu fragen ist, welche Altersklassen in welchem Umfang am Sterblichkeits­rückgang beteiligt waren. Mit Blick auf Westeuropa hat Anderson die globale These aufgestellt, dass vor allem Erwachsene, hier primär die Altersgruppe der 20-30jährigen, den Sterblichkeitsrückgang trugen.[43] Dagegen behauptet Lee, dass während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem die Altersklassen 1-3 und 10-29 Jahre einen Zuwachs ihrer Lebenserwartung realisierten.[44] Insgesamt erscheint aber die Entwicklung der altersspezifischen Sterblichkeit während des frühen 19. Jahrhunderts, besonders auf aggregierter Ebene, noch so unklar, dass sie anhand eigener Berechnungen für den Zeitraum 1816-1867 überprüft werden soll.[45] Im Folgenden zunächst die wichtigsten Tendenzen aus den Daten für das Königreich Preußen (vgl. Schaubild 5 und Tabelle 5 im Anhang).

 

 

–          Alle Altersklassen realisierten während der 1820er Jahre ein Sterblichkeitsminimum. Anschließend stieg die Sterblichkeit teilweise wieder deutlich an und hatte Höhepunkte während der 1830er und 1850er Jahre. Insgesamt allerdings kann – wie oben dargestellt – von einem sinkenden Trend der Durchschnittssterblichkeit seit den 1830er Jahren ausgegangen werden.

 

–          Im Gegensatz zu diesem Trendverlauf nahm die Säuglingssterblichkeit über die Untersuchungsperiode hin trendmäßig zu.

 

–          Das gilt auch für die Altersklasse 1-14 Jahre insgesamt: Hier fand bis 1851 ein Sterblichkeitsanstieg statt. Erst danach sank die Sterblichkeit tendenziell.

 

–          In der Teilaltersklasse 1-5 Jahre (erst ab 1837 berechenbar) wies die Sterblichkeit bis 1867 ebenfalls keinen trendmäßigen Rückgang auf. In der anderen Teilklasse, den 5-14jährigen, gab es allerdings nach 1851 einen starken Rückgang.

–          Während sich in der Altersklasse 15-60 Jahre zunächst ein Sterblichkeitsanstieg bis 1837 einstellte, kann anschließend ein Rückgang bis 1867 konstatiert werden.

 

–          Am meisten profitierte offenbar die Altersklasse über 60 Jahre, deren Sterblichkeit – wenn auch unter großen Schwankungen – tendenziell rückläufig war und während der 1860er Jahre sogar den bis dahin niedrigsten Wert von 1820 klar unterschritt.

 

Fasst man diese Detailinformationen zusammen, dann bleiben als Al­tersklassen, die zumindest nach 1837 eine Verbesserung der Sterb­lichkeitsverhältnisse realisierten und insofern den Trend der preußischen Durchschnittssterblichkeit trugen, Kinder und Jugendliche zwischen die 5- 15 Jahre, die 15-40jährigen und die Alten über 60 Jahre. Kinder unter 5 Jahre und Säuglinge erlebten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts keinen trendmäßigen Sterblichkeitsrückgang. Die bei einigen Altersgruppen sichtbaren Anzeichen für eine Verbesserung der Überlebensbedingungen nach 1857 dürfen nicht zu hoch bewertet werden, weil die Beobachtungsperiode sehr kurz ist und während der 1870er Jahre meist noch einmal eine Verschlechterung folgte.

 

Auch die Berechnung altersspezifischer Sterblichkeitsziffern für das Königreich Sachsen zeitigt keine wesentlich anderen Ergebnisse (vgl. Schaubild 6 und Tabelle 6 im Anhang). Leider liegen die Grunddaten erst ab 1834 vor, doch wird auf diese Weise immerhin ein Vergleich mit den preußischen Werten nach Überschreiten des Sterblichkeits-Ma­ximums möglich.

 

–          Zunächst die bereits oben erwähnte Globalinformation zur Erinnerung: Im Durchschnitt aller Altersklassen sank die Sterblichkeit trendmäßig bis zum Ende der 1860er Jahre.

 

–          Davon wich die Säuglingssterblichkeit stark ab, indem sie 1849 ihren niedrigsten Wert erreichte und in der Folgezeit tendenziell wieder anstieg.

 

 

–          Stark schwankend, aber keinesfalls trendmäßig sinkend stellt sich die Sterblichkeit der Kinder und Jugendlichen von 1-14 Jahre dar. Hier könnte allerdings differenziert werden, indem man die 1-6jährigen von den 7-14jährigen unterscheidet: Beide Altersklassen haben zwar um 1849 ein Sterblichkeitsmaximum, aber bei den

1-6jährigen liegt die Sterblichkeit während der frühen 1860er Jahre über dem Niveau der 1830er Jahre, bei den 7-14jährigen dagegen darunter. Bei Letzteren kann also von einer längerfristigen tendenziellen Sterblichkeitssenkung gesprochen werden.

 

–          Auffällig ist, dass bei den Erwachsenen im Erwerbsalter zwischen 15 und 60 Jahren die Sterblichkeit während des Untersuchungszeitraums nahezu stabil war. Sie sank demnach nicht. Das gilt im Prinzip für alle Untergruppen dieser Altersklasse. Die
Stabilität war jedoch in den höheren Altersklassen ab 40 Jahre größer als bei den Jüngeren.

 

–          Einen deutlichen Sterblichkeitsrückgang erlebten dagegen die Altersklassen über 60 Jahre, nachdem 1843 das Maximum überschritten war.

 

Der trendmäßige Rückgang der durchschnittlichen Sterblichkeit seit den späten 1830er Jahren wurde also in Preußen wie in Sachsen von bestimmten Altersgruppen getragen. Mit Sicherheit nicht beteiligt waren die Säuglinge und die Kinder bis zum 5. Lebensjahr, deren Sterblichkeit trendmäßig eher anstieg. Dagegen erscheinen in Sachsen die Kinder über 5 Jahre und in beiden Staaten die Jugendlichen und Erwachsenen von 15 bis ca. 40 Jahre sowie die alten Menschen über 60 Jahre als diejenigen Altersklassen, die zur Sterblichkeitssenkung beitrugen.

 

Eine regionale Differenzierung erscheint wünschenswert. Die Ermitt­lung altersspezifischer Sterblichkeitsziffern für ausgewählte preußische Provinzen stellt eine Annäherung dar. Leider können die Berechnungen erst mit dem Jahr 1843 beginnen und auch nur relativ grobe Altersklassen berücksichtigen. Die Ergebnisse sind in den Tabellen 7-10 im Anhang dargestellt.[46] Im Folgenden werden die Kenn­ziffern für die preußischen Provinzen miteinander verglichen. Dabei bleiben die großen Niveauunterschiede außer acht, die wie folgt cha­rakterisiert werden können: In allen betrachteten Altersklassen lag die Sterblichkeit in den Provinzen Ostpreußen, Westpreußen, Posen und Schlesien sowie in der Stadt Berlin typischerweise über dem preußischen Durchschnitt, am höchsten in Posen, während die in Bran­denburg (ohne Berlin) leicht, die in der Rheinprovinz und in Westfa­len deutlich unterdurchschnittlich ausfielen. Demnach waren die Sterblichkeitsverhältnisse insgesamt in den erstgenannten Regionen erheblich ungünstiger als in den letztgenannten. Ebenso wird nicht auf die Niveauunterschiede zwischen Frauen und Männern eingegangen, die darin bestehen, dass Frauen in allen ausgewiesenen Altersklassen und im Prinzip zu allen Zeitpunkten eine teilweise erheblich niedri­gere Sterblichkeit als die Männer aufwiesen.[47]

 

Hier kommt es einzig auf die trendmäßige Entwicklung der altersspe­zifischen Sterblichkeit an. Das folgende Schema vermittelt einen Überblick über die fraglichen Tendenzen in den verschiedenen Regio­nen.

 

 

Entwicklungstendenz[48] der altersspezifischen Sterblichkeit[49]

   in ausgewählten preußischen Provinzen von 1843 bzw. 1849 bis 1867

 

Altersklasse (in Jahren)

 

Provinz

 

Sex 0<1 1<14 15-60 >60
Posen

 

w

m

– (1855)

– (1849)

– (1852)

– (1852)

– (1852)

– (1858)

– (1855)

– (1855)

Westpreußen

 

w

m

– (1858)

– (1858)

– (1852)

– (1852)

– (1852)

– (1852)

– (1855)

– (1855)

Ostpreußen

 

w

m

– (1852)

– (1852)

– (1852)

– (1852)

– (1855)

– (1855)

– (1855)

– (1855)

Schlesien

 

w

m

+

+

+

+

– (1855)

– (1855)

– (1855)

– (1855)

Stadt Berlin

 

w

m

+

+

+

+

– (1849)

– (1849)

– (1849)

– (1849)

Brandenburg

 

w

m

+

+

+

+

– (1852)

– (1855)

– (1855)

– (1855)

Westfalen

 

w

m

– (1858)

-(1858)

+

+

0

+

– (1855)

– (1855)

Rheinprovinz

 

w

m

– (1858)

– (1858)

+

+

0

+

– (1858)

– (1855)

 

Das Ergebnis dieser Übersicht ist durchaus überraschend. Mit Blick auf die verschiedenen Altersklassen erscheinen vor allem folgende Tendenzen bemerkenswert:

 

  1. Soweit überhaupt eine Senkungstendenz ausmachbar ist, setzte sie sich in der Regel relativ spät durch, nämlich erst im Verlauf der 1850er Jahre. Prinzipiell gilt das für die Altersklasse über 60 Jahre, die in allen Provinzen nach 1855 eine Sterblichkeitssenkung erlebte (Ausnahme: Berlin, dort bereits seit 1849). Etwas früher begann die Senkungstendenz in der Altersklasse 15-60 Jahre, oft nach 1852, in Berlin wiederum bereits 1849. Eine beachtliche Ausnahme machen hier die Westprovinzen.

 

  1. Die westlichen Provinzen weisen ein gänzlich anderes Entwicklungsmuster der altersspezifischen Sterblichkeitsziffern als die mittleren und östlichen Provinzen auf. Kinder und Erwachsene bis zum 60. Lebensjahr erfuhren hier nach 1849 keinen trendmäßigen Sterblichkeitsrückgang.

 

  1. Ein drittes wichtiges Ergebnis scheint zu sein, dass in den östlichen Provinzen (mit Ausnahme Schlesiens) während der 1850er Jahre sogar eine Senkung der Säuglingssterblichkeit stattfand.

 

Betrachtete man diese Resultate für sich, wären sie verwirrend: Es wäre ganz unerklärlich, wie die durchschnittlichen Senkungen der Sterblichkeit, besonders in den oben erwähnten Altersklassen, seit Ende der 1830er Jahre zustande gekommen sein sollten. Aber die re­gionalen Besonderheiten verweisen auf die Lösung des Rätsels: Die westlichen Provinzen Preußens hatten ja, wie oben gezeigt, seit den frühen 1830er Jahren einen deutlich ausgeprägten Rückgang der durch­schnittlichen Sterblichkeit erlebt. Daran waren offenbar vor allem ältere Kinder und Jugendliche bzw. junge Erwachsene beteiligt. Die sinkende Trendrichtung tritt aber nur in Erscheinung, wenn die 1830er Jahre in die Untersuchung einbezogen werden; in dieser Periode hatten die westlichen und mittleren preußischen Provinzen ihre Sterblichkeitsmaxima. Blendet man diese Periode aus und setzt erst Ende der 1840er Jahre ein, auf einem gegenüber den frühen 1850er Jahren relativ niedrigen Niveau, so finden in der Folgezeit bis Ende der 1860er Jahre keine langfristigen Sterblichkeitsrückgänge mehr statt. Anders in den Ostprovinzen: Hier liegen die Maxima der Durchschnittssterblichkeit erst Anfang der 1850er Jahre. Deshalb ergeben sich auch erst in der Folgezeit sinkende Sterblichkeitstrends.

 

Will man nach diesen Interpretationen nochmals zur Ausgangsfrage zu­rückkehren, welche Altersklassen zum durchschnittlichen Sterblich­keitsrückgang während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beitru­gen, ist man in einer schwierigen Lage. Die Datenlücken gestatten es nicht, die Entwicklung der altersspezifischen Sterblichkeit für größere Aggregate (preußische Provinzen) während des Zeitraums vor 1849 anhand statistischer Kennziffern zu untersuchen. Man kann nur aus den Besonderheiten des obigen Schemas einerseits, den bekannten Trendverläufen der Durchschnittssterblichkeit in den preußischen Provinzen andererseits einige indirekte Schlüsse ableiten. Zumindest für Berlin, Brandenburg, die Rheinprovinz und Westfalen darf wohl gefolgert werden, dass in den Altersklassen 1-14 und 15-60 Jahre die Sterblichkeitsmaxima jeweils bereits während der frühen 1830er Jahre überschritten wurden. Gemessen daran realisierten diese Altersklas­sen in den genannten Regionen tatsächlich schon vor 1850 tenden­zielle Sterblichkeitssenkungen. Im Fall von Schlesien sprechen dage­gen alle Informationen dafür, dass während des Untersuchungszeitraums keine trendmäßige Sterblichkeitssenkung in den jüngeren Altersgrup­pen stattfand. Die Ostprovinzen wiederum erscheinen als Nachzügler, bei denen die oben konstatierten Tendenzen der Sterblichkeitssenkung nach 1852 oder 1855 zudem problematisch sind, weil der verbleibende Betrachtungszeitraum zu kurz ist.

 

Die von Lee und Wehler vertretene These bezüglich der Entwicklung der altersspezifischen Sterblichkeit muss vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse vorsichtiger beurteilt werden: Soweit sie kleine Kinder (bis zum 5. bzw. 7. Lebensjahr) betrifft, gilt sie sicher nicht im Durchschnitt solcher Staaten wie Preußen und Sachsen. Dass aber Kin­der und Jugendliche oberhalb dieser Altersgrenze möglicherweise be­reits während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts trendmäßige Rückgänge ihrer Sterblichkeit, vor allem in den nord-westlichen und mittleren preußischen Provinzen, erfahren haben, ist mit den hier dargestellten Berechnungen und Überlegungen verträglich. Anderer­seits nehmen Lee und Wehler nicht an, dass die Sterblichkeit in den Altersklassen zwischen 15 und 30 bzw. 15 und 40 Jahre gesunken sein könnte. Das wiederum erscheint nun doch ziemlich wahrscheinlich, und zwar auch in den Ostprovinzen. Als sicher kann gelten, dass die Sterblichkeit der Übersechzigjährigen generell abgenommen hat.

 

Die regionalen Muster dieser Entwicklungen lassen sich wegen der Da­tenmängel nicht klar genug herausarbeiten. Allerdings gibt es inzwi­schen einschlägiges Material aus Familien-Rekonstitutions-Studien, das zur Überprüfung der genannten These und zur Präzisierung der re­gionalen Variationen herangezogen werden kann. Einschlägige Mo­dellrechnungen auf breiterer Materialbasis präsentiert z. B. Knodel, dessen neueste Studie wohl den Stand der historisch-demographischen Forschung in Bezug auf Deutschland markieren dürfte. Er benutzt Da­ten für 14 Dörfer aus verschiedenen deutschen Regionen, die anhand eines Modells standardisiert werden, um die Entwicklung der Wahr­scheinlichkeit von Neugeborenen in Ost-, Nord-, West- und Süd­deutschland zu schätzen, vor dem 10. Lebensjahr zu sterben. Es zeigt sich, dass diese Wahrscheinlichkeit in allen Regionen während der er­sten Hälfte des 19. Jahrhunderts – im Vergleich zum 18. Jahrhundert – deutlich abgenommen hat, in einigen Fällen schwächer (Baden, Bay­ern), in anderen stärker (Friesland, Waldeck).[50] In einer anderen Auswertung dieser Daten kommt Knodel zu dem Schluss, dass die Überlebenschancen der Altersklassen 1 < 5 Jahre und 5 < 15 Jahre seit der Mitte des 18. Jahrhunderts im Durchschnitt seines Dörfer-Samples langfristig gewachsen sind.[51] Weitere Beispiele finden sich bei Imhof. Danach nahm die Lebenserwartung sowohl der 1jährigen, als auch die der 15- und der 50jährigen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gegenüber 1780/1809 zu.[52] Diese Daten gelten für die Region Schwalm in Nordhessen.

 

Insgesamt deutet sich an, dass auf lokaler Ebene Daten gefunden werden können, die die fragliche These bestätigen. Andererseits scheint es, dass die widersprechenden Fälle (die man vermutlich in Bayern, Württemberg und in Teilen der ostelbischen Provinzen Preußens finden dürfte) nicht gleich gut aufgearbeitet sind. Die Reichweite von Folgerungen aus dem lokalen Material ist prinzipiell fraglich. Darüber hinaus bietet die Fülle der verfügbaren, im Detail jeweils variierenden Ergebnisse wenig Chancen, übergreifende Erklärungsmuster zu finden. Plausible Ansätze dazu gibt es bisher im Grunde nur für die regionalen Variationen der Säuglingssterblichkeit – und auch die sind nicht sehr elaboriert, so dass der Phantasie beim Erfinden neuer Hypothesen offenbar kein Zwang angelegt zu werden braucht.[53]

 

Die Veränderungen der Sterblichkeit im Kinder-, Jugendlichen- und Erwachsenenalter während der ersten zwei Drittel des 19. Jahrhunderts sind bisher nicht einmal versuchsweise erklärt worden. Anknüpfungspunkte könnte der Wandel des Todesursachen-Spektrums bie­ten, da die unterschiedliche Prävalenz von Krankheiten und Todesur­sachen auch auf die unterschiedliche Betroffenheit der Altersklassen verweist. Mehr dazu im folgenden Abschnitt, der allerdings über An­deutungen noch nicht hinauskommt. Die regionale Differenzierung wird hier außer acht gelassen.

 

 

2.3.3    Veränderungen des Todesursachen-Spektrums

 

Das Konzept des Epidemiologischen Übergangs stellt primär auf Verän­derungen des Todesursachen-Spektrums ab, von denen bisher nur am Rande die Rede war. Lassen sich die Veränderungen im deutschen Fall genauer datieren? Das zu prüfen ist sehr schwer, weil die Interpre­tation der Krankheitsbezeichnungen aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert – soweit überhaupt statistische Informationen der Art vorliegen – fast unüberwindliche Schwierigkeiten aufwirft. Dennoch scheinen beim derzeitigen Forschungsstand folgende Thesen haltbar zu sein:

 

  1. Die „großen Seuchen“ früherer Jahrhunderte waren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verschwunden. Auch die neuen „großen Killer“ wie die Cholera erlangten meist nur regional oder lokal begrenzte Bedeutung.

 

Im preußischen Durchschnitt betrug z. B. 1831 die Cholera-Sterblich­keit 2,5 Promille. Die Gesamtsterblichkeit dieses Jahres stellte sich auf 35,6 Promille. Die Cholera machte demnach ganze 7% der Sterblichkeitsrate aus, die nach Abzug der Cholera-Toten mit 33,1 Promille immer noch – wahrscheinlich infolge einer Grippeepidemie – deutlich über den vorangegangenen und nachfolgenden Mittelwerten lag (Sterblichkeits-Mittel 1828-30 = 30,1 Promille, 1832-34 = 31,6 Pro­mille).[54] Allerdings waren einzelne Regionen sehr stark betroffen, bes. die Regierungsbezirke Bromberg, Marienwerder, Königsberg und die Stadt Berlin, wo die Cholera deutlich die Durchschnittssterb­lichkeit beeinflusste. Das gilt auch für die folgenden, jedoch rela­tiv weit auseinander liegenden Epidemiejahre. Dennoch ist sicher, dass die Cholera nie die Breitenwirkung älterer Seuchen erlangen konnte. Die Bedeutung dieser und anderer akuter Infektionskrankhei­ten ist im 19. Jahrhundert auch nicht annähernd mit der der Tuberku­lose zu vergleichen, die regelmäßig mindestens 10% der Gesamtsterb­lichkeit verursachte, in den Altersklassen über 30 Jahre meist sogar bis zu 50%.

 

  1. Andererseits hatten sich die Human-Crowd Diseases zu Kinderkrankheiten gewandelt. (Vgl. zur Illustration einige Zahlen aus der bayerischen Statistik, Tabelle 11 im Anhang).

 

  1. Darüber hinaus war durchschnittlich die Sterblichkeit an Pocken und in vielen Regionen auch die an Typhus, Ruhr, Tuberkulose und Keuchhusten trendmäßig rückläufig geworden.

 

  1. Andererseits hatten sich meist saisonal konzentrierte Magen-Darm-Infektionen („Sommergipfel“) zur Haupttodesursache bei Säuglingen und Kleinkindern entwickelt.[55]

 

Diese Wandlungen des Todesursachen-Spektrums unterstützen die bisher dargestellten Thesen zu den Grundlagen der durchschnittlichen und altersspezifischen Sterblichkeitsentwicklung. Mit allen Vorbehalten (wegen bisher ausstehender einschlägiger Untersuchungen) kann gefol­gert werden, dass das Ausbleiben der „großen Seuchen“ und die zumin­dest partielle Rückläufigkeit der unter 3. genannten Krankheiten als Todesursachen für eine Senkung der durchschnittlichen Sterblichkeit spricht. Die Bedeutung akuter Infektionskrankheiten für das Säug­lings- und Kleinkindalter und das Fehlen von wirksamen Abwehr- und Therapiemitteln macht es wiederum wahrscheinlich, dass Sterblich­keitssenkungen in diesen Altersklassen nur über deutliche Verbesse­rungen der Pflege und besonders der Ernährung der Kinder durchsetz­bar gewesen wären. Das Vordringen der Magen-Darm-Infekte jedoch spricht dagegen, dass derartige Verbesserungen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in nennenswertem Maße Platz gegriffen haben. Insgesamt nahm angesichts des Bedeutungsverlusts derjenigen Krankheiten und Todesursachen, die gegenüber sozialen Unterschieden relativ indiffe­rent sind und als sozusagen „blindes Schicksal“ größere Populationen überfallen (Seuchen und akute Infektionskrankheiten), der Einfluss der sozio-ökonomischen Lebensbedingungen (Arbeits-, Einkommens-, Er­nährungs- und Wohnverhältnisse) auf die „Volksgesundheit“ während dieser Periode zu. Es etablierte sich eine zunehmend stärker ausge­prägte soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod.[56] Diese spiegelt sich auch primär in den regionalen Sterblichkeitsdifferenzen.

 

2.4       Fazit: Die Entwicklung der „Volksgesundheit“ im Spiegel der empirischen Ergebnisse

 

Die Trends und globalen Messergebnisse machen deutlich, dass sich die „Volksgesundheit“ während des späten 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts tendenziell gebessert hat. Im Verlauf der 1830er Jahre löste die Phase 2 des Epidemiologischen Übergangs in großen Teilen Deutschlands das Zeitalter der Seuchen und Hungersnöte end­gültig ab. Die Aussage muss allerdings differenziert werden: Es pro­fitierten offenbar vor allem die Erwachsenen von den die Sterblich­keit senkenden Entwicklungen, Jugendliche und Kinder ab dem 5. bzw. 7. Lebensjahr seltener, Kleinkinder und Säuglinge in der Regel gar nicht. Zudem waren die gewerbeintensiven Regionen begünstigt, die landwirtschaftlich geprägten dagegen überwiegend benachteiligt. Dar­aus folgt, gemessen an der Höhe der Durchschnittssterblichkeit (oder auch der Säuglingssterblichkeit), ein Gefälle von Süd-Osten nach Nord-Westen. Den durchschnittlichen Gesundheitsverbesserungen bei den mittleren und oberen Gesellschaftsschichten stand jedoch eine Stagnation und periodische Verschlechterung derselben in den Unter­schichten gegenüber. Die Hypothese des Pauperismus als zunehmender Massenverarmung eben der absolut und relativ wachsenden Unterschichten ist verträglich mit Verbesserungen der „Volksgesundheit“, abge­leitet aus trendmäßig sinkenden Sterblichkeitsziffern. Allerdings müssten die Bedingungen, unter denen das möglich ist, wohl konkreti­siert werden. Das soll im Folgenden geschehen.

 

 

 

  1. Tendenzen des Wandels der Lebensbedingungen und deren Auswirkungen

            auf die „Volksgesundheit“

 

Die folgenden Ausführungen stellen eine Sichtung von vorliegenden demographischen Studien dar, die unter der hier entwickelten Frage­stellung neu interpretiert werden. Sie haben den Stellenwert der Be­gründung von Desiderata weiterer Forschung.

 

3.1       Modellierung des Zusammenhangs von „Volksgesundheit“ und Lebensbedingungen

 

Die sozialgeschichtliche Literatur ist in Bezug auf die Klärung der oben bezeichneten Zusammenhänge wenig hilfreich. Ihr Anliegen war es vielmehr bisher vor allem, darzustellen, warum und wie sich während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Signum des Paupe­rismus die Überlebenschancen immer größerer Bevölkerungsgruppen ver­schlechterten und deren Sterblichkeit in die Höhe trieben.[57] Was da­gegen fehlt sind Hinweise auf sozio-ökonomische Verhältnisse, die unter den Bedingungen der Pauperismus-Epoche ein – wie auch immer elendes – Überleben und eine Senkung der Sterblichkeit erlaubten. Solche Verhältnisse lassen sich durchaus angeben.

 

Die gesuchte Verbindung von „Volksgesundheit“ und sozio-ökonomischen Lebensbedingungen könnten am ehesten sogenannte demo-ökonomische „Modelle“ herstellen, die Veränderungen der Bevölkerungsentwicklung auf den sozialen Wandel beziehen. Bestimmte Konstellationen der wichtigsten demographischen Kennziffern in Frühphasen und während des Demographischen Übergangs (Geburten- und Sterbeziffer, natürli­ches Bevölkerungswachstum, Heiratshäufigkeit und -alter) werden ver­knüpft mit den sie jeweils bedingenden sozio-ökonomischen Faktoren. Faktisch handelt es sich um idealtypische Konstrukte. Im Folgenden sollen zwei bedeutsame Übergangs-„Modelle“ herausgegriffen werden, die sich als das agrarische und das protoindustrielle bezeichnen lassen. Sie münden i. d. R. früher oder später in das industriell-urbane „Modell“.[58] Daneben gibt es natürlich weitere und vor allem Mischformen. Hier sind zunächst reine Formen anhand von Kennziffern formal zu beschreiben. Sie werden im Rahmen dieses Aufsatzes interpretiert als Überlebens-„Modelle“, da sie gute Überlebens­chancen für größere Bevölkerungsgruppen indizieren. Vom Idealtyp des vormodernen agrarischen „Modells“, das eine durch Brauchtum und soziale Kontrolle gesteuerte Abstimmung zwischen Nahrungsspielraum und Bevölkerungswachstum impliziert, wurde in beiden Übergangs-„Modellen“ abgewichen. Allerdings begünstigten die Konstellationen der Übergangs-„Modelle“ – ein Aspekt, der bisher in der Literatur eher vernachlässigt wurde – die verschiedenen Altersklassen in un­terschiedlicher Weise. Somit sind sie geeignet, nicht nur sinkende Trends der Durchschnittssterblichkeit zu erklären, sondern vor allem Variationen der Trendrichtung in verschiedenen Altersklassen, und das im Hinblick auf systematisch mit den demographischen Variablen interagierende sozio-ökonomische Faktoren.

 

Das agrarische Übergangs-„Modell“ ist charakterisiert durch stei­gende eheliche und traditionell niedrige uneheliche Fruchtbarkeit, leicht zunehmende Heiratsquote und unverändert hohes Heiratsalter bei Erstehe sowie durch sinkende Säuglings- und Kindersterblichkeit bei niedriger Jugendlichen- und Erwachsenensterblichkeit. Dagegen wird das protoindustrielle Übergangs-„Modell“ gekennzeichnet durch hohe eheliche und mäßig hohe uneheliche Fruchtbarkeit, hohe Heirats­quote, verbunden mit relativ niedrigem Heiratsalter bei Erstehe, durch tendenziell sogar steigende Säuglings- und Kindersterblichkeit bei sinkender Sterblichkeit der Jugendlichen und Erwachsenen. Diese Konstellationen hält das folgende Schema fest:

 

                                   Zwei demo-ökonomische Übergangs-„Modelle“

 

Variablen agrarisches Modell

 

protoindustrielles Modell
eheliche Fruchtbarkeit

 

++ ++
uneheliche Fruchtbarkeit

 

+
Heiratsquote

 

+ ++
Heiratsalter bei Erstehe

 

+
Sterblichkeit der

 

        Säuglinge

 

++
       Kinder

 

+
       Jugendlichen

 

       Erwachsenen

 

Legende: ++ = sehr groß/hoch; + = relativ groß/hoch; – = sinkend/niedrig

 

 

Die Variablen-Konstellationen hängen systematisch mit sozio-ökomi­schen Faktoren zusammen wie Erb- und Heiratsgewohnheiten („Prinzip der Stelle und der Nahrung“), Umfang des Heimgewerbes (Verlagswesen, Protoindustrie), Bevölkerungs- und Gewerbedichte, langfristige Konjunktur der Haupterwerbszweige, Intensität der Müttererwerbstätigkeit bzw. Arbeitsbelastung der Frauen und Mütter, typische Ernährungsweise der Säuglinge und Kleinkinder, Hygiene- und Wohnverhältnisse etc.[59] Je nachdem, welches „Modell“ nun in einer Region vorherrschte, ergaben sich daraus spezifische Muster der Bevölkerungsentwicklung und – abzulesen an den unterschiedlichen Trendrichtungen der altersspezifischen Sterblichkeit – auch der „Volksgesundheit“. In beiden „Modellen“ ist rasches Bevölkerungswachstum möglich: Im zweiten „Modell“ wird dies vor allem durch eine Zunahme der Heiratsquote, relativ niedriges Heiratsalter, steigende Geburtenziffer und sinkende Sterblichkeit der Jugendlichen und Erwachsenen bewirkt. Im ersten „Modell“ hängt die Bevölkerungszunahme dagegen eher von dem Umfang ab, in dem die Säuglings- und Kindersterb­lichkeit sinkt. Imhof hat, ohne sich ausdrücklich auf diese „Modelle“ zu beziehen, im Hinblick auf die demographischen Konse­quenzen eine analoge Gegenüberstellung vorgenommen, für die er die Begriffe System der Erhaltung und System der Verschwendung von Menschenleben prägte.[60] Die beiden „Modelle“ oder auch Systeme sol­len im Folgenden anhand beispielhafter empirischer Daten illustriert werden.

 

 

3.2       Empirische Belege

 

3.2.1    Das agrarische Übergangs-„Modell“: Leezen[61]

 

Während des späten 18. Jahrhunderts setzte im Kirchspiel Leezen in Holstein eine „Bevölkerungsexplosion“ ein. Sie wurde vornehmlich ge­tragen durch eine periodische Zunahme der Heiratsquote, einen leich­ten Anstieg der ehelichen Fruchtbarkeit und einen deutlichen Rück­gang der Säuglings- und Kindersterblichkeit sowie einen schwächeren der Erwachsenensterblichkeit. Das Bevölkerungswachstum beschleunigte sich vom Ende der 1820er bis in die 1840er Jahre hinein noch einmal, da die Zahl der Geburten weiter anstieg, während die Sterblichkeit trendmäßig sank. Erst seit dem Ende der 1840er Jahre schloss sich die Bevölkerungsschere, als der Geburtenrückgang einsetzte. Das Be­völkerungswachstum stabilisierte sich auf niedrigerem Niveau.

 

Hervorzuheben ist: Leezen realisierte während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen sinkenden Trend der Durchschnittssterblich­keit. Diese ging von 28,1 (pro 1000 Lebende) in den Jahren 1767/71 über 21,6 (1803), 21,2 (im Mittel der Stichjahre 1835, 1840 und 1845) auf 18,4 im Jahre 1855 zurück.[62] Gegenüber dem späten 18. Jahrhundert sanken aber in Leezen nicht nur die Erwachsenen-, son­dern vor allem auch die Säuglings- und die Kindersterblichkeit ten­denziell. Dadurch nahm die Lebenserwartung dieser Altersklassen spürbar zu, was die folgende Übersicht verdeutlicht. Im übrigen sei darauf hingewiesen, dass hinsichtlich dieser Entwicklung keine sozia­len Differenzen (zwischen „Groß“- und Kleinbauern sowie Landarbei­tern) feststellbar sind.[63]

 

 

 

Sterbewahrscheinlichkeit von Kindern bis zum 15. Lebensjahr

                        in Leezen zwischen 1720 und 1869[64]

 

von 1.000 Lebendgeborenen starben bis zum Alter von

 

2 J. 5 J. 10 J. 15 J.

 

1720/1769

 

180 252 310 338
1770/1819

 

225 289 323 348
1820/1868

 

147 194 223 234

 

Auch die höheren Altersklassen realisierten während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Zugewinne ihrer Lebenserwartung, die jedoch weit weniger spektakulär ausfielen als die im Kinder- und Jugendlichenalter. Diese Entwicklung fand – wie Gehrmann hervorhebt – Entsprechungen in anderen norddeutschen Regionen, so in der Schwalm (Nordhessen) sowie in Holstein (Neuenbrook, Marne und Hohenfelde).[65] Sie unterscheidet sich dagegen stark von den Entwicklungen in proto-industriell geprägten Regionen – wie unten noch gezeigt wird – und von den in der Literatur häufig behandelten Regionen in Bayern, Württemberg sowie in den preußischen Ostprovinzen, wo Säuglings- und Kindersterblichkeit hoch waren und tendenziell während des frühen 19. Jahrhunderts sogar anstiegen.[66] Diese Situation verweist auf spezifische sozio-ökonomisch bestimmte Lebensbedingungen in Norddeutschland, die sich von denen in anderen Teilen Deutschlands unterschieden, hier aber –  und das ist in der Historischen Demographie ja bisher die Ausnahme – anhand des Fallbeispiels Leezen konkretisiert werden können.

 

In aller gebotenen Kürze die wichtigsten sozio-ökonomischen Fakto­ren, die die skizzierten demographischen Tendenzen bewirkten:[67] Die Einführung der holsteinschen Koppelwirtschaft im späten 18. Jahrhun­dert entlastete die Frauen von schwerer Feldarbeit; sie konnten nun länger stillen. Davon profitierten besonders die Säuglinge und Kleinkinder. Positiv wirkte auch der Übergang zur Milchwirtschaft, besonders zur Butterherstellung, seit den 1820er Jahren. Dadurch etablierten sich neue Sauberkeitsstandards, die die sogenannte künstliche Ernährung der Kleinkinder hygienischer machten und Infek­tionsrisiken minderten. Nach einer vorübergehenden Agrarkrise 1818-27 schuf eine gute landwirtschaftliche Absatzlage von 1828 bis Mitte der 1860er Jahre Beschäftigungschancen und ausreichende Einkommen für alle Bevölkerungsschichten. Insbesondere scheint sich schon im späten 18. Jahrhundert die Ernährungssituation der dem Säuglingsal­ter Entwachsenen deutlich gebessert zu haben. Die Resistenz gegen­über Infektionskrankheiten wuchs offenbar, was durch die Abnahme und das schließliche Ausbleiben der auf Mangel- und Fehlernährung beru­henden Frühjahrskrisen seit den späten 1760er Jahren indiziert wird.[68] In Leezen etablierte sich ein System der Erhaltung von Men­schenleben.

 

Die Intensivierung der Landwirtschaft bei gleichzeitiger allmähli­cher Besserung der Ertragslage konservierte andererseits bis Mitte des 19. Jahrhunderts den Kontrollmechanismus des Bevölkerungswachs­tums, der für das Ancien Regime typisch war: Das Heiratsalter blieb relativ hoch, ebenso die Wiederverheiratungsquote bei nur geringfügig steigender Heiratsquote; systematische Geburtenbeschränkung fand nicht statt. D. h., die ökonomischen Veränderungen und die dadurch ermöglichte günstige Versorgungslage bewirkten in Leezen gerade keine grundsätzliche Veränderung des demographischen Verhaltens, ob­wohl das anhaltende Bevölkerungswachstum im Prinzip nicht unproble­matisch war. Die wirtschaftliche Situation trug vielmehr die Bevöl­kerungsexpansion unter Beibehaltung der traditionellen Normen, bis sich die dörfliche Gemeinschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, nicht zuletzt aufgrund exogener Faktoren (Abwanderungssog in die Städte etc.), allmählich aufzulösen begann.[69]

 

 

3.2.2    Das protoindustrielle Übergangs-„Modell“: Spenge[70]

 

In dem durch verlegtes Heimgewerbe (Leinenspinnerei und -weberei) geprägten Kirchspiel Spenge bei Bielefeld begann während des späten 18. Jahrhunderts ein starker Geburtenanstieg, der sich bis in die 1830er Jahre (von einzelnen Krisenjahren abgesehen) fortsetzte. Die Zahl der Sterbefälle wuchs trendmäßig nicht im selben Umfang, so dass sich ein langfristiges Bevölkerungswachstum einstellte.

 

Charakteristisch war ein großer „Bevölkerungsdurchsatz“ – Mager spricht in diesem Zusammenhang von dem „heißen demographischen Klima Spenges“.[71] Das bedeutete: Relativ hohe Heiratsquote und niedriges Heiratsalter, besonders der Frauen; in Jahren guter Konjunktur stei­gende Raten unehelicher Geburten; insgesamt hohe (wenn auch infolge fehlender Bevölkerungsdaten nicht exakt zu bestimmende) Geburtenzif­fer, zumal Geburtenkontrolle nicht nachweisbar ist. In Spenge eta­blierte sich ein typisches Regime der Verschwendung von Menschenle­ben. Das kommt besonders in der relativ hohen Säuglings- und Kinder­sterblichkeit zum Ausdruck: Nur rd. die Hälfte der Geborenen er­reichte das 15. Lebensjahr.[72]

 

 

 

Säuglings- und Kindersterblichkeit in Spenge 1769/78-1859/68

                        (pro 100 Lebendgeburten)[73]

 

Periode Säuglingssterblichkeit Kindersterblichkeit

 

1769/1778

 

15,3 36,7
1779/1788

 

22,2 54,9
1789/1798

 

18,8 37,9
1799/1808

 

16,1 39,7
1809/1818

 

20,0 36,9
1819/1828

 

18,1 34,6
1829/1838

 

22,5 41,7
1839/1848

 

17,8 43,3
1849/1858

 

17,8 37,6
1859/1868

 

19,1 36,4

 

Die Situation verschlechterte sich noch während der 1830er/40er Jahre, der Endphase der Protoindustrialisierung. Zwar nahm die Säug­lingssterblichkeit während der 1840er Jahre etwas ab, doch stieg da­für die Kindersterblichkeit weiter an. Betroffen davon waren vor al­lem die Kinder der landlosen und fast ausschließlich von der Heimar­beit lebenden Heuerlinge, deren Sterblichkeit deutlich über der der Bauernkinder lag. Auffällig ist jedoch, dass die Lebenserwartung der Altersklassen ab 10 Jahre relativ gut war. Sie war während der er­sten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei 10- und 15jährigen – trotz der schlechten Vergleichbarkeit der Periodenabgrenzungen – größer als z. B. in Leezen und hatte sich gegenüber den Verhältnissen im späten 18. Jahrhundert gesteigert.[74] Die Gesundheits- und Überlebensbedin­gungen der Säuglinge und Kleinkinder waren demnach im späten 18. Jahrhundert sehr ungünstig und verschlechterten sich im frühen 19. Jahrhundert sogar weiter. Dagegen profitierten die älteren Kinder, die Jugendlichen und Erwachsenen im längerfristigen Durchschnitt ge­sundheitlich von den Versorgungsbedingungen des protoindustriellen „Modells“.

 

Was waren die wichtigsten ökonomischen Hintergrundsfaktoren? Schlechte Wohnverhältnisse, mangelnde Hygiene, unzulängliche Ernäh­rung, vor allem zu früh einsetzende, permanente Mitarbeit im heimge­werblichen Arbeitsprozess machten bes. die Kinder zu den „Hauptleid­tragenden“ der Ausbreitung der Protoindustrie. Die Säuglinge waren durch die hohe Arbeitsbelastung der Mütter benachteiligt, die das Stillen erschwerte oder sogar unmöglich machte. Von den wirtschaft­lichen Bedingungen profitierten andererseits die Jugendlichen und Erwachsenen. Ihr zeitweise sogar gutes Einkommen erlaubte eine reichliche, ja selbst in Krisenphasen eine zumindest ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln über den Markt. Nachhaltige Bevölke­rungskrisen gab es nur noch 1779 und 1781. Die gelegentlichen Ster­beüberschüsse im 19. Jahrhundert hinterließen keine nennenswerten Spuren. Die Bevölkerung Spenges hatte sich durch die protoindustri­elle Heimarbeit dem Gefahrenbereich der traditionellen Krisenmorta­lität weitgehend entzogen.

 

Die im ökonomischen Bereich ausgelösten Prozesse und Weichenstellun­gen bestimmten stark das demographische Verhalten: Solange die gute Konjunktur für Leinen anhielt, erhöhte sich die Heiratsquote, sank das Heiratsalter und stieg die Illegitimitätsquote. Das ließ die Ge­burtenziffer trendmäßig ansteigen. Als andererseits im Laufe der 1830er Jahre das Leinengewerbe in seine strukturelle Dauerkrise ab­sackte und Spenge zum typischen Pauperismusgebiet wurde, stieg das Heiratsalter wieder, ging die Heiratsquote zurück und nahm die Ille­gitimitätsquote ab. Der Übergang zu den Verhaltensweisen des indu­striell-urbanen „Modells“ konnte nicht vollzogen werden; stattdessen fand vorübergehend eine Art Rückkehr zu einem etwas deformierten agrarisch-traditionellen demographischen Muster statt.

 

Bei Spenge dürfte es sich auch in dem Sinne um ein demo-ökonomisches „Modell“ handeln, als anzunehmen ist, dass viele protoindustriell ge­prägte Regionen aufgrund ähnlicher sozio-ökonomischer Bedingungen die dargestellte Konstellation demographischer Variablen realisier­ten.[75] Andere „Modelle“ sind denkbar, lassen sich hier aber nicht konkretisieren. So könnte beispielsweise Oberschwaben (Württemberg) ein „Modell“ für jene Regionen abgeben, in denen hohe Fruchtbarkeit und gleichzeitig aber extrem hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit trotz günstiger Überlebensbedingungen der älteren Kinder, der Ju­gendlichen und Erwachsenen doch nur zu mäßigem Bevölkerungswachstum führen. Auch hier ist das Nicht-Stillen der Säuglinge und die Fehl­ernährung der Kleinkinder als Hauptursache der überhöhten Sterb­lichkeit anzusehen.[76] Doch waren die ökonomischen Bedingungen für die starke Arbeitsbelastung der Mütter und die gelegentlich als Gleichgültigkeit gedeutete Einstellung zum Überleben der Kinder in dieser Region andere als in der Protoindustrie. Oberschwaben würde eine Variante des agrarischen Übergangs-„Modells“ abgeben, das mit Leezen kontrastiert, indem es ein System der Verschwendung von Men­schenleben im agrarischen Milieu repräsentiert.

 

Insgesamt kann die Konkretisierung derartiger demo-ökonomischer Mo­delle zur Interpretation von abweichenden Entwicklungen der alters­spezifischen Sterblichkeit (hinsichtlich der unterschiedlichen Ten­denzen in verschiedenen Altersklassen und/oder Regionen) als For­schungsdesiderat gelten. Hier sollte der potenzielle Ertrag eines solchen Ansatzes skizziert werden.

 

 

 

  1. Fazit: „Volksgesundheit“ und Pauperismus

 

Seit den 1820er Jahren, teilweise bereits im späten 18. Jahrhundert setzte in vielen Regionen Deutschlands ein trendmäßiger Rückgang der durchschnittlichen Sterblichkeit ein. Zugleich verstetigte sich die Sterblichkeitsentwicklung. Nur in wenigen Regionen Deutschlands gab es während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch Jahre mit Sterbeüberschüssen. Fast überall waren die „offenen Bevölkerungskri­sen“ des Ancien Regime den „verdeckten“ gewichen. Zahlreiche Indika­toren sprechen insofern dafür, dass sich in dieser Zeit die Ablösung der ersten Phase des Epidemiologischen Übergangs durch die zweite Phase vollzog.

 

Der Sterblichkeitsrückgang betraf – soweit bisher zu sehen – primär die Erwachsenen, abgeschwächt auch die Jugendlichen, während sich die Sterblichkeit der Kinder und Säuglinge überwiegend kaum verän­derte. Teilweise stieg die Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit sogar noch während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an. Unter diesem Aspekt waren die Differenzen zwischen unterschiedlich struk­turierten Wirtschaftsregionen und sozialen Gruppen allerdings sehr groß. Die regionalen Differenzen spiegeln sich zudem in unterschied­lichen Häufigkeiten der alters- und geschlechtsspezifischen Todesur­sachen. Sie verweisen auf deutliche Abweichungen in denjenigen Di­mensionen der allgemeinen Lebensbedingungen großer Bevölkerungsgrup­pen, die einen Einfluss auf die „Volksgesundheit“ besitzen. Als sol­che Dimensionen kommen in Betracht die Arbeitsbedingungen sowie die Einkommens-, Wohn- und Ernährungsverhältnisse. Diese hängen systema­tisch mit demographischen Variablen wie Heiratshäufigkeit und -alter sowie Fruchtbarkeit zusammen.

 

Um zu zeigen, wie sich der Einfluss der Lebensbedingungen auf die „Volksgesundheit“ erfassen lässt, wurden bestimmte Konstellationen der Dimensionen der Lebensbedingungen und der demographischen Vari­ablen idealtypisch modelliert. Anhand empirischer Daten wurden ein agrarisches und ein protoindustrielles Übergangs-„Modell“ beschrie­ben. Dabei wurde deutlich, dass sich in beiden „Modellen“ Chancen für die Verbesserung der „Volksgesundheit“ während des frühen 19. Jahr­hunderts ergaben – allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen und mit abweichenden Konsequenzen für die Betroffenen, speziell für die verschiedenen großen Altersklassen. Zugleich ließ sich zeigen, dass beide „Modelle“ auf vorübergehenden ökonomischen Bedingungen beruh­ten und sich deshalb in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf­lösten. Weitere „Modelle“ sind denkbar, können aber im Rahmen dieses Aufsatzes nicht spezifiziert werden. Die hier skizzierten Zusammen­hänge wurden als Überlebens-„Modelle“ charakterisiert, und zwar in dem Sinne, dass sie plausibel machen, warum bestimmte Altersklassen der Bevölkerung während des frühen 19. Jahrhunderts Senkungen der Sterblichkeit und eine Zunahme ihrer Lebenserwartung realisieren konnten. Sie verweisen auf Überlebensbedingungen, die selbst unter dem Vorzeichen des Pauperismus leichte Verbesserungen, und zwar auch in den Unterschichten, sowie den Beginn derjenigen großen Wandlungen der „Volksgesundheit“ zuließen, die als charakteristisch für die Phase 2 des Epidemiologischen Übergangs postuliert werden.

 

 

Der Weg zur Durchsetzung des hier nicht näher behandelten industri­ell-urbanen „Modells“ führte allerdings in großen Teilen Deutsch­lands, besonders auch in den rasch wachsenden Städten, durch eine längere Phase zunächst nochmals ansteigender durchschnittlicher Sterblichkeit und sich verschlechternder „Volksgesundheit“ während der 1870er und 1880er Jahre, ehe sich die Verhältnisse seit den 1890er Jahren grundsätzlich zum Besseren wendeten.

 

Fußnoten

[1]  Die Arbeiten an diesem Aufsatz wurden durch ein Projekt der Universität Konstanz gefördert. Der Verfasser dankt besonders Herrn Olaf Gerndt, M.A., für die umfangreichen Sterblichkeitsberechnungen. Veröffentlicht in Kümmel, W. F. (Hg.): Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Bd. 7 für das Jahr 1988. Stuttgart 1990, S. 75-113.

Aus technischen Gründen ist es leider nicht möglich, die Tabellen und Schaubilder aus dem Anhang der Veröffentlichung hier zu reproduzieren. Ich bitte um Entschuldigung und muss interessierte Leser auf die genannte Publikation verweisen. Allerdings kann der Anhang auch als Datei beim Verfasser angefordert werden. Email: reinhardspree@googlemail.com

[2]  Vgl. u. a. Stolberg, M.: Umgang mit Krankheit und Pflegebe­dürftigkeit aus historischer Sicht. In: IKOL e.V. (Hg.): Zur Zu­kunftsentwicklung pflegender Versorgung. Referate und Diskussions­beiträge des Symposiums am 26. 6. 1987…, S. 8-16 (vervielf. MS); Un­schuld, P. U.: Zum Gesundheitsbegriff im 19. und 20. Jahrhundert. Beitrag zum Symposium „Bewertung von Gesundheit. Kriterien der Taug­lichkeit“. Akademie für Sanitätswesen der Bundeswehr, München, 12. 12. 1987 (vervielf. MS); Winau, R.: Krankheitsbegriff und Krank­heitskonzept. In: Rapp, F., u. Schütt, H.-W. (Hg.): Begriffswandel und Erkenntnisfortschritt in den Erfahrungswissenschaften. Berlin: Technische Universität 1987, S. 131-147. Zur Medikalisierung vgl. Spree, R.: Soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod. Zur Sozialgeschichte des Gesundheitsbereichs im Deutschen Kaiserreich. Göttingen 1981, S. 138-162; Labisch, A., u. Spree, R. (Hg.): Medizinische Deutungsmacht im sozialen Wandel. Bonn 1989, passim.

[3] Vgl. Zahlen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und eine Diskussion der Gründe für die Ungleichverteilung der verschiedenen Arztkategorien auf Stadt und Land bzw. auf wohlhabendere und weniger entwickelte Regionen deutscher Territorialstaaten: für Preußen bei Huerkamp, C.: Der Aufstieg der Ärzte im 19. Jahrhundert. Vom gelehrten Stand zum professionellen Experten: Das Beispiel Preußens. Göttingen 1985, Kap. 2; für Bayern bei Probst, C.: Die Medizinalreform in Bayern am Beginn des 19. Jahrhunderts und der Bestand an Krankenanstalten. In: Schadewaldt, H., u. Wolf, J. H. (Hg.): Krankenhausmedizin im 19. Jahrhundert. (Fs. f. H. Goerke), München 1983, S. 183-194; für Württemberg bei Drees, A.: Die Ärzte auf dem Weg zu Prestige und Wohlstand. Sozialgeschichte der württembergischen Ärzte im 19. Jahrhundert. Münster 1988, S. 163-172.

[4] Anders hat die Situation im Adel und im gehobenen Bürgertum ausgesehen, vgl. bes. Lachmund, J., u. Stollberg, G.: Zur medikalen Kultur des Bildungsbürgertums um 1800. Eine soziologische Analyse anhand von Autobiographien. In: Kümmel, W. F. (Hg.): Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Bd. 6 für das Jahr 1987, Stuttgart 1989, S. 163-184. Für die ländlichen Verhältnisse Stolberg, M.: Heilkunde zwischen Staat und Bevölkerung. Angebot und Annahme medizinischer Versorgung in Oberfranken im frühen 19. Jahrhundert. Med. Diss. Technische Universität München 1986.

[5] Vgl. bezüglich der veröffentlichten Topographien besonders die Auswertung bei Brügelmann, J.: Der Blick des Arztes auf die Krank­heit im Alltag 1779-1850. Medizinische Topographien als Quelle für die Sozialgeschichte des Gesundheitswesens. Phil. Diss. Freie Uni­versität Berlin 1982. Ergänzend die älteren Beschreibungen dieser Quellen (in der Reihenfolge ihres Publikationsdatums) Fischer, A.: Beiträge zur Kulturhygiene des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhun­derts im Deutschen Reiche. Leipzig 1928; Zeiss, H.: Medizinische To­pographien als volkskundliche Quellen. In: Archiv für Bevölkerungs­wissenschaft (Volkskunde) und Bevölkerungspolitik, 5 (1935); Brandl­meier, K. P.: Medizinische Ortsbeschreibungen des 19. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet. Berlin 1942; Jusatz, H.: Die Bedeutung der medizinischen Ortsbeschreibungen des 19. Jahrhunderts für die Entwicklung der Hygiene. In: Artelt, W., u. Rüegg, W. (Hg.): Der Arzt und der Kranke in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Stutt­gart 1967.

Dazu kommen zahlreiche unveröffentlichte und bisher kaum aus­gewertete Topographien in den Archiven der deutschen Bundesstaaten, besonders für die drei süddeutschen Staaten. Vgl. als gelungenes Beispiel der laufenden Auswertungen unveröffentlichten topographischen Materials aus Bayern, die C. Probst in München betreut, Stolberg: Heilkunde.  Einen einschlägigen Bestand beschreibt Zorn, W.: Medizinische Volkskunde als sozialgeschichtliche Quelle. Die bayerische Bezirksärzte-Landesbeschreibung von 1860/62. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 69 (1982), S. 219-231.

[6] Der Verfasser hat 56 dieser Topographien in dem Projekt der Universität Konstanz „Die Entwicklung der >Volksgesundheit< in Deutschland, 1780-1850“ systematisch im Hinblick auf die Informatio­nen zu den Krankheits- und Sterblichkeitsverhältnissen, zur Stadt- und Wohnhygiene, zur Ernährungssituation, zu den Arbeitsbedingungen und zur Säuglings- bzw. Kleinkindpflege auswerten lassen. Über die vorläufigen Ergebnisse liegt ein Bericht vor unter dem Titel „Auf dem Wege zu einer historischen Epidemiologie für Deutschland – spä­tes 18. und frühes 19. Jahrhundert“.

[7] Sehr pauschal findet sich diese These bereits bei Anderson, O. W.: Age-specific Mortality in Selected Western European Countries with particular Emphasis on the Nineteenth Century. In: Bulletin of the History of Medicine, 29 (1955), S. 249; prononciert dazu in zahlreichen Studien vor allem McKeown, vgl. u.a. zusammenfassend McKeown, T.: The Modern Rise of Population. London 1976, S. 152-163. Zeitgenössische Ärzte äußerten sich drastisch über die Hilflosigkeit ihres Berufsstandes in Fragen der Therapie, z. B. Hirschel, B.: Com­pendium der Geschichte der Medicin von den Urzeiten bis auf die Ge­genwart… 2. Aufl., Wien 1862,

  1. 544-547. Zur „Vertrauenskrise“, die auf das „therapeutische Chaos jener Jahrzehnte folgte“, auch Ferber, C. v.: Soziologie für Mediziner. Eine Einführung. Berlin usw. 1975, S. 14.

[8] Überraschend dagegen die globalen positiven Wertungen der Effekte der Gesundheitspolitik und der Ansätze zu einer medizini­schen Versorgung im frühen 19. Jahrhundert in einiger neuerer Lite­ratur, bes. bei Lee, W. R.: Germany. In: Ders. (Hg.): European Demo­graphy and Economic Growth. London 1979,

  1. 149-160; Ders.: The Me­chanism of Mortality Change in Germany, 1750-1850. In: Medizinhisto­risches Journal, 15 (1980), S. 244-268.

Bezüglich der Pockenschutzimpfung vgl. Huerkamp, C.: The History of Smallpox Vaccination in Germany: A First Step in the Medicalization of the General Public. In: Journal of Contemporary History, 20 (1985),

  1. 617-635. Hier fehlt eine Darstellung des Gewichts der Pocken als Todesursache vor und nach der Einführung der Impfung. Entsprechend wirkt die Behauptung, die Pockenschutzimpfung habe einen positiven Einfluss auf den Sterblichkeitsrückgang gehabt, unge­nügend begründet. Die notwendige statistische Grundlage liefert da­gegen Mercer, primär für England, aber auch unter Einbeziehung deut­scher Daten. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Einführung der Pockenschutz-Impfung ganz maßgeblich zur Senkung der Durchschnitts­sterblichkeit seit Beginn des 19. Jahrhunderts beigetragen habe, und zwar in Deutschland im Umfang eines Rückgangs der Sterblichkeit um ca. 5 Promille. Vgl. Mercer, A. J.: Smallpox and Epidemiological-Demographic Change in Europe: The Role of Vaccination. In: Population Studies, 39 (1985), 2, S. 303 u. 306ff.

Skeptisch bezüglich der behaupteten Wirkung der Pockenschutz­impfung auf die Durchschnittssterblichkeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist z. B. Brügelmann, und zwar wegen der von ihm nachgewiesenen Schwierigkeiten, die Pockenschutzimpfung als Neuerung in der einfachen Bevölkerung zu popularisieren, und mit Verweis auf das multifaktorielle Krankheitsgeschehen. Der die Sterblichkeit sen­kende Effekt der Pockenreduktion wurde durch ein Vordringen der gastro-intestinalen Infekte kompensiert. Vgl. Brügelmann, J.: Medi­kalisierung von Säuglings- und Erwachsenenalter in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgrund von medizinischen Topographien. In: Imhof, A. E. (Hg.): Leib und Leben in der Geschichte der Neu­zeit. Berlin 1983, bes. S. 183ff.; ebenso Imhof, A. E.: From the Old Mortality Pattern to the New: Implications of a Radical Change from the Sixteenth to the Twentieth Century. In: Bulletin of the History of Medicine, 59 (1985), 1, S. 4.

Die Effizienz der übrigen seucheneindämmenden medizinalpoliti­schen Maßnahmen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts schätzt Evans in seiner neuesten seuchenhistorischen Monographie gering ein, vgl. Evans, R. J.: Death in Hamburg. Society and Politics in the Cholera Years 1830-1910. Oxford 1987, passim. Hier nimmt Riley eine originelle, wahrscheinlich etwas überzogene Gegenposition ein, der den Be­strebungen zur Umwelthygiene und besonders zur Eindämmung der Mias­men seit dem späten 18. Jahrhundert (Kanalisierung, Zirkulation von Wasser in Zisternen , Trockenlegung von Sümpfen und anderen Feucht­gebieten, Straßenreinigung, Verwendung von Schwefelstäbchen gegen Insekten im Haus, Reform des Beerdigungswesens etc.) eine indirekte große Bedeutung für die Sterblichkeitsrückgänge beimisst. Dadurch wurden die als Krankheitsüberträger fungierenden Insekten dezimiert. Vgl. Riley, J. C.: Insects and the European Mortality Decline. In: American Historical Review, 91 (1986), S. 833-853.

[9] Vgl. als wichtigstes Beispiel für Deutschland Imhof, A. E.: Die gewonnenen Jahre. Von der Zunahme unserer Lebensspanne seit dreihundert Jahren. (…) München 1981.

[10] Vgl. die Kritik bei Riley, J. C.: Disease without Death: New Sources for a History of Sickness. In: Journal of Interdisciplinary History, 17 (1987), S. 538f.

[11] Vgl. auch die Überlegungen zu angemessenen Gesundheitsindi­katoren bei Spree: Soziale Ungleichheit,

  1. 22-29.

[12] Vgl. Schipperges, H.: Homo Patiens. Zur Geschichte des kran­ken Menschen. München u. Zürich 1985,

  1. 291ff.

[13] Vgl. die zusammenfassenden Bemerkungen zur langfristigen Entwicklung des Krankheits- bzw. des Todesursachen-Spektrums bei Im­hof: From the Old Mortality Pattern. Zu den Veränderungen im späten 19. Jahrhundert im Detail Spree, R.: Veränderungen des To­desursachen-Panoramas und sozio-ökonomischer Wandel – Eine Fallstu­die zum „Epidemiologischen Übergang“. In: Gäfgen, G. (Hg.): Ökonomie des Gesundheitswesens. Berlin 1986, S. 73-100.

[14] Vgl. Conze, W.: Sozialgeschichte 1800-1850. In: Zorn, W. (Hg.): Handbuch der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Bd. 2, Stuttgart 1976, S. 454f.

[15] Frevert, U.: Krankheit als politisches Problem 1770-1880. Soziale Unterschichten in Preußen zwischen medizinischer Polizei und staatlicher Sozialversicherung. Göttingen 1984, S. 126.

[16] Vgl. Imhof: Die gewonnenen Jahre, bes. S. 80, 164ff., 199ff. Sein Belegmaterial bezieht sich auf Berlin und einige nordhessische Dörfer (Schwalm).

[17] Vgl. Wehler, H.-U.: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 2, München 1987, S. 21-24.

[18] Rürup, R.: Deutschland im 19. Jahrhundert 1815-1871. Göttin­gen 1984, S. 22-29, das Zitat S. 29.

[19] Vgl. u. a. Schmid, J.: Einführung in die Bevölkerungssoziolo­gie. Reinbek b. Hamburg 1976, S. 277-292; auf S. 282 die illustrie­rende Standard-Graphik. Speziell zur deutschen Entwicklung Mar­schalck, P.: Bevölkerungsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 1984, S. 122-127.

[20] Vgl. Omran, A. R.: The Epidemiologic Transition. A Theory of the Epidemiology of Population Change. In: Milbank Memorial Fund Quarterly, 49 (1971), S. 509-538; Ders.: Epidemiologic Transition in the Uni­ted States. The Health Factor in Population Change. In: Population Bulletin, 32 (1977), S. 1-42.

[21] Vgl. Flinn, M.: The Stabilisation of Mortality in Pre-indu­strial Western Europe. In: Journal of European Economic History, 3 (1974), S. 285-318; Ders.: The European Demographic System 1500-1820. Brighton 1981, bes. S. 62, 95ff., 101; Kunitz, S. J.: Speculations on the European Mortality Decline. In: Economic History Review, Sec. Ser., 36 (1983), S. 349-363.

[22] Vgl. Imhof: Die gewonnenen Jahre, S. 198-212; Rothenbacher, F.: Zur Entwicklung der Gesundheitsverhältnisse in Deutschland seit der Industrialisierung. In: Wiegand, E., u. Zapf, W. (Hg.): Wandel der Lebensbedingungen in Deutschland. Wohl­fahrtsentwicklung seit der Industrialisierung. Frankfurt/M. u. New York 1982, S. 356-363.

[23] Imhof datiert den Beginn der Phase 2 widersprüchlich: Einer­seits spricht er davon, dass die Phase 1 in Deutschland bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gedauert habe; dabei verweist er als Kriterium auf die Entwicklung der durchschnittlichen Lebenser­wartung. Vgl. Imhof: Die gewonnenen Jahre, S. 199. Ande­rerseits liest er aus den vitalstatistischen Daten für Berlin ab, dass seit den 1820er Jahren eine merkliche Verstetigung des Bevölke­rungswachstums stattgefunden habe und das „Zeitalter der offenen Be­völkerungskrisen“ durch das der verdeckten abgelöst worden sei. Das könne als Hinweis auf das Ende des „Zeitalters der Seuchen und Hun­gersnöte“ (nach Omran), also als Ende der Phase 1 des Epidemiologi­schen Übergangs, interpretiert werden. Vgl. ebenda, S. 202. Rothen­bacher wiederum setzt den Beginn der Phase 2 mit den 1870er Jahren an – unter Hinweis auf den stattgefundenen Wandel des Todesursachen-Spektrums. Vgl. Rothenbacher: Zur Entwicklung, S. 361.

[24] Der Verfasser hat bereits an anderer Stelle versuchsweise den Beginn der Phase 2 auf die 1820er/30er Jahre datiert. Als Krite­rium dienten die von Imhof erwähnte Verstetigung der durchschnittli­chen Sterblichkeit und die stattgefundenen Veränderungen des To­desursachen-Spektrums (Ausbleiben der großen Seuchen im überregiona­len Maßstab; Wandel der altersunspezifischen Human-Crowd Diseases zu Kinderkrankheiten; Einsetzen des trendmäßigen Rückgangs der Sterb­lichkeit an bestimmten Infektionskrankheiten, bes. Pocken, Typhus und Tuberkulose). Vgl. Spree: Veränderungen, S. 78.

[25] Vgl. dazu auch – mit Rückgriff auf Chaunu – Flinn: The Euro­pean Demographic System, S. 94f.

[26] Der Variationskoeffizient als Quotient aus Standardabwei­chung und arithmetischem Mittel (in v. H.) misst die Schwankungsin­tensität einer Zeitreihe im Mittel.

[27] Vgl. zu diesem Vorgehen u. a. Mercer: Smallpox, S. 288ff.

[28] Vgl. bes. Kraus, A.: Quellen zur Bevölkerungsgeschichte Deutschlands 1815-1875. Boppard 1980.

[29] Vgl. die Zusammenfassung des Forschungsstands bei Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2,

  1. 281-296. Zum Prozess und zur Bedeutung der Proletarisierung Tilly, Ch.: Proletarianization: Theory and Research. In: Ders.: As Sociology Meets History. New York usw. 1981, S. 179-189.

[30] Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, S. 285.

[31] Vgl. Gömmel, R.: Realeinkommen in Deutschland. Ein interna­tionaler Vergleich (1810-1914). Nürnberg 1979,

  1. 9 u. 12 (Vorträge zur Wirtschaftsgeschichte, H. 4).

[32] Von 1820-1850 wuchs die Arbeitsproduktivität in der Land­wirtschaft um rd. 60%, die deutsche Bevölkerung dagegen nur um rd. 35%. Vgl. Helling, G.: Zur Entwicklung der Produktivität in der deutschen Landwirtschaft im 19. Jahrhundert. In: Jahrbuch für Wirt­schaftsgeschichte, (1966/ 1), S. 134 u. 140. Die Bevölkerungsdaten u. a. bei Hoffmann, W. G., u. a.: Das Wachstum der deutschen Wirt­schaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Berlin usw. 1965, S. 172f. Zur These des Ökonomisierungsprozesses vor allem Borchardt, K.: Die Industrielle Revolution in Deutschland. München 1972, S. 37f.

[33] Vgl. dazu Borchardt, K.: Zur Frage des Kapitalmangels in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, 173 (1961), S. 401-421.

[34] Vgl. Tilly, R.: Capital Formation in Germany in the Nine­teenth Century. In: Cambridge Economic History of Europe, Bd. 7, T. 1, Cambridge 1978, S. 382-441.

[35] Vgl. Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, S. 288.

[36] Kennziffern, mit denen im Folgenden argumentiert wird, sind: die durchschnittliche Sterblichkeit (bzw. da, wo keine echten Sterb­lichkeitsziffern aufgrund fehlender Bevölkerungsdaten berechnet wer­den können, der oben definierte Sterblichkeitsindikator); der lineare Trend sowie der Variationskoeffizient der Sterblichkeit.

[37] Die Berechnungen für die Teilperiode 1740-1780 beziehen sich auf folgende Orte: 8 Kirchspiele aus der nordwestdeutschen Küstenre­gion; das Kirchspiel Spenge bei Bielefeld; das Dorf Rudow bei Ber­lin; die südwest- bzw. süddeutschen Städte Hanau, Lenggries, Memmingen und Pforzheim. Die Grunddaten wurden folgenden Quellen entnommen: Ehr­hart, G. v.: Physisch-medicinische Topographie der Königlich Baie­rischen Stadt Memmingen im Illerkreis. Memmingen 1813; Kopp, J. H.: Topographie der Stadt Hanau in Beziehung auf den Gesundheits- und Krankheitszustand der Einwohner. Frankfurt/M. 1807; Lorenzen-Schmidt, K.-J.: Ländliche Familienstrukturen in der nordwestdeut­schen Küstenregion 1750-1870. Engelbrechtsche Wildnis 1987; Meyer, W.: Untersuchungen über die Mortalität in der evangelischen Kirchen­gemeinde Rudow von 1681 bis 1929. Med. Diss. Freie Universität Ber­lin 1981; Roller, J. C.: Erster Versuch einer Beschreibung der Stadt Pforzheim mit besonderer Beziehung auf das Wohl seiner Bewohner. Heidelberg 1812; Scherer, W.: Medizinhistorische Demographie der Pfarrei Lenggries für den Zeitraum von 1620-1900. Med. Diss. Techni­sche Universität München 1980; Peter, H.-W.: Die Bevölkerungsent­wicklung in einer protoindustriellen Region: Kirchspiel Spenge 1768/69-1868. Universität Bielefeld 1983 (unveröff. Staatsexamensar­beit).

[38] In der 2. Teilperiode wurden zusätzlich echte Sterblich­keitsziffern berechnet für Schleswig-Holstein, die Grafschaft Lippe und das württembergische Dorf Laichingen. Die Grunddaten wurden fol­genden Quellen entnommen: Bulst, N., u. Hoock, J.: Bevölkerungsent­wicklung und Aktivitätsstruktur als statistisches und polizeiliches Problem in der Grafschaft Lippe in der zweiten Hälfte des 18. Jahr­hunderts. In: Bulst, N., u. a. (Hg.): Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft (…). Trier 1983; Gudme, A. C.: Die Bevölkerung der beiden Herzogthümer Schleswig und Holstein in früheren und späteren Zeiten. Altona 1819; Ders.: Schleswig-Holstein. Eine statistisch-geogra­phisch-topographische Darstellung dieser Herzogthümer, nach gedruck­ten und ungedruckten Quellen. Bd. 1, Kiel 1833; Helwig, A.: Beiträge zur Mortalitäts-Statistik der Stadt Mainz von Anfang dieses Jahrhun­derts bis incl. 1872. Mainz 1873; Kraus: Quellen. Die Daten für Laichingen (Schwäb. Alb) wurden dem Verf. von Hans Medick überlassen, dem an dieser Stelle dafür herzlich gedankt sei. Sie entstammen der von ihm durchgeführten und bisher unveröffentlichten Familien-Rekonstitutionsstudie über Laichingen von 1654-1858.

[39] Die Trendberechnungen erfolgten für das Königreich Preußen und seine Provinzen, das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin, die Königreiche Sachsen, Württemberg und Bayern sowie das Großherzogtum Baden. Alle Grundda­ten aus Kraus: Quellen.

[40] Der Sterblichkeitstrend der Provinz Westfalen ist mit dem der Rheinprovinz fast identisch und wurde deshalb in Schaubild 2 nicht mit aufgenommen.

[41] Für Europa generell behauptet dies auch Flinn: The European Demographic System, S. 91, 95, 101. Bezüglich der deut­schen Entwicklung konstatiert Robert Lee, dessen klares Statement al­lerdings nicht sehr überzeugend abgesichert wirkt: „The fall in mor­tality in the 18th and 19th centuries, together with the gradual disappearance of the traditional mortality crises effectively laid the basis for the modern growth in total population as a whole. Furthermore there is every indication that this process was equally evident in the case of Germany“. Lee: The Mechanism, S. 244.

[42] Diese Folgerung wird durch weitere Befunde gestützt. Z. B. hat Shorter festgestellt, dass das Alter der ersten Menarche in Frankreich während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgrund verbesserter Ernährungsverhältnisse durchschnittlich gesunken ist. Das dürfte auf Deutschland übertragbar sein. Vgl. Shorter, E.: L’age des premières règles en France, 1750-1950. In: Annales ESC, 36 (1981), S. 495-511. Knodel wiederum vermutet, dass sich der Gesundheitszustand von Müt­tern durchschnittlich gebessert hat. Dabei stützt er sich vor allem auf sinkende Raten vorgeburtlicher Sterblichkeit. Vgl. Knodel, J. E.: Demographic Behavior in the Past. A study of fourteen German village populations in the eighteenth and nineteenth centuries. Cam­bridge usw. 1988, S. 280f. Schließlich meint Flinn, dass die Instabi­lität der Sterblichkeit im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert ab­nahm und ihr Fall einsetzte, weil sich Häufigkeit und letale Auswir­kungen von Kriegen und Hungersnöten verringerten, während gleichzei­tig die Epidemien „handhabbarer“ wurden. Mit dem letzten Argument wird auf das Ausbleiben der Pest und auf die Pockenschutzimpfungen verwiesen. Die Ernährungsverbesserungen führt er auf die Intensivie­rung der Agrarproduktion und die Verbreitung neuer Früchte, vor allem auf den Kartoffel- und den Maisanbau, zurück. Vgl. Flinn: The Stabilization, S. 302, 309ff. u. 316ff.

[43] Vgl. Anderson: Age-specific Mortality, S. 250.

[44] Vgl. Lee: Germany, S. 156, und das Belegmaterial auf S. 188. Wehler stützt sich bei seiner oben zitierten gleichlau­tenden Aussage offenbar auf Lee; vgl. Wehler: Deutsche Gesell­schaftsgeschichte, Bd. 2, S. 23.

[45] Tabelle 5 im Anhang basiert auf folgenden Quellen:

Dieterici, W.: Die Statistischen Tabellen des Preußischen Staats nach der amtlichen Aufnahme des Jahres 1843. Berlin 1845. Ders.: Die Bevölkerung des Preußischen Staats nach der amtlichen Aufnahme des Jahres 1846. Berlin 1848. Ders.: Über die Vertheilung der Bevölkerung nach dem Geschlecht und Alter im Preußischen Staate. In: Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Ber­lin. Berlin 1848. Ders.: Handbuch der Statistik des preußischen Staats. Berlin 1861. Engel, E.: Das Anwachsen der Bevölkerung im Preußischen Staate seit 1816; Ders.: Die Sterblichkeit und die Lebenserwartung im preußischen Staate und besonders in Berlin. In: Zeitschrift des Königlich Preußischen Statistischen Bureaus, 1 (1861), S. 9-31 und

  1. 321-353. Hoffmann, J. G.: Übersicht der Bodenfläche und Bevölkerung des preußischen Staats. Aus den für das Jahr 1817 amtlich eingezogenen Nachrichten. 2. unveränderter Abdruck, Berlin 1819. Ders.: Die Bevölkerung des Preußischen Staats nach dem Ergebnisse der zu Ende des Jahres 1837 amtlich aufgenommenen Nach-richten in staatswirthschaftlicher, gewerblicher und sittlicher Beziehung. Berlin 1839. Ders.: Darstellung der Bevölkerungs-, Geburts-, Ehe- und Sterblichkeitsverhältnisse, welche im preußischen Staate in den 15 Jahren 1820 bis mit 1834 bestanden (…). In: Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin. 1843. Jahrbuch für die amtliche Statistik des Preußischen Staats, 1 (1863). Mittheilungen des statistischen Bureau’s in Berlin, hg. von Dieterici, 14 (1858) (= Übersicht des Ergebnisses der Volkszählung im Preußischen Staate im December des verflossenen Jahres 1858), S. 209-214. Preußische Statistik, hg. vom Königlichen Statistischen Bureau in Berlin. Bde. V, X, XVI, XVII, XXIX u. XLIIIa, Berlin 1864, 1867, 1869, 1870, 1874 u. 1879. Tabellen und amtliche Nachrichten über den Preußischen Staat für das Jahr 1849, hg. von dem statistischen Bureau zu Berlin. 1 und 2, Berlin 1851; (…) für das Jahr 1852, Berlin 1855; (…) für das Jahr 1855, Berlin 1858; (…) für das Jahr 1858, Berlin 1860. Zedlitz, L. Frh. v.: Die Staatskräfte der preußischen Monarchie unter Friedrich Wilhelm III. Berlin 1828. Zeitschrift des Königlich Preußischen Statistischen Bureaus, 2 (1862).

[46] Vgl. die Quellen in Fn. 45.

[47] Diese Ergebnisse stehen in einem gewissen Kontrast zu der These Shorters, dass Frauen zwischen 5 und 30 bzw. 40 Jahren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts typischerweise eine höhere Sterb­lichkeit als Männer aufgewiesen hätten. Allerdings streuen Shorters statistische Belege regional stark und beziehen sich auf unter­schiedlich abgegrenzte Altersklassen, sind also mit den hier präsen­tierten nur bedingt vergleichbar. Vgl. Shorter, E.: A History of Women’s Bodies. New York 1982, S. 228-231.

[48] Eine längerfristig sinkende Tendenz, die sich nicht nur auf den Vergleich des letzten mit dem vorletzten Wert der Zeitreihe be­zieht, wird durch das Zeichen – und die Angabe des Jahres mit dem betreffenden vorangegangenen Sterblichkeitsmaximum (in Klammern) ge­kennzeichnet; 0 = keine Tendenz; + = Tendenz steigend.

[49] Vgl. die Originalziffern in den Tabellen 7-10 im Anhang.

[50] Vgl. Knodel: Demographic Behavior, bes. S. 59.

[51] Vgl. Knodel, J.: Demographic Transitions in German Villages. In: Coale, A. J., u. Watkins, S. C. (Hg.): The Decline of Fertility in Europe. Princeton 1986, S. 347.

[52] Imhof: Die gewonnenen Jahre, S. 80. Die genauen Werte sind nicht angegeben; Imhof stellt sie nur graphisch dar.

[53] Vgl. z. B. den soliden, wenn auch allzu knappen Erklärungsan­satz, der ganz auf die Häufigkeit des Stillens oder Nicht-Stillens abstellt, bei Knodel: Demographic Behavior, passim, bes. S. 52 f. Die notwendige Ergänzung (Arbeitsbedingungen/ -belastungen der Mütter) liefert zusammengefasst Lee, W. R.: The Impact of Agra­rian Change on Women’s Work and Child Care in Early-Nineteenth-Cen­tury Prussia. In: Fout, J. C. (Hg.): German Women in the Nineteenth Century. A Social History. New York u. London 1984, S. 234-255; Ders.: Primary Sector Output and Mortality Changes in Early XIXth Century Bavaria. In: Journal of Economic History, 6 (1977), S. 133-162. Phantasievolle Ausweitung dieser Ansätze durch Betonung der un­terschiedlichen Mentalitäten in der Bevölkerung infolge von Kriegs­einwirkungen bei Imhof, A. E.: Unterschiedliche Säuglingssterblich­keit in Deutschland, 18. bis 20. Jahrhundert – Warum? In: Zeit­schrift für Bevölkerungswissenschaft, 7 (1981), S. 343-382. Von Im­hof inspiriert, dann aber weitgehend nur noch spekulativ Ottmüller, U.: Speikinder – Gedeihkinder. Kommunikationstheoretische Überlegun­gen zu Gestalt und Funktion frühkindlicher Sozialisation im bäuerli­chen Lebenszusammenhang (…). Phil. Diss. Freie Universität Berlin 1986. Bei Ottmüller hat die unterschiedliche regionale Betroffenheit durch Kriege in der Vergangenheit schließlich zu mehr oder weniger latenter Männerfeindschaft bei den in diesen Regionen (oft erst Ge­nerationen später) lebenden Frauen und zu daraus resultierender Am­bivalenz gegenüber dem Leben der Kinder geführt.

[54] Wg. der Grippe-Hypothese vgl. Köllmann, W.: Bevölkerungsge­schichte 1800-1970. In: Zorn (Hg.):  Handbuch, Bd. 2, S. 11f.

[55] Vgl. dazu allgemein Kunitz: Speculations, S. 352. Daten bei Imhof: From the Old Mortality Pattern, S. 5.

[56] Vgl. Kunitz: Speculations, S. 354f.

[57] Beispielhaft für die hier in Frage gestellte Sichtweise vor allem Kuczynski, J.: Darstellung der Lage der Arbeiter in Deutsch­land von 1789 bis 1849. Berlin 1961, S. 317-351. In diesem Sinne aber auch noch die neuere einschlägige Darstellung von Frevert: Krankheit, S. 116-148. Allgemeiner Fischer, W.: Armut in der Geschichte. Göttingen 1982, S. 56-82.

[58] Vgl. zur Fassung dieser Zusammenhänge in drei „Modellen“ vor allem Hohorst, G.: Von der Agrargesellschaft zum Industriekapitalis­mus: Der Kernprozess der „demographischen Transition“ in Deutschland. In: Bade, K. J. (Hg.): Auswanderer, Wanderarbeiter, Gastarbeiter. Ostfildern 1984. In eine regionale Fallstudie eingebunden Ders.: Protoindustrialisierung im Übergang zum industriellen Kapitalismus: Die demoökonomische Entwicklung im Kreis Hagen und seinen Amtsbezirken 1817-1863. In: Scripta Mercaturae, 16 (1982), S. 110-138.

[59] Vgl. die einschlägige Literatur, bes. die Beiträge von Me­dick zu dem Band Kriedte, P., u. a.: Industrialisierung vor der Indu­strialisierung. Göttingen 1977, S. 90-193; Clarkson, L. A.: Proto-Industrialization. The First Phase of Industrialization? London 1985; Hohorst: Protoindustrialisierung; Ders.: Von der Agrargesellschaft.

[60] Imhof: Unterschiedliche Säuglingssterblichkeit, S. 369ff.

[61] Die folgenden Ausführungen stützen sich auf Gehrmann, R.: Leezen 1720-1870. Ein historisch-demographischer Beitrag zur Sozial­geschichte des ländlichen Schleswig-Holstein. Neumünster 1984, bes.

  1. 80ff. (Vitalstatistik), 131ff. (Säuglingssterblichkeit), 222ff. (Fruchtbarkeit).

[62] Vgl. Gehrmann: Leezen, S. 80. Die Daten für 1767/71 aufgrund einer schriftlichen Mitteilung des Verfassers v. 21. 1. 1988.

[63] Vgl. Gehrmann: Leezen, S. 95f.

[64]   Nach Gehrmann: Leezen, S. 93.

[65] Vgl. Gehrmann: Leezen, S. 95.

[66] Vgl. dazu bes. Imhof: Unterschiedliche Säuglingssterblich­keit; Lee: The Impact; Ders.: Primary Sector Output.

[67]   Vgl. Gehrmann: Leezen, S. 28-54, 162-171.

[68]   Vgl. Gehrmann: Leezen, S. 115-124.

[69] Das bedeutet einen Verlust der strukturell vermittelten sozialen Kontrolle. In­dikator: Sinken der Geburtlichkeit seit den späten 1840er Jahren, und zwar gemäß der „Aufwuchshypothese“, die Gehrmann für angemessen hält. Vgl. Gehrmann: Leezen, S. 233f., 259f., 300f.

[70] Die Ausführungen folgen der unveröff. Staatsexamensarbeit von Peter: Die Bevölkerungsentwicklung, und den teilweise darauf aufbauenden Aufsätzen von Mager, W.: Spenge vom frühen 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. In: Ders. (Hg.): Ge­schichte der Stadt Spenge. Spenge 1984, S. 93-161; Ebeling, D., u. Klein, P.: Das soziale und demographische System der Ravensberger Protoindustrialisierung. In: Hinrichs, E., u. Zon, H. van (Hg.): Be­völkerungsgeschichte im Vergleich: Studien zu den Niederlanden und Nordwestdeutschland. Aurich 1988, S. 27-48.

[71] Mager: Spenge, S. 104ff.

[72] Vgl. Mager: Spenge, S. 110.

[73] Vgl. Ebeling u. Klein: Das soziale und demographische Sy­stem, S. 34.

[74] Vgl. die Daten bei Peter: Die Bevölkerungsentwicklung, S. 74.

[75] In diese Richtung gehen auch die vergleichenden Interpreta­tionen des Materials bei Ebeling u. Klein: Das soziale und demogra­phische System, passim, und die dort zitierte Literatur.

[76] Vgl. das Material bei Kull: Beiträge zur Statistik der Be­völkerung des Königreichs Württemberg. In: Württembergische Jahrbücher für Statistik und Landeskunde (1874), T. 1, S. 143-150.

 

 

 

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Was ist und wozu dient Sozial- und Wirtschaftsgeschichte?

Was ist und wozu dient Sozial- und Wirtschaftsgeschichte?  

Überarbeitete Version meiner Ansprache anlässlich der Verabschiedung aus der Volkswirtschaftlichen Fakultät der Universität München am 24. 1. 07]

Meine Biographie verlief erkennbar nicht sehr geradlinig; immer wieder spielten Zufälle eine große Rolle. Sie ermöglichten mir viele Umwege. Allerdings erscheinen sie mir überwiegend als Produktionsumwege (Eugen von Böhm-Bawerk), als produktive Umwege. Auf diese Weise habe ich in viele Disziplinen, ihren Betrieb, ihre Ergebnisse hineinschauen können, habe mir dabei vieles angeeignet und wurde bereichert. Dennoch fühlte ich mich in den meisten Umgebungen, in denen ich gearbeitet habe, doch als Grenzgänger. Diese Situation kann man einerseits positiv erfahren und werten: Marginalität als Anstoß für besondere Produktivität (Robert E. Park). Andererseits handelt es sich, wie die Praxis zeigt, um eine stets gefährdete Position:

„sitting on a fence is a dangerous course (…)

even the hero gets a bullet in the chest

once upon a time in the west”

[Dire Straits: Once upon a time in the west. Auf: Communiqué, 1979]

Die demnach ambivalente Marginalitätserfahrung ist typisch für die Disziplin Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Treffend z. B. der fragende Aufsatztitel von Knut Borchardt in der Festschrift für meinen Amtsvorgänger Wolfgang Zorn (1987): „Wirtschaftsgeschichte. Wirtschaftswissenschaftliches Kernfach, Orchideenfach, Mauerblümchen oder nichts von dem?“

Die geradezu demonstrative Ratlosigkeit bezog sich nur auf die Wirtschaftsgeschichte, wie viel mehr gilt sie für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte! Deshalb zum Abschied von diesem Fach, das die Volkswirtschaftliche Fakultät der Universität München im Interesse an der Konzentration auf das so genannte Kerngeschäft aufgegeben hat (etwas Besseres fällt ja auch vielen hoch gelobten Managern in unseren Großunternehmen nicht ein), hier einige Anmerkungen zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte: Was ist das? Was tut sie? Worin bestehen Probleme? Was sind die Leistungen bzw. Funktionen? 

 

Was ist Sozial- und Wirtschaftsgeschichte?

Eine wissenschaftliche Disziplin kann nicht über ihre Gegenstände definiert werden, die hat sie typischerweise mit vielen anderen Disziplinen gemein. Eine Disziplin konstituiert sich vielmehr auf 4 Ebenen:

  • eigenständiger Begriffsapparat
  • spezifische Methoden
  • ein Bestand an überprüftem und gesichertem Beobachtungswissen
  • Konzepte (Theorien) zur Erklärung der untersuchten Phänomene

So gesehen, ergibt sich für die Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte ein Problem, da sie zwischen verschiedenen Bezugsdisziplinen steht. Sie bedient sich vor allem der Begriffe, Methoden und Theorien

  • einerseits der Soziologie/ Sozialpsychologie
  • andererseits der theoretischen Volkswirtschaftslehre und der empirischen Wirtschaftsforschung

Für bestimmte Gegenstandsbereiche benutzt sie aber auch Terminologie, Methoden und Theorien der

  • Politischen Wissenschaft
  • Medizin
  • Naturwissenschaften

Methodisch orientiert sie sich darüber hinaus stark an den Geschichtswissenschaften (das betrifft vor allem Quellenkritik, Hermeneutik und die Rekonstruktion von Komplexität).

Wirtschafts- u. Sozialhistoriker sind, wie Knut Borchardt formulierte, Spezialisten für Komplexität [vgl. Spree, R.: Spezialist für Komplexität – Knut Borchardt im Gespräch. In: ifo-Studien, 38 (1992), S. 107-131].

Halten wir fest: genuine Konzepte/ Theorien und Methoden der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte gibt es nicht. Sie erhält demgegenüber ihre Spezifität als eigenständige Disziplin primär durch

  • einen Bestand an gesichertem Beobachtungswissen

und durch

  • unverzichtbare, geradezu konstitutive methodische und theoretische Interdisziplinarität

 

Was tut die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte?

Sozial- und Wirtschaftshistoriker wenden die Werkzeuge der modernen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an auf die systematische Analyse der historischen Prozesse gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung, auf die Strukturen, innerhalb derer diese Prozesse stattfinden und die durch sie verändert oder gar erst geschaffen werden.

Das erfordert vor allem ein Denken in soziologischen und ökonomischen Konzepten. Ziel ist, die Logik der Prozesse sozialen und ökonomischen Wandels zu rekonstruieren und zu erklären.

Wichtige Forschungsfelder der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte während der letzten Jahrzehnte (besonders in Deutschland) waren:

  • Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft (Klassen- und Schichtbildung)
  • Arbeiterbewegung und Arbeitergeschichte
  • Industrialisierung (inklusive Frühindustrialisierung)
  • Cliometrics = Quantitative Wirtschaftsgeschichte unter Berücksichtigung ökonomischer Theorien und ökonometrischer Methoden (hier speziell Forschungen zu Wachstum und Konjunkturen der deutschen Wirtschaft, Lebensstandard und Körpergrößen)
  • Hausindustrie (Proto-Industrialisierung)
  • Bevölkerungsentwicklung (Historische Demographie versus Bevölkerungsgeschichte)
  • Sozialgeschichte der Familie
  • Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Bürgertums
  • Sozialgeschichte der Medizin
  • Unternehmensgeschichte
  • Geschichte der Institutionen
  • Geschichte der Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik

 

Probleme

Es wurde und wird also eine große Vielfalt von Themengebieten bearbeitet; vielleicht ist das Spektrum zu groß und zu weit gefächert angesichts der kleinen Zahl von Fachvertretern im deutschsprachigen Raum. Oft scheint es, dass hier, besonders im Vergleich zum angelsächsischen Raum, die erforderliche kritische Masse fehlt, um größere Forschungsdebatten zu führen. Diese Situation fördert eher Nischenstrategien, eben: die Herausbildung marginaler Existenzen.

Dennoch sind auf allen genannten Feldern teilweise bedeutende, auch international beachtete Leistungen erbracht worden. Darauf kann an dieser Stelle nicht im Detail eingegangen werden.

 

Funktionen

Stattdessen möchte ich die Leistungen andeuten, indem ich die kritische Funktion der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte anspreche, die Knut Borchardt schon 1968 bei einer Tagung des Wirtschaftshistorischen Ausschusses des Vereins für Socialpolitik betonte. Hier einige wenige ausgewählte Beispiele:

  1. In der BRD gibt es besondere Schwierigkeiten mit den notwendigen Wirtschafts- und Sozialreformen. Ökonomen meinen oft, das sei Folge schlechter Politik oder sogar Ausfluss eines Nationalcharakters. Jedoch machte erst vor kurzem der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl deutlich, dass wir es “mit dem langen Schatten des Dritten Reichs“ zu tun haben [Vgl. Ritschl, A.: Pfadabhängigkeiten bei der Entstehung der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung. In: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, 6 (2005), S. 151-170].

Eine Fülle von insbesondere den Wettbewerb ausschaltenden oder abmildernden Gesetzen stützte im Dritten Reich speziell den gewerblichen Mittelstand, z. B. der große Befähigungsnachweis im Handwerk, die duale Berufsausbildung, die Rabattverordnung, die Zugabeverordnung. Zahlreiche Regulierungen verdecken die Marktkräfte bzw. das Marktgeschehen, z. B. die zentralisierte Bankenaufsicht, die kontrollierte Energieversorgung, die Ausnahmebereiche des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen, die Organisation des Gesundheitswesens, die Stärkung des Korporatismus, u. v. a. mehr; all das ist Erbe der markt- und wettbewerbsfeindlichen, zugleich bestimmte Teile des alten Mittelstands (Handwerk, Bauern) hofierenden Dritten Reichs.

Die Regulierungen wurden in der BRD nicht außer Kraft gesetzt, bildeten vielmehr eine Reservewirtschaftsordnung. Damit wurde die Illusion der so genannten Volksgemeinschaft unausgesprochen und stillschweigend in die BRD weiter transportiert. Nun verabschiedet sich die Reformgesetzgebung seit der zweiten Amtsperiode von Gerhard Schröder notgedrungen davon. Die BRD kommt erst jetzt in der Marktwirtschaft an. Das tut weh. Deshalb rufen SPD und Gewerkschaften offen nach einem Ende der Reformen, viele Kräfte in der CDU/ CSU unterstützen diese Forderungen aus populistischen Motiven. Und so werden die Reformen in Bezug auf die Sozialpolitik und den Arbeitsmarkt stückweise zurückgefahren, während man den schwer durchschaubaren und durch mächtige Lobbys vertretenen Finanzmarkt unbehelligt wuchern lässt.

  1. Ein anderes Beispiel für die Notwendigkeit einer kritischen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte bietet die Globalisierung.

Viele Ökonomen sind der Überzeugung, die Globalisierung sei ein primär von Marktkräften durchgesetzter und politisch kaum zu steuernder Prozess jüngeren Datums; nicht zuletzt sei sie eine Folge der neueren Innovationen im Bereich der Informationstechnologie, Stichworte: Telekommunikation/ Internet.

Der Wirtschaftshistoriker kann jedoch zeigen, dass es sich vielmehr um einen langfristigen Prozess mit Vorläufern handelt, die Jahrhunderte zurückreichen; sie können überzeugend darlegen, dass die Globalisierung primär von politischen Entscheidungen vorangetrieben wurde und wird. [Vgl. dazu auch Spree, R.: Globalisierungs-Diskurse – gestern und heute. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, (2003), H. 2, S. 35-56. Preprint als: Concerns about Globalisation – Then and Now. Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge, Discussion Papers (hg. von der Volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU), No. 03-04, München 2003; online unter http://epub.ub.uni-muenchen.de/44/]. Globalisierung entwickelt sich deshalb wellenförmig und kennt vor allem nicht nur Stillstand, sondern sogar rückläufige Phasen, wie den Globalisierungsrückschlag von ca. 1879 bis 1945.

Die wichtige Erkenntnis: Globalisierung ist politisch steuerbar.

  1. Ein letztes Beispiel: die Krise der Sozialversicherung.

Seit längerem haben sich die Ökonomen vor allem in die Rentenversicherung verbissen; die Krankenversicherung wird erst neuerdings als Problemfeld entdeckt. Das liegt an der Unkenntnis hinsichtlich der Dynamisierung der Krankenversicherung durch das Sachleistungsprinzip sowie an der mangelnden Berücksichtigung der Arbeitsmarktsituation und vor allem der demographischen Grunddaten: Allein schon der seit Mitte der 1970er Jahre stetig wachsende Sockel an Arbeitslosigkeit (inzwischen fast 2,5 Mio. Menschen, die offiziell als Langzeitarbeitslose gemeldet und im Grunde nicht mehr vermittelbar sind) bringt mittelfristig alle Systeme ins Schleudern, die auf dem Umlageverfahren basieren, d. h., deren Leistungen aus dem Beitragsaufkommen der jeweils erwerbstätigen Bevölkerung finanziert werden. Die Zahl der Leistungsempfänger wächst deshalb im Verhältnis zur Zahl der Leistungserbringer, die also immer stärker belastet werden. Längerfristig wird dieser Effekt noch verstärkt durch die seit Jahrzehnten anhaltende und sich fortsetzende Senkung der Kinderzahlen pro Frau (im Alter von 15-50 Jahren) bei gleichzeitiger Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung.

Bleiben wir aber zunächst bei der Rentenversicherung, um zu zeigen, dass die Kenntnisnahme der historischen Fakten und der Realität helfen kann, kurzschlüssige Reformvorschläge infrage zu stellen. In Bezug auf die Rentenversicherung gibt es viele Irrtümer, die teilweise die Reformen behindern.

Irrtum Nr. 1: mit der Rentenversicherung sei 1889/91 die Umlagefinanzierung eingeführt worden.

Falsch: Bis 1957 galt formal als Finanzierungsmodus die Kapitaldeckung. Doch hatte man damit mehrfach Schiffbruch erlitten und notgedrungen faktisch eine Umlage- bzw. Steuerfinanzierung praktiziert. Das gilt schon für die Anlaufphase: Um in den 1890er Jahren erste Renten auszuzahlen, brauchte man den Staatszuschuss und ergänzend die Mitgliederbeiträge, denn es gab ja beim Start keinen angesparten Kapitalsockel, aus dessen Erträgen die Renten hätten gezahlt werden können.

Das setzte sich fort, als die Inflation 1914-1923 die inzwischen aufgebaute Kapitaldeckung entwertete. In derselben Situation befand man sich nach dem Zweiten Weltkrieg.

Daraus folgt: Kapitaldeckung funktioniert nur unter Schönwetterbedingungen.

Auf das Umlageverfahren und/oder eine Finanzierung aus Steuermitteln ganz zu verzichten, was manche Ökonomen als Anhänger der „reinen Lehre“ präferieren, erscheint aufgrund der historischen Erfahrung zumindest grob fahrlässig, wenn nicht illusorisch.

Ein weiterer Kritikpunkt an der Reformdiskussion: Kinderlosigkeit wird von manchen Ökonomen als moral hazard-Problem begriffen. Das existierende Sozialsystem, hier besonders die Rentenversicherung, fördere den Verzicht auf Kinder. Bei dieser Argumentation glaubt man sich sogar auf historische Fakten berufen zu können: die Geburtenziffer sank im Deutschen Reich ab den 1890er Jahren, weil zuvor die Sozialversicherung eingeführt worden sei. Das aber ist eine typische Scheinkorrelation.

Wenn man die Entwicklung der Geburtenziffer verstehen will, muss man mindestens drei Motive berücksichtigen:

Altersversorgung, Sex, Kinderwunsch

zum Motiv Altersversorgung

eine Analyse des Geburtenrückgangs seit dem späten 19. Jhdt. zeigt, dass der Wegfall des Bedarfs an Altersversorgung durch Kinder gar keine Rolle spielen konnte. Die Rente war von der Idee her und erst recht aufgrund der Fakten bis 1957 ein kleiner Zusatz zu einer Altersversorgung, die vor allem durch die Familie und durch eigenen Zuverdienst des alten Menschen sichergestellt werden musste.

Zur Erläuterung einige historische Fakten: 1892 bis 1913 betrug das Rentenniveau rd. 18% eines Durchschnittslohns. Bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs stieg das Niveau nur auf rd. 26% des Durchschnittslohns an. 1955 erreichte das Niveau 38% des Durchschnittslohns. Altersarmut und häufig die Notwendigkeit, ergänzend Fürsorgeleistungen zu beantragen, blieben das Normalschicksal – trotz der Rentenversicherung.

Folgerung: der drastische Geburtenrückgang muss andere Ursachen haben.

zum Motiv Sex

An der Sexualität als natürlichem Trieb hat sich während des 20. Jahrhunderts wohl kaum etwas verändert. Dass der so genannte Pillenknick Mitte der 1960er Jahre eine Rolle gespielt haben soll, ist wieder eine Scheinkorrelation: Wenn man auf die Verfügbarkeit von Kontrazeptiva als Ursache für zurückgehende Kinderzahlen abstellen will, wie erklärt man dann den gewaltigen Geburtenrückgang von ca. 1890-1936/38, als kaum Kondome verfügbar waren, für die auch nicht einmal geworben werden durfte, und schon gar keine Pille?

Dennoch gab es in den 1930er Jahren fast keine Familien mehr mit 5 und mehr Kindern und nur noch wenige mit 3 und mehr Kindern. [Vgl. dazu u. a. Spree, R.: Der Geburtenrückgang in Deutschland vor 1939. Verlauf und schichtspezifische Ausprägung. In: Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Hg.): Demographische Informationen 1984. Wien 1984, S. 49-68]. Schon in den 1950er Jahren war die 2-Kind-Familie die Norm.

Folgerung: Für drastische Geburtenbeschränkung braucht man keine Pille.

zum Motiv Kinderwunsch

Das ist zweifellos ein sehr komplexes Problem. Als Sozialhistoriker gebe ich zu bedenken, dass in der Diskussion der Wertewandel zu wenig beachtet wird, hier vor allem: die Entwertung des deferred gratification patterns, des Prinzips der aufgeschobenen Befriedigung. Seit den späten 1960er Jahren hat sich dagegen in den hochentwickelten Ländern als breiter gesellschaftlicher Basistrend durchgesetzt, möglichst wenig auf die unmittelbare Befriedigung von Bedürfnissen (Essen, Trinken, Sex, Freizeit, Spaß usw.) zu verzichten und das auf später aufzuschieben, auch wenn dann vielleicht ein höheres Befriedigungsniveau erreichbar erscheint. Nein, man will alles – und das sofort!

Kinder aufzuziehen ist dagegen ein Musterbeispiel für die Notwendigkeit, auf unmittelbare Triebbefriedigung lange Zeit und immer wieder verzichten zu müssen.

Solange Kinder und evtl. sogar viele eine soziale Norm waren, nahm man sie als Schicksal hin. Diese Norm ist jedoch durch die fortschreitende Individualisierung (Ulrich Beck) aufgelöst worden. Die Individualisierung hat auch die Fortpflanzungsnorm unverbindlich gemacht. Seitdem stellt sich Kinderkriegen als individuell zu lösendes Entscheidungsproblem dar. Und je höher die durch die Existenz von Kindern geforderten Verzichtleistungen, desto häufiger wird auf Kinder verzichtet.

Das liegt nicht zuletzt an der nach wie vor nur mangelhaft ausgebildeten Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in unserer Gesellschaft. Vielmehr wird Frauen immer noch soweit wie möglich die traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter zugemutet, ggf. gepaart mit der Doppelbelastung, nebenbei noch Geld zu verdienen, meist in untergeordneten Jobs. Männer und Frauen müssen lernen, selbstverständlich gleichberechtigt miteinander umzugehen, im Privatleben wie im Arbeits- oder im politischen Leben. Dem tragen aber viele bedeutsame Institutionen nicht Rechnung. Das Vordringen der weiblichen Erwerbstätigkeit, besonders auch der Mütter, hat zwar den modernen Generationenvertrag zustande kommen lassen, wonach Familie und Erwerbstätigkeit auch der Frauen miteinander vereinbar sein sollen. Doch funktioniert der eben nicht: Familien- und Erwerbstätigkeit sind in vielen Arbeitsmarktsegmenten nicht oder nur unter großen Opfern zu kombinieren. Kinderarmut bis zur Kinderlosigkeit ist die Folge, die unserem Sozialstaat die Basis entzieht.

Gerd Hardach hat das Problem gut herausgearbeitet: „Die Voraussetzung für die Stabilisierung der Geburtenrate war die allgemeine Akzeptanz des doppelten Standardlebenslaufs. Die Frauen, die im Rahmen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung für die Kinderbetreuung und die Altenpflege sorgten, waren die >heimliche Ressource< im Generationenverhältnis“. [Vgl. G. Hardach: Der Generationenvertrag. Lebenslauf und Lebenseinkommen in Deutschland in zwei Jahrhunderten. Berlin 2006, S. 451. Ergänzende Erläuterungen in der Rezension von Spree; online unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-060%5D.

Seitdem Frauen diese Zurücksetzung nicht mehr akzeptierten und sich von der „heimlichen Ressource“ der Sozialpolitik zur offenen Ressource des Arbeitsmarkts entwickelten, sinkt die Geburtenrate deutlich.

Hier und an anderen Stellen bewährt sich Hardachs Einbeziehung der familialen Transfers in die Betrachtung der intergenerationellen Leistungsverteilung. Z. B. wird es manchen Leser überraschen, wenn er zur Kenntnis nimmt, dass die so genannte demographische Gesamtlastquote der Erwerbsgeneration auch bis 2030 keine Werte erreichen wird, die stark über denen etwa des Jahres 1871 liegen (62%-66%, je nach Prognosemodell). Doch bestand um 1871 das Einkommen der Jugendlichen und Kinder fast ausschließlich aus familialen Transferleistungen, das der kleinen Alterspopulation ebenfalls aus familialen und nur zu einem geringen Teil aus öffentlichen Transfers (Armenfürsorge, ab 1891 evtl. ergänzend eine Rente). Heute und in der nächsten Zukunft handelt es sich jedoch fast ausschließlich um öffentliche Transferleistungen, besonders für die wachsende Altenpopulation, die in immer geringerem Maße mit familialen Transferleistungen (Unterstützung und Pflege durch die Familie) rechnen kann. Die entsprechenden Anforderungen an die Erwerbstätigen, diese Transfers durch steigende Steuern und/ oder Sozialversicherungsbeiträge zu finanzieren, findet wenig Akzeptanz in der Bevölkerung.  Damit ist aber auch klar, dass die wachsende Erwerbstätigkeit der Frauen unter den gegebenen Bedingungen (aktiver und passiver Widerstand der Männer gegen ein neues Rollenverständnis in Beruf und Familie) nicht nur zur sinkenden Geburtenziffer führt und damit zur Aufkündigung des Generationenvertrags, sondern auch zum Rückgang des Umfangs der familialen Transferleistungen (vgl. Hardach, S. 460).

Weil im Übrigen nicht sichtbar ist, wie sich diese aus dem Geschlechterkonflikt resultierende Sprengkraft für unsere Institutionen reduzieren sollte, da das Problem ja in Gesellschaft und Politik bisher kaum erkannt wurde, erscheint die Hoffnung allzu optimistisch, man würde von wachsender zu stagnierender Bevölkerung gelangen und den Absturz vermeiden können. Auch die Wachstumsperspektiven sind eher düster: Zwar kann  die steigende weibliche Erwerbsquote aufgrund der seit Jahrzehnten zunehmenden und die Männer übertreffenden Qualifizierung der Frauen als wachstumsfördernd eingeschätzt werden, doch wird meist das Hauptproblem ausgeblendet: der hohe und steigende Anteil unqualifizierter Arbeitskräfte in unserer Gesellschaft – der nur in zunehmende Sockelarbeitslosigkeit münden wird. Das hat wahrscheinlich ebenfalls etwas mit dem wandlungsresistenten Selbstbild dieser hauptsächlich aus Männern bestehenden Population zu tun, die nämlich ihrer mangelnden Qualifikation angemessene, niedrig bezahlte Tätigkeiten meidet.

Ich kann an dieser Stelle das Problem nicht vertiefen. Es liegt jedoch auf der Hand, dass Zwangsmaßnahmen – etwa durch die entsprechende Ausgestaltung des Renten- oder des Steuersystems – in der skizzierten Perspektive wenig erfolgversprechend erscheinen.

Folgerung: Das Ausmaß an notwendigen Verzichtleistungen müsste durch gesellschaftliche Hilfestellungen verringert werden. Besonders muss es vermieden werden, dass Frauen Erwerbstätigkeit und berufliche Selbstverwirklichung als unvereinbar mit der Mutterschaft erscheint. Gerade die qualifizierten Frauen verzichten dann zunehmend auf Kinder – und das entzieht unserem auf Umlage basierenden Sozialstaat das Fundament.

Welche Faktoren müssen zusätzlich berücksichtigt werden?

Ich nenne nur vier, die ich nicht mehr im Detail erläutern kann, die aber für die Politik gerade heute wichtig erscheinen:

  • stetiges Wirtschaftswachstum, vor allem in Form der Bereitstellung von Arbeitsplätzen
  • Vertrauen in die Institutionen, besonders in Bildung
  • Optimismus bezüglich der Zukunft der Kinder
  • Planungssicherheit

 

Fazit:

Sozial- und Wirtschaftsgeschichte als kritische Disziplin kann helfen, Irrtümer bei Maßnahmen bzw. politischen Empfehlungen zu vermeiden, die auf nur vermutete historische Voraussetzungen gründen. Sie kann auf Dimensionen und Determinanten verweisen, die häufig übersehen werden. Es erscheint fahrlässig, auf diese kritische Instanz verzichten zu wollen.

Jugendmusik im Sozialen Wandel

 

Jugend-Musik im Sozialen Wandel

 

[zum folgenden Text sollte man die Musikbeispiele hören/ gut kennen; das macht die Ausführungen einleuchtender]

 

Jugend-Musik: Der große „Bruch“ Mitte der 1950er Jahre

 

Die bis Ende der 1950er Jahre vorherrschende materielle Dürftigkeit in großen Teilen der Gesellschaft/ Jugend bedeutete: keine eigenen Plattenspieler oder Tonbandgeräte; etwa ab 1957/58 gelegentlich ein eigenes Koffer-Radio; d.h. das dominante Medium ist bis Ende der 1950er Jahre eindeutig das Radio gewesen. Insofern herrschte eine Abhängigkeit von der Programmgestaltung in deutschen Sendern, die amerikanische/ausländische Entwicklungen weitgehend ignorierte und auch keine spezifischen Jugendangebote machte; wichtigste Sendung deshalb die wöchentliche Hitparade der jeweiligen regionalen Radiostation, in Berlin während der späten 1950er und frühen 1960er Jahre „Die Schlager der Woche“ mit Fred Ignor.[1] In vielen Regionen West-Deutschlands und in Berlin gab es aber eine Alternative, die viel attraktiver war, als die Programme der westdeutschen Stationen: die Soldatensender der Amerikaner (AFN) u. der Engländer (BFBS).[2] Vor allem die AFN-Sendung „Frolic at Five“ brachte stets die neuesten Entwicklungen vom US-amerikanischen Musikmarkt. Die Musikangebote des AFN waren deshalb besonders interessant und selbst denjenigen in den USA in gewisser Weise voraus, als sie wegen der vielen farbigen Angehörigen der US-Besatzung die in den USA bis in die frühen 1960er Jahre übliche Trennung in „weiße“ und „schwarze“ Sender bzw. Musik ignorierte. Man konnte in Deutschland also sowohl die Musik der „schwarzen“ wie der „weißen“ Sender hören – und wusste meist gar nicht, dass in den USA im Rundfunk Rassentrennung herrschte. Um aber Radio hören zu können, gab es oft heftige Auseinandersetzungen mit den Eltern, nicht nur weil als einziges deren Radiogerät im Wohnzimmer verfügbar war, sondern häufig auch weil sie die von den Jugendlichen präferierte „Urwald-Musik“ ablehnten.[3]

 

Erst um 1957/58 begann sich in der BRD allmählich ein kleiner Markt für Schallplatten mit jugendspezifischer Popmusik (inkl. Jazz) auszubilden. Das verschärfte jedoch nur den Kampf um den elterlichen, später um den eigenen Plattenspieler. Offensichtlich legte der Wunsch nach einem Leben mit der Popmusik nahe, die Hits der Zeit im Kopf zu haben, sie vor dem inneren Ohr abzuspielen oder sie gelegentlich vor sich hin zu singen. Das beförderte die Beliebtheit auch seichterer, aber eben sehr melodiöser amerikanischer Schlager.

 

Was hörte man Mitte der 1950er Jahre im deutschen Radio? Z. B.

 

 

Heideröslein

 

Durch die grüne Heide ging ein Mädchen jung und schlank

und ein junger Jägersmann ging auch den Weg entlang.

Pflückte ihr ein Röslein rot und zog den grünen Hut,

sprach sie an, ja, wie es ein Verliebter eben tut.

 

Oh Heideröslein, nimm dich in acht,

oh Heideröslein, was der Jäger macht.

Er pflückt‘ die Rose und gab sie dir,

oh Heideröslein, er will dein Herz dafür.

 

Oder, zugleich das Fernweh befriedigend:

 

Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein

 

Rote Rosen, rote Lippen roter Wein,

Und Italiens blaues Meer im Sonnenschein,

Rote Rosen, rote Lippen roter Wein,

Laden uns ein, laden uns ein!

 

Das liebte die Mehrheit der Schlager hörenden Erwachsenen[4]; notgedrungen war das auch der Stoff, aus dem das Geträller vieler Jugendlicher bestand. Man hörte es ja täglich im Radio.

 

Dem entsprachen die US-Schlager während der frühen 1950er Jahre, die sowohl musikalisch als auch textlich den deutschen kaum überlegen waren, aber von Jugendlichen wegen des ausländischen Appeals oft vorgezogen wurden. Sie waren deshalb in den Musik-Boxes der Milchbars sehr häufig vertreten und wurden auch auf Tanzfesten gern gespielt.

 

Doris Day: What Ever Will Be

 

Doch 1955 fand ein Erdbeben statt, das tendenziell die Jugend spaltete: Der Rock ’n ‚ Roll brach ein. Gern wird in diesem Zusammenhang auf Bill Haley und seinen Nr. 1-Hit „Rock around the clock“ sowie den Film „Saat der Gewalt“ verwiesen, der den Song sowohl im Vor- wie im Abspann benutzte. Doch ist dieser Rockabilly-Song allein schon durch das Auftreten und die Stimme Bill Haleys eher ein sehr rhythmischer Foxtrott als eine Innovation. Anders dagegen Elvis Presleys 1956 aufgenommener Hit „Hound Dog“. Ursprünglich war das ein R&B-Stück, das für eine Blues-Sängerin, Big Mama Thornton, geschrieben und 1952 veröffentlicht worden war.[5] Aber die Coverversion durch Elvis Presley stellte eine Innovation dar, indem er den R&B für Weiße adaptierte und damit den Rock’n Roll prägte.[6]

 

Elvis Presley: Hound Dog

 

 

Gerade Hound Dog macht die Explosivität des Rock besonders deutlich:

 

wild und hart in Rhythmus und Instrumentierung (das gab es allerdings bereits bei Swing, Jitterbug, Jive und Boogie Woogie, deshalb wichtiger:)

die ausdrückliche Mischung von schwarzem Ausdruck, schwarzem Rhythmus und schwarzem Lebensgefühl mit weißer Melodik und Form –

und das vorgetragen von einem Weißen!

 

Wegen der Rassendiskriminierung in den USA kam es (und dafür war Elvis das „Einfallstor“) zwischen 1955 und 1960 zu einer Dominanz weißer Rocksänger im weißen Radio, also auch in Europa. Das Muster war Bill Haley, musikalisch deutlich am Stil der älteren Swing-Combos orientiert, ohne jeden negroiden Einschlag. Vorherrschend wurde der „entschärfte“ Rock. Auch Elvis machte seine Super-Karriere dann in den 1960er Jahren eigentlich mehr wegen der langsameren Love-Songs. In den späten 1950er Jahren hatte er harte weiße Konkurrenten wie Gene Vincent, Jerry Lee Lewis, Pat Boone oder Buddy Holly. Die schwarzen Größen wie Chuck Berry, Little Richard oder Bo Diddley wurden noch lange außerhalb des Einflussbereichs des AFN, also im Mainstream der Schlagerparaden, im deutschen Radio nicht wahrgenommen.

 

Bill Haley: Rock Around the Clock

 

Tatsächlich wurde auf diese Weise eine Wurzel, genauer: ein wichtiger Bestandteil des Rock ’n‘ Roll unterdrückt: der R&B. Er kam erst seit rd. 1960 in weiße Sender, erst seitdem wurden schwarze Rock-Sänger allgemeiner bekannt.

 

Dafür 2 Beispiele der viel älteren, den Rock weitgehend vorwegnehmenden R&B-Musik, die bei Schwarzen in den Städten seit den späten 1940er Jahren extrem populär, aber auf weißen Sendern bis Ende der 50er Jahre – so auch in Deutschland – nicht zu hören war. Hier Fats Domino und Ray Charles als Leitfiguren, deren Ausstrahlung bis heute spürbar ist.

 

Typisch für die schwarze Musik auch, dass als Lead-Instrument meist nicht die Gitarre, sondern das Klavier fungiert – so wie später im Soul die elektrische Orgel, und immer wichtig: das Saxophon.

 

Fats Domino: Blue Monday

Ray Charles: What’d I Say

 

Der Rock brachte für die Jugendlichen vieles auf einmal:

 

– den Rhythmus

– ein neues, heißes Lebensgefühl

– starke Körperlichkeit

– das (mehr geahnte) Versprechen von Sinnlichkeit

– vor allem aber: die Abgrenzung von den Erwachsenen

 

damit wurde  Rock zum Identifikations- und Protestmedium

 

Darüber hinaus wichtig, dass viele Texte keineswegs banal waren und sich vor allem nicht auf fetzenhafte Messages wie Rock oder Roll oder Shake beschränkten. Oft wurden dagegen die Jugendlichen sehr direkt angesprochen, wurden ihre Gefühle, Gedanken, Probleme unmittelbar zum Gegenstand gemacht.

 

Gene Vincent: Bluejean Bop

Chuck Berry: Schoolday

 

Um die Rockmusik herum entstand eine neue ausdrücklich jugendbezogene Musikkultur, die die Erwachsenen sowohl durch ihre Form, aber auch durch die Texte ausschloss. Die Musik eröffnete den Jugendlichen dagegen eine eigene Welt. Und das war historisch neuartig!!!

 

Natürlich setzte diese Entwicklung einiges voraus:

Gestiegenen Lebensstandard = eigene Treffpunkte (Milchbars und Tanz-Lokale mit Musik-Boxes; Kinos), eigene Radios und Plattenspieler.

Der spezifische Markt für Jugendliche kündigte sich etwa ab 1957/58 an.

 

Auch die Deutschen zogen nach. Man kreierte seinen eigenen Bill Haley: Peter Kraus. Eine ganz entschärfte Nummer, eben gut für schwach isolierte Neubau-Sozialwohnungen, für das Rendezvous neben und unter dem Nierentisch. Eine Musik, die den Rock mit dem deutschen Schnulzenstil verband.

 

Peter Kraus: Mach dich schön

 

Liebe und Sexualität waren das zentrale Thema vieler populärer Songs in den späten 1950er Jahren. Natürlich war das kein neues Thema, aber es wurde auf neue Weise ausgedrückt. Im Gegensatz zur schwarzen Musik, wo man Sex oft sehr direkt ansprach, kamen im Rock sexuelle Anspielungen seltener und nur versteckt vor. Dafür war die Inbrunst der vorgeblichen Gefühle, insbesondere die Sehnsucht, um so stärker; eine neue Intensität des Ausdrucks wurde erreicht.

 

Brian Hyland: Sealed With A Kiss

Paul Anka: You Are My Destiny

 

Klar, dass die sexuelle Not die Sehnsucht speiste. Man klagte, dass die Erwachsenen die junge Liebe als Teenage Affection abtaten. Einzig Heirat ließe einen ans Ziel der Wünsche gelangen. Aber die erschien nicht möglich, weil man doch noch so jung war. Daher der Weltschmerz, das Leid. (Dennoch war besonders in den USA die Tendenz zur sehr frühen Heirat mit 20 oder 21 Jahren stark ausgeprägt).

 

Im Übrigen wurde mit dem Wunsch nach Heirat die herrschende Moral letztlich voll anerkannt. So endete der große Umbruch der 1950er Jahre quasi auf halber Strecke.

 

Beach Boys: I’m So Young

 

 

Jugend-Musik der 1960er Jahre:

Neue Massenkultur zwischen Kultureller Avantgarde und Wahnsinn

 

Seit Mitte der 1950er Jahre hatte sich im Bereich der Jugend-Musikkultur eine soziale Polarisierung ausgebildet: Auf der einen Seite Arbeiterjugendliche, Lehrlinge usw., allgemeiner: Angehörige der Unterschichten, die frühzeitig Rockmusik und dazu gehörige Kleidungsmerkmale in ihren Lebensstil integrierten. Sie wurden von der Mittelschicht-Öffentlichkeit als Halbstarke oder Rocker diskreditiert. Auf der anderen Seite Oberschüler und Studenten (damals max. 12%-15% eines Jahrgangs), also eindeutig (bis auf wenige Ausnahmen) Angehörige der Mittel- und Oberschichten, die sich für Jazz begeisterten und das Publikum der Jazzlokale stellten. So jedenfalls die Präsentation in der Öffentlichkeit.

 

Nach außen hin wurden die unterschiedlichen musikalischen Präferenzen sehr betont. So machten Oberschüler und Studenten einen großen Bogen um die Kneipen, in denen sich die Rocker trafen. Das waren für sie die Halbstarken- oder Rocker-Treffs. Und in den Jazzlokalen verkehrten wiederum keine Rocker oder, anders gesagt: dort verkehrten in der Regel keine Unterschicht-Jugendlichen. Auf den öffentlichen Festen der Oberschüler und Studenten, z.B. auf Schulbällen oder Faschingsfesten der Kunsthochschulen, spielten grundsätzlich nur Jazzbands. Höhepunkte dieser Jazzkultur waren die sommerlichen Riverboat-Shuffles.

 

Man symbolisierte das auch in der Kleidung – jedenfalls soweit das die Eltern bzw. der eigene Geldbeutel erlaubten. Die Jazzer zogen sich seit den späten 1950er Jahren am liebsten eine grüne Armee-Parka an (im Winter mit Futter), dazu Jeans, Schuhe mit weichen Kreppsohlen; man trug – angelehnt an die Existentialisten-Mode – gern schwarze lange Pullover und Schals; Haarschnitt der Jungen scheitellos mit Fransen in die Stirn, sogenannter Cäsarenschnitt, bei Mädchen meist Pony und Pferdeschwanz. Ein besonderes Merkmal der Mädchen waren schwarze französische Lackmäntel.

 

Rocker dagegen trugen (wenn sie dazu die Mittel besaßen) schwarze Lederkleidung und feste Stiefel – eben Motorrad-Kleidung, und wenn auch nur einzelne Teile davon, denn die meisten Unterschicht-Jugendlichen hatten kein Motorrad, sondern höchstens ein Moped. Dennoch parkten vor den so genannten Halbstarken-Treffs, besonders in den Großstädten, oft die schweren Maschinen in 30-50 Dreierreihen. Sehr beeindruckend! (Beispiel: die „Kajüte“ im zerbombten „Tusculum“ in Alt-Tegel).

 

Tatsächlich war die Abgrenzung über Musikvorlieben jedoch nur äußerlich. Im privaten Bereich gab es jede Menge Oberschüler und Studenten, die für Rockmusik schwärmten, sich die Musik am Radio reinzogen und seit den späten 1950ern entsprechende Platten kauften. (Z.B. tanzten wir auf unseren Klassenfeten und privaten Parties seit ca. 1957 fast ausschließlich nach Rockmusik. Gelegentlich lief mal „Icecream“ von Chris Barber oder etwas Ähnliches. Aber das war eher die Ausnahme, schon weil man nach Rock viel interessanter tanzen konnte). Die Polarisierung war in der Außendarstellung ziemlich strikt. Über die Doppelmoral oder Schizophrenie dachte kaum ein Jugendlicher nach. Man nahm die soziale Distanzierung als selbstverständlich hin. Genau das änderte sich Anfang der 1960er Jahre mit dem Aufkommen des Beat, der in dieser Hinsicht eine soziale Revolution anbahnte.

 

 

Exkurs: Amateur-Jazz und Skiffle; selbst Musik machen

 

Doch zunächst noch ein wichtiges Element des Lebensstils Jugendlicher, das ich bisher vernachlässigt habe. Das Besondere am Leben mit Musik in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren war das Selbst-Musizieren. Der Traum vieler Jugendlicher, vor allem männlicher, war es, in einer Jazzband zu spielen. Deshalb gab es in jeder größeren deutschen Stadt eine Vielzahl von Amateurbands. In Berlin, Frankfurt und Hamburg z.B., den Hochburgen des Jazz, gab es Ende der 1950er Jahre Hunderte von Jazzbands, die teilweise nur privat übten und für sich selbst musizierten, gelegentlich auch auf privaten oder Schulfesten spielten. Die besten Amateurbands traten 1 oder 2 Mal pro Woche in den verschiedenen Jazzclubs bzw. Jazzlokalen auf, die ja teilweise an jedem Abend Bands live spielen ließen. Höhepunkte waren die Jazzfestivals der Großstädte, die Wettbewerbscharakter hatten. Die Festivalsieger einer Stadt wurden für das Bundesfestival gemeldet, dessen Beste in Radio und Fernsehen auftraten und auf einen Schallplattenvertrag hofften. Die bedeutendsten Amateur-Bands kannte man in ganz Deutschland, so aus Hamburg die Old Merrytale Jazzband, die Barrelhouse Jazzband, die Riverside Jazzband, die Oimel Jazz Youngsters und die Jailhouse Band, aus Celle die Old Heide Town Ramblers, aus Düsseldorf die Feetwarmers,  aus Frankfurt die Two Beat Stompers, oder aus Berlin die Spree City Stompers, Papa Ko’s Jazzin‘ Babies, die Red Onions, die Storyville-Jazzband und die Tower-Jazzband. Das waren alles zumindest Halb-Amateure, oft noch Oberschüler, die eben fast ihre ganze Freizeit in das Jazzen steckten.

 

Jazz zu spielen setzte aber mindestens den Besitz eines Instruments voraus, am besten eines Blasinstruments. Für viele Jugendliche war das unerreichbar, nicht zuletzt weil die Eltern nicht bereit waren, statt der Geige oder Flöte eine Trompete zu finanzieren. Begünstigt waren da die Jugendlichen, die zunächst in eine kirchliche Blaskappelle gingen. Mit 15/16 Jahren wechselten sie dann oft zum Jazz. Für andere, die nicht an ein Blasinstrument kamen, blieb als Ausweg der heute fast völlig vergessene Skiffle.[7] Diese liedhafte Musik ist vor allem durch die Instrumente charakterisiert: Gesang, ergänzt durch das Kazoo, begleitet von Banjo oder Gitarre, evtl. Ukulele, Kisten-Baß und Waschbrett. Das damals in den meisten Wohnungen noch vorhandene Waschbrett (Ende der 1950er Jahre hatten erst 8% aller Haushalte eine Waschmaschine!) mit der geriffelten Eisenblech-Oberfläche wurde zum Musikinstrument, zum Schlagzeug-Ersatz. Man spielte es, indem man mit Mutters Fingerhüten an den Fingern rhythmisch über das Blech strich oder darauf trommelte.

 

Die Instrumente waren billig und meist irgendwie vorhanden. Am auffallendsten der Baß. Er wurde i.d.R. als Teekisten-Baß gebaut, d.h., man befestigte am oberen Boden einer möglichst großen, geschlossenen Kiste eine Schnur, die mit einem Besenstil gespannt werden konnte. Auf diese Schnur haute man rhythmisch mit einem Holzstock, und durch die unterschiedliche Spannung der Schnur mit dem Besen gab es hellere oder dunklere rumpelnde Geräusche. Das absolut Primitive und Improvisierte gehört zum Skiffle, z.B. auch das Kazoo, das sich wie ein geblasener Kamm anhört und oft auch durch einen solchen ersetzt wurde. Oder man erzeugte dumpfe Töne mit einer Membrane, die über eine Milchkanne gespannt war. Skiffle ist eben Arme-Leute-Musik!

 

In Großstädten gab es Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre etwa so viele Skiffle- wie Jazzbands, d.h. jeweils Hunderte! Sie traten ebenfalls gelegentlich öffentlich auf, häufiger jedoch spielten sie nur für sich selbst, zum Spaß. Einige wenige englische Skiffle-Groups machten Plattenaufnahmen. Am bekanntesten wurden die Skiffle Bands von Lonnie Donegan und Ken Coyler. Lonnie Donegan spielte in Chris Barbers Jazz Band Banjo, Ken Coyler, der ursprüngliche Bandleader, Trompete. Viele spätere Beatgrößen, so auch John Lennon, Paul McCartney, Ringo Starr (als Gruppe: The Quarrymen), Eric Clapton, die Rolling Stones, Van Morrison haben zunächst längere Zeit in Skiffle-Bands gespielt. (Ein bekannter deutscher Chanconnier, Reinhard May, war Anfang der 1960er Jahre zunächst der Gitarrist der Rotten Reddish Skiffle Guys in Berlin-Hermsdorf). Nachdem seit Mitte der 1960er Jahre jahrzehntelang Skiffle auf Schallplatten und im Radio praktisch nicht verfügbar war, sind inzwischen einige alte Skiffle-Platten wieder aufgelegt worden und vor allem einige interessante Sampler mit sonst kaum bekannten Gruppen produziert worden, z. B. die 3er CD The Best of Skiffle (2002) oder die LP Kings of Skiffle, aus der ich einen ganz typischen Song herausgreife.

 

Ray Bush and the Avon City’s Skiffle: How Long Blues

 

Man möchte am liebsten mitsingen – das ist typisch für den Skiffle. Musik zum Selbermachen, Mitmachen, Mitsingen. „Skiffle was a way of letting loose; very often it released the performers from their shyness, it was a way of getting involved, of creating music and happiness for oneself and for anyone else who would care to listen or to join in.“[8]

 

Dennoch ging der Skiffle wie der Amateurjazz als Element der Jugendkultur ganz schnell zwischen 1963 und 1965 unter – platt gewalzt vom Beat. Ganz selten greifen große Musiker mal Elemente des Skiffle kurzfristig auf. Beispiele: Anfang der 1970er Jahre die Gruppe Mungo Jerry mit In the Summertime und Lady Rose; 1974 der Ex-Faces-Gitarrist und Sänger, Ronnie Lane, der inzwischen an Krebs gestorben ist (ein von Eric Clapton organisiertes Hilfskonzert für ihn bzw. seine Familie vereinigt seit Mitte der 1980er Jahre regelmäßig die englische Rock- und Blues-Elite im Februar in der Royal Albert Hall in London); ich denke hier an einige Nummern auf dem Album Anymore for Anymore, bes. an die Version von Careless Love Blues. Nicht zu vergessen – mein Favorit, Mark Knopfler, mit den Notting Hillbillies 1990 und dem Railroad Worksong (Take This Hammer). Und schließlich eine interessante Live-CD aus Belfast, wo sich 1999 Chris Barber, Lonnie Donnegan und Van Morrison zum Skiffeln getroffen haben, The Skiffle Sessions.

 

Um 1960 herum also der Höhepunkt dieser Entwicklung, in der Jazz und Skiffle, vor allem als selbstgemachte Musik, eindeutig ein wichtiges Element des Lebensstils von Jugendlichen geworden waren; allerdings fast ausschließlich von Mittel- und Oberschicht-Jugendlichen, und hier wieder schwerpunktmäßig in den Großstädten. Doch wenige Jahre später war das vorbei, so gründlich, dass man sich nur wundern kann, wie wenig übrig geblieben ist.

 

-.-

 

Deshalb zurück zu der Art Musik, die in die Zukunft führte. Das war Anfang der 1960er Jahre immer noch der Rock in seinen gezähmten, teilweise verzerrten, aber eben gut hörbaren Varianten. Im folgenden 2 Beispiele, die für die direkte Anknüpfung an Gefühle und Gedanken von Jugendlichen im Text stehen.

 

Im ersten Beispiel geht es um das eigene Zimmer, das eigene Reich, die von Jugendlichen so dringend benötigte Rückzugsmöglichkeit.

 

Beach Boys: In My Room

 

Und im zweiten Beispiel haben wir den Song, der allen Studenten der Universität München, bes. den Geisteswissenschaftlern, gewidmet zu sein scheint („I am not an A-Student, but I try to be“):

 

Sam Cooke: Wonderful World

 

So beliebt der Rock damals war, so sehr war er doch in der Krise. In den führenden deutschen Tanzlokalen mit primär jugendlichem Publikum trat diese Krise offen zutage. Im Berliner Old Eden Saloon z. B. gab es seit den späten 1950er Jahren 4 verschieden spezialisierte Räume: einen Jazzroom, eine Piano-Bar, einen Rock-/Beatroom und einen Mixed-Room, in dessen Music-Box alle Stile gemischt waren, vom Jazz über R&B bis zum Rock. Dort hörte ich z.B. an einem Abend des Sommers 1961 hintereinander Ray Charles What’d I Say, Chubby Checker Let’s Twist Again und Art Blakey & The Jazz Messengers Blues March for Europe, jeweils Höhepunkte ihres Genres, aber eben total verschiedene Stile, die nur dort gemischt werden konnten, weil viele GIs das Lokal präferierten. Zugleich liefen auf 3 verschiedenen Leinwänden Hobby-Filme des Inhabers, des Playboys Rolf Eden, meist Bildberichte von Parties auf seiner Jacht oder dergl. Im Rock-Room war stets die Crème der tanzwütigen Berliner Jugend versammelt, und man tanzte 1960/61 dort u.a. nach Rockmusik, aber selten. Häufiger waren Twist, Locomotion, Madison, Hullygully, Shake, Surf, La Bamba usw. – dabei auffällig viele Formationstänze.

 

Der Rock befand sich zu Beginn der 1960er Jahre offenkundig in einer Krise. Es gab keinen dominanten oder prägenden Musik-Stil mehr. Entsprechend differenzierte sich das Lebensgefühl der Jugend aus. Viele Moden und viele Aktivitäten bestanden nebeneinander.

 

Besonders weite Verbreitung fand der Tanz La Bamba, praktisch eine einzige Nummer, die allerdings in mehreren Cover-Versionen existiert und dennoch einen eigenen Tanzstil provozierte. Hier die Musik in der Version, die 1962 der absolute Hit der Saison war und von Kampen auf Sylt bis Berchtesgaden in sämtlichen Tanz-Schuppen und -Bars lief. Dass der dazu gehörige Tanzstil eine typische Erfindung der Jugend war, ist klar, denn er ist so kräftezehrend, dass die älteren Damen und Herren in den Edel-Bars meist nach einer halben Nummer schweißgebadet aufgaben.

 

Trini Lopez: La Bamba

 

Der beliebteste Tanz der späten 1950er und frühen 1960er Jahre war allerdings der Twist, für den ständig neue Figuren bzw. Tanzstile erfunden wurden. Die Jugend hatte es gern quasi artistisch. Die älteren Damen/Herren begnügten sich damit, ihre Bäuche und Hinterteile zu schwenken.

 

Chubby Checker: Let’s Twist Again

 

Doch die Orientierungskrise war bald vorbei. Ein neuer Stil, der Beat, hatte sich herausgebildet, der langsam in die Radios, die Charts, die Music-Boxes und auf den Schallplatten-Markt drängte. Zunächst ganz unauffällig. Dennoch trug er von Anfang an Züge eines großen Umsturzes, um nicht von einer Revolution zu sprechen. Das Wichtigste an der Entwicklung war, dass die USA verblassten. Die Folge war allerdings, dass die schwarzen Musiker, die durch den Rock und seine Vermischung mit dem R&B seit wenigen Jahren auch für das weiße Publikum bedeutsam geworden waren, wieder verdrängt wurden. Ebenso die fast ausschließlich schwarzen Frauen-Gruppen, die zwischen 1955 und 1962/63 unendlich viele schöne Rock’n’Roll-Nummern im weichen „Doo Wop“-Stil produziert hatten, etwa The Falcons You’re So Fine, The Five Satins In The Still Of The Night, The Dells Oh What A Night, The Shirelles Will You Still Love Me Tomorrow und The Chiffons One Fine Day. (Sie lieferten u. a. die Hintergrundmusik zu dem Film Dirty Dancing).

 

Der Beat wurde in England geboren. Er war weiße Musik, klar männlich dominiert und mit einem künstlichen Underdog-Image versehen. Angeblich war er der direkte Ausdruck der Lebenserfahrungen von Jugendlichen in der Fabrik: das Stampfen der Maschinen sei in Musik umgesetzt worden. Tatsächlich wurde er von Mittelschicht-Jugendlichen erfunden, die vornehmlich aus dem Milieu von Kunst und Werbung, den Art Schools, kamen. Seine Wiege stand im Cavern-Club in Liverpool. Die früheste Version hieß deshalb Mersey-Beat. Im folgenden der Song, mit dem der Mersey-Beat 1960 die Musikszene betrat, zunächst noch fast unbemerkt, eben als eine Stilvariante unter den vielen anderen oben erwähnten.

 

Johnny Kidd & ThePirates: Shaking All Over

 

Was sind die auffälligsten Merkmale dieses neuen Stils? Natürlich der absolut von elektrischen Gitarren dominierte Sound, meist in der Besetzung mit zwei Melodie-Gitarren, 1 Bass und 1 Schlagzeug. Dazu Gesang. Was zunächst jahrelang rausfiel waren die Bläser, vor allem das Saxophon, das im Rock zunehmend vertreten gewesen war, vom R&B eingebracht. Auch das Klavier und der weibliche Hintergrunds-Chor (die Shoobie-Doo-Sänger) entfielen meist. Statt dessen oft hervorragender Chorgesang der Instrumentalmusiker, mustergültig bei den Beatles und den Beach Boys, die sich an einer typischen Gesangsgruppe orientierten, den Four Freshmen. Und der Rhythmus wurde völlig gradlinig, dadurch in gewisser Weise drivender, keine Samba-Schläge, die zum In-die-Knie-gehen reizen.

 

Die Texte waren auch hier i. d. R. wichtig. Sehr oft enthielten sie eine Botschaft. Natürlich spielen Liebe und Trennungsschmerz weiter eine große Rolle. Dazu als Beispiel der wohl berühmtesten Beat-Gruppe aus Liverpool, den Beatles, einer ihrer ersten Top-Hits aus dem Jahre 1963:

 

Beatles: She Loves You

 

Daneben fand jedoch seit etwa 1963 ein Themenwechsel statt. Man sang nicht mehr über den Schulalltag, die Freude am eigenen Auto oder Motorrad oder Zimmer. Man feierte ein neues Lebensgefühl, nämlich schlicht: jung zu sein. Jugend ist plötzlich ein Wert an sich. In unzähligen Beat-Songs versichert man sich gegenseitig, Sänger und Publikum, dass man jung sei, dass man einer Generation angehöre, dass das tolle Leute und alle über 30 Spießer seien. Im Beat drückt sich ein neues Selbstwertgefühl der Jugend aus und wird offen demonstriert. Dieser Wechsel kann gar nicht bedeutsam genug eingeschätzt werden. Ich erinnere an das Gejammer, das wenige Jahre zuvor noch zu hören war: Wir sind zu jung, können noch nicht heiraten usw. Jetzt, gegen Mitte der 1960er Jahre, pfeift man auf Heirat und will gar nicht älter werden oder als Erwachsener eingeschätzt werden. Die Unterwerfung unter die Sexualmoral der Eltern ist vorbei. Was sich seit Mitte der 1950er Jahr andeutete, wird nun seit der Mitte der 1960er Jahre mit dem Beat realisiert: „Jugend verselbständigte sich und erhob Popmusik zum Leitmedium ihres Alltags, ja von Massenkultur insgesamt. (…) Nach Ansicht des Soziologen Paul Yonnet hat sich die Jugend der westlichen Industriestaaten damit als >transnationales Volk< erfunden.“[9] Und, was mir besonders bedeutsam erscheint: Zwar differenzieren sich seitdem die jugendlichen Subkulturen und Lebensstile immer schneller aus, aber die noch um die Wende zu den 1960er Jahren so ausgeprägte klare Trennung von Mittelschicht- und Unterschicht-Jugend bzw. -Kultur ist im Medium des Beat weitgehend aufgehoben worden. Beat und das mit ihm oder von ihm transportierte Lebensgefühl wirkten schichtübergreifend. Weniger korrekt, könnte man auch sagen: der Beat hob den Klassengegensatz in der Jugendkultur auf.

 

Was bedeutet das? Waren die sexuellen Bedürfnisse verschwunden? Hatte ein fundamentaler Wandel der Moralvorstellungen bereits stattgefunden? Nein, noch nicht, aber der Moralwandel bereitete sich spürbar vor. Und schließlich kam in Beat-Songs schon früh auch Sozialkritik zur Sprache.

 

Das neue Lebensgefühl bringt gut der Song My Generation zum Ausdruck, mit dem The Who das Motto für die Mittsechziger Jahre vorgegeben haben.

 

The Who: My Generation

 

People try to put us down

Talking bout my generation

Just because we get around

Talking bout my generation

The things they do look awful cold

Talking bout my generation.

 

Das sind offensichtlich keine sehr klaren Aussagen, war angesichts des harten Drive dieses Songs kein Problem, die Botschaft wurde dennoch verstanden.

 

Auch die Rolling Stones erwiesen sich in ihren frühen Hymnen nicht als wortgewaltig. Und doch haben Millionen Jugendliche in aller Welt 1964 die Message verinnerlicht: I Can’t Get No Satisfaction. Gegenüber den Erwachsenen/ den Autoritäten galt als Regel: Spotten, angreifen, verachten. Die ZEIT interpretiert die Botschaft von Satisfaction wie folgt: Die Musik enthalte „die Aufforderung an jeden einzelnen, sich nicht länger einzuordnen, unterzuordnen, sich nicht länger die Befriedigung zu versagen, deren Erfüllung doch schon längst möglich ist.“[10] Damit wird eines der wichtigsten Themen des großen Umbruchs um die Mitte der 1960er Jahre angesprochen, das viele Menschen in den westlichen Industriegesellschaften umtrieb und ein Motto der Studentenbewegungen zwischen Berlin und Tokio war: die Aufkündigung des Prinzips der aufgeschobenen Befriedigung (Deferred Gratification Pattern) als Leitlinie der Sozialisation von Jugendlichen.[11] An die Stelle des Strebens nach kulturell höherwertigen Leistungen durch Sublimierung der primitiven Triebe[12] trat zunehmend eine repressive Entsublimierung, besonders im Sexualverhalten.[13] Dafür steht z. B. das Motto: Wer zweimal mit Derselben pennt, gehört schon zum Establishment.

 

Ein weiteres bedeutsames Element der sich anbahnenden, neuen Jugendkultur, die im Beat besonders früh zum Ausdruck kam, scheint mir die Abkehr vom tradierten Männlichkeitsideal zu sein. Noch im Rock’n’Roll tritt der (junge) Mann eher als harter Typ auf, als tough guy. Er mag zwar klarer als bisher üblich seine Gefühle andeuten, indem er mit vibrierender Stimme von seinen Liebessehnsüchten singt, wie Elvis in Heartbreak Hotel oder I Wanna Be Your Teddybear. Aber mit den zuckenden, sich windenden Hüften, die zur Show von Elvis gehörten, wird eine männliche Sexattitüde zum Ausdruck gebracht. Für manche konservative Kritiker erschien die Haltung, die Pose, „unmännlich“, aber eigentlich nur, weil eben überhaupt ein Gefühl ausagiert wurde. Was jedoch rüberkommen sollte, entspricht ganz alten Idealen: Der Stolz des Mannes auf seinen bekanntlich in der Hüftregion befindlichen Zauberstab, der durch das Wiegen und Herausdrehen der Hüften regelrecht angepriesen wird. Und viele Elvis-Songs sprechen das Gefälle zwischen den Geschlechtern ausdrücklich an. So in I Was The One; er hat sein Mädchen gerade an einen anderen verloren, aber es sei doch ganz klar: Was der nun genießt, hat sie allein bei ihm, dem verlassenen Liebhaber, gelernt.

 

I was the one who taught her to kiss

The way she kisses him now.

And you know the way that she touches your cheek,

yes, I taught her how.

I was the one who taught her to cry

When she wants you under her spell.

The sight of her tears drives you out of your mind;

I taught her so well. (usw.)

 

Der andere profitiert nun von dem erfolgreichen Unterricht – oder leidet auch mal unter einigen erlernten Tricks. Denn die Frau wusste nicht einmal, wie Tränen wirken; hat er ihr alles erst beigebracht. Tja, dumm gelaufen!

 

Diese selbstverständliche Macho-Pose gaben viele Beat-Bands von vornherein auf. Besonders deutlich die Bands, etwa die Beatles, die systematisch bei der Lead-Stimme wie in den Background Vocals Falsett-Stimmen einsetzten und damit die Geschlechtsdifferenz partiell einebneten. Auch die (relativ) langen Haare, die fast alle Beat-Bands der ersten Stunde (ab 1963) kultivierten, mal adrett wie die Beatles, mal wild und zottelig wie die Rolling Stones und die Who, wurden von den Zeitgenossen ausdrücklich als „weibisch“ diskreditiert. Die perückenartigen Lockenfrisuren, die Phantasieuniformen und die Rüschenhemden, die 1966 bis 1968 eine Zeitlang kultiviert wurden und „harte Burschen“ wie Eric Clapton bei seinen Auftritten mit den Yardbirds zu einer lächerlichen Figur machten, waren zwar als Anleihen an das Rokoko gedacht, untergruben aber einen traditionellen Männlichkeits-Appeal. Manche Gruppen machten daraus ein Programm, so Sonny & Cher, die bei vielen Songs, etwa bei dem (jüngst wieder schlecht gecoverten) I Got You Babe, eine identische Tonlage wählten, so dass kaum unterscheidbar ist, wer jeweils singt. Oder wie Jefferson Airplane in Somebody to Love. In der Kleidung propagierten sie ebenfalls Uni-Sex. Androgyne Tendenzen spielten insgesamt eine große Rolle in der vom Beat geprägten Jugendkultur der 1960er Jahre.

 

Wahrscheinlich hat das den erneuten Einbruch der schwarzen Musik in die Jugendkultur in Form des Soul ab ca. 1965 sehr begünstigt. Denn deren männliche Leitfiguren, besonders James Brown, stellten nicht nur ein neues, politisch von den westlichen Jugendlichen begrüßtes, schwarzes Selbstbewußtsein zur Schau (Say It Loud I’m Black and Proud), sondern eben auch eine ziemlich unverblümte Macho-Pose; It’s A Man’s World oder Sexmachine und viele andere Titel stehen dafür. Wie oft in solchen Situationen war den meisten jungen Männern, die auf diese Musik abfuhren, der Appell an den Macho wahrscheinlich gar nicht bewusst. Deshalb muss er jedoch nicht unwirksam gewesen sein. Jedenfalls bildeten diese beiden Tendenzen, ohne dass es damals thematisiert wurde, in gewisser Weise einen Gegensatz: beim weißen Beat in Westeuropa und den USA die zaghafte Suche nach einem neuen Männlichkeitsideal – weicher, einfühlsamer, verständnisbereiter, partnerschaftlicher, weniger auf einer a priori gegebenen Überlegenheit beharrend; beim Soul dagegen eher eine Betonung des traditionellen Macho-Typs – aber mit mehr demonstrativer Sinnlichkeit gekoppelt.

 

Das sozialkritische Element vertraten u. a. die Animals mit Eric Burdon deutlich – nicht zuletzt durch Identifikation mit den Schwarzen, deren Musik die Animals feierten. Im folgenden Song wird schon im Titel der neuartige Anspruch erhoben: Das ist mein Leben. Die Philosophie war: Dies Leben gehört nur mir, dem Jugendlichen; und ich werde damit umgehen, wie ich es für richtig halte.

 

Animals: It’s My Life

 

Die Politisierung, die sich in vielen Beat-Texten bereits seit etwa 1963 ankündigte, wurde allerdings durch einen anderen Zweig der Pop-Musik mit knappem zeitlichem Vorlauf viel direkter und schneller vorangetrieben, durch die Folk-Music. Sie verschaffte übrigens für wenige Jahre noch einmal ihren Anhängern die Chance, selbst Musik zu machen. Es wurde ein große Bewegung des Mitsingens und gemeinsam Musizierens, die sich unter den Mittel- und Oberschicht-Jugendlichen in der ganzen westlichen Welt rasch ausbreitete.

 

Ihr wichtigster Vertreter war der mit vielen Fernsehsendungen, Film-Retrospektiven und Feuilletons geehrte Bob Dylan, seit Juni 2013 auch Mitglied der Berliner Akademie der Künste und Inhaber des Nobelpreises für Literatur 2016. Allerdings trat Bob Dylan 1962 erstmalig mit scheinbar ganz unpolitischen Liedern an die Öffentlichkeit, sämtlich keine Eigenkompositionen. In den Texten und vor allem im Gesangsstil dokumentierte sich jedoch eine Radikalität des subjektiven Ausdrucks, die ich ja auch für die Beat-Musik konstatierte. Hier ein Beispiel dafür von seiner ersten Platte, ein traditioneller Song, den Dylan auf seine unverwechselbare Weise interpretiert.

 

Bob Dylan: See That My Grave Is Kept Clean

 

Wenig später ist es mit den Traditionals vorbei. Dylan machte seine eigenen Texte und erwies sich von der zweiten Platte an (ebenfalls 1962 ediert) als Songschreiber und -komponist, der in genialer Weise die Probleme und Gefühle aufgriff, die seine Generation umtrieben. Mit dieser zweiten Platte The Freewheelin‘ Bob Dylan begründete Bob Dylan seinen Ruf als Protestsänger und trieb damit die Ausbreitung des Gesellschaftsprotests ganz maßgeblich voran. Wichtigster Auslöser und Gegenstand dieses Jugendprotests war der sich 1962/63 stark ausweitende Vietnam-Krieg. Und darum richten sich mehrere Songs auf der genannten Platte gegen diesen Krieg und seine Betreiber, besonders gegen die Rüstungs-Fabrikanten, z.B. Blowin‘ in the Wind, A Hard Rain’s Gonna Fall, Talking World War III Blues und nicht zuletzt Masters of War.

 

Dieser Song hatte alles, was die Jugend, die sich moralisch entrüstete, erwartete: starkes gefühlsmäßiges Engagement gegen Kriege überhaupt; Protest gegen die Alten, die den Jungen den Krieg einbrocken; dabei ein Schuss Kapitalismuskritik; und schließlich die subjektive Pose radikaler Verachtung. Man könnte sie mit einem Buchtitel des existenzialistischen Autors und Jazzmusikers Boris Vian umschreiben: Ich werde auf eure Gräber spucken!

 

Ein Jahr später, 1963, brachte Dylan dann die großen Veränderungen, die sich anbahnten, auf den Begriff. Man bedenke: In dem Jahr sangen die Beatles noch She Loves You und die Stones Money, That’s What I Want; beim Beat entdeckte man sich als My Generation – war aber ansonsten meist noch ziemlich blind gegenüber dem, was in der Gesellschaft passierte. Da sang Dylan bereits The Times They Are A-Changing.

 

Bob Dylan: The Times They Are A-Changing

 

Diese Botschaft wurde überall in der westlichen Welt gehört. Überall sangen Jugendliche dies und andere Lieder, vor allem auch Blowin‘ In the Wind. Dazu trug natürlich maßgeblich bei, dass von vielen Dylan Songs sehr rasch Cover-Versionen erschienen, die teilweise populärer wurden als die Originale. Besonders stark wurde die Verbreitung von Dylan-Songs durch seine damalige Freundin Joan Baez vorangetrieben. Aber auch die Beatles, die Byrds, die Hollies, die Seekers, Johnnny Cash, Duane Eddy, José Feliciano, Jimmy Hendrix, Van Morrison und Elvis Presley, um nur einige Pop-Größen zu nennen, hatten während der 1960er Jahre Dylan-Songs im Repertoire.

 

Das Wichtigste war jedoch, dass man sie häufig so gut nachsingen konnte. Bis heute gehören viele dieser Songs deshalb zum Standard für jeden, der Gitarre spielt und dazu singt, egal ob für sich allein oder in Gruppen, dort aber ganz besonders.

 

Die Protest-Bewegung breitete sich in der Jugend wie in der Pop-Musik rasch aus. Doch ist das ein eigenes Thema, auf das ich hier nicht weiter eingehen will. Statt dessen halte ich noch einmal fest: Anfang der 1960er Jahre entdeckten die Jugendlichen ihre unmittelbaren Bedürfnisse und meldeten deren Befriedigung an. Dabei bedienten sie sich des Mediums des Beats. Neu waren nicht die Bedürfnisse, sondern die Forderung nach Befriedigung, und dies möglichst ohne Aufschub. Diese Forderung wurde nicht im stillen Kämmerlein gehalten, sondern offen ausgesprochen, ja geradezu herausgebrüllt. Die Jugend erhob mit dieser Musik und ihren Texten den Anspruch auf eigenes, selbstbestimmtes Leben.

 

Historisch neuartig an diesem Anspruch war, dass er keinerlei Verzicht akzeptierte, besonders nicht auf stimulierende Drogen. Und so kam die Beat-Szene schon seit ca. 1964 immer stärker mit Drogen-Konsum in festen Kontakt. Die Musiker wirkten dabei als (negative) Vorbilder. Zunächst wurde offen der Alkohol als Element des Lebensstils zelebriert. Sex and Booze hieß bei zahlreichen bekannten Gruppen und Sängern die Parole. Auf der Bühne, hinter der Bühne und vor der Bühne wurde reichlich getrunken. Besonders bei Konzerten der Beat-Gruppen in den Clubs der Großstädte, z.B. in Liverpool und London, in Hamburg und Berlin. Spätestens ab 1965 wurde mehr und mehr die Einnahme von Haschisch und Marihuana bis zum LSD propagiert; da diese Drogen nicht legalisiert waren, weniger offen, dafür um so nachhaltiger in Anspielungen in den Song-Texten. Aber zunächst machte man jahrelang daraus kein großes Problem, jedenfalls in Deutschland nicht. Man glaubte, es handele sich nur um ein Problem der Musiker.

 

Um so klarer zeichneten sich zwei andere gesellschaftliche Auswirkungen des mit dem Beat aufgekommenen neuen jugendlichen Lebensstils ab: die Veränderung der sexuellen Verhaltensweisen und die latente Politisierung der Jugend. Zunächst eine Anmerkung zum Sex. Frank Zappa von den Mothers of Invention meinte dazu in einem Interview: Die Jugendlichen beginnen, die geltenden sexuellen Tabus zu missachten und verunsichern damit die Elterngeneration zutiefst. Und die allgemeine Verfügbarkeit der Anti-Baby-Pille seit 1966 erleichterte die Freizügigkeit. Mom und Dad waren sexuell uninformiert und gehemmt…, und sie sahen keinen Grund, warum ihre Kinder anders aufwachsen sollten. (Warum sollten diese schmutzigen Teenager plötzlich allen Spaß haben.) Sex ist dafür da, Babys zu kriegen. Der Beginn einer sexuellen Befreiung ist Teil des Aufbegehrens der Jugend gegen alle möglichen anderen einengenden Tabus und Verhaltenszwänge gewesen.[14]

 

Genau das spiegelt sich wiederum in den immer ruppigeren oder auch phantastischeren Kostümierungen und Live-Acts bzw. Shows der Pop-Idole. Die Haare wurden immer länger, die Frisuren wilder, die Röcke der Mädchen kürzer, die Kleidung bunter und oft ungepflegter. Schlips und Kragen und Anzüge kamen abhanden. Die Cardin-Uniformen der frühen Beatles wurden nur noch belächelt. So wie auch BHs, Korsagen, Reizwäsche und vieles andere für einige Jahre zurückgedrängt wurden.

 

Kritisch sei an dieser Stelle angemerkt, dass schon bis Mitte der 60er Jahre auch der Preis sichtbar wurde. Z.B. in Form des Verlusts an eigener musikalischer Betätigung. Jazz und Skiffle verschwanden nicht nur binnen weniger Jahre fast vollkommen aus dem jugendlichen Lebensstil. Es trat auch nichts an dessen Stelle. Die wenigsten Jugendlichen strebten die Gründung eigener Amateur-Beat-Bands an. Von vornherein standen 2 Tatsachen dagegen: die hohen Kosten der notwendigen Ausrüstung, gekoppelt mit dem Fehlen adäquater Probenräume. Und vor allem die inzwischen erreichte Allgegenwart der käuflichen Produkte und deren Perfektion. Die meisten Jugendlichen hatten Mitte der 1960er Jahre eigene Radios, Plattenspieler und ggf. Tonband-Geräte und vor allem auch eigene (wenn auch meist sehr kleine) Zimmer in der elterlichen Wohnung, in denen man die Musik hören konnte. Der auf Jugendliche zugeschnittene Musikmarkt wuchs rasend schnell. Der Lebensstil der Jugendlichen begann eine enge Beziehung zum Kommerz einzugehen.

 

Nur am Rande erwähnen möchte ich, dass natürlich nicht alle Jugendlichen dem Beat ergeben waren. Abgesehen von der kleinen Gruppe, die sich nur für E-Musik interessierte und Pop-Musik sowieso ablehnte, bleibt die zahlenmäßig nicht genau erfassbare Gruppe der Jugendlichen, die weiterhin deutsche Schlager präferierten. Es muss sie ja gegeben haben, die Millionen Fans von Gitte (Ich will nen Cowboy als Mann, 1963), Rex Gildo (Liebeskummer lohnt sich nicht, 1964), Manuela (Schuld war nur der Bossa Nova, 1962), Adamo (Es geht eine Träne auf Reisen, 1967), Alexandra (Zigeunerjunge, 1967), Roy Black, Heino, Heintje und Udo Jürgens. Auch junge Leute, nicht nur Eltern und Großeltern, haben regelmäßig die Große Schlagerparade des ZDF gesehen und Dieter Thomas Heck und anderen Blindgängern die hohen Einschaltquoten beschert. Das ist die dunkle Seite der 1960er Jahre, um deren Erhellung ich mich nicht kümmern möchte. Denn interessant ist, dass diese Seite jugendlichen Lebensstils, die durchaus vorhanden war, vielleicht in der Provinz stärker als in Städten, dass die niemanden interessierte. Die Beat-Kultur war in der Öffentlichkeit absolut dominant, in Deutschland wie überall in der westlichen Welt.

 

Seit der Mitte der 1960er Jahre verband sich, wie gesagt, der Beat immer stärker mit den Drogen und propagierte einen durch Drogenkonsum mitgeprägten Lebensstil – ich erinnere nur an das erste in dieser Hinsicht eindeutige Album der Beatles St. Peppers Lonely Hearts Club Band (1967; mit Lucy in the Sky with Diamonds und A Day in the Life), an die Rolling Stones mit ihrem Album Their Satanic Majesties Request (1967) oder an Lou Reed mit Velvet Underground and Nico (1967). Er verlor damit rasch seine Vitalität und löste sich in die verschiedensten Stilformen und Zirkel auf. So wie die Jugend auch.

 

Aber zuvor brach noch einmal mit Macht die schwarze Musik in Form des Soul auf die westlichen Märkte mit einem eigenen Sound und Lebensgefühl. Die Intensität und Spontaneität der Schwarzen, die diese Musik so unmittelbar erfahrbar herüberbrachte, faszinierte viele Jugendliche, vor allem die inzwischen politisch engagierten. Der Soul schien für einige Zeit die Energien der Jugendlichen erneut zu bündeln. Dass Soul diese Kraft immer hat, macht ja die derzeitige Reminiszenz deutlich, eine Variante des aktuellen Mainstreams Soul zu nennen und vorsichtig an echten Soul anzuknüpfen. Hier nur ein Beispiel, natürlich ein Original, Aretha Franklin mit einer Hymne, die während der Studentenbewegung allen denjenigen aus dem Herzen zu sprechen schien, die an die Befreiung des Individuums, an den Sieg der Vernunft und an mehr Demokratie glaubten.

 

Aretha Franklin: Think

 

Soulmusik wurde natürlich primär von den Schwarzen in den USA als Identifikationsmedium wahrgenommen, das machen die vielfältigen wechselseitigen Anspielungen in Soultexten einerseits und politischen Verlautbarungen schwarzer Organisationen, wie z.B. der Black-Panther-Partei, andererseits deutlich. Das neue Lebensgefühl der Schwarzen hat am klarsten James Brown in seinem Songtitel zum Ausdruck gebracht: I Say It Loud, I’m Black and Proud.

 

Die vielen Verästelungen der Jugend- und Musikszene seit Mitte der 1960er Jahre kann ich im Übrigen hier nicht weiter verfolgen. Nur so viel sei gesagt, dass eine der Sackgassen, die für ca. 2 Jahre als Weg zum Neuen Menschen erschienen, für die westliche Jugend der Blumenweg war. Man glaubte, so ab 1967, als Blumenkinder oder Hippies sich selbst und die Gesellschaft rund herum nun endlich grundlegend zum Besseren verändern zu können. Stellvertretend erwähnt sei das soeben wegen des 50jährigen Jubiläums in vielen Medien ausführlich behandelte erste große Open-Air-Festival der Pop-Musik, das Monterey Pop Festival von 1967. Viele anrührende Gesten sind damals zustande gekommen und um die Welt gegangen, z. B. die häufig in den Medien reproduzierte Szene, in der jugendliche Anti-Kriegs-Demonstranten vor dem Pentagon den mit Gewehren auf sie zugehenden Nationalgardisten Blumen in die Gewehrläufe schoben. Für diese Haltung, die allerdings, sehr stark den permanenten Genuss von Drogen zur Grundlage hatte, steht der folgende Song, der das Motto für Monterey-Festivals war und dort auch vorgetragen wurde:

 

Scott McKenzie: San Francisco

 

Auch auf dem Festival von Woodstock, 1969, von dem die Veranstalter und die Vermarkter meinten, es sei der Höhepunkt der neuen Jugend- und Musikkultur, gab es zahlreiche schöne, gefühlvolle Gesten und Begebnisse, im Film und auf zahllosen Fotos dokumentiert. Ich glaube jedoch, man sollte dies Festival eher als die Dokumentation des Scheiterns eines Traums begreifen, oder besser: des Scheiterns der unkoordinierten und weitgehend unbekannten Träume vieler Jugendlicher. Dass man sich in zentralen Punkten in Sackgassen verrannt hatte, die keineswegs weiter führten, jedenfalls nicht gesellschaftlich, ist in vielen Szenen des Woodstock-Films erkennbar. So z. B. wenn The Who bei ihrem Auftritt völlig unmotiviert und nur aus Gründen des Showeffekts ihre Instrumente zertrümmerten.

 

Offensichtlich war man am Ende, musikalisch wie menschlich. Die Steigerung der durch Drogengenuss abgestumpften Erlebnisfähigkeit wurde in der Zerstörung gesucht.

 

Zwar gab es auf demselben Festival den ersten berühmten Auftritt von Joe Cocker mit With A Little Help from My Friends. Sicher, eine tolle Interpretation eines bemerkenswerten Songs der Beatles. Aber wer Joe Cocker sich da auf der Bühne winden sieht, seine epileptischen Zuckungen und den ständigen Griff nach dem Whisky-Becher, der kann darin nicht mehr als einen Aufschrei, einen Wunsch nach Hilfe sehen. Eine Perspektive wurde damit nicht gewiesen.

 

Und im selben Jahr, 1969, wählten dann ja auch überall in den westlichen Staaten kleine Gruppen Jugendlicher eindeutig den Weg der Gewalt. Nur noch Terror gegenüber dem verhassten Staat und totale Missachtung der umgebenden Gesellschaft schienen diesen Leuten angemessen, um mit ihren Problemen fertig zu werden. Als Beleg für den musikalischen Niederschlag dieser Haltung ein Song der Berliner Band Ton Steine Scherben von 1970.

 

Ton Steine Scherben: Macht kaputt, was euch kaputt macht

 

Damit bin ich am Ende. Was ich gezeigt habe, ist nur ein Ausschnitt – sowohl aus der einschlägigen Musik wie aus den gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen. Ich wollte vor allem zeigen, wie der Aufbruch der Jugend seit der Mitte der 1950er Jahre in eine große gesellschaftliche Um- und Neuorientierung in den 1960er Jahren mündete. Ich wollte zeigen, dass diese Neuorientierung sehr eng mit der Gewinnung neuen Selbstbewusstseins der Jugend und mit dem gesellschaftlichen Dominantwerden der Jugendkultur verbunden war. Und zu dieser Jugendkultur gehörte seit den späten 1950er Jahren die Pop-Musik. Sie reflektierte viele dieser Entwicklungen und trieb sie sogar immer wieder auch ein wenig mit voran. Die Pop-Musik bündelte diffuse Meinungen, Wünsche, Hoffnungen und gab ihnen Namen, an die sich wiederum Jugendliche vorübergehend halten konnten. Sie vermittelte Chiffren, die Ziele zu weisen schienen und dem eigenen Streben eine Richtung zu geben versprachen. Ich glaube, dass die Pop-Musik diese Funktion seit dem Ende der 1960er Jahre verloren hat, nicht zuletzt deshalb, weil sie zu offenkundig Sackgassen angepriesen und sich selbst dabei zu ernst genommen hat. Sie wurde kommerzialisiert und reflektierte das immer weniger. Vor allem verloren ihre Vorreiter seitdem erheblich an gesellschaftlicher Sensibilität u. ihre Produkte an gesellschaftspolitischer Relevanz.

 

Trotz aller Fort- und gelegentlichen Rückschritte bleibt allerdings das Grundproblem der Jugend. Es ist psychodynamisch unausweichlich und besteht darin, das Verhältnis von Eltern zu Kindern immer wieder neu gestalten zu müssen. Jede Generation muss damit erneut von vorn anfangen, eben für sich selbst. Um meinen eigenen Vortrag und die darin enthaltenen Wertungen etwas zu relativieren abschließend ein Song von 1970, der sich dieses Grundproblems angenommen hat und eine Lösung vorschlägt:

 

Father:

It’s not time to make a change, just relax, take it easy.

You’re still young, that’s your fault, there’s so much you have to know.

Look at me, I am old, but I’m happy …

 

Son:

How can I try to explain? When I do he turns away again,

It’s always been the same, same old story.

From the moment I could talk I was ordered to listen

Now there’s a way and I know that I have to go away.

I know I have to go.

 

Cat Stevens: Father and Son

 

 

[1] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Schlager_der_Woche_%28RIAS%29; Stand: 16. 12. 2014.

[2] Berlin war in dieser Hinsicht begünstigt, da man hier beide Sender empfangen konnte. In West-Deutschland dagegen war man meist auf den Sender der jeweiligen Besatzungsmacht angewiesen. Vgl. u. a. http://www.oldtimeradio.de/programm-R-AFN.php; Stand: 16. 12. 2014. Dass für viele Jugendliche auch noch in den frühen 1960er Jahren der Zugang zur jeweiligen Jugendmusik schwierig war und speziell über das Hören des AFN ermöglicht wurde, verdeutlicht auch das folgende Paper von Wolfgang Rumpf und die dort zitierte Literatur: http://www.wolfgangrumpf.de/1_afn.pdf; Stand: 16. 12. 2014. Radio Luxemburg, das ebenfalls ein gesuchter Anbieter von Popmusik wurde, konnte während der späten 1950er und frühen 1960er Jahre nur in grenznahen Regionenn Westdeutschlands empfangen werden; 1967 wurde die Reichweite deutlich vergrößert. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/RTL_Radio; Stand: 16. 12. 2014.

[3] Vgl. auch die lebhafte Schilderung solcher Situationen durch Rainer Eisfeld: Als Teenager träumten. Die magischen Fünfziger Jahre. Baden-Baden 1999, S. 103f.

[4] Dazu die „Interpretation“ von E. Henscheid in: Max & Moritz (Hg.): Schlager, die wir nie vergessen. Verständige Interpretationen. Leipzig 1997, S. 29-38.

[5] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Hound_Dog; Stand: 16. 12. 2014.

[6] Schwarze Pop-Künstler prangern das gelegentlich öffentlich an: Presley habe ihnen ihre Musik letztlich gestohlen. So z. B. Little Richard in den Interviews zum Film Chuck Berry: Hail! Hail! Rock ‚n’ Roll, directed by Taylor Hackford.

[7] Vgl. als Überblick McDevitt, C.: Skiffle. The Definitive Inside Story. London 1997.

[8] McDevitt: Skiffle, S. 37.

[9] K. Maase: Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur 1850-1970. Frankfurt/ M. 1997, S. 252 u. 256.

[10] Zitiert nach Schmidt-Joos, S., u. Graves, B.: Rock-Lexikon. Reinbek 1973, S. 300

[11] Vgl. im Kontext der 1960er Jahre bzw. der Studentenunruhen Hack, L.: Am Beispiel Berkeley: Rigider Funktionalismus und neue Unmittelbarkeit. In: neue kritik, 41 (April 1967), S. 36-52; in aktueller, kritischer Interpretation Haas, E.: Arbeiter- und Akademikerkinder an der Universität. Eine geschlechts- und schichtspezifische Analyse. Frankfurt/ M. u. New York 1999, S. 192 ff.

[12] Vgl. u. a. Freud,S.: Das Unbehagen in der Kultur. Frankfurt/ M. 1972 (TB-Ausgabe), S. 77f. und passim.

[13] Vgl. u. a. Reiche, R.: Sexualität und Klassenkampf. Zur Kritik repressiver Entsublimierung. Frankfurt/ Main 1968 (Probleme sozialistischer Politik 9).

[14] Nach Kaiser, R.-U.: Das Buch der neuen Pop-Musik, 2. Aufl., 1969, S. 116.

Geburtenrückgang: Tabellenanhang

Tabelle 1
Durchschnittliche Kinderzahl pro Ehe* nach Berufsstellung**, Wirtschaftssektor und Eheschließungsperiode, Deutsches Reich***, spätes 19. und frühes 20. Jahrhundert
Berufsgruppe Eheschließungsperiode
  vor 1905 1905/09 1910/14 1915/19 1920/24 1925/29
Landwirtschaft            
Selbständige 5,5 4,6 4,1 3,5 3,1 2,7
Arbeiter 6,1 5,2 4,7 4,1 3,5 3,0
Landwirtsch. Bev. insg. 5,5 4,7 4,1 3,6 3,2 2,8
             
Nicht-Landwirtschaft            
Selbständige 4,0 3,1 2,6 2,2 1,9 1,7
Beamte/

Berufssoldaten

3,5 2,9 2,5 2,1 1,8 1,6
Angestellte 3,4 2,7 2,3 1,9 1,6 1,5
Arbeiter 4,7 3,8 3,3 2,8 2,4 2,1
Nicht-landw.

Bev. insg.

4,5 3,4 2,9 2,4 2,1 1,9
             
Bevölkerung insg. 4,7 3,6 3,1 2,6 2,3 2,0
* Gezählt wurden die bis zum Erhebungszeitpunkt (Mai 1939) in den bestehenden Erstehen jemals geborenen oder nachträglich legitimierten Kinder, einschl. totgeborener oder inzwischen verstorbener oder außerhalb des Haushalts lebender Kinder. Berücksichtigt wurden auch die unfruchtbaren Ehen sowie die Kinder von getrennt lebenden Ehefrauen.

** Erfasst wurden Beruf, Berufsstellung, Branche und Wirtschaftssektor des Ehemannes.

*** Gebietsstand des Deutschen Reichs vom Mai 1939 (ohne Memelland, aber einschl. Österreich).

 

 

 

Tabelle 2
Durchschnittliche Kinderzahl pro Ehe nach Berufsstellung, Gemeindegrößenklassen* und Eheschließungsperiode, Deutsches Reich; nicht-landwirtschaftliche Bevölkerung
Berufsstellung Eheschließungsperiode
  vor 1905 1905/09 1910/14 1915/19 1920/24 1925/29
Gemeinden

< 2.000 Einw.

           
Selbständige 4,9

(121)

4,0

(128)

3,4

(131)

2,9

(132)

2,5

(131)

2,2

(130)

Beamte/ Berufssoldaten 4,3

(123)

3,7

(126)

3,2

(127)

2,7

(126)

2,3

(127)

2,0

(124)

Angestellte 4,3

(127)

3,6

(134)

3,1

(138)

2,6

(137)

2,3

(140)

2,0

(137)

Arbeiter 5,3

(115)

4,6

(121)

4,0

(124)

3,5

(127)

3,0

(126)

2,5

(124)

 
Gemeinden

2.000 < 100.000 E.

           
Selbständige 4,2

(103)

3,2

(104)

2,7

(104)

2,3

(105)

2,0

(103)

1,7

(103)

Beamte/

Berufssoldaten

3,8

(108)

3,2

(108)

2,7

(108)

2,3

(108)

2,0

(109)

1,8

(109)

Angestellte 3,7

(109)

2,9

(111)

2,5

(111)

2,1

(112)

1,8

(112)

1,6

(112)

Arbeiter 4,9

(105)

4,1

(106)

3,5

(107)

2,9

(105)

2,5

(104)

2,1

(104)

 
Gemeinden

>/= 200.000 E.

(Großstädte)

           
Selbständige 3,2

(79)

2,3

(74)

1,9

(73)

1,6

(71)

1,3

(68)

1,1

(68)

Beamte/ Berufssoldaten 3,0

(84)

2,4

(83)

2,1

(82)

1,8

(82)

1,4

(79)

1,3

(80)

Angestellte 2,9

(86)

2,2

(84)

1,9

(83)

1,6

(83)

1,3

(81)

1,2

(82)

Arbeiter 3,9

(84)

3,0

(80)

2,5

(78)

2,1

(76)

1,7

(74)

1,5

(76)

* Unter den Mittelwerten der Kinderzahl ist in Klammern ein Index angeführt, wobei der Wert für alle Gemeindegrößen zusammen (siehe unterer Teil von Tabelle 1) gleich 100 gesetzt wurde.

 

 

Tabelle 3: Durchschnittliche Kinderzahl pro Ehe nach Beruf und Eheschließungsperiode im Deutschen Reich;

spätes 19. und frühes 20. Jahrhundert

(J Kinderzahl Rangplätze der Berufsgruppen
Heirat Heirat
Berufsgruppen vor 1905 1905/09 1910/14 1915/19 1920/24 1925/29 vor 1905 1905/09 1910/14 1915/19 1920/24 1925/29
Landwirtschaft
Selbständige Bauern, Gärtner,
Fischer usw. 5,6 4,7 4,1 3,5 3,1 2,7 41 41 41 42 42 41
Arbeiter in der Landwirt-
schaft usw. 6,0 5,2 4,7 4,1 3,5 3,0 43 43 43 43 43 43
Selbständige
Selbständige in ausgespr.
Handwerksberufen 4,4 3,5 2,9 2,4 2,2 1,9 32 31 31 30 32 28
Übrige Selbständige in Industrie
und Handwerk 3,8 3,0 2,5 2,1 1,8 1,7 24 23 23 18 18 17
Selbständige im Handelsgewerbe 3,6 2,7 2,3 1,9 1,7 1,5 22 20 16 13 11 77
Selbständige im Verkehrswesen 4,4 3,3 2,7 2,3 2,0 1,8 31 27 26 26 26 24
Selbständige im Gaststätten-
wesen 4,0 3,0 2,5 2,0 1,8 1,5 26 24 22 15 16 8
Selbständige Ärzte 2,6 2,5 2,3 2,1 2,0 2,0 4 15 15 16 24 31
Selbständige Apotheker 2,7 2,3 2,1 l,7 1,5 1,6 6 4 5 3 5 13
Selbständige Schriftsteller, 1
Privatgelehrte usw. 2,8 2,0 1,8 1,4 1,3 1,1 10
Selbständige Künstler, Schau-
spieler usw. 3,1 2,3 2,0 1,5 1,4 1,1 15 3 3 2 2 2
Selbständige Rechtsanwälte
und Notare 3,0 2,4 2,2 1,9 1,8 1,7 12 12 14 12 14 20
Beamte
(Beamtete) Offiziere von Heer,
Marine usw. 2,1 2,3 2,1 1,9 1,7 1,6 1 6 8 11 13 16
(Beamtete) Unteroffiziere von
Heer usw. 2,7 2,4 2,2 2,2 1,9 1,8 5 9 12 25 20 23
Beamte der Kirchen 3,9 3,4 3,3 2,9 2,7 2,7 25 30 36 38 38 42
Lokomotivführer, Zugschaffner
usw. 4,3 3,6 3,1 2,5 2,1 1,6 30 34 33 31 29 15
Übrige Beamte der Reichspost
und -bahn 3,5 2,9 2,5 2,2 1,9 1,6 21 22 24 24 19 11
Beamtete Ärzte 2,7 2,4 2,3 2,1 2,0 2,0 7 10 17 19 23 32
Beamtete Hochschullehrer und
-rektoren 2,7 2,6 2,4 2,2 1,9 1;9 8 18 19 22 21 30
Beamtete Studienräte und
-direkroren 2,5 2,3 2,2 2,0 1,8 1,7 3 7 10 14 15 19
Beamtete Lehrer an Volks-
schulen usw. 3,0 2,7 2,4 2,1 1,9 1,9 14 19 20 21 22 27
Beamtete Richter, Jur.
Referendare usw. 2,5 2,4 2,1 1,9 1,7 1,7 2 14 7 8 9 18
Beamtete Polizeiotfiziere usw. 3,2 2,3 2,2 1,9 1,7 1,9 18 2 13 7 10 14
Vollzugsbeamte der Polizei usw. 3,2 2,8 2,4 2,1 1,7 1,5 19 21 21 17 12 9
Übrige Beamte (vornehm!.
Verwaltung) 3,2 2,5 2,2 1,9 1,6 1,6 16 16 9 10 8 12
Angestellte
Angestellte Ärzte 2,8 2,4 2,3 2,2 2,1 2,0 9 11 18 23 28 35
Angestellte Buchhalter,
Kalkulatoren usw. 3,0 2,3 2,0 1,7 1,5 1,3 13 8 2 4 3 4
Übrige Angestellte in gehob.
Position 2,9 2,3 2,0 1,8 1,5 1,5 11 5 4 5 6 6
Angestellte in Werkmeister-
position 3,8 3,0 2,6 2,1 1,8 1,6 23 25 25 20 17 10
Übrige Angestellte (vornehm].
Verwaltung) 3,3 2,6 2,2 1,9 1,6 1,4 20 17 11 9 7 5
                           

 

 

  noch Tabelle 3                  
        Kinderzahl       Rangplätze der Berufsgruppen    
        Heirat         Heirat      
Berufsgruppen vor 1905 1905/09 1910/14 1915/19 1920/24 1925/29 vor 1905 1905/09 1910/14 1915/19 1920/24 1925/29
Arbeiter  
Bergleute und sonstige  
Bergarbeiter 5,7 4,9 4,1 3,3 2,9 2,4 42 42 42 41 40 38
Stein-, Glas- und Keramik-
arbeitet 5,4 4,5 3,9 3,3 2,8 2,4 40 40 40 40 39 39
Eisen- und Meta11arbeiter 4,3 3,4 2,9 2,4 2,1 1,-8 29 29 29 27 27 22
Chemiearbeiter 4,8 3,9 3,3 2,9 2,} 2,1 38 38 38 37 37 37
Textilarbe.iter 4,5 3,7 3,2 2,6 2,2 1,8 34 35 35 33 31 25
Papierarbeiter 4,7 3,9 3,3 2,8 2,4 2,0 37 37 37 36 36 36
Arbeiter im graphischen Gewerbe 3,2 2,4 2,1 1,8 1,5 1,3 17 13 6 6 4 3
Leder- und Lederwarenarbeiter 4,2 3,4 2,9 2,4 2,1 1,9 28 28 28 29 30 26
Holz-, Schnitzstoff- und
Spielwarenarbeiter 4,5 3,5 3,0 2,7 2,3 2,0 33 32 32 34 34 34
Nahrungs- und Genußmittel-
arbeiter 4,6 3,6 3,0 2,6 2,2 1,9 36 33 31 32 33 29
Bekleidungsarbeiter 4,1 3,2 2,8 2,4 2,0 1,7 27 26 27 28 25 21  
Bauarbeiter und Bauhilflsarbeiter 5,2 4,4 3,8 3,3 2,9 2,4 39 39 39 39 41 40  
Sonstige Arbeiter (incl. Haus-  
haltsgehilfen 4,6 3,7 3,2 2,7 2,3 2,0 35 36 34 35 35 33  
zusammenlebende Ehepaare  
insgesamt 4,7 3,6 3,1 2,6 2,3 2,0  

 

 

 

 

Tabelle 4: Verteilung der Ehepaare in den Berufsgruppen nach der Kinderzahl, nach Eheschließungsperiode (in %)

EheschJießungsperiode (in%)

Heirat vor 1905 Heirat 1905/09
Kinderzahl Kinderzahl
Berufsgruppen 0 1 2 3 4 5. u.m. 0 1 2 3 4 5. u.m.
Landwirtschaft
Selbständige Bauern, Gärtner,
Fischer usw. 4 6 10 11 12 57 5 7 13 15 14 46
Arbeiter in der Landwirtschaft usw. 4 5 7 9 11 63 5 7 11 12 13 53
Selbständige
Selbständige in ausgerspr.
Handwerksberufen 6 9 15 16 14 41 7 13 20 18 14 27
Übrige Selbständige in Industrie
und Handwerk 7 11 18 18 15 32 9 16 24 19 12 19
Selbständige im Handelsgewerbe 9 12 19 17 13 30 12 19 24 18 11 16
Selbständige im Verkehrswesen 7 9 14 15 13 41 10 15 21 18 13 24
Selbständige im Gaststättenwesen 7 10 16 16 14 35 10 15 22 19 13 20
Selbständige Ärzte 11 13 27 23 13 13 13 14 27 22 13 10
Selbständige Apotheker 9 14 29 23 13 13 12 19 29 22 II 8
Selbst. Schriftste1Jer, Privat-
gelehrte usw. 14 15 22 20 10 19 25 21 19 18 9 9
Selbständige Künstler, Schau-
spieler usw. . 13 16 19 17 13 22 20 23 22 13 10 12
Selbständige Rechtsanwälte
und Notare 9 12 21 24 16 17 13 15 27 23 13 9
Beamte
(Beamtete) Offiziere von Heer,
Marine usw. 13 24 24 25 7 7 14 15 31 21 12 8
(Beamtete) Unteroffiziere von
Heer usw. 28 23 15 7 8 19 16 22 20 18 II 13
Beamte der Kirchen 9 7 14 18 16 35 9 s 18 22 16 27
Lokomotivführer, Zugschaffner usw. 4 8 15 17 16 40 5 12 21 19 15 28
Übrige Beamte der Reichspost
und -bahn 6 13 21 19 14 26 7 18 25 20 12 18
Beamtete Ärzte 14 15 .. 23 24 8 14 11 IS 26 23 15 7
Beamtete Hochschullehrer und
-rektoren 14 II 24 20 16 16 12 10 27 24 16 10
Beamtete Studienräte und
-dfrektoren 8 17 35 19 9 11 II 19 29 22 10 8
Beamtete Lehrer an Volks-
schulen usw. 5 16 26 21 13 18 7 20 29 20 11 13
Beamtete Richter, Jur.
Referendare usw. 18 11 26 20 12 14 9 17 30 22 13 9
Beamtete Polizeioffiziere usw. 22 II 17 22 0 28 14 19 28 23 7 9
VoJJzugsbeamte der Polizei usw. 9 15 21 18 12 24 7 19 27 19 14 15
Übrige Beamte (vornehm.
Verwaltung) 7 15 23 19 14 22 9 21 28 19 10 12
Angestellte
Angestellte Ärzte 12 10 19 27 19 14 15 1 S 25 18 15 11
Angestellte Buchhalter,
Kalkulatoren usw. 9 17 23 18 12 20 12 23 27 17 10 11
Übrige Angestellte in gehob.
Position 11 16 24 19 13 17 12 22 28 18 10 10
AngesteJJte in Werkmeisterposition 6 11 18 18 15 32 8 17 24 19 13 20
Übrige Angestellte (vornehm.
Verwaltung) 10 15 20 17 13 25 12 21 26 18 11 14
Arbeiter
Bergleute u. sonstige Bergarbeiter 5 6 9 9 12 60 4 6 12 14 15 49
Stein-, Glas- u, Keramikarbeiter 4 6 10 12 12 56 5 9 14 15 14 43
Eisen- und Metallarbeiter 7 9 15 – 16 14 40 s 14 20 18 14 26
Chemiearbeiter 6 8 11 13 14 4S 6 11 17 17 1 5 35

 

 

noch Tabelle 4
Heirat vor 1905 Heirat 1905/09
Kinderzahl Kinderzahl
Berufsgruppen 0 I 2 3 4 5. u.m. 0 1 2 3 4 5. u.rn.
Textilarbeiter 6 9 14 .14 14 43 7 13 18 17 • 14 31
Papierarbeiter 7 8 13 12 13 47 7 12 17 16 14 34
Arbeiter im graphischen Gewerbe 11 14 21 18 13 24 13 22 26 16 9 13
Leder- u. Lederwarenarbeiter 9 9 14 15 13 39 9 14 19 17 13 27
Holz-, Schnitzstoff- und
Spielwarenarbeiter 6 9 14 15 14 42 7 14 20 17 14 29
Nahrungs- und Genußmittelarbeiter 8 8 12 14 13 44 9 12 18 17 13 30
BekJeidunsarbeiter 8 10 15 15 14 38 10 16 22 17 12 23
Bauarbeiter u. Bauhilfsarbeiter 6 6 11 12 12 53 6 9 14 15 14 42
Sonstige Arbeiter (incl. Haus-
haltsgehilfen) 7 9 13 14 13 44 8 12 18 17 14 32
Zusammenlebende Ehepaare insgesamt 7 9′ 13 14 12 45 9 14 19 16 13 29
Heirat 1920/24 Heirat 1925/29
Kinderzahl Kinderzahl
Berufsgruppen 0 I 2 3 4 5. u.rn. 0 I 2 3 4 5, u.m.
Landwirtschaft
Selbständige Bauern, Gärtner,
Fischer usw. 9 14 22 19 13 22 10 16 26 20 13 16
Arbeiter in der Landwirtschaft usw. 8 Jj 19 17 14 29 10 16 22 18 13 21
Selbständige
Selbständige in ausgerspr. Hand-
werksberufen 16 23 26 16 9 9 19 25 28 15 7 6
Übrige Selbständige in Industrie
und Handwerk 20 26 27 15 7 5 23 27 27 13 6 4
Selbständige im Handelsgewerbe 23 28 25 13 5 5 27 29 25 11 4 3
Selbständige in Verkehrswesen 19 26 25 14 7 9 20 27 26 15 7 5
Selbständige in Gaststättenwesen 22 26 26 14 7 6 28 27 25 12 5 3
Selbständige Arzte 19 19 28 19 10 6 21 19 27 19 9 5
Selbständige Apotheker 25 26 28 14 4 2 26 22 27 17 5 2
Selbständige SchriftsteJler,
Privatgelehrte usw. 38 23 24 8 3 4 41 26 19 9 3 2
Selbständige Künstler, Schau-
spieler usw. 35 28 19 9 4 4 41 27 19 8 3 2
Selbständige Rechtsanwälte und
Notare 23 22 28 18 6 4 23 21 29 17 7 3
Beamte
(Beamtete) Offiziere von Heer,
Marine usw. 20 27 30 15 6 2 24 24 29 15 6 2
(Beamtete) Unteroffiziere
von Heer usw. 18 28 25 14 9 6 21 28 25 14 7 5
Beamte der Kirchen 13 14 22 19 15 17 13 11 20 24 16 15
Lokomotivführer, Zug-
schaffner usw. 14 27 27 15 8 8 23 31 25 12 5 4
Übrige Beamte der Reichspost
und -bahn 18 30 26 14 6 6 24 30 25 12 5 4
Beamtete Ärzte 19 19 27 19 10 6 22 18 24 20 10 6
Beamtete Hochschullehrer und
-rektoren 22 18 29 17 8 5 24 18 23 19 10 5
Beamtete Studienräte und
-direktoren 19 · 25 30 16 6 3 23 22 29 16 7 3
Beamtete Lehrer an Volks-
schulen usw. 14 27 31 16 7 5 16 25 32 17 7 4
Beamtete Richter, jur. Referendare usw. 24 24 28 16 6 3 25 22 27 15 8 3
Beamtete Polizeioffiziere usw. 20 30 26 15 5 4 24 27 28 14 5 3
Vollzugsbeamte der Polizei usw. 19 31 27 13 5 4 23 32 27 11 4 2
Übrige Beamte (vornehm. Verwaltung 21 31 27 13 5 4 24 29 27 13 5 3

 

Angestellte
Angestelte Ärzte 23 15 27 17 10 9 20 21 26 15 12 7
Angestellte Buchhalter,
Kalkulatoren usw. 23 35 25 10 4 3 27 34 25 9 3 2
Übrige Angestellte in gehob.
Position 22 33 27 11 4 3 25 31 27 11 4 2
Angestellte in Werkmeister-
position 18 31 26 13 6 6 23 33 25 11 5 3
Übrige Angestellte (vornehm.
Verwaltung) 22 32 25 11 5 4 27 32 24 10 4 3

 

 

noch Tabelle 4
Heirat 1920/24 Heirat 1925/29
Kinderzahl Kinderzahl
Berufsgruppen 0 1 2 3 4 5. u.m. 0 1 2 3 4 5. u.rn.
Arbeiter
Bergleute u. sonstige Bergarbeiter 8 18 25 19 12 18 10 23 28 18 10 11
Stetn-, GJas- u. Keramikarbeiter 9 19 24 18 12 18 11 23 26 17 10 12
Eisen- und Metallarbeiter 15 28 26 14 8 9 18 32 26 13 6 6
Chemiearbeiter 12 24 25 16 10 13 15 27 26 15 8 9
Textilarbeiter 15 28 25 14 8 10 18 32 25 12 6 7
Papierarbeiter 13 23 , 25 16 10 13 15 27 27 15 8 8
Arbeiter im graphischen Gewerbe 24 35 23 10 4 3 28 36 22 8 3 2
Leder- und Lederwarenarbeiter 15 27 26 15 8 9 17 30 26 14 6 6
Holz-, Schnitzstoff- und Spiel-
warenarbeiter 14 24 25 16 9 11 16 27 27 15 8 8
Nahrungs- u, Genußmittelarbeiter 17 24 24 15 9 11 18 28 26 14 7 7
Bekleidungsarbeiter 19 28 23 14 7 9 21 30 24 12 6 6
Bauarbeiter u. Bauhilfsarbeiter 12 18 22 17 11 20 13 22 24 16 10 14
Sonstige Arbeiter {incl. Haus-
haltsgehilfen) 16 25 24 15 9 12 19 27 24 14 8 9
Zusammenlebende Ehepaare
insgesamt

 

 

 

17 24 24 15 9 12 19 26 25 14 8 8

 

 

Tabelle 5: Variationskoeffizient der durchschnittlichen Anteile* von Ehepaaren mit maximal n Kindern im Deutschen Reich nach Eheschließungsperioden,

frühes 20.Jahrhundert (in v. H.)

max. Kinderzahl Eheschließungsperiode
  vor 1905 1905/09 1920/24 1925/29
0 52 41 33 31
1 37 30 22 21
2 33 23 10 10
3 26 15 18 24
4 23 16 37 42
5 u. mehr 47 59 71 73
         
* Es handelt sich um die durchschnittlichen Anteile der „Familiengrößen-Modelle“ in den betrachteten 43 Berufsgruppen. Die Entwicklung dieser Anteile in der Gesamtbevölkerung (d. h. in allen 64 Berufsgruppen) ist in Schaubild 2 dargestellt.

 

 

Tabelle 6: Soziale Differenzen der Säuglingssterblichkeit

bzw. der Überlebenswahrscheinlichkeit bis zum 5. Lebensjahr* in Preußen,

Jahrgänge 1880 und 1897

 

Soziale Stellung des Vaters (bei Uneheli-chen: der Mutter) vor Vollendung des 1. Lebensjahrs Gestorbene

in v. H. der Lebendge-borenen

vor Vollendung des 5. Lebensjahrs Gestorbene

in v. H. der Lebendge-borenen

Proportionalität der Säuglingssterblichkeit

(Beamte = 100)

Überlebens-wahrscheinlich-keit bis zum 5. Lebensjahr

(in v. H.)

Zunahme der

Überlebens-wahrscheinlich-keit 1880-1897

(in v. H.)

  1880

 

1897 1880 1897 1880 1897 1880 1897  
Selbständige 18 17 28 23 100 113 72 77 7
Beamte 18 15 27 21 100 100 73 79 8
Angestellte 18 17 27 22 100 113 73 78 7
gelernte Arbeiter 19 19 30 27 106 127 70 73 4
ungelernte Arbeiter 21 23 34 31 117 153 66 69 5
Dienstboten/ Gesinde 30 29 39 35 167 193 61 65 7
 
*Da in der Preußischen Statistik die Gestorbenen nicht nach Geburtsjahrgängen und zudem ab dem 2. Lebensjahr nur in Altersklassen (z. B. 1 – unter 5 Jahren) ausgewiesen werden, müssen die Absterbeziffern geschätzt werden. Die Geborenen des Jahrgangs 1880 stellen z. B. das arithmetische Mittel der Geborenen der Jahre 1877-1883 dar, die des Jahrgangs 1897 das Mittel aus 1894-1900. Entsprechend wurden die Gestorbenen bis zum 5. Lebensjahr geschätzt.

 

Quellen: Berechnet nach Preußische Statistik, H. 48, 51, 56, 61, 68, 74, 79, 86, 138, 143, 149, 155, 160, 164, 169, 178.

 

 

Tabelle 7: Durchschnittliche Kinderzahl pro Ehe (1) und Eheschließungsperiode

nach Berufsgruppe und NS-Leiterfunktion (2), Thüringen,

spätes 19. und frühes 20. Jahrhundert (3)

Periode Bauern Meister u. selbst. Handwerker Beamte Angestellte
  allgem. NS-Leiter allgem. NS-Leiter allgem. NS-Leiter allgem. NS-Leiter
1

 

2 3 4 5 6 7 8 9
vor 1900 3,8 4,2 4,4 4,8 3,2 4,7 3,8 4,2
1900-1904 3,6 3,9 3,5 3,9 2,5 3,1 3,3 3,2
1905-1909 3,2 3,2 2,9 3,1 2,4 2,6 2,8 2,6
1910-1914 2,9 3,1 2,5 2,8 2,1 2,3 2,4 2,4
1915-1919 2,7 2,5 2,2 2,3 1,8 2,0 1,8 2,1
1920-1924 2,3 2,3 1,9 2,1 1,6 1,8 1,5 1,8
1925-1929 1,9 2,2 1,5 1,8 1,6 1,8 1,4 1,7
(1) Berücksichtigt wurden die lebendgeborenen Kinder pro am Erhebungsstichtag bestehender Erstehe.
(2) Gegenübergestellt werden die Ergebnisse von repräsentativen Befragungen der aufgeführten Berufsgruppen und die Ergebnisse einer Befragung der 29.000 so genannten politischen Leiter des Gaues Thüringen der NSDAP, die nach denselben Berufsgruppen gegliedert wurden.
(3) Quellen: Spalte 2 = Stengel-v. Rutkowski, L.: Die unterschiedliche Fortpflanzung. Untersuchung über die Fortpflanzung der 20.000 thüringischen Bauern. München u. Berlin 1939, S. 23 ff. (Politische Biologie, Bd. 10).

Spalte 4 = Astel, K., u. Weber, E.: Die unterschiedliche Fortpflanzung. Untersuchung über die Fortpflanzung von 14.000 Handwerksmeistern und selbständigen Handwerkern Mittelthüringens. München u. Berlin 1939, S. 31 (Politische Biologie, Bd. 8).

Spalten 6 und 8 = Astel u. Weber: Die unterschiedliche Fortpflanzung. Untersuchung über die Fortpflanzung von 12.000 Beamten und Angestellten der thüringischen Staatsverwaltung. München u. Berlin1939, S. 86 u. 96 (Politische Biologie, Bd. 9).

Spalten 3, 5, 7 u. 9 = Astel u. Weber: Die Kinderzahl der 29.000 politischen Leiter des Gaues Thüringen der NSDAP und die Ursachen der ermittelten Fortpflanzungshäufigkeit. Berlin 1943, Tabelle 20, S. 50a (4. Untersuchung über die unterschiedliche Fortpflanzung in Thüringen).

 

 

Der Geburtenrückgang in Deutschland vor 1939. Verlauf und schichtspezifische Ausprägung[i]

Der Geburtenrückgang und seine soziale Differenzierung sind Phänomene, die sich ganz wesentlich in den Veränderungen des Verhältnisses quantitativer Indikatoren zueinander ausdrücken. Mir scheint deshalb eine Behandlung angemessen zu sein, die vor allem auf diese quantitativen Relationen abstellt. Dass ich wiederum den Differenzierungsaspekt, die Ungleichzeitigkeiten und sozialen Ungleichgewichte des Geburtenrückgangs betone, begründe ich mit der Forschungssituation. In der Monographie von John Knodel und in seinen neueren Aufsätzen[ii] sowie in dem kürzlich veröffentlichten Essay von Arthur E. lmhof[iii] ist zwar ein beachtlicher Forschungsstand bezüglich des Geburtenrückgangs in Deutschland und seiner Ursachen dokumentiert worden, doch sind unsere Kenntnisse der sozialen Differenzierung dieses Prozesses und noch mehr unsere Kenntnisse ihrer Ursachen nach wie vor bruchstückhaft. Die einschlägigen Arbeiten für Deutschland begnügen sich mit Ausschnitten, die entweder nur wenige, meist hoch aggregierte Sozialgruppen herausgreifen und auf kurze Perioden beschränkt sind. Oder sie führen zu sehr allgemeinen Aussagen, die im Prinzip diffus bleiben[iv].

 

Dieser Art war schon die zusammenfassende Stellungnahme von Julius Wolf, der behauptete: „Der Geburtenrückgang setzte, wenn auch zunächst schüchtern, an verschiedenen Stellen der Gesellschaft ein. Nicht ausschließlich bei den berühmten ‚oberen Zehntausend‘. Es kamen auch noch andere und breitere Schichten in Betracht. Freilich weder sie, noch die erstgenannte Schicht (…) in ihrer Totalität. Kontingente stellten die Aristokratie, die Bourgeoisie (…) die Bürokratie, das sich behauptende Kleinbürgertum und die Bauernschaft. Sie alle in sehr verschiedenem, auch nur annähernd genau nicht angebbarem Maße. Auch wer anfing, ist nicht leicht zu sagen.“[v]

 

Im Hinblick auf die Erfahrungen in den westlichen Industrienationen mit dem sozial differenzierten Geburtenrückgang hat Wrong 1958 einige Thesen formuliert[vi]:

Seit Beginn des säkularen Geburtenrückgangs verschärften sich zunächst die Klassendifferenzen des Fruchtbarkeitsniveaus. Alle sozialen Schichten wurden zwar allmählich von der Fruchtbarkeitsreduzierung erfasst. Aber die oberen Statusgruppen waren hinsichtlich des Ausmaßes und Tempos der Geburteneinschränkung führend.

Schon in der Periode bis zum Ersten Weltkrieg deuteten sich beachtliche Veränderungen an: Büroangestellte in Handel und Verwaltung reduzierten die Fruchtbarkeit rascher als die traditionell relativ geburtenarmen freiberuflichen und akademischen bzw. semi-professionellen Gruppen.

Diese Tendenzen der sozialen Differenzierung traten in der Zwischenkriegszeit noch deutlicher hervor: Die stärksten Rückgänge der Fruchtbarkeit verzeichneten mittlere und niedere Statusgruppen, besonders mittlere und untere Angestellte und Beamte, selbständige Kaufleute und bestimmte Facharbeiterkategorien.

Somit wurde die gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch beobachtbare inverse Relation zwischen Sozialstatus und Fruchtbarkeit nahezu bedeutungslos. Die ‚unfruchtbarsten‘ Gruppen kamen spätestens seit dem Ersten Weltkrieg aus der mittleren und unteren Mittelschicht.

 

Berücksichtigt man den soeben charakterisierten Forschungsstand in Bezug auf die soziale Differenzierung des Geburtenrückgangs, dann werden im Folgenden keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse dargestellt. Vielmehr konkretisieren die in den Tabellen präsentierten Ergebnisse meiner Berechnungen die genannten Tendenzen. Zugleich illustrieren sie den deutschen Fall. Das hier ausgewertete Material stammt überwiegend aus einer Erhebung, die 1939 durchgeführt wurde. Seinerzeit befragte man im Rahmen der Volkszählung alle verheirateten und mit ihrem Mann zusammen lebenden Ehefrauen nach der Zahl der jemals in der bestehenden Ehe geborenen Kinder, gleichgültig ob diese inzwischen gestorben waren oder den Haushalt verlassen hatten (Reichs-Familienstatistik 1939).[vii] Die Zahl der Kinder pro Ehe kann nach Eheschließungsperioden (Kohorten) geordnet werden, um zeitliche Entwicklungen zu verdeutlichen (Kohorten-Effekte). Zugleich lässt sich die Gesamtbevölkerung in 64 soziale Gruppen nach dem Beruf, der Berufsstellung und der Branchenzugehörigkeit des Ehemanns gliedern. Die folgende Auswertung beschränkt sich allerdings auf 43 Berufsgruppen; zu schwach besetzte oder irrelevante, z. B. soziologisch sinnlose Gruppen (wie die „Führer des Reichs-Arbeitsdienstes“ oder verschiedene Untergliederungen der Ärzte, jeweils auch noch auf die drei Berufsstellungsgruppen Beamte, Angestellte oder freie Berufe verteilt) wurden nicht berücksichtigt. (Die eliminierten Berufsgruppen folgten hinsichtlich ihrer Kinderzahl dem allgemeinen Muster. Sie repräsentieren keine Besonderheiten und wurden nicht weggelassen, um etwa das Bild zu vereinheitlichen.) Die Bezeichnung „zusammenlebende Ehepaare insgesamt“ in den Tabellen umfasst dagegen alle 64 Berufsgruppen, d.h. die gesamte befragte Population.

 

 

Einige globale Merkmale des Geburtenrückgangs in Deutschland

 

Als Element der ‚demographischen Transition‘ der deutschen Gesellschaft begann Mitte der 1890er Jahre ein säkularer Fruchtbarkeitsrückgang.[viii] Er endete zu Beginn der 1930er Jahre auf einem Niveau, das dem modernisierten generativen Verhalten entsprach. Familienplanung auf der Basis innerehelicher Geburtenkontrolle ist seitdem in allen gesellschaftlichen Gruppen üblich. Die von Knodel berechneten Indikatoren der Fruchtbarkeit weisen für die Periode 1888/92 bis 1931/35 folgende Senkungsraten auf:[ix] Die rohe Geburtenrate fiel um 55 Prozent, die allgemeine Fruchtbarkeitsziffer (wie alle Fruchtbarkeits-Indizes von Knodel genormt auf die Fruchtbarkeitskurve der Hutterer) um 59 Prozent, der Index der ehelichen Fruchtbarkeit sogar um 63 Prozent, der Index der unehelichen Fruchtbarkeit um 53 Prozent. Dieser Fruchtbarkeitsrückgang war nicht Folge sinkender Heiratshäufigkeit oder erhöhten Heiratsalters. Vielmehr stieg die rohe Eheschließungsziffer sogar während der Untersuchungsperiode um 18 Prozent, zugleich ging das Alter der Frauen bei der ersten Heirat leicht zurück. Allerdings ist der Zuwachs der Heiratshäufigkeit durch Veränderungen der Altersstruktur der weiblichen Bevölkerung verzerrt. Ein um diese Variationen der Altersstruktur bereinigter Index der Heiratsquote steigt nicht, sondern fällt um 3 Prozent. Zwar beschleunigte sich der Geburtenrückgang während des Ersten Weltkriegs und in den 1920er Jahren. Doch ereignete sich rund ein Drittel der gesamten Senkung des Fruchtbarkeitsniveaus (zwischen 1888/92 und 1931/35) bereits während der zwei Jahrzehnte bis 1908/12. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Geburtenrückgang eine beachtliche Dynamik und gesellschaftliche Breitenwirkung entfaltet. Das macht auch Tabelle 0 deutlich, die erkennen lässt, dass der Anteil der Ehepaare mit 5 und mehr Kindern schon vor dem Ersten Weltkrieg um etwa 10 Prozentpunkte zurückging, während die Anteile der Ehepaare mit nur 1 oder 2 Kindern entsprechend anstiegen. Die Beschleunigung des Geburtenrückgangs während der 1920er Jahre zeigt sich wiederum vor allem in der rasanten Zunahme der Anteile der Ehepaare mit nur einem Kind sowie der kinderlosen Paare und dem Absinken der Anteile der Paare mit 4 und mehr Kindern auf deutlich unter 10%.

 

 

Tabelle 0: Durchschnittl. Anteil d. Ehepaare mit maximal n Kindern

(in v. H.)

Kinderzahl
Kohorte 5 u. mehr 4 3 2 1 0
vor 1905 31 13 17 19 12 9
1905/09 21 13 18 22 16 10
1920/24 8 8 15 26 25 19
1925/29 6 7 14 26 26 21
Quelle: Vgl. Angaben zu Tabelle 1

 

 

Der Geburtenrückgang in den Berufsstellungsaggregaten

 

Stadt- und Landbevölkerung sowie Gemeindegrößenklassen im Vergleich

 

Betrachtet man die langfristige Entwicklung der rohen Geburtenziffer im Deutschen Reich von 1835 bis zum Jahr 1940,[x] so ist die stagnative Tendenz während der 1880er und 1890er Jahre gut zu erkennen. Sie beruhte auf teilweise gegenläufigen Entwicklungen bei verschiedenen Komponenten. So scheint z. B. eine seit den späten 1870er Jahren in den preußischen Stadtgemeinden relativ stark sinkende eheliche Fruchtbarkeit durch eine leicht steigende eheliche Fruchtbarkeit in den Landgemeinden bis Ende des 19. Jahrhunderts annähernd kompensiert worden zu sein.[xi] Diese Entwicklung setzte sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht weiter fort. Veranschaulicht wird das in Tabelle 1. Dort sind nicht-landwirtschaftliche und landwirtschaftliche Bevölkerung, untergliedert nach Berufsstellung, einander konfrontiert. Es zeigt sich, dass seit dem späten 19. Jahrhundert der Geburtenrückgang auch die landwirtschaftliche Bevölkerung, und zwar

in sämtlichen Berufsstellungsgruppen, erfasste. Allerdings hatte die Landbevölkerung in jeder Kohorte höhere Kinderzahlen als die nicht-landwirtschaftliche Bevölkerung. Die Differenz betrug knapp ein Kind in der Ausgangslage (erste Kohorte). Der relative Abstand nahm von 121 Prozent zu 100 Prozent auf 151 zu 100 Prozent (1920/24) zu. Absolut ergab sich die größte Differenz in der zweiten Kohorte (1,3 Kinder); 1925/29 war wieder die Ausgangsdifferenz erreicht. Demnach setzte in der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung der Geburtenrückgang früher ein und hatte zunächst – bis Anfang der 1920er Jahre – das größere Tempo. Das Kinderzahlenniveau der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung aus der Zeit vor der Jahrhundertwende erreichte die landwirtschaftliche Bevölkerung erst kurz vor dem Erste Weltkrieg und während desselben. Schon in den Vorkriegskohorten sank die Fruchtbarkeit der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung auf ein Niveau, das von der landwirtschaftlichen Bevölkerung erst während der 1920er Jahre eingeholt wurde; der Anpassungsprozess benötigte also eine halbe bis eine ganze Generation. Ähnlich wie die diskutierten Gesamtaggregate von landwirtschaftlicher und nicht-landwirtschaftlicher Bevölkerung verhielten sich auch die jeweiligen Teilgruppen (Angestellte, Arbeiter usw.) zueinander.

 

Man kann aus dieser Gegenüberstellung folgern, dass eine Einbindung in die landwirtschaftliche Bevölkerung zwar seit dem Ende des 19. Jahrhunderts keineswegs den Geburtenrückgang verhinderte; sie verzögerte ihn aber deutlich. Seit dem Ende der 1920er Jahre übertraf dann jedoch das Tempo des Geburtenrückgangs in der landwirtschaftlichen Bevölkerung dasjenige in der nicht-landwirtschaftlichen. Das Niveau der kinderärmsten Gruppe, der Angestellten außerhalb der Landwirtschaft, erreichte zwar keine der anderen Gruppen in Tabelle 1 während des Untersuchungszeitraums. Aber insgesamt homogenisierte sich die Bevölkerung offenbar hinsichtlich der durchschnittlichen Kinderzahlen pro Berufsstellungsaggregat gegen Ende des Untersuchungszeitraums.

 

Eine weitere Frage bezieht sich darauf, wie die Differenzen der Kinderzahlen gemäß Berufsstellung in verschiedenen Gemeindegrößenklassen variierten (vgl. Tabelle 2). Ein methodisches Ergebnis vorweg genommen: Unterschiede der Kinderzahlen von Selbständigen und Arbeitern in der landwirtschaftlichen Bevölkerung gegenüber denen in den Gemeinden unter 2.000 Einwohnern verdeutlichen, dass selbst kleinste Gemeinden nicht mit der landwirtschaftlichen Bevölkerung gleichgesetzt werden dürfen. Darüber hinaus zeigt Tabelle 2, dass alle Berufsstellungsaggregate mit zunehmender Gemeindegröße niedrigere Kinderzahlen aufwiesen. Ebenso springt beim Durchgang durch die Kohorten die fallende Tendenz der Fruchtbarkeitswerte jeder Gruppe und jeder Gemeindegrößenklasse ins Auge. Schließlich ist erkennbar, dass die Berufsstellungsaggregate in Gemeinden unter 100.000 Einwohnern jeweils überdurchschnittliche Kinderzahlen aufwiesen, in Großstadtgemeinden (größer oder gleich 200.000 Einwohner) dagegen unterdurchschnittliche.

 

Bemerkenswert erscheint, dass sich Beamte und Angestellte hinsichtlich der durchschnittlichen Kinderzahlen um so weniger ähnelten, je größer der Gemeindetvp war. (Am ähnlichsten waren sie sich in den Kleingemeinden). Außerdem hatten die im Prinzip kinderreichen Arbeiter und Selbständigen in den Großstädten (größer oder gleich 200.000 Einwohner) durchschnittlich weniger Kinder als die typischerweise relativ kinderarmen Angestellten und Beamten in mittleren und kleinen Gemeinden. Als Fazit des Vergleichs nach Gemeindegrößenklassen sei festgehalten: Fruchtbarkeitsdifferenzen nach Gemeindegrößenklassen lassen sich in allen aggregierten Berufsstellungsgruppen beobachten. Sie sind nicht identisch mit dem Gegensatz zwischen landwirtschaftlicher und nicht-landwirtschaftlicher Bevölkerung. Am stärksten reagierten die Selbständigen und die Arbeiter auf die durch Gemeindegrößenklassen indizierten Unterschiede der Lebenswelten, Arbeitsbedingungen und sozialen Orientierungen, und zwar durch besonders große Differenzierung der gruppenspezifischen Kinderzahlen.

 

Diese Aussagen entsprechen den Ergebnissen von Knodel.[xii] Sie sind durch das hohe Aggregationsniveau beeinträchtigt. Im Folgenden kann ich nicht nach Gemeindegrößenklassen oder Regionen unterscheiden, dafür aber nach 64 Berufsgruppen. Dadurch wird eine sehr detaillierte Analyse des Ausmaßes und der zeitlichen Veränderungen sozialer Unterschiede im Geburtenrückgang der deutschen Bevölkerung möglich.

 

Veränderung der durchschnittlichen Kinderzahlen pro Berufsgruppe

 

Einen ersten Überblick über die Ergebnisse der Auswertung der Reichs-Familienstatistik vermitteln die Daten in Tabelle 3. Vor allem fällt auf, dass die Kinderzahl pro Ehe während des Untersuchungszeitraums in sämtlichen hier dargestellten 43 Berufsgruppen während des Untersuchungszeitraums von Kohorte zu Kohorte stets rückläufig war. Weil sie die Ausgangslage repräsentiert, nämlich eine sehr frühe Phase des Geburtenrückgangs, seien einige Merkmale der ersten Kohorte (Eheschließung vor 1905) hervorgehoben.

 

  1. Durchschnittlich sechs und mehr Kinder hatte schon um die Jahrhundertwende nur noch eine Berufsgruppe: die ländlichen Arbeiter.
  2. Zwischen fünf und sechs Kinder hatten vier Berufsgruppen: die selbständigen Bauern, die Bergarbeiter, die Stein-, Glas- und Keramikarbeiter sowie die Bau- und Bauhilfsarbeiter.
  3. Zwischen vier und fünf Kinder (zugleich der damalige Bevölkerungsdurchschnitt) wiesen dreizehn Berufsgruppen auf, darunter die Selbständigen des ‚alten Mittelstands‘ (bis auf die Kaufleute), alle restlichen Arbeiterkategorien (bis auf die Arbeiter im graphischen Gewerbe) sowie eine Beamtengruppe, nämlich die Lokführer, Zugschaffner usw .
  4. So viele Kinder realisierten durchschnittlich schon in der ersten Kohorte nicht mehr die Beamten (abgesehen von den eben erwähnten Lokführern usw.), die Angestellten und die Freiberufler; sie blieben zwischen zwei und vier Kindern und damit unter dem Bevölkerungsmittel.
  5. Keine Berufsgruppe hatte in dieser Kohorte durchschnittlich weniger als zwei Kinder.

 

Es entsteht das bekannte Bild: Besonders wenig Kinder gab es in den Familien der freien Berufe, der Beamten und der Angestellten; grundsätzlich bei allen Akademikern. Besonders viele Kinder hatten die landwirtschaftlichen Berufsgruppen und die Arbeiter. Allerdings wird die erhebliche interne Differenzierung der großen Berufsgruppen hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit sichtbar, ebenso das Ausmaß der Unterschiede im Gruppenvergleich. Die maximale Differenz betrug in der ersten Kohorte fast vier Kinder (landwirtschaftliche Arbeiter im Vergleich zu den Offizieren, der damals kinderärmsten Gruppe). Zwischen dem überwiegenden Teil der Arbeiter und den Beamten bzw. Angestellten war der Abstand durchschnittlich rund zwei Kinder.

 

In einem weiteren Auswertungsschritt wurde ermittelt, wie weit die durchschnittlichen Kinderzahlen der einzelnen Berufsgruppen innerhalb jeder Kohorte prozentual vom Bevölkerungsmittel abwichen. Mehr als zehn Prozent über dem Bevölkerungsmittel befanden sich in allen Kohorten die oben genannten Berufsgruppen, die vor 1905 durchschnittlich fünf und mehr Kinder aufwiesen sowie in der letzten Kohorte zusätzlich die Kirchenbeamten. Lagen in der ersten Kohorte noch fast ausschließlich Arbeiter, zwei Selbständigengruppen und die Lokführer usw. im Intervall +/- zehn Prozent um das Bevölkerungsmittel, waren hier 1925/29 zahlreiche Beamtengruppen hinzugekommen: selbständige sowie angestellte Ärzte, Hochschullehrer, Volksschullehrer, Unteroffiziere – alles ehemalige ‚Vorreitergruppen’ des Geburtenrückgangs, die inzwischen von vielen Berufsgruppen hinsichtlich der Reduzierung der Kinderzahl überboten wurden. Traditionell befanden sich in dieser Mittellage auch in der letzten Kohorte die Selbständigen im Handwerk und im Verkehrswesen.

 

Mindestens 10 Prozent unter dem Bevölkerungsmittel blieben in der Kohorte 1925/29 alle Freiberufler und Angestellten (außer den Ärzten); neben den Studienräten und Richtern etc. vor allem mittlere und niedere Beamte (sogar die Lokführer usw.); die Selbständigen im Handel und in der Gastronomie sowie die Arbeiter im graphischen und im Bekleidungsgewerbe – alles in allem ein sehr heterogenes Aggregat, in dem die oberen Statusgruppen unterrepräsentiert sind.

 

Zu prüfen ist, ob die großen Fruchtbarkeitsunterschiede, die in der ersten Kohorte herrschten, während der Untersuchungsperiode erhalten blieben. In Bezug auf die absoluten Kinderzahlen lautet das Ergebnis: nein! Seit Beginn der 1920er Jahre lagen die durchschnittlichen Kinderzahlen deutlich näher beieinander als in der Vorkriegszeit. Sie pendelten in sämtlichen Berufsgruppen zwischen ein und unter drei Kindern; maximaler Abstand 1,9 Kinder. Allerdings waren die relativen Unterschiede sogar größer geworden. In den ersten Kohorten betrug der Range 83 Prozent, in der letzten 95 Prozent.

 

Es stellt sich die weiterführende Frage, ob die Berufsgruppen ihren Rangplatz im Geburtenrückgang wahrten. Eine erste Prüfung bestand darin, anhand von Tabelle 3 auszuzählen, welche Berufsgruppen in den verschiedenen Kohorten jeweils zu den zehn kinderärmsten oder kinderreichsten gehörten. Es zeigt sich im Vergleich der ersten mit der letzten Kohorte, dass fast alle Gruppen, die zunächst zu den kinderärmsten gehörten (vor 1905 bedeutete das: durchschnittliche Kinderzahl kleiner/ gleich 2,8), bis 1925/29 gewechselt hatten (hier lag die Grenze bei maximal 1,6 Kindern). In der ersten Kohorte bildeten die Akademiker und sonstigen Freiberufler die kinderärmste Gruppe. Sie fehlten 1925/29 fast ganz in dieser Kategorie (Ausnahmen, die sich hielten: selbständige Schriftsteller und Künstler, Offiziere und Apotheker).

 

Fragt man andererseits nach den kinderreichsten Gruppen (vor 1905 bedeutete das 4,2 und mehr Kinder, in der Kohorte 1927/29 war das Kriterium 2 und mehr Kinder), fanden von der ersten zur letzten Kohorte ebenfalls markante Veränderungen statt, doch scheinen sie weniger umfassend gewesen zu sein. Natürlich ist das Ausmaß des Geburtsrückgangs in allen Gruppen während der Untersuchungsperiode beeindruckend. Selbst bei den in beiden Kohorten jeweils durchschnittlich kinderreichsten Berufsgruppen, den landwirtschaftlichen Arbeitern und den selbständigen Bauern, fand innerhalb von 2 Generationen eine Halbierung der durchschnittlichen Kinderzahlen von 6 auf 3 Kinder statt. 4,2 und mehr Kinder hatten in der ersten Kohorte (und zählen deshalb zu den kinderreichsten Berufsgruppen) auch die Handwerker, die Selbständigen im Verkehrswesen, die Lokführer usw. sowie alle Arbeiterkategorien (bis auf diejenigen im graphischen Gewerbe, die schon bei Heirat vor 1905 relativ wenig Kinder besaßen). Dagegen gehörten in der letzten Kohorte (Heirat zwischen 1925 und 1929) nur noch 5 Arbeiterkategorien zu den kinderreichsten (mit 2 und mehr Kindern): die Bergleute, Stein-, Glas- und Keramikarbeiter, die Chemiearbeiter, die Holz- und Schnitzstoffarbeiter sowie die Papierarbeiter. Die übrigen 5 Arbeiterkategorien hatten deutlich am Geburtenrückgang teilgenommen und durchschnittlich weniger als 2 Kinder. Um so bemerkenswerter erscheint, dass in der letzten Kohorte zu den 10 kinderreichsten Berufsgruppen nunmehr alle Ärztegruppen und die Kirchenbeamten zu rechnen sind, die 2 bis 3 Kinder für erstrebenswert hielten und insofern ihr reproduktives Verhalten gegenüber dem späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert nur wenig verändert hatten.

 

Eine andere Prüfmethode, die alle Gruppen gleichzeitig berücksichtigte, bestand darin, Rangplätze nach der durchschnittlichen Kinderzahl zu ermitteln und die Veränderung der Rangfolgen von einer Kohorte zur nächsten mittels Rangkorrelation zu veranschaulichen (vgl. dazu die Rangfolgen in Tabelle 3; im Übrigen wurden bei diesen Berechnungen alle 64 Berufsgruppen berücksichtigt). Unter Verzicht auf Details der Ergebnisse lautet das Fazit: Die Rangfolgen der Berufsgruppen gemäß der durchschnittlichen Kinderzahl änderten sich während des Untersuchungszeitraums, allerdings insgesamt recht langsam (der Korrelationskoeffizient von Kohorte 1 mit den folgenden Kohorten bleibt lange hoch, und zwar bis zur vorletzten Kohorte noch über 0,6). Erst zwischen der Kohorte vor 1905 und der Kohorte 1925/29 gibt es kaum noch Ähnlichkeiten in der Rangfolge der Berufsgruppen.

 

Von Interesse ist auch das Timing des Geburtenrückgangs: Wann erreichten welche Berufsgruppen bestimmte Niveaus der durchschnittlichen Kinderzahlen? Einige markante Ergebnisse seien hervorgehoben (vgl. dazu wieder Tabelle 3):

 

  1. Nur 2,5 Kinder hatten schon in der ersten Kohorte, also um die Jahrhundertwende, drei Berufsgruppen, nämlich die Offiziere (2,1 Kinder); die Richter, Staatsanwälte usw. (2,5) und die Studienräte (2,5).
  2. Bis zum Ersten Weltkrieg (hier die Kohorten 1905/09 und 1910/14) erreichten bzw. unterschritten ebenfalls dies Niveau: Freiberufler; die selbständigen Kaufleute; fast alle Beamten (bis auf die Lokführer usw.); alle Angestellten (bis auf die Werkmeister) und die Arbeiter im graphischen Gewerbe.
  3. Entsprechend niedrige Kinderzahlen pro Ehe realisierten erst während der späten 1920er und der frühen 1930er Jahre alle Selbständigen des ‚alten Mittelstands‘ (außer den Kaufleuten); die beamteten Lokführer usw.; die angestellten Werkmeister und fast alle Arbeiterkategorien.
  4. Mehr als 2,5 Kinder pro Ehe hatten durchschnittlich auch noch in der letzten Kohorte (also bis zum Zweiten Weltkrieg) die landwirtschaftlichen Berufsgruppen und die Kirchenbeamten.

 

Auch bei dieser Betrachtungsweise lassen sich demnach deutlich die ‚Vorreiter‘ des Geburtenrückgangs von den ‚Nachzüglern‘ unterscheiden.

 

Berufsgruppenspezifische Verteilung von Familiengrößennormen

 

Anhand von Daten, wie sie beispielhaft in Tabelle 4 dargestellt sind, wurde untersucht, wie sich pro Eheschließungsperiode die Paare innerhalb der 43 Berufsgruppen auf die Kinderzahlen verteilen. Die berechneten Anteilswerte bestimmter Kinderzahlen können als Indikatoren für die Häufigkeit unterschiedlicher Größenordnungen der Kernfamilien bzw. für entsprechende Normen gelten. Ausführlicher sei wieder die Ausgangslage in der ersten Kohorte charakterisiert (vgl. Tabelle 4):

 

  1. Bemerkenswerte Unterschiede bestanden zwischen den Berufsgruppen vor allem hinsichtlich der Häufigkeit sehr großer oder sehr kleiner Familien bzw. kinderloser Ehen.
  2. Zum Anteil kinderloser Ehen: Der Range betrug in der ersten Kohorte 24 Prozent (von 4 Prozent bis 28 Prozent); der Variationskoeffizient ist 52 Prozent (vgl. zu den Variationskoeffizienten der ‚Familiengrößenmodelle’ im Bevölkerungsdurchschnitt Tabelle 5). Hohe Anteile kinderloser Ehen gab es bei den Offizieren und Unteroffizieren, den selbständigen Ärzten, den Schriftstellern und den Künstlern, bei beamteten Hochschullehrern und sowie bei den Richtern usw. Nicht ganz so hoch, aber immer noch über dem Bevölkerungsdurchschnitt waren die Kinderlosen-Anteile bei nicht-akademischen Angestellten und bei den Arbeitern im graphischen Gewerbe.
  3. Groß waren auch die Unterschiede zwischen den Berufsgruppen hinsichtlich der Anteile von Ein- und Zwei-Kinder-Familien (Variationskoeffizient 37 Prozent bzw. 33 Prozent). Meist hatten die Gruppen mit hohem Anteil kinderloser Ehen auch viele Ein- und Zwei-Kinder-Familien.
  4. Relativ ausgeglichen erscheinen die Verteilungen bei den Drei- und Vier-Kinder-Familien (Variationskoeffizient 26 Prozent bzw. 23 Prozent). Sie waren in allen Berufsgruppen ziemlich gleich stark vertreten.
  5. Die Anteilsdifferenzen wuchsen rasch ab fünf und mehr Kindern (Variationskoeffizient 47 Prozent).
  6. Extreme Anteilsunterschiede traten schließlich hinsichtlich der sehr großen Familien auf, die in Tabelle 4 nicht ausgewiesen sind. In bestimmten Berufsgruppen gab es um die Jahrhundertwende noch über zehn Prozent Familien mit zehn und mehr Kindern (Landarbeiter 17 Prozent; selbständige Bauern 14 Prozent; Bergarbeiter 14 Prozent;

Stein-, Glas-, Keramikarbeiter 12 Prozent; Bau- und Bauhilfsarbeiter 12 Prozent).

Dagegen lag der Anteil so großer Familien in den Berufsgruppen, die zu den ‚Vorreitern‘ des Geburtenrückgangs gerechnet werden, schon um die Jahrhundertwende unter vier Prozent.

  1. Andeutungsweise findet man demnach in der ersten Eheschließungskohorte noch eine Verteilung der ‚Familiengrößenmodelle‘ auf Statusgruppen, die – von einigen Verwerfungen abgesehen – einer Pyramidenform nahekommt.

 

Analysiert man die Tabelle 4, so lassen sich deutliche Veränderungen der Verteilung von ‚Familiengrößenmodellen‘ zwischen den Berufsgruppen während des Untersuchungszeitraums feststellen {vgl. zur zeitlichen Entwicklung der Anteile im Bevölkerungsdurchschnitt Abbildung 2 und zu den entsprechenden Variationskoeffizienten Tabelle 5):

 

  1. Bereits von der ersten zur zweiten Kohorte gingen die Anteilswerte sehr großer Familien mit zehn und mehr Kindern in den wenigen Berufsgruppen, in denen sie besonders hoch gewesen waren, stark zurück. Auch in allen anderen Berufsgruppen verringerten sie sich weiter, so dass es zu einer allmählichen Angleichung in dieser Hinsicht kam.
  2. Da in diesen ‚Nachzüglergruppen‘ des Geburtenrückgangs dennoch Familiengrößen mit fünf und mehr Kindern relativ häufig blieben, während andere Berufsgruppen schon vor dem Ersten Weltkrieg das Drei-, wenn nicht sogar ein Zwei-Kinder-System anstrebten, stieg trotz stark sinkenden Anteils der Familien mit fünf und mehr Kindern im Bevölkerungsdurchschnitt der Variationskoeffizient doch von 47 Prozent in der ersten Kohorte auf 73 Prozent in der Kohorte 1925/29, d.h., die relativen Unterschiede nahmen zu.
  3. Erhebliche Differenzen gab es bei den Anteilswerten kinderloser Ehen. Sie blieben stets relativ klein in den Berufsgruppen mit hohem Anteil großer Familien. Dagegen wuchsen sie kontinuierlich bei den ‚Vorreitern‘ des Geburtenrückgangs. Dennoch fand in dieser Hinsicht eine gewisse Angleichung im Bevölkerungsdurchschnitt statt, denn der Variationskoeffizient ging von 52 Prozent in der ersten Kohorte auf 31 Prozent in der letzten zurück.
  4. Eine deutliche Verminderung der Anteilsunterschiede zwischen den Berufsgruppen fand hinsichtlich der Zwei- bis Vier-Kinder-Familien statt. Am größten war die Angleichung beim generell stark gewachsenen Anteil der Zwei-Kinder-Familien. Dieser stieg von 13 Prozent auf 25 Prozent im Bevölkerungsdurchschnitt, während der Variationskoeffizient von 33 Prozent auf 10 Prozent fiel.
  5. Die Verteilung von gruppenspezifischen ‚Familiengrößenmodellen‘ nach Statuskriterien weist gegen Ende der Untersuchungsperiode nicht länger Ähnlichkeit mit einer Pyramide auf, vielmehr zeichnet sich eine U-förmige Verteilung ab.

 

Ein kurzer Blick noch auf die zeitlichen Verzögerungen bei der Durchsetzung der ‚Kleinfamilie‘ im gesellschaftlichen Maßstab (vgl. Tabellen 3 und 4):

 

  1. Alle Berufsgruppen wiesen in den vor dem Ersten Weltkrieg geschlossenen Ehen relativ kleine Anteile von Ehepaaren mit maximal einem Kind auf. Vorherrschend waren mindestens drei oder vier Kinder.
  2. Während des Ersten Weltkriegs und unmittelbar danach setzte sich bei freiberuflichen Akademikern; bei gehobenen und mittleren Angestellten sowie bei Arbeitern im graphischen Gewerbe das Zwei-Kinder-System als Norm durch (Kriterium: 75 Prozent der Ehepaare hatten maximal zwei Kinder). Schon vor dem Ersten Weltkrieg war es in diesen Gruppen der häufigste Familiengrößentyp gewesen (mehr als 50 Prozent Anteil).
  3. Diese Norm realisierten mit fünf bis zehn Jahren Verzögerung gegen Ende der 1920er Jahre auch: die Selbständigen im Handelsgewerbe; die meisten mittleren und einfachen Beamten; die niederen Angestellten und die Werkmeister.
  4. Dagegen blieben bei einer Nom von drei oder sogar mehr Kindern bis in die 1930er Jahre hinein: die landwirtschaftlichen Berufsgruppen; die übrigen selbständigen Gewerbetreibenden; alle Arbeiter (außer denen im graphischen Gewerbe) und einige akademisch gebildete Beamte (Kirchenbeamte, Ärzte, Hochschullehrer, Studienräte, Volksschullehrer) sowie die Lokführer, Zugschaffner usw.

 

Festzuhalten ist, dass sich nach dem Ersten Weltkrieg die ‚Vorreiter‘ des Geburtenrückgangs spalteten, als es um die Realisierung einer Familiengrößennorm von zwei oder sogar weniger Kindern ging. Einige traditionell während des 19. Jahrhunderts bei der Reduzierung der Kinderzahlen führende Berufsgruppen blieben bei einer Norm, die von so genannten Nachzüglergruppen schon vor, besonders aber unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg deutlich unterboten wurde. Diese seit den 1920er Jahren den Geburtenrückgang tendenziell retardierenden Gruppen rangieren einerseits im oberen Drittel der Status- und Einkommenshierarchie, andererseits in deren unterem Drittel. Hinsichtlich einer Familiengrößennorm von mehr als zwei Kindern deutete sich demnach schon vor dem Zweiten Weltkrieg die während der letzten Jahrzehnte häufig beobachtete U-förmige Verteilung an.[xiii] Die kinderärmsten Berufsgruppen kommen in Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg aus der mittleren und unteren Mittelklasse, die gleichzeitig ihren Anteil an der Erwerbsbevölkerung kontinuierlich vergrößern.

 

Diskussion einiger Hypothesen

 

Selbstverständlich kann ich hier keine umfassende Erklärung des Geburtenrückgangs und/oder seiner sozialen Differenzierung liefern. Offensichtlich ist die Zahl wichtiger Einflussfaktoren viel zu groß und sind die Zusammenhänge viel zu komplex, um sie hier angemessen thematisieren zu können. Ich möchte deshalb nur schlaglichtartig einige Hypothesen beleuchten und dabei einige zusätzliche empirische Resultate meiner Arbeit streifen.

 

Geburtenrückgang und Aufwuchserwartungen

 

Eine bekannte Hypothese zur Erklärung des säkularen Geburtenrückgangs (bzw. seines Ausbleibens) stellt auf die Beziehung zwischen der Säuglings- und Kindersterblichkeit oder ihrem Korrelat, der Aufwuchsziffer, einerseits, der Fruchtbarkeit andererseits ab: So lange in einer Population die Aufwuchsziffern nicht spürbar wachsen, ist mit einer Reduzierung der Fruchtbarkeit nicht zu rechnen.[xiv] Demnach müsste die Säuglings- und Kindersterblichkeit mindestens eine halbe bis ganze Generation früher zu sinken beginnen als die darauf reagierende Fruchtbarkeit. Knodel glaubt, diese Hypothese nicht eindeutig verifizieren oder falsifizieren zu können, wenn sie anhand von hoch aggregierten Daten überprüft werden soll. Er stellt fest, dass für das Reich insgesamt sowie für die meisten Verwaltungsbezirke (Staaten, Regierungsbezirke Preußens usw.) eine Synchronität von Geburtenrückgang und Senkung der Säuglingssterblichkeit bestand. Wie die Beeinflussungsrichtung verlief, ist nicht erkennbar. Immerhin wurden fast 40 % des gesamten Geburtenrückgangs im Reichsdurchschnitt durch Sterblichkeitssenkungen kompensiert.[xv] Die Synchronität belegen auch die detaillierten Aufwuchsberechnungen von Meerwarth.[xvi] Aus ihnen folgt ebenfalls keine eindeutige Beeinflussungsrichtung im Verhältnis Sterblichkeits- zu Fruchtbarkeitentwicklung.

 

Ich habe Berechnungen für Preußen durchgeführt, die, statt stärker regional einzugrenzen (wie Knodel es tut), nach Sozialgruppen differenzieren. Es zeigt sich, dass im Durchschnitt schon während der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts der Aufwuchs von Kindern zugenommen hat (vgl. Tab. 6). Das könnte den durchschnittlichen Geburtenrückgang ausgelöst, zumindest unterstützt haben. Andererseits ist erkennbar, dass die Kinder der so genannten ‚Vorreitergruppen’ des Geburtenrückgang schon um 1880 die größten Überlebenswahrscheinlichkeiten besaßen und diesen Vorsprung bis zum Ende des 19. Jahrhundert sogar noch ausbauen konnten: Die sozialen Unterschiede wuchsen nicht nur im Spiegel der Säuglingssterblichkeit, sondern auch im Spiegel des Aufwuchses von kleinen Kindern. Dass Arbeiter die geringsten Verbesserungen der Überlebenschancen ihre Kinder erfuhren, ließe sich immerhin als wichtigen Grund für ihre gegenüber anderen Gruppen verzögerte Reaktion im Geburtenrückgang ansehen, damit als kompatibel zur Aufwuchshypothese. Da jedoch die Zahlen in Tab. 6 zeitlich nicht weit genug zurück reichen, lässt sich im Prinzip auch bei der vorgenommenen sozialen Differenzierung nicht entscheiden, ob im Sinne der Aufwuchshypothese die Sterblichkeitssenkung der Fruchtbarkeitsreduzierung voraus ging.

 

Knodel glaubt aufgrund seiner neueren Befunde, dass die Hypothese radikal individualistisch interpretiert werden müsse.[xvii] Er veröffentlichte kürzlich seine demographischen Berechnungen für ein Sample von 14 Dörfern aus verschiedenen Teilen Deutschlands, Zeitraum 1750-1900. Die Daten entstammen Familienrekonstitutionen, dieKnodel wiederum Ortssippenbüchern entnommen hat. Seine wichtigsten Ergebnisse sind:

 

Abweichungen hinsichtlich des Verlaufs der ‚demographischen Transition’ von Dorf zu Dorf erscheinen zu stark, als dass durchschnittliche Folgerungen sinnvoll erscheinen. Deshalb schlägt Knodel vor, von mehreren ‚demographischen Transitionen’ zu sprechen.

In vielen Dörfern lässt sich bis zum Ende des 19. Jahrhundert ein Fruchtbarkeitsanstieg feststellen; er basierte vor allem auf gestiegener Fekundität.

Die ‚Modernisierung’ des reproduktiven Verhaltens (Übergang zu Geburtenkontrolle) fand nicht in Form des Spacings statt, sondern in der Zunahme des Bestrebens, eine bestimmte Kinderzahl nicht zu überschreiten (Parity-Dependent-Control). Das drückt sich aus im sinkenden Alter der Ehefrauen bei der Geburt des letzten Kindes.

Berufsspezifische Differenzen der Fruchtbarkeitsentwicklung und der Modernisierung des reproduktiven Verhaltens erscheinen geringer als regionale Variationen. Überhaupt prägten sich solche sozialen Differenzen erst im Zeitraum 1850-1900 etwas stärker aus, in einer Zeit also, in der Geburtenkontrolle generell schon zunahm. Die Fruchtbarkeitsunterschiede nach Beruf blieben gering, jedoch zeigten sich Differenzen hinsichtlich des Ausmaßes der Geburtenkontrolle. Obwohl Ausnahmen von Dorf zu Dorf auftraten, kann generell die Tendenz gefolgert werden (wenn man Handwerker und sonstige Selbstständige von Bauern und Arbeiter unterscheidet): Stärkste Geburtenkontrolle fand bei Bauern statt, geringere bei Handwerkern und sonstigen Selbständigen, die geringste bei Arbeitern.

 

Knodel hatte in seiner Monographie zum Geburtenrückgang in Deutschland die Aufwuchshypothese zur Erklärung des Geburtenrückgangs als nicht genügend plausibel abgelehnt. Auf der Ebene der Dorfstudien meint er nun, doch Anhaltspunkte für folgende Variante gefunden zu haben: Die Aufwuchshypothese muss auf das einzelne Ehepaare bezogen werden. Auf individueller Ebene gilt, dass als erstes diejenigen Paare zur Geburtenkontrolle übergingen, die einen Rückgang der Säuglings- und Kindersterblichkeit erfahren hatten. Sie reagierten damit auf die nur für sie relevante Zunahme der Überlebenswahrscheinlichkeit ihres Nachwuchses, auch wenn in ihrer Umgebung (im Dorf, erst recht in der größeren Region) die Kindersterblichkeit hoch geblieben sein sollte.

 

Geburtenrückgang und Mentalität

 

Die diskutierte Aufwuchshypothese hat meines Erachtens beachtliche Schwächen, die mit Knodels Individualisierungsansatz nicht wirklich behoben sind:

 

Sie ignoriert die erheblichen Differenzen der durchschnittlichen Kinderzahlen zwischen Berufs- oder Sozialgruppen vor dem Einsetzen des trendmäßigen säkularen Geburtenrückgangs. Wenn diese auf sozial differenzierte Kinderzahlnormen zurück geführt werden sollten, wäre wiederum zu fragen, wie Aufwuchserwartungen und derartige Normen miteinander verknüpft waren und warum sich diese Normen langfristig stark angeglichen haben.

Die Aufwuchshypothese erlaubt keine befriedigende Erklärung des Fruchtbarkeitsrückgangs während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es ist ganz unwahrscheinlich, dass während dieser Periode (bekanntlich geprägt durch anhaltende Pauperisierungstendenzen bei der großen Masse der Bevölkerung) nennenswerte Verbesserungen der Überlebenschancen von Säuglingen und Kleinkindern im Bevölkerungsdurchschnitt stattgefunden haben. Hier muss auf andere Erklärungsmuster zurückgegriffen werden.

Dasselbe Argument gilt hinsichtlich der frühzeitigen Fruchtbarkeitsreduzierung bei Beamten und Freiberuflern. Adelheid von Nell konnte überzeugend darstellen, dass sich in diesen sozialen Gruppen schon seit Beginn des 19. Jahrhundert eine kontinuierliche Fruchtbarkeitsreduzierung vollzog.[xviii] Sie ist im Zusammenhang mit der Etablierung eines modernen Berufsbeamtentums und einer Konsolidierung der sozialen Stellung gebildeter bürgerlicher Gruppen zu sehen, also im Zusammenhang mit einer gewissen Sicherung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Existenz. Dagegen erscheint die Annahme, die Aufwuchserfahrungen hätten sich in den bewussten Gruppen seit jener Zeit spürbar vergrößert, wenig plausibel.

 

Im Gegensatz zur Aufwuchshypothese möchte ich hier die Bedeutung sich ändernder allgemeiner Lebens- und Arbeitsbedingungen bzw. Lebens- und Arbeitsinhalte für das generative Verhalten hervorheben. Haines hat kürzlich die hier in Betracht kommenden Faktoren konkretisiert und zu einem Modell verbunden, dass ich im Folgenden nur durch eine Merkmalsaufzählung charakterisieren möchte:[xix] Herkunft (vor allem ökonomische, das heißt ob aus der Landwirtschaft oder Nicht-Landwirtschaft); Einkommenschancen (sowohl Niveau wie Verteilung über die Lebensspanne); Beschäftigungschancen (Arbeitsmarkt für Männer); Arbeitsmarktchancen für Frauen; Sexualproportion der Bevölkerung im heiratsfähigen Alter (Heiratsmarkt); Häufigkeit der Kinderarbeit; Morbiditäts- und Mortalitätsdifferenzen, möglichst altersspezifisch gegliedert; Wohnstruktur (ökonomische Komponenten wie landwirtschaftlicher Nebenbetrieb, Verfügbarkeit von Gartenland usw.; kulturelle und soziale Komponenten wie Nachbarschafts- und Verwandtschaftsstrukturen; Wirksamkeit von kulturellen Traditionen usw.). Das Verbindungsglied zwischen diesen Faktoren (bzw. Bündeln von ihnen) und der Fruchtbarkeit sehe ich in Mentalitätstypen. Darunter verstehe ich bewusstseinsfähige Muster von Einstellungen und Werthaltungen, die mit einem bestimmten Lebensstil korrelieren und das generatives Verhalten prägen.

 

Meine Einwände richten sich vor allem gegen die „starke“ Formulierung der Aufwuchshypothese, mit der veränderte Aufwuchserfahrungen zur entscheidenden Ursache des Geburtenrückgangs erklärt werden. Ich halte Fruchtbarkeitsreduzierung trotz unverändertem Aufwuchs oder zumindest weitgehend unabhängig davon für möglich, und zwar aufgrund veränderter Mentalitäten. Daraus möchte ich allerdings keine ausschließende Hypothese machen.

 

In diesem Sinne glaube ich beispielsweise, in verwandten Mentalitäten ein verbindendes Element zwischen den verschiedenenartigen Berufsgruppen sehen zu dürfen, die insgesamt als ‚Vorreiter’ des Geburtenrückgangs identifiziert wurden. Dabei handelt es sich um Akademiker (gleich wo und wie beschäftigt); Künstler; gehobene, aber auch mittlere kaufmännische Angestellte; um die selbstständigen Handelstreibenden und um die Arbeiter und Hilfsarbeiter im grafischen Gewerbe. Diese Gruppen ergeben zweifellos keine homogene soziale Schicht im traditionellen Sinn. Weder teilen sie den gleichen sozialen Status noch haben sie typischerweise intime (private) gesellschaftliche Kontakte untereinander. Auf sie kann demnach nicht die Vorstellung von Schichtbildung als ‚differentielle Assoziation’ bezogen werden. Ebenso dürften die Unterschiede im Einkommen, in den Autonomiespielräumen am Arbeitsplatz, in der Teilhabe an gesellschaftlicher Macht usw. stets groß gewesen sein, d.h. die Unterschiede in den Komponenten der Marktkapazität, die zur Klassenbildung führen. Man könnte die genannten Gruppen vermutlich gemäß traditionellen Schichtskalen auf die Ränge von der oberen Mittelschicht bis zur oberen Unterschicht platzieren. Schließlich erscheint beachtlich, dass keineswegs alle Beamten und alle Angestellten zu dieser ‚Vorreitergruppe’ gehörten; sie ist demnach auch nicht mit den ‚neuen Mittelstand’ identisch.

 

Die dennoch beobachteten Ähnlichkeiten im generativen Verhalten (jedenfalls in Bezug auf Tempo und Timing des Geburtenrückgang) führe ich auf verwandte oder konvergierende Mentalitäten zurück, die an folgende Merkmale der typischen Arbeits- und Lebenssituation anknüpfen und als status- sowie aufstiegsbewusst bezeichnet werden können:

 

Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen derselben Statusebene besonders lange und qualifizierte Ausbildung.

Berufe, die im Prinzip auf Kontrolle über Menschen und Sachen gerichtet sind, entweder als faktische Kontrolle oder als über Sprache und andere symbolische Medien vermittelte.

Relativ unspezifische Arbeitsinhalte.

Vergleichsweise hoher Anteil extrafunktionaler Qualifikationen wie: hohe Fungibilität und Mobilitätsbereitschaft; starke Identifikation mit der Leistungsideologie privatkapitalistisch fundierter Industriegesellschaften; starke Verpflichtung auf zweckrationales Handeln sowohl in der Arbeit wie im Privatleben.

Ausschließlich tertiäre Tätigkeiten (auch wenn diese in anderen Wirtschaftssektoren ausgeübt werden); von daher große Distanz zu Urproduktion und zu direkter Produktionsarbeit.

Naturferne der Arbeits- und Lebenssituation .

 

Ein übergreifender Faktor dürfte Urbanität gewesen sein, die aber mehr den Stellenwert einer Randbedingung als den einer direkten Ursache in Bezug auf das gezeigte generative Verhalten besessen zu haben scheint. Natürlich sind das nur erste spekulative Versuche. Sie sollten zur empirisch-historischen und theoretischen Überprüfung herausfordern. Besonders gilt es, genauer zu erkunden, warum ein solcher rationalistischer Mentalitätstyp unter den gesellschaftlichen Bedingungen und Erfahrungen des späten 19. Jahrhunderts zu konsequenter Geburtenreduzierung veranlasste. Das kann hier nicht geleistet werden.[xx] Immerhin zeigt sich ja in meinen Befunden auch die Möglichkeit einer abweichenden Reaktion, nämlich die seit den späten 1920er Jahren sichtbar werdende Beharrungstendenz einiger Gruppen von akademisch gebildeten Beamten und des größten Teils der selbstständigen Gewerbetreibenden gegenüber fortgesetzter Fruchtbarkeitsreduzierung, also das Festhalten an der Zwei- bzw. Drei-Kindernorm. Hier zeichnet sich im Rahmen des rationalistischen Mentalitätsmusters eine Variante ab. Auch in diesem Fall verbindet sie heterogene Berufsgruppen.

 

Andererseits kann ich aufgrund von weiteren Berechnungen diese Hypothese differenzieren. Die zentrale Aussage von Tab. 9 ist gegenüber meinen bisherigen Ergebnissen präziser, da Berufsstellungsaggregate noch einmal gemäß einem Mentalitätskriterium differenziert werden konnten: Demnach waren (spätere) NS-Leiter in Thüringen schon vor dem Ersten Weltkrieg gegenüber ihren Berufskollegen dadurch gekennzeichnet, dass sie deutlich größere Familien anstrebten (mehr Kinder besaßen). Sie antizipierten – überspitzt gesagt – damit um Jahrzehnte die NS-Bevölkerungs- und Familienpolitik. Es wird sichtbar, dass selbst datailliert bestimmte Berufsgruppen letztlich heterogene soziale Gebilde sind, die in sich durch Mentalitätsvarianten strukturiert werden.

 

Die Betonung des vermittelnden Gliedes der Mentalitäten in der Erklärung des Geburtenrückgangs löst nicht das Problem der Suche nach den entscheidenden, das generative Verhalten prägenden Faktoren. Deutlich ist allerdings, dass die Aufwuchshypothese zu eng ansetzt und nur selten Erklärungskraft haben dürfte. Weiterführende Hinweise finden sich bei Imhof, der ebenfalls auf die Bedeutung von Mentalitätsveränderungen abstellt, um längerfristige Variationen der Fruchtbarkeit zu erklären.[xxi] Er zeigt, dass der Übergang zu Geburtenkontrolle mit der Konsequenz eines säkularen Fruchtbarkeitsrückgangs in verschiedenen Regionen Westeuropas zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattgefunden hat, in Genf schon während des 17. Jahrhunderts, in der Umgebung von Paris während des späten 18. Jahrhunderts und in deutschen Dörfern häufig erst während des späten 19. Jahrhunderts. Die Fruchtbarkeitsreduzierung ist für ihn Indikator eines Mentalitätswandels. Die Beispiele zeigen nun, dass offenbar ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen diesen Mentalitätswandel herbeiführen konnten: bestimmte religiös-kulturelle Veränderungen (Genf); die Erfahrung eines zunehmenden Übervölkerungsdrucks (Nordfrankreich); wachsende Unzufriedenheit mit einer Säuglings- und Kindersterblichkeit, die überhöht erscheint (Pariser Vororte); erwachendes Interesse an der Verbesserung der familiäreren Versorgungs- und Aufstiegsmöglichkeiten (Deutschland). Mit der letzteren Variante wäre die Aufwuchshypothese kompatibel, mit den übrigen Erklärungsansätze verträgt sie sich jedoch nicht. Entweder erscheint die empirische Relation zwischen Säuglings- und Kindersterblichkeit einerseits, Fruchtbarkeit andererseits sekundär (so im Beispiel der calvinistischen Fruchtbarkeitsmoral). Oder es ist von einer sich ändernden Einstellung zu traditionell hoher, von einem bestimmten Zeitpunkt an jedoch aufgrund komplexen gesellschaftlichen Wandels als überhöht bewerteter Säuglings- und Kindersterblichkeit auszugehen.

 

 

Kurzes Fazit und Ausblick

 

Meine Untersuchungen bestätigen die eingangs zitierten die Thesen von Wrong, wenn man auf größere Berufsgruppenaggregate blickt. Da diese Aggregate hier jedoch stark aufgefächert und außerdem über jeweils sechs Teilperioden hin verfolgt wurden, ergibt sich ein sozial erheblich differenzierteres und zugleich hinsichtlich des zeitlichen Ablaufs genaueres Bild. Gerade wegen dieser zusätzlich gewonnenen Fülle an detaillierten Informationen, erscheint es sinnlos, hier eine über Wrong hinaus gehende Zusammenfassung bieten zu wollen.

 

Andererseits möchte ich in einer Art Ausblick eine Hypothese zu den Auslösern und Determinanten des Geburtenrückgangs andeuten, die ich vereinfacht die Wohlfahrtshypothese nennen möchte. Sie wurde aus den Beobachtungen des deutschen Beispiels im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert abgeleitet und dürfte äußerst fruchtbar für den Versuch sein, die Verhältnisse in heutigen Entwicklungsländern zu verändern. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass die Voraussetzung für einen anhaltenden Geburtenrückgang stets die Überzeugung der Menschen sein muss, Geburtenkontrolle und damit Familienplanung seien möglich und sozial statthaft. Erst wenn sich diese Überzeugung in größeren Bevölkerungsgruppen durchgesetzt hat, entsteht das für Geburtenkontrolle entscheidende Bewusstsein für die eigene Verantwortung des einzelnen Paars. Und dann können die vielen im Großen und Ganzen ja schon seit Jahrhunderten bekannten Techniken der Geburtenkontrolle angewandt werden. D. h., es ist ein Irrglaube, dass die Verfügbarkeit moderner Hilfsmittel, besonders von Ovulationshemmern, der entscheidende Faktor für das Einsetzen eines breiten und anhaltenden Geburtenrückgangs sei. Diese Hilfsmittel werden nur eingesetzt, wenn sie dem einzelnen Paar sinnvoll und möglichst auch sozial akzeptiert erscheinen. Dass die angesprochene Überzeugung wiederum vermutlich notwendigerweise eingebunden ist in den säkularen Prozess der Individualisierung, liegt auf der Hand, kann hier aber nicht eingehender dargestellt werden.[xxii]

 

Ausgehend von der obigen Feststellung ist demnach von entscheidender Bedeutung, aufgrund welche Faktoren größere Menschengruppen zur Geburtenkontrolle übergehen, nachdem andererseits die Möglichkeit dazu im Bewusstsein verankert wurde. Hier kommt die Wohlfahrtshypothese ins Spiel. Demnach hat die nicht völlig utopisch wirkende Erwartung einer zunehmenden Verbesserung und Verstetigung der eigenen sozialen und wirtschaftlichen Existenz durch einen expandierenden, ausdifferenzierten und durchlässigen Arbeitsmarkt sowie durch die Grundzüge eines sozialen Sicherungssystems größte Bedeutung. Wenn diese Erwartung durch die Wahrnehmung realer beruflicher Chancen in der nächsten Generation bestätigt wird, werden Investitionen in die Ausbildung der Kinder sinnvoll und damit die Reduzierung der Kinderzahl. Die Entwicklung wohlfahrtsstaatlicher Institutionen wiederum, besonders eines Alterssicherungssystems, und sei es noch so rudimentär, lässt die traditionelle Vorstellung von vielen Kindern als Altersvorsorge obsolet erscheinen. Vor allem für die Verbreitung von Geburtenkontrolle und für das Einsetzen des Geburtenrückgangs in den Unterschichten dürften die genannten Faktoren ausschlaggebend sein. Die entsprechende Kampagne innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die man nicht auf die Spitze des Eisbergs, auf die so genannte Gebärstreik-Debatte von 1913[xxiii], reduzieren sollte, kann als Beleg für diese Hypothese gelten. Insofern darf, um noch einmal auf die Entwicklungsproblematik hinzuweisen, das Bemühen um das Einsetzen eines Geburtenrückgangs in den Entwicklungsländern nicht getrennt werden von Strategien für nachhaltiges Wirtschaftswachstum und eine soziale Verbreiterung der Einkommensverteilung.

 

[i] Leicht überarbeitete und mit neuem Schluss versehene Version eines Aufsatzes, der ursprünglich unter dem obigen Titel veröffentlicht wurde in: Demographische Informationen 1984. Hg. v. Institut für Demographie, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 1984, S. 49-68. Die Tabellen stehen in einem separaten Anhang. Leider sind Tab. 3 und 4 nicht benutzerfreundlich geraten. Notfalls müsste man die eben genannte ursprüngliche Veröffentlichung einsehen.

[ii] Vgl. Knodel, J. E.: The Fertility Decline in Germany, 1871-1939. Princeton, N. J., 1974; Ders.: From Natural Fertility to Family Limitation: The Onset of Fertility Transition in a Sample of German Villages. In: Demography, 16 (1979), S. 493-521; Ders.: Demographic Transition in German Villages. Ann Arbor 1982 (University of Michigan, Population Studies Center, Research Report No. 82-22); Ders.: Child Mortality and Reproductive Behavior in German Village Populations in the Past: A Micro-Level Analysis of the Replacement Effect. In: Population Studies, 36 (1982), S. 177-200; Ders. u. Wilson, C.: The Secular Increase in Fecundity in German Village Populations: An Analysis of Reproductive Histories of Couples Married 1750-1899. In: Population Studies, 35 (1981), S. 53-84.

[iii] Vgl. Imhof, A. E.: Die gewonnenen Jahre. Von der Zunahme unserer Lebensspanne seit dreihundert Jahren, oder: Von der Notwendigkeit einer neuen Einstellung zu Leben und Sterben. München 1981.

[iv] Vgl. Burgdörfer, F.: Volk ohne Jugend. Geburtenschwund und Überalterung des deutschen Volkskörpers. 2. Aufl., Berlin 1934, S. 645-664; Ders.: Die unterschiedliche Fortpflanzung. Ergebnisse der Familienstatistik. In: Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie, 36 (1942), S. 411-479; Ders.: Die unterschiedliche Fortpflanzung nach der deutschen Familienstatistik. In: Homo, 1 (1949), S. 20-38; Castell, A. Gräfin zu: Forschungsergebnisse zum gruppenspezifischen Wandel generativer Strukturen. In: Conze, W. (Hg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Neue Forschungen. Stuttgart 1976, S. 161-172; Dies.: Unterschichten im „Demographischen Übergang“. Historische Bedingungen des Wandels der ehelichen Fruchtbarkeit und der Säuglingssterblichkeit. In: Mommsen, H., u. Schulze, W. (Hg.): Vom Elend der Handarbeit. Probleme historischer Unterschichtenforschung. Stuttgart 1981, S. 373-394; Spree, R.: Soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod. Zur Sozialgeschichte des Gesundheitsbereichs im Deutschen Kaiserreich. Göttingen 1981; Ders.: The German Petite Bourgeoisie and the Decline of Fertility: Some Statistical Evidence from the late 19th and early 20th Centuries. In: Historical Social Research – Quantum Information , 22 (1982), S. 15-49.

[v] Wolf, J.: Die neue Sexualmoral und das Geburtenproblem unserer Tage. Jena 1928, S. 21.

[vi] Vgl. Wrong, D. H.: Trends in Class Fertility in Western Nations. In: Canadian Journal of Economics and Political Science, 24 (1958), S. 216-229.

[vii] Volkszählung. Die Familien im Deutschen Reich. Die Ehen nach der Zahl der geborenen Kinder. Bearbeitet im Statistischen Reichsamt, Berlin 1943 (Statistik des Deutschen Reichs, Bd. 554: Volks-, Berufs- und Betriebszählung vom 17. Mai 1939). Zu beachten ist, dass der Gebietsstand vom Mai 1939 auch Österreich einschließt. Wenn im Folgenden Kohorteneffekte gelegentlich als Periodeneffekte interpretiert werden, ist dabei zu berücksichtigen, dass im größten Teil der Ehen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ca. zwei Drittel bis drei Viertel aller überhaupt geborenen Kinder bis spätestens zum 10. Ehejahr empfangen wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden in der Regel sogar rund 90 Prozent der Kinder bis zum 10. Ehejahr geboren. Darauf stützt sich meine Interpretation der Eheschließungskohorte 1925/29 als im Wesentlichen den so genannten abgeschlossenen Ehen analog. Vgl. dazu das statistische Material bei Spree: The German Petite Bourgeoisie, S. 17 u. 24f.

[viii] Kriterium für diese Datierung ist eine mehr als zehnprozentige Reduktion des Index der ehelichen Fruchtbarkeit gegenüber dem ‚traditionellen’ Niveau. Vgl. zur Berechnung und Interpretation der Fruchtbarkeitsindizes Knodel: The Decline, S. 33-37. Es gibt in der Literatur abweichende Datierungen. Oft wird der Beginn des Geburtenrückgangs auf die Mitte der 1870er Jahre gelegt; vgl. z. B. Lee, R. W.: Germany. In: Ders. (Hg.): European Demography and Economic Growth. London 1979, S. 164. Dabei wird übersehen, dass die Entwicklung der Geburtenrate von ca. 1855/56 (als nach längerem Fall ein Anstieg einsetzte) bis etwa 1895/96 (als nach 2 Jahrzehnte dauernder Stagnation auf relativ hohem Niveau der säkulare Fall begann) im Sinne eines Zyklus zu interpretieren ist. Vgl. dazu Dickler, R. A.: Labor Market Pressure Aspects of Agricultural Growth in the Eastern Region of Prussia, 1840-1914: A Case Study in Economic-Demographic Interrelations during the Demographic Transition. Ph. Diss. University of Pennsylvania 1975, S. 72 u. 206f.

[ix] Vgl. Knodel: The Decline, S. 39.

[x] Vgl. Rothenbacher, F, u. Fertig, G.: Bevölkerung, Haushalte und Familien. In: Rahlf, T. (Hg.): Deutschland in Daten. Zeitreihen zur Historischen Statistik. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2015, S. 35.

[xi] Vgl. Mombert, P.: Studien zur Bevölkerungsbewegung in Deutschland. Karlsruhe 1907, S. 196f.

[xii] Vgl. Knodel: The Decline, S. 112-127.

[xiii] Vgl. Rückert, G.-R: Die Kinderzahl der Ehen in der Bundesrepublik Deutschland im Intergenerationenvergleich. In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 2 (1976), S. 36-52; Höhn, C.: Kinderzahl ausgewählter Berufsgruppen. Ergebnisse des Mikrozensus 1976. In: Wirtschaft und Statistik (1978), H. 5, S. 278-284.

[xiv] Besonders streng formuliert bei Linde, H.: Familie und Haushalt als Gegenstand bevölkerungsgeschichtlicher Forschung. Erörterung eines problembezogenen und materialorientierten Bezugsrahmens. In: Conze, W. (Hg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Neue Forschungen. Stuttgart 1976, S. 40.

[xv] Vgl. Knodel: The Decline, S. 185ff.

[xvi] Vgl. Meerwarth, R.: Die Entwicklung der Bevölkerung in Deutschland während der Kriegs- und Nachkriegzeit. In: Ders., u. a.: Die Einwirkung des Krieges auf Bevölkerungsentwicklung, Einkommen und Lebenshaltung in Deutschland. Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Weltkrieges. Deutsche Serie. Stuttgart usw. 1932 (Veröffentlichungen der Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden), S. 22f.

[xvii] Vgl. Knodel: The Decline, S. 51 u. 55-59; Knodel: Child Mortality, S. 199f.; Knodel u. Wilson: The Secular Increase, S. 68 u. 73ff.

[xviii] Vgl. Nell, A. von: Die Entwicklung der generativen Strukturen bürgerlicher und bäuerlicher Familien von 1750 bis zur Gegenwart. Diss. Bochum 1973, S. 45-51.

[xix] Vgl. Haines, M. R.: Fertility and Occupation: Population Patterns in Industrialization. New York 1979), S. 37-57.

[xx] Vgl. dagegen den empirisch gehaltvollen Erklärungsansatz für die Niederlande, der allerdings hinsichtlich der sozialen Differenzierung sehr grob bleibt, bei Poppel, F. W. A. van: Differential Fertility in the Netherlands: An Overview of Long-Term Trends with Special Reference to the Post-World War I Marriage Cohorts. Voorburg 1983 (Netherlands Interuniversity Demographic Institute, Working Paper No. 39), S. 21-29. Ergänzende Daten und Hypothesen auch bei Spree: Soziale Ungleichheit, S. 77-92.

[xxi] Vgl. Imhof: Die gewonnenen Jahre, S. 62-73.

[xxii] Vgl. dazu besonders Beck, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/ M. 1986, S. 206ff. Allgemeiner auch Beck, U., u. Beck-Gernsheim, E. (Hg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in Industriegesellschaften. Frankfurt/ M. 1994.

[xxiii] Vgl. Eder, F. X.: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität. München 2002, S. 200; Bergmann, A.: Frauen, Männer, Sexualität und Geburtenkontrolle. Die Gebärstreikdebatte der SPD im Jahre 1913. In: Hausen, K. (Hg.): Frauen suchen ihre Geschichte. Historische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert. München 1983, S. 81ff.; Linse, U.: Arbeiterschaft und Geburtenentwicklung im Deutschen Kaiserreich von 1871. In: Archiv für Sozialgeschichte, 12 (1972), S. 205-271.

Veröffentlichungen von Reinhard Spree

Prof. Dr. Reinhard Spree                                                                                    Stand: Oktober 2018

Verzeichnis der Veröffentlichungen

I. Wirtschaftshistorische Beiträge, bes. Historische Konjunktur- und Wachstumsforschung

 

Monographien

Die Wachstumszyklen der deutschen Wirtschaft von 1840 bis 1880. Berlin: Duncker & Humblot 1977.

Wachstumstrends und Konjunkturzyklen in der deutschen Wirtschaft von 1820 bis 1913.

Quantitativer Rahmen für eine Konjunkturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Göttingen:

Vandenhoeck & Ruprecht 1978.

Lange Wellen wirtschaftlicher Entwicklung in der Neuzeit. Historische Befunde, Erklärungen und Untersuchungsmethoden. Köln 1991 (= Historical Social Research – Historische Sozialforschung, Supplement No. 4).

 

Herausgeberschaft

(Zusammen mit W. H. Schröder): Historische Konjunkturforschung. Stuttgart: Klett-Cotta 1980 (Historisch-Sozialwissenschaftliche Forschungen, Bd. 11).

ifo-Studien, (1992), H. 2 (als Gastherausgeber = Fs. für Knut Borchardt)

Geschichte der deutschen Wirtschaft im 20. Jahrhundert. München: Beck 2001.

Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Beihefte 1 – 16. Berlin: Akademie Verlag 2002 – 2016.

Beiträge zu Zeitschriften und Sammelwerken

Akkumulation und Verwertung: Zur Krisenproblematik des industriewirtschaftlichen Wachstums. In: SOWI, 3 (1974), S. 38-43.

(Zusammen mit J. Bergmann): Die konjunkturelle Entwicklung der deutschen Wirtschaft 1840 bis 1864. In: Wehler, H.-U. (Hg.): Sozialgeschichte Heute. (Festschrift für Hans Rosenberg zum 70. Geburtstag). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1974, S. 289-325.

Zur Theoriebedürftigkeit quantitativer Wirtschaftsgeschichte (am Beispiel der historischen Konjunkturforschung und ihrer Validitätsprobleme). In: Kocka, J. (Hg.): Theorien in der Praxis des Historikers. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1977 (Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 3), S. 189-204.

Zur quantitativ-historischen Analyse ökonomischer Zeitreihen: Trends und Zyklen in der deutschen Volkswirtschaft von 1820 bis 1913. In: Best, H., u. Mann, R. (Hg.): Quantitative Methoden in der historisch-sozialwissenschaftlichen Forschung. Stuttgart: Klett-Cotta 1977 (Historisch-Sozialwissenschaftliche Forschungen, Bd. 3), S. 126-161.

Veränderungen der Muster zyklischen Wachstums der deutschen Wirtschaft von der Früh- zur Hochindustrialisierung. In: Geschichte und Gesellschaft, Bd. 5 (1979), H. 2, S. 228-250.

Was kommt nach den „langen Wellen“? In: Schröder, W. H., u. Spree, R.(Hg.): Historische Konjunkturforschung. Stuttgart: Klett-Cotta 1980, S. 304-315.

(Zusammen mit W. H. Schröder): Historische Konjunkturforschung: Aufriß und Desiderata. In: Dies. (Hg.): Historische Konjunkturforschung. Stuttgart: Klett-Cotta 1980, S. 7-17.

(Zusammen mit R. Metz): Kuznets-Zyklen im Wachstum der deutschen Wirtschaft während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In: Petzina, D., u. Roon, G. van (Hg.): Konjunktur, Krise, Gesellschaft. Wirtschaftliche Wechsellagen und soziale Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Stuttgart: Klett-Cotta 1980, S. 343-376.

Spezialist für Komplexität – Knut Borchardt im Gespräch. In: ifo-Studien, 38 (1992), S. 107-131.

Das Wachstum von Volkswirtschaften. Theorie und historische Erfahrung. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, (1994/1), S. 109-130.

Wachstum. In: Ambrosius, G., u. a. (Hg.): Moderne Wirtschaftsgeschichte. Eine Einführung für Historiker und Ökonomen. München: Oldenbourg 1996, S. 137-155.

Konjunktur. In: Ambrosius, G., u. a. (Hg.): Moderne Wirtschaftsgeschichte. Eine Einführung für Historiker und Ökonomen. München: Oldenbourg 1996, S. 157-173.

Einleitung. In: Spree, R. (Hg.): Geschichte der deutschen Wirtschaft im 20. Jahrhundert. München: Beck 2001, S. 9-22.

Business Cycles in History. Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge, Discussion Papers (hg. von der Volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU), No. 02-01, München 2002.

Globalisierungs-Diskurse – gestern und heute. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, (2003), H. 2, S. 35-56. Preprint als: Concerns about Globalisation – Then and Now. Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge, Discussion Papers (hg. von der Volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU), No. 03-04, München 2003.

Wirtschaftliche Lage und Wirtschaftspolitik (Beschäftigungspolitik) in Deutschland am Beginn der NS-Herrschaft. In: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Hg.): Die Anfänge der Braunen Barbarei. München 2004, S. 101-126. Elektronische Version als: About the Relative Efficiency of the Nazi Work Creation Programs. Discussion Papers (hg. von der Volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU), No. 2004-15, München 2004 [http://epub.ub.uni-muenchen.de/archive/00000382/01/ns-abNEU.pdf].

Wachstum. In: Ambrosius, G., u. a. (Hg.): Moderne Wirtschaftsgeschichte. Eine Einführung für Historiker und Ökonomen. 2. überarb. Aufl., München: Oldenbourg 2006, S. 155-183.

Konjunktur. In: Ambrosius, G., u. a. (Hg.): Moderne Wirtschaftsgeschichte. Eine Einführung für Historiker und Ökonomen. 2. überarb. Aufl., München: Oldenbourg 2006, S. 185-212.

Die „erste“ Weltwirtschaftskrise 1857-1859. In: Katholische Akademie in Bayern, München (Hg.): zur debatte, 40 (2010), S. 39-41.

Einleitung. In: Spree, R. (Hg.): Konjunkturen und Krisen in der neueren Geschichte = Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte/ Economic History Yearbook, (2011/ 1), S. 9-17.

China in der Geschichte der frühen Globalisierung./ Zur Debatte um eine „Great Divergence“ – Ein kritischer Kommentar. In: Eberspächer, C. u. a. (Hg.): Wissensaustausch und Modernisierungsprozesse zwischen Europa, Japanund China. Stuttgart 2018 (Acta Historica Leopoldina Nr. 69), S. 85-109 u. S. 341-351.

 

II. Sozialhistorische Beiträge, bes. Sozialgeschichte der Medizin; Historische Demographie; Sozialstrukturanalyse

Monographien

Soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod. Zur Sozialgeschichte des Gesundheitsbereichs im Deutschen Kaiserreich. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1981.

Health and Social Class in Imperial Germany. A Social History of Mortality, Morbidity and Inequality. Oxford usw.: Berg Publishers 1988.

Der Rückzug des Todes. Der Epidemiologische Übergang in Deutschland während des 19. und 20. Jahrhunderts. Konstanz 1992 (= Konstanzer Universitätsreden, H. 186).

Eine bürgerliche Karriere im deutschen Kaiserreich. Der Aufstieg des Advokaten Dr. jur. Hermann Ritter von Pemsel in Wirtschaftselite und Adel Bayerns. Aachen: Shaker 2007.

 

Herausgeberschaft

(Zusammen mit A. Labisch): Medizinische Deutungsmacht im sozialen Wandel. Bonn: Psychiatrie-Verlag 1989.

(Zusammen mit A. Labisch): „Einem jeden Kranken in einem Hospitale sein eigenes Bett“. Zur Sozialgeschichte des Allgemeinen Krankenhauses in Deutschland im 19. Jahrhundert. Frankfurt/M. u. New York: Campus 1996.

(Zusammen mit A. Labisch): Krankenhaus-Report 19. Jahrhundert. Krankenhausträger, Krankenhausfinanzierung, Krankenhauspatienten. Frankfurt/M. u. New York: Campus 2001.

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Historische Statistik des Gesundheitswesens vom frühen 19. Jahrhundert bis 1938. Lange Reihen zum Heilpersonal und zum Krankenhauswesen. Bearb. v. W. Kohler, hg. v. R. Spree, Universität Konstanz 1990 (vervielf., in mehreren Bibliotheken eingestelltes MS).

Informationssystem zur Medizinalstatistik der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 1: Heilpersonal und Krankenhauswesen; Bd. 2: Sterblichkeit nach Geschlecht, Alter und Todesursachen. Bearb. v. R. Kube, hg. v. R. Spree, Universität Konstanz 1990 (vervielf., in mehreren Bibliotheken eingestelltes MS).

 

Beiträge zu Zeitschriften und Sammelwerken

Strukturierte soziale Ungleichheit im Reproduktionsbereich. Zur historischen Analyse ihrer Erscheinungsformen in Deutschland 1870 bis 1913. In: Bergmann, J., u.a. (Hg.): Geschichte als politische Wissenschaft. Stuttgart: Klett-Cotta 1979, S. 55-115.

Die Entwicklung der differentiellen Säuglingssterblichkeit in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. (Ein Versuch zur Mentalitätsgeschichte). In: Imhof, A.E. (Hg.): Mensch und Gesundheit in der Geschichte. Husum: Matthiesen 1980, S. 251-278.

Zur Bedeutung des Gesundheitswesens für die Entwicklung der Lebenschancen der deutschen Bevölkerung zwischen 1870 und 1913. In: Blaich, F. (Hg.): Staatliche Umverteilungspolitik in historischer Perspektive. Berlin: Duncker & Humblot 1980, S. 165-223.

The Impact of the Professionalization of Physicians on Social Change in Germany during the Late 19th and Early 20th Centuries. In: Historical Social Research – Quantum Information, 15 (1980), S. 24-39.

Zu den Veränderungen der Volksgesundheit zwischen 1870 und 1913 und ihren Determinanten in Deutschland (vor allem in Preußen). In: Conze, W., u. Engelhardt, U. (Hg.): Arbeiterexistenz im 19. Jahrhundert. Lebensstandard und Lebensgestaltung deutscher Arbeiter und Handwerker. Stuttgart: Klett-Cotta 1981, S. 235-292.

Angestellte als Modernisierungsagenten. Indikatoren und Thesen zum reproduktiven Verhalten von Angestellten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. In: Kocka, J. (Hg.): Angestellte im europäischen Vergleich. Die Herausbildung angestellter Mittelschichten seit dem späten 19. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1981 (Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 7), S. 279-308.

The German Petite Bourgeoisie and the Decline of Fertility: Some Statistical Evidence from the Late 19th and Early 20th Centuries. In: Historical Social Research – Quantum Information, 22 (1982), S. 15-49.

(Zusammen mit C. Huerkamp): Arbeitsmarktstrategien der deutschen Ärzteschaft im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Zur Entwicklung des Marktes für professionelle ärztliche Dienstleistungen. In: Pierenkemper, T., u. Tilly, R. (Hg.): Historische Arbeitsmarktforschung. Entstehung, Entwicklung und Probleme der Vermarktung von Arbeitskraft. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1982, S. 77-116.

Der Geburtenrückgang in Deutschland vor 1939. Verlauf und schichtspezifische Ausprägung. In: Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Hg.): Demographische Informationen 1984. Wien 1984, S. 49-68.

(Zusammen mit J. Estermann u. A. Triebel): Ökonomischer Zwang oder schichttypischer Lebensstil? Muster der Einkommensaufbringung und -verwendung vor und nach dem Ersten Weltkrieg. In: Thomas, H., u. Elstermann, G. (Hg.): Bildung und Beruf. Soziale und ökonomische Aspekte. Berlin usw.: Springer 1985, S. 159-188.

Modernisierung des Konsumverhaltens deutscher Mittel- und Unterschichten während der Zwischenkriegszeit. In: Zeitschrift für Soziologie, 14 (1985), S. 400-410.

Sozialisationsnormen in ärztlichen Ratgebern zur Säuglings- und Kleinkindpflege. Von der Aufklärungs- zur naturwissenschaftlichen Pädiatrie. In: Martin, J., u. Nitschke, A. (Hg.): Zur Sozialgeschichte der Kindheit. Freiburg u. München: Alber 1986, S. 609-659.

Veränderungen des Todesursachen-Panoramas und sozio-ökonomischer Wandel – Eine Fallstudie zum „Epidemiologischen Übergang“. In: Gäfgen, G. (Hg.): Ökonomie des Gesundheitswesens. Berlin: Duncker & Humblot 1986, S. 73-100.

Klassen- und Schichtbildung im Spiegel des Konsumverhaltens individueller Haushalte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine clusteranalytische Untersuchung. In: Pierenkemper, T. (Hg.): Haushalt und Verbrauch in historischer Perspektive. St. Katharinen: Scripta Mercaturae 1987, S. 56-80.

Der „epidemiologische Übergang“ in Deutschland. Konkretisierende und differenzierende Anmerkungen. In: Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Hg.): Demographische Informationen 1988/89. Wien 1989, S. 32-38.

Kurpfuscherei-Bekämpfung und ihre sozialen Funktionen während des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In: Labisch, A., u. Spree, R. (Hg.): Medizinische Deutungsmacht im sozialen Wandel. Bonn: Psychiatrie-Verlag 1989, S. 103-121.

„Volksgesundheit“ und Lebensbedingungen in Deutschland während des frühen 19. Jahrhunderts. In: Kümmel, W. F. (Hg.): Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, 7 (für das Jahr 1988), Stuttgart: Hippokrates 1990, S. 75-113.

Knappheit und differentieller Konsum während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts in Deutschland. In: Siegenthaler, H. (Hg.): Ressourcenverknappung als Problem der Wirtschaftsgeschichte. Berlin: Duncker & Humblot 1990, S. 171-221.

(Zusammen mit R. Otto u. J. Vögele): Seuchen und Seuchenbekämpfung in deutschen Städten während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Stand und Desiderate der Forschung. In: Medizinhistorisches Journal, 25 (1990), S. 94-112.

Historische Statistik des Gesundheitswesens. In Diederich, N., u.a.: Historische Statistik in der Bundesrepublik Deutschland. Stuttgart: Metzler-Poeschel 1991, S. 107-126 (Forum der Bundesstatistik, hg. v. Statistischen Bundesamt, Bd. 15).

(zusammen mit R. Kube): Quellen zur Statistik des Gesundheitswesens der Bundesrepublik Deutschland. In: Fischer, W., u. Kunz, A. (Hg.): Grundlagen der Historischen Statistik von Deutschland. Quellen, Methoden, Forschungsziele. Opladen: Westdeutscher Verlag 1991, S. 299-314.

Shaping the Child’s Personality: Medical Advice on Child-Rearing from the Late Eighteenth to the Early Twentieth Century in Germany. In: Social History of Medicine, 5 (1992), S. 317-335.

Der Rückzug des Todes – Wurden wir gesünder? In: Imhof, A.E., u. Weinknecht, R. (Hg.): Erfüllt leben – in Gelassenheit sterben. Geschichte und Gegenwart. Berlin: Duncker & Humblot 1994.

Zu den Bedingungen der Distinktionsleistungen. Ein Kommentar zum Beitrag von Karen Heinze. In: Werkstatt Geschichte, 3 (1994), S. 43f.

Krankenhausentwicklung und Sozialpolitik in Deutschland während des 19. Jahrhunderts. In: Historische Zeitschrift, 260 (1995), S.75-105.

(zusammen mit A. Labisch): Die Kommunalisierung des Krankenhauswesens in Deutschland während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In: Wysocki, J. (Hg.): Kommunalisierung im Spannungsfeld von Regulierung und Deregulierung im 19. und 20. Jahrhundert. Berlin: Duncker & Humblot 1995, S. 7-47.

On Infant Mortality Change in Germany since the Early 19th Century. Universität München 1995 (Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge. Discussion Papers, Nr. 95-03, hg. v. d. Volkswirtschaftlichen Fakultät).

Social and Political Functions of the Early Modern Hospital in Germany (ca. 1800-1880). Beitrag zum 18th International Congress of Historical Sciences, Round Table Nr. 9 „The State, Society and Disease: The Politics of Public Health“, Montréal, Canada, 1995. = Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge. Discussion Papers, Nr. 96-24 (hg. v. d. Volkswirtschaftlichen Fakultät), München 1996.

(zusammen mit A. Labisch): Entwicklung, Stand und Perspektiven einer Sozialgeschichte des Allgemeinen Krankenhauses in Deutschland – eine Einführung. In: Labisch, A., u. Spree, R. (Hg.): „Einem jeden Kranken in einem Hospitale sein eigenes Bett“. Zur Sozialgeschichte des Allgemeinen Krankenhauses in Deutschland im 19. Jahrhundert. Frankfurt/M. u. New York 1996, S. 13-28.

Quantitative Aspekte der Entwicklung des Krankenhauswesens im 19. und 20. Jahrhundert. „Ein Bild innerer und äußerer Verhältnisse“. In: Labisch u. Spree (Hg.): „Einem jeden Kranken in einem Hospitale sein eigenes Bett“, S. 51-88.

Klassen- und Schichtbildung im Medium des privaten Konsums: Vom späten Kaiserreich in die Weimarer Republik. In: Historical Social Research – Historische Sozialforschung, 22 (1997),

(zusammen mit A. Labisch): Neuere Entwicklungen und aktuelle Trends in der Sozialgeschichte der Medizin in Deutschland – Rückschau und Ausblick. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (VSWG), 84 (1997), S. 171-210, 305-321.

Die Finanzierung von Krankenhäusern in Deutschland während des 19. Jahrhunderts. In: Gerhard, H.-J. (Hg.): Struktur und Dimension. Fs. für K. H. Kaufhold. Bd. 2, Stuttgart: Franz Steiner Verlag Wiesbaden 1997 (VSWG, Beiheft 133), S. 413-446.

Der Rückzug des Todes. Der epidemiologische Übergang in Deutschland während des 19. und 20. Jahrhunderts. In: Historical Social Research, 23 (1998), S. 4-43.

Sozialer Wandel im Krankenhaus während des 19. Jahrhunderts. Das Beispiel des Münchner Allgemeinen Krankenhauses. In: Medizinhistorisches Journal, 33 (1998), S. 245-291. Preprint als: Social Change in the Hospital during the 19th Century: The Case of the Munich General Hospital. Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge, Discussion Papers (hg. v. d. Volkswirtschaftlichen Fakultät), Nr. 97-24, München 1997.

(zus. mit W. Langefeld) Das Allgemeine Krankenhaus St. Georg in Hamburg im 19. Jahrhundert – Organisation, Patienten, Finanzen, in: Historia Hospitalium, 21 (1998/1999), 163-188. Preprint mit zusätzlichen Daten als: The General Hospital St. Georg in Hamburg during the 19th Century: Organization, Patients, Financing. Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge, Discussion Papers (hg. v. d. Volkswirtschaftlichen Fakultät), Nr. 98-06, München 1998.

Das Krankenhaus im 19. Jahrhundert zwischen Armenwesen und Sozialversicherung. In: Calließ, J. (Hg.): Aufstieg und Fall des Sozialstaates. Loccumer Protokolle, 24/98 (1998), S. 88-102.

(zus. mit A. Wagner) Die finanzielle Entwicklung des Allgemeinen Krankenhauses zu München 1830-1894. In: Sudhoffs Archiv, 84 (2000), S. 129-165. Zugleich in: Labisch, A., u. Spree, R. (Hg.): Krankenhaus-Report 19. Jahrhundert. Krankenhausträger, Krankenhausfinanzierung, Krankenhauspatienten. Frankfurt/M. u. New York: Campus 2001, S. 95-140. Preprint als: The Financial Development of the General Hospital in Munich 1830-1894. Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge, Discussion Papers (hg. v. d. Volkswirtschaftlichen Fakultät), Nr. 99-05, München 1999.

Handwerker und kommunale Krankenhäuser im 19. Jahrhundert. In: Kaufhold, K. H., u. Reininghaus, W. (Hg.): Stadt und Handwerk in Mittelalter und Früher Neuzeit. Köln 2000, S. 269-300.

Anspruch und Wirklichkeit der Krankenhausbehandlung im 19. Jahrhundert. In: Medizin, Gesellschaft und Geschichte, 19 (2000), S. 143-151.

(zus. mit A. Labisch) Krankenhausträger, Krankenhausfinanzierung, Krankenhauspatienten: Zur Einführung in den „Krankenhaus-Report 19. Jahrhundert“. In: Labisch, A., u. Spree, R. (Hg.): Krankenhaus-Report 19. Jahrhundert. Krankenhausträger, Krankenhausfinanzierung, Krankenhauspatienten. Frankfurt/M. u. New York: Campus 2001, S. 13-37.

(zus. mit N. Gabler) Die finanzielle Entwicklung des Mannheimer Krankenhauses 1835-1890. In: Labisch, A., u. Spree, R. (Hg.): Krankenhaus-Report 19. Jahrhundert. Krankenhausträger, Krankenhausfinanzierung, Krankenhauspatienten. Frankfurt/M. u. New York: Campus 2001, S. 203-243. Preprint als: The Financial Development of the General Hospital in Mannheim 1835-1890. Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge, Discussion Papers (hg. v. d. Volkswirtschaftlichen Fakultät), Nr. 99-06, München 1999.

(zus. mit W. Langefeld) Die Finanzwirtschaft des Allgemeinen Krankenhauses Bielefeld 1843-1913. In: Labisch, A., u. Spree, R. (Hg.): Krankenhaus-Report 19. Jahrhundert. Krankenhausträger, Krankenhausfinanzierung, Krankenhauspatienten. Frankfurt/M. u. New York: Campus 2001, S. 245-271.

(zus. mit H. Schaal) Die Patienten des Stuttgarter Katharinenhospitals 1834/35-1893/94. In: Labisch, A., u. Spree, R. (Hg.): Krankenhaus-Report 19. Jahrhundert. Krankenhausträger, Krankenhausfinanzierung, Krankenhauspatienten. Frankfurt/M. u. New York: Campus 2001, S. 339-365.

(zus. mit W. Langefeld) Organisation, Patienten und finanzielle Entwicklung des Clemens-Hospitals in Münster von 1820 bis 1914. In: Jakobi, F.-J., u. a. (Hg.): Strukturwandel der Armenfürsorge und der Stiftungswirklichkeiten in Münster im Laufe der Jahrhunderte. (Studien zur Geschichte der Armenfürsorge und der Sozialpolitik in Münster, Bd. 4), Münster 2002, S. 323-347.

Stichworte zum Herrschaftssystem des Nationalsozialismus. In: Jahrbuch für Wirtschaftgeschichte, (2004) H. 2, S. 229-232.

Gesundheitswesen. In: Rahlf, T. (Hg.): Deutschland in Daten. Zeitreihen zur Historischen Statistik. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2015, S. 74-87.

Seuchen in historischer Perspektive: Wissen – Moral – Politik. In: Vögele, J., u. a. (Hg.): Epidemien und Pandemien in historischer Perspektive. Epidemics and Pandemics in Historical Perspective. Wiesbaden 2016, S. 221-234.

 

(ausschließliche) Online-Publikationen

Two Chapters on early history of the Munich Reinsurance Company: The Foundation/ The San Francisco Earthquake. München 2010 (online: http://epub.ub.uni-muenchen.de/11336/).

Vom Armenhaus zur Gesundheitsfabrik. Der Krankenhauspatient in Vergangenheit und Gegenwart. Publikation im Internet: http://www.aventinus-online.de/no_cache/persistent/artikel/7598/ (Stand: 13. 12. 2012).

Der Industrie-Pionier und Finanzier Theodor von Cramer-Klett. Berlin 2012 (online: www.rspree.wordpress.com/2012/05/23/der-industrie/)

China’s Role in the History of Globalization. Discussion Papers in Economics 2015-16 (online: https://epub.ub.uni-muenchen.de/25265/; seit April 2016 als e-Book im Kindle-Shop von Amazon mit dem deutschen Titel „China in der Geschichte der Globalisierung“).

 

 

 

Gesundheit und Gesundheitswesen in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts

Gesundheit und Gesundheitswesen in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts[1]

Einleitung

Das Gesundheitswesen ist eine begriffliche Zusammenfassung verschiedener Institutionen, Personengruppen und Einzelakteure, die sich auf je unterschiedliche Weise um die Phänomene Gesundheit/ Krankheit bemühen. Gelegentlich arbeiten sie aufeinander bezogen und untereinander abgestimmt, oft aber auch völlig unkoordiniert und sogar gelegentlich gegeneinander. Von einem umfassenden System kann zweifellos nicht gesprochen werden. Jens Alber führt die Unübersichtlichkeit in seiner die Geschichte, Strukturen und Funktionsweise des bundesdeutschen Gesundheitswesen analysierenden Studie auf „die höchst komplexe und meist nur wenigen Experten geläufige Vielfachsteuerung“[2] zurück. Meist wird aus der Not eine Tugend gemacht und eine Aufzählung als Definition eingeführt: „Das Gesundheitswesen eines Staates umfasst sämtliche Regelungen, Maßnahmen, Sachmittel, Einrichtungen, Berufe und Personen, die das Ziel verfolgen, die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern, zu erhalten, herzustellen oder wiederherzustellen. Das Gesundheitswesen im weiteren Sinne umfasst demzufolge sämtliche sowohl öffentlichen wie privaten als auch professionellen wie laienweltlichen Aktivitäten, die auf Gesundheit gerichtet sind.“[3] D. h., um den Eindruck einer Zusammengehörigkeit der disparaten Elemente des Gesundheitswesen zu erzeugen, stellt die Definition auf die Zielsetzung dieser Elemente ab. Mehr von diesem Beitrag lesen