Seuchen in historischer Perspektive: Wissen – Moral – Politik

Dies ist mein Beitrag zur internationalen wissenschaftlichen Arbeitstagung „Epidemics and Pandemics in Historical Perspective“, 27. – 29. 10. 2011, im Institut für Geschichte der Medizin der Universität Düsseldorf. Veröffentlicht in: Vögele, J., u. a. (Hg.): Epidemien und Pandemien in historischer Perspektive. Epidemics and Pandemics in Historical Perspective. Wiesbaden 2016, S. 221-234.

 Während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts begann „der moderne Siegeszug der Naturwissenschaften über die Infektionskrankheiten und Seuchen“ (Diepgen). Mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit wurden die Erfolge bei dem „heroischen Kampf gegen die Volkskrankheiten“ im Spiegel der wöchentlich publizierten Sterblichkeitsstatistiken des 1876 gegründeten Kaiserlichen Gesundheitsamts verfolgt. Die innerhalb weniger Jahrzehnte anfallenden, bahnbrechenden Erkenntnisse der Bakteriologie und die um die Jahrhundertwende sich ausbildende Sozialhygiene stellten die Seuchenbekämpfung auf eine dem Augenschein nach strikt wissenschaftliche Basis. Damit erreichte das seit Beginn der Neuzeit sichtbare Bemühen der von Ärzten beratenen Obrigkeit um eine rational begründete Politik gegen die Seuchen und Epidemien einen Höhepunkt.

Auffällig ist allerdings, dass die Kenntnis der Ursachen und Verbreitungswege von Seuchen bis in die Gegenwart immer wieder deren faktischem Auftreten oft erheblich hinterher hinkt. Entsprechend gehen die Konzepte und Kampagnen zur Bekämpfung von Seuchen häufig von relativ vagen epidemiologischen Vermutungen aus und verfolgen über die Seuchenbekämpfung hinausgehende, meist rhetorisch verdeckte Ziele. Dies soll mit Beispielen aus der Zeit der Choleraepidemie von 1892 und mit einigen Verweisen auf die AIDS-Bekämpfung während der 1980er und 1990er Jahre illustriert werden. Abschließend einige kritische Bemerkungen zur Politik mit Seuchen.

 Wir schreiben das Jahr 1892. In Osteuropa wütet die Cholera. Mittel- und Westeuropa scheinen vor ihr sicher zu sein. Da bricht die Seuche völlig unverhofft im August in Hamburg aus und nimmt rasch schlimme Ausmaße an. Die Öffentlichkeit ist bestürzt, die Angst grassiert. In dieser Situation gibt die berühmteste Schauspielerin der damaligen Zeit, Sarah Bernhardt, anlässlich eines Gastspiels in Brüssel ein Interview. Zur allgemeinen Choleraangst befragt, meint sie: „Ich strafe die Cholera mit Verachtung, denn ich bin überzeugt, dass eine derartige Krankheit gar nicht existiert. Es mag sein, dass es einen gewissen atmosphärischen Zustand gibt, der bei ungesunden und schmutzigen Leuten zum Tode führt. Das ist alles. Der Cholerabazillus erscheint mir als das absurdeste Zeug der Einbildung. Ich bin bereit, nach irgend einer von der Seuche ergriffenen Stadt zu gehen und dort zum Besten der >sogenannten< Cholerakranken zu spielen.“[1]

An dieser Meinungsäußerung sind drei Dinge bemerkenswert. Als erstes erscheint mir beachtlich, dass die Seuche schlicht verleugnet wird; eine derartige Krankheit existiere gar nicht. Wie das, fragt man sich, gab es noch keine Erfahrungen mit der Cholera? Doch, doch, sogar sehr nachhaltige. Immerhin handelte es sich nicht um die erste Pandemie, die Mittel- und Westeuropa heimsuchte, sondern um die vierte und letzte. Man konnte zu dieser Zeit, 1892, auf 6 Jahrzehnte leidvoller Erfahrung mit epidemischen Wellen von Cholera zurückblicken, die bekanntlich erstmals 1831 Mittel- und Westeuropa erreicht hatte. Das Beispiel Sarah Bernhardt zeigt jedoch, und das gilt bis in unsere Tage: Ist ein Ereignis zu Schrecken erregend, so unheimlich, bedrohlich und zugleich widerwärtig, wie die Cholera, gibt es immer wieder Menschen, die die Gefahr einfach leugnen. So schützen sie sich vor allzu großer bewusster Angst.

Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass ausdrücklich der Krankheitserreger erwähnt und ebenfalls für nicht existent erklärt wird. Wusste man damals noch nicht genau, wie die Cholera entsteht? Hatte nicht Robert Koch bereits Jahre zuvor den Krankheitserreger entdeckt? Nun – ganz so eindeutig, wie man es heute in manchen medizingeschichtlichen Lehrbüchern nachlesen kann, war der Kenntnisstand um 1892 tatsächlich noch nicht. Die Wissenschaftler waren sich uneinig, worin die eigentlichen Ursachen der Cholera zu sehen seien. Persönlicher Ehrgeiz der führenden Forscher, Missgunst, Angst um Reputation und Einfluss sowie das Bemühen um die Sicherung von Forschungsgeldern spielten eine entscheidende Rolle bei der Verzögerung des Erkenntnisfortschritts. Ähnliche Problemlagen lassen sich auch in der Gegenwart immer wieder beobachten – man denke nur an den lang anhaltenden Streit zwischen Luc Montagnier vom Pasteur Institut in Paris und Robert Gallo vom National Health Institute der USA, wer von beiden das AIDS-Virus entdeckt habe.[2] Es geht natürlich um mehr als die Ehre oder den Ruhm. Das lässt sich u.a. daran ablesen, dass Gallos Institut im April 1984 den Patentschutz der Vereinigten Staaten für den AIDS-Antikörper-Test zugesprochen erhielt, obwohl ein entsprechender Antrag der französischen Forschergruppe bereits seit Dezember 1983 anhängig war.[3] Wegen des aktuellen Bezugs sei etwas intensiver auf die genannte historische Situation eingegangen.

Tatsächlich hatte Robert Koch 1883 während der Cholera-Epidemie in Alexandria und anschließend in Kalkutta den Kommabazillus, den Vibrio Cholerae, als Erreger der Cholera ausgemacht und ihn fachgerecht unter Laborbedingungen gezüchtet. Damit stand der bakteriologische Beweis für die Kontagiosität der Cholera, für die Ansteckungs-Theorie, auf einer sicheren wissenschaftlichen Basis. (Im Grunde handelte es sich um eine Wiederentdeckung, denn bereits 1854 hatte der italienische Arzt Filippo Pacini den von ihm so genannten Vibrio Cholera mikroskopisch beobachtet und als Choleraerreger beschrieben.)[4] Allerdings ist der Kommabazillus eine notwendige, nicht jedoch schon eine hinreichende Bedingung für das Auftreten von Cholera. Das gilt ja auch für das Verhältnis zwischen dem Humanen Immundefizienz Virus (HIV) und der AIDS-Erkrankung. So soll lt. WHO die Diagnose AIDS in bestimmten Fällen auch gestellt werden, obwohl keine Infektion mit dem HIV nachweisbar ist, z.B. bei Vorliegen des Kaposi-Sarkoms bei Patienten unter 60 Jahre oder bei Diagnose einer Pneumocystis Carinii Pneumonie.[5] Für den Ausbruch der Cholera müssen andere Bedingungen zur Aufnahme des Cholera-Vibrio hinzutreten. Und genau dieser Sachverhalt, den Koch und die Bakteriologen lange Zeit bestritten, eröffnete seinem Widersacher Max von Pettenkofer und dessen Schülern die Chance, ihre aus der alten Miasma-Lehre abgeleiteten Theorien weiter aufrecht zu erhalten.

In seinen späten Arbeiten bestritt Pettenkofer die Mitwirkung des Cholera-Vibrio bei der Cholera-Entstehung nicht, obwohl er seine Hypothese, es handele sich um eine giftige Substanz, nie ganz verworfen hat. Wichtiger war ihm aber die Feststellung, dass der Bazillus für sich allein, von Pettenkofer als X-Faktor bezeichnet, nach oraler Aufnahme nicht zwingend die Krankheit verursache. Örtliche Nebenbedingungen, besonders die Bodenbeschaffenheit, der Grundwasserstand, das Vorhandensein faulender Materie, Ausdünstungen des Bodens und das spezifische Klima, zusammen der Y-Faktor nach Pettenkofer, begünstigten die Ausbreitung des Erregers und disponierten die diesen Bedingungen ausgesetzten Menschen. Die Krankheit breche dann als miasmatische Infektion aus – das sei der Z-Faktor.[6] Damit wurde vor allem die zunächst von Koch aufgestellte Trinkwasser-Theorie, wonach Cholera durch verseuchtes Trinkwasser übertragen werde, infrage gestellt. Man kann also behaupten, dass die vorhin zitierte Ignoranz der Sarah Bernhardt in Bezug auf den Cholerabazillus unter den damaligen Verhältnissen keineswegs als Dummheit abzuqualifizieren ist. Vielmehr erscheint sie mit dem Hinweis auf bestimmte atmosphärische Zustände, die tödlich wirken können, als Anhängerin der seinerzeit noch nicht völlig verworfenen Miasma-Lehre.

Allerdings spitzte sich der Theorienstreit im Herbst 1892 deutlich zu. Unter dem Eindruck der Cholera-Epidemie in Hamburg war es Koch gelungen, eine Expertenkommission auf Reichsebene einsetzen zu lassen, die ein „Reichsgesetz zur Bekämpfung der gemeingefährlichen Krankheiten“ vorbereiten sollte. In dieser Kommission, überwiegend mit Schülern und Anhängern von Koch besetzt, war Pettenkofer mit seinen Argumenten isoliert. Als Abwehrmaßnahmen gegen epidemische Krankheiten wie die Cholera wurden die von Koch streng bakteriologisch begründeten, von Pettenkofer jedoch aufgrund seiner Boden-Theorie stets als unwirksam und gesellschaftlich schädlich abgelehnten Mittel, wie großräumige Quarantäne, Isolation der Erkrankten, Desinfektion usw., vorgesehen. Pettenkofer, bis in die 1880er Jahre die allseits anerkannte Autorität in Sachen Gesundheits- und Hygienepolitik, sah sich durch den 25 Jahre jüngeren Koch um die Früchte eines langen Arbeitslebens betrogen.

Nun befinden wir uns 1892 immer noch in der „heroischen Phase“ der Entwicklung der Naturwissenschaften. Damals lag es nahe, sich in einer solchen Situation nicht nur mit verbalen oder schriftlichen Attacken zu begnügen. Von den Kommissionsberatungen in Berlin heimgekehrt, beschloss Pettenkofer, den definitiven Beweis für die Richtigkeit seiner Theorie in Form eines Selbstversuchs anzutreten. Seinen Mitarbeitern erklärte der 74jährige, wenn der Selbstversuch für ihn tödlich enden würde, dann wäre er im Dienste der Wissenschaft gestorben, wie ein Soldat auf dem Feld der Ehre.[7] Am 7. Oktober 1892 löste Pettenkofer, um die Magensäure zu neutralisieren und den Cholerakeimen günstige Bedingungen zu schaffen, 1g doppeltkohlensaures Natron in 100ccm Leitungswasser auf, goss 1 ccm frische Cholerakultur dazu, die er sich von Kochs Mitarbeiter Gaffky hatte herstellen und zusenden lassen, und trank den Becher aus. „Am 10. Oktober und an den folgenden beiden Tagen bekam Pettenkofer dünnen und missfarbigen Stuhl und eine Darmverstimmung bei gutem Appetit. Zu einer besonderen Diät entschloss er sich erst am 13. Oktober, als sich ein ausgesprochener Durchfall einstellte. Aber schon am folgenden Tag war der Stuhlgang wieder normal und am 15. Oktober schwanden alle Zeichen einer Darmirritation.“[8] Pettenkofer überlebte also. Damit war für ihn und seine Schüler die Trinkwassser-Theorie widerlegt: Die Aufnahme der Bazillen genügt nicht, um zwangsläufig eine Cholera zu verursachen. Es muss etwas hinzukommen. Allerdings wissen wir heute, dass es nicht der Boden oder das Miasma ist, sondern die von vielen Faktoren abhängige individuelle Disposition. Robert Koch wiederum zeigte sich ziemlich unbeeindruckt von Pettenkofers Selbstversuch. Er kritisierte die Versuchsbedingungen, die keinen wissenschaftlich korrekten Test seiner Hypothese erlaubten. In den entscheidenden Gremien des Reichs, besonders im Kaiserlichen Gesundheitsamt, war sein Ruf inzwischen sowieso derartig gefestigt, dass sich in der Seuchengesetzgebung und in der Praxis der Seuchenbekämpfung die Kochsche Position klar durchsetzte.

War das nun eigentlich ein ausschließlich wissenschaftsinterner Streit, der für die Gesellschaft folgenlos blieb? Immerhin hatte bereits nach der Cholera-Epidemie von 1848 der Berliner Medizinalrat Schütz in Bezug auf die Auseinandersetzungen zwischen Miasmatikern und Kontagionisten notiert: „Mag das Agens der Cholera ein contagiöses oder miasmatisches oder eine Vermischung von beiden sein, die Maßregeln der Gesundheitspflege werden im Wesentlichen in allen Fällen dieselben bleiben“.[9] Dieser Eindruck trügt jedoch. Quarantäne, Isolation und radikale Desinfektion waren die wichtigsten Seuchenbekämpfungsmaßnahmen der Ansteckungstheoretiker. Ihr Lehrmeister war die Pest. Der Sozialhistoriker Neithard Bulst formulierte diesen Zusamenhang so: „Umgang mit Krankheit in der alteuropäischen Gesellschaft war in erster Linie Umgang mit der Pest. In Auseinandersetzung mit ihr wurden Methoden der Prävention und des Schutzes entwickelt, erwuchsen den Obrigkeiten Aufgaben und Kompetenzen, die auch noch für den Kampf gegen Epidemien im 19. Jahrhundert konstitutiv waren.“[10] Die Kontagionisten nahmen dafür in Kauf, dass die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Austauschprozesse unterbrochen wurden, dass die Freiheit des Individuums zumindest vorübergehend aufgehoben und der Schutzraum der Familie verletzt wurde. Die obrigkeitlichen Anordnungen dominierten somit Gesellschaft und Individuen.

Dagegen forderten die Miasmatiker, Handel und Wandel unberührt zu lassen und ebenso die Freiheitsrechte des Individuums. Diese Zwangsmaßnahmen seien wirkungslos gegenüber den Krankheit erregenden verseuchten Böden und giftigen Dämpfen. Sie erschienen den Miasmatikern sinnlos und zugleich schädlich. Ihre Reaktion auf Seuchen, wenn sie einmal ausgebrochen waren, bestand im Abwarten. Nicht untypisch z.B. die Empfehlungen des Arztes Wilhelm Cohnstein gegen die Cholera, 1831 unter dem Titel publiziert „Trost- und Beruhigungsgründe für die durch das Herannahen der Cholera aufgeschreckten Gemüther…“. Für ihn war das Wichtigste, einen kühlen Kopf zu bewahren und Angst zu vermeiden. Dazu sollten beitragen: 1. Vertrauen in die göttliche Vorsehung, 2. Vertrauen in die Anordnungen der Obrigkeit und 3. Studium der Eigenschaften der Cholera.[11] „Die Schutzmittel gegen die Cholera bestehen (nach Cohnstein; R.S.): 1. in strenger Vermeidung des Ansteckungsstoffes. 2. In Furchtlosigkeit und dem Vermeiden aller niederdrückenden Gemütsaffekte (…); auch der Zorn ist sehr schädlich. 3. In einer solchen Lebensweise, vermöge welcher unsere Organe (…) in sanfter, ruhiger Tätigkeit (…) erhalten werden (…). Vorzugsweise ist auf die stete regelmäßige Fortdauer der Haut- und Darmfunktion Rücksicht zu nehmen“.[12] Die anschließend aufgezählten Details, auf die ich hier nicht eingehen möchte, verdeutlichen, wie lebendig noch im frühen 19. Jahrhundert das in hippokratischer Tradition stehende diätetische Denken war.

Allerdings sollte nach Meinung der Miasmatiker die Obrigkeit präventiv tätig sein, indem sie die Ursachen von Miasmen beseitigte, z.B. durch Trockenlegung von Sümpfen, Beseitigung von Feuchtgebieten in den Ortschaften, Straßenreinigung, Abwässerbeseitigung usw. Im 19. Jahrhundert wurden auf diese Weise die Miasmatiker zu Vorreitern der Städteassanierung. Der Zürcher Medizinhistoriker Erwin Ackerknecht hat in einem berühmten Aufsatz analysiert, dass die Anhänger der Miasma-Lehre im 19. Jahrhundert typischerweise politisch liberal dachten, während die Kontagionisten etatistisch ausgerichtet waren.[13] Die Differenzen zwischen Koch und Pettenkofer hatten also durchaus eine beachtliche politische Dimension: Koch, der typische Etatist, gegen den gesundheitspolitisch liberalen Pettenkofer. Schon bei der ersten Cholera-Epidemie auf deutschem Boden, 1831, äußerten sich diese Gegensätze in völlig unterschiedlichen politischen Reaktionen auf städtischer und auf gesamtstaatlicher Ebene. Die Kommunen, meist von wirtschaftlichen Interessen geleitet, verzichteten so weit wie möglich auf Quarantänen und Zwangsisolation. Sie begründeten das mit der Miasma-Theorie. Dagegen reagierten die Flächenstaaten wie Preußen, Sachsen oder Bayern schon auf das Herannahen der Cholera mit der Bildung von speziellen Exekutivorganen, die später militärische Cordons (nach dem Vorbild der Pestbekämpfung) bildeten, mit denen die Grenzen hermetisch abgeriegelt wurden. „Der preussische Cordon (von 1831/32; R.S.) wies alle 3.000 Schritte Wachttürme auf; dazwischen patrouillierten Tag und Nacht scharfschiessende Posten; das widerrechtliche Überschreiten des Cordons war mit mehrjähriger Zuchthausstrafe bedroht. Legal konnte man von Russisch Polen nach Preussen nur durch (…) Quarantänestationen gelangen, wie sie auch in Seehäfen üblich waren.“[14] Mit diesen Maßnahmen hat sich die Cholera übrigens niemals aufhalten lassen; sie waren – auch für die Zeitgenossen schon erkennbar – als Präventionsinstrumente wirkungslos.

Einige Fallbeispiele mögen illustrieren, welche Auswirkungen die letzten Endes aus den Pestzeiten überlieferten, später durch die Bakteriologen nur besser begründeten und differenzierten Maßnahmen zur Bekämpfung der Cholera dagegen auf der individuellen Ebene hatten. Im September 1892 hatte der Hamburger Pferdehändler Simon Levy eine Koppel Pferde nach der Zuckerfabrik Wolfersschwende am Harz überführt und befand sich auf dem Weg zur Bahn, die ihn nach Hamburg zurückbringen sollte. In einem Dorf ging er in den Gasthof, um etwas zu essen. Dort sahen ihn einige Bauern, denen er durch seine Tätigkeit bekannt war. Sie alarmierten den Schulzen, der in Begleitung des Gemeindedieners auftauchte und Levy zum Mitkommen aufforderte. „Im Spritzenhaus war der Rath des Dorfes versammelt. Der Schulze studirte eifrig die Bekanntmachung des Landraths und kam zu dem Schluss, der Delinquent müsse desinficirt werden. Wie das aber anstellen, da ein Desinfections-Apparat im Dorfe nicht vorhanden war. Den gordischen Knoten löste endlich ein Hausschlächter, der vorschlug, den Verdächtigen einige Stunden in der Räucherkammer des Schulzen unterzubringen und schwach anzuräuchern. Der Vorschlag wurde ausgeführt. Einige Stunden später erfuhr der berittene Gendarm von dem Vehmgericht. Als vernünftiger Mann befürchtete er, dass der Angeräucherte erstickt sein würde. Mit Angst und Sorge schlich der Gemeinderath zur Wurstkammer. Statt des Todten, den man zu finden befürchtete, erblickte man … Levy ganz gemüthlich auf einer Kiste sitzend und eine mächtige Wurst verzehrend.“[15] Levy hatte den Schieber zugeschoben, der den Rauch aus dem Schornstein in die Räucherkammer leitete, und sich somit gerettet.

Und ein Fall aus der Bodensee-Region: Etwa 50 Personen aus dem österreichischen Montafon, Männer mit ihren Frauen und Kindern, hatten sich zur Hopfenernte nach Tettnang, Württemberg, verdingt. Als sie im September 1892 wieder in die Heimat zurückkehren wollten, verwehrten die Österreicher das Passieren der Grenze: ganz Österreich war inzwischen durch einen Cordon Sanitaire abgeriegelt. Die Montafoner sollten ihre sämtlichen Habseligkeiten, einschließlich der Fahrzeuge, verbrennen. Das verweigerten sie. Für eine Dampferfahrt nach Bregenz und anschließende ordnungsgemäße Desinfektion im dortigen Hafen hatten sie nicht das nötige Geld. „So blieben sie denn an der Grenze liegen und bettelten die ganze Gegend ab zur argen Belästigung der bayerischen Ortschaften, bis das (…) Bezirksamt eingriff und die ganze Gesellschaft auf den Schub mit dem Dampfschiff nach Bregenz bringen ließ.“[16] Um das Ungeheuerliche der Situation zu verstehen, muss man ergänzen, dass 1892 in ganz Süddeutschland kein Cholerafall beobachtet worden ist.

Schlagen wir kurz einen Bogen zur Gegenwart, so ist ersichtlich, dass die vor allem in der Frühphase der AIDS-Bekämpfung von verschiedenen Seiten erhobene Forderung nach Absonderung der HIV-Positiven, in Schweden ja auch eine Zeitlang mit Isolations-Lagern realisiert, eine alte Tradition hat. Es ist die erstmals in der Geschichte gegenüber den Leprösen im Mittelalter praktizierte Übung, die später unter dem Pestregiment aufgegriffen und ausgebaut wurde. Sie kam, wie wir sahen, im 19. Jahrhundert in variierter Form wieder zu Ehren, dies Mal als Maßnahme gegen die Cholera. Und man darf wohl unterstellen, dass heutzutage Befürworter und Gegner solcher Maßnahmen sich durch die ebenfalls im 19. Jahrhundert ausgeprägte Frontlinie zwischen etatistischer und liberaler Grundhaltung unterscheiden.

Aber kommen wir nun zu dem dritten bemerkenswerten Element in dem Statement von Sarah Bernhardt. Ich sehe es in der Behauptung, obwohl es die Cholera als Krankheit nicht gebe und auch keinen Choleraerreger, stürben doch möglicherweise Gruppen von Menschen, die als ungesunde und schmutzige Leute bezeichnet werden. Diese Beobachtung ist empirisch zutreffend: Cholera hat stets in den Armenquartieren der Städte weit größere Opferzahlen gefordert als in den Quartieren der Wohlhabenden. Sie ist ja noch heute, während sie immer wieder epidemisch in Süd- und Mittelamerika wütet (z. B. Peru 1991; Haiti 2008), eine typische Armenkrankheit. Ein Zeitungsbericht über die Epidemie in Peru war überschrieben „Lima im Elend der Cholera – Wo das Leben schrecklicher ist als die Krankheit“[17], und das könnte sinngemäß auch für die Situation in Haiti stehen. Schon August Hirsch stellte diese soziale Ungleichheit vor der Cholera in seinem berühmten „Handbuch der historisch-geographischen Pathologie“ fest, wenn auch ziemlich pauschal.[18] Richard Evans wiederum hat in der Studie über die Cholera in Hamburg 1892 überzeugend erklären können, warum die Armenviertel eine hohe Cholerasterblichkeit aufwiesen, während einige wohlhabende Stadtteile fast gar nicht betroffen waren.[19] Nicht zuletzt war es die Erwerbsarbeit, die bestimmte Personenkreise besonders gefährdete. Vor allem Frauen aus den ärmeren Schichten, die als Dienstboten arbeiteten, aber auch Männer, z. B. Gerber, Schauerleute oder Flößer, die eben häufig mit kontaminiertem Wasser in Berührung kamen, wiesen eine überproportional hohe Cholera-Morbidität und -Mortalität auf. Diese Befunde hat Annette Voß in ihrer Arbeit über die Cholera-Epidemie in München 1873/74 bestätigen und teilweise ergänzen können. [20] So wird u. a. deutlich, dass auch in den wohlhabenderen Stadtteilen nicht die eigentlichen Bewohner an Cholera erkrankten, sondern vornehmlich deren Dienstboten und Handwerker.[21] Betrug die durchschnittliche Morbidität an Cholera 1873/74 in München 1,6%, stieg sie bei den Tagelöhnern mit 2,7% und bei den Dienstboten mit sogar 3% auf fast das Doppelte an.[22] Dieselbe überproportional hohe Morbidität betraf die „Hausfrauen“, also Frauen, die kein eigenes Gewerbe ausübten.[23]Insgesamt waren Frauen stärker von der Cholera betroffen; sie erkrankten und starben deutlich häufiger an Cholera als Männer, wobei festzuhalten ist, dass mindestens 70% der an Cholera erkrankten Frauen primär im Haushalt tätig (als Dienstboten oder Hausfrauen) und deshalb besonders gefährdet waren.[24] Cholera ebnete nicht etwa soziale Ungleichheit ein, wie das gelegentlich in Bezug auf Seuchen und Epidemien unterstellt wird, sondern akzentuierte und verstärkte sie sogar. Dazu trug auch die finanzielle Situation bei, die Arme aufgrund ihrer Lebenssituation zu allen Zeiten besonders stark gegenüber einer Cholera-Infektion exponierte (unhygienische, beengte Wohnverhältnisse; häufiger, evtl. berufsbedingter Kontakt mit belastetem Wasser; mangelnde Kenntnisse und Muße für Individualhygiene usw.).

Was aber Sarah Bernhardt meinte, ist wohl nicht dieser empirische Sachverhalt; das Statement enthält vielmehr einen moralischen Unterton. Hier scheint das bürgerliche Vorurteil durch, das sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgebildet hatte und von den Medizinern der damaligen Zeit argumentativ unterstützt worden war: Entsittlichung und Unmoral führen zu Krankheit und diese wiederum zu Armut. Als wichtigste Krankheitsursachen und vor allem als Ursachen der Cholera-Anfälligkeit werden in zahllosen medizinischen Traktaten aus den 1830er bis 1850er Jahren genannt: Alkoholismus, Lüsternheit bzw. sexuelle Ausschweifung, Verschmutzung und Liederlichkeit. So gesehen, sind die Armen selbst schuld an ihrem Schicksal. Diese Art individueller Schuldzuweisung führte in der Tendenz zu einer Stigmatisierung der Kranken mit Hilfe medizinischer Konzepte.[25] Aber nicht nur das: Aus der moralischen Verurteilung folgte meist, und das lässt sich bis in die Gegenwart verfolgen, eine Gesundheitspolitik mit Zielsetzungen, die weit über Krankheitsbekämpfung oder –prophylaxe hinausgingen.

Schon die sich in den 1840er Jahren formierende so genannte Medizinalreform-Bewegung, als deren prominentester Vertreter Rudolf Virchow gelten kann, wehrte sich gegen die Stigmatisierung der Armen und stellte weitreichende politische Forderungen auf. Diese Gruppe von Medizinern sah die Armen als Opfer ihrer unverschuldeten schlechten sozialen und wirtschaftlichen Lage und ihre Krankheiten als deren Konsequenz.[26] Sie forderten, u.a. gestützt auf die Miasma-Theorie,[27] den Staat bzw. die Kommunen auf, die Lebensverhältnisse der Unterschichten im Sinne einer Umwelthygiene (so genannte Konditionalhygiene; Labisch) wirksam zu verbessern. Damit würden auch die Armenkrankheiten eingedämmt.

Die Medizinalreform-Bewegung stellte jedoch eine kleine Minderheit dar. Dominant war bis in die 1850er Jahre die Position, die Cholera und andere epidemische Krankheiten als Anlass für soziale Ausgrenzung zu benutzen. Gemäß dieser Position hatten die Konzepte zur Seuchenbekämpfung nicht zuletzt die Aufgabe, Instrumente bereitzustellen, mit Hilfe derer im Fall des Seuchenausbruchs die Armenviertel in den Städten von den bürgerlichen wirksam isoliert werden konnten. Zugleich jedoch sollten die Maßnahmen gegen die Kranken, wie zwangsweise Einweisung in ein Spital und Desinfektion der Wohnungen, bürgerliche Standards von Ordnung, Sauberkeit und Moral in die Unterschichten hineintragen; sie waren immer auch ein implizites Eriehungsprogramm.

Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandelte sich diese Auffassung rasch, nicht zuletzt unter dem Einfluss der Experimentellen Hygiene, mit Hilfe derer Pettenkofer seine hygienepolitischen Forderungen untermauerte. Dass die Umweltbedingungen als Ursachen von Seuchen gerade im Sinne der Pettenkoferschen Bodentheorie nicht von der Armenbevölkerung geschaffen oder in Eigeninitiative zu verändern seien, wurde allgemein akzeptierte Auffassung. Sie half, die Städteassanierung auf den Weg zu bringen.

Dennoch taucht die Stigmatisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder auf und wird erneut Element der Gesundheitspolitik, besonders deutlich bei der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Die um die Jahrhundertwende große Breitenwirkung gewinnende Kampagne ging von der Unterstellung aus, dass es eine enge Verbindung gebe zwischen sexueller Selbstkontrolle und Anerkennung der sozialen Verhaltensnormen, die sich im bürgerlichen Familienideal zusammenfassen lassen. Die Unterschichten wurden verdächtigt, dies Familienideal abzulehnen und statt dessen Promiskuität bzw. sexuelle Haltlosigkeit zu praktizieren. Eine angeblich überproportionale Häufigkeit von Geschlechtskrankheiten in diesen Schichten sei die Folge. Sie bedrohe den Volkskörper von innen, und zwar sowohl durch die Lustseuche selbst als auch durch deren vermeintliche Konsequenz, den Rückgang der Geburtenziffer. Das Arbeitskräftepotential und die Wehrkraft erschienen bedroht. Die Hygienepolitik als Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten hatte deshalb bis in die Weimarer Zeit stets auch die Funktion, die Sexualität an die Ehe zu binden und ganz in den Dienst der Fortpflanzung zu stellen. Das ist am deutlichsten abzulesen an der bis in die Nachkriegszeit andauernden Diskriminierung, ja zeitweise massiven Verfolgung der Werbung für Empfängnisverhütungsmittel, besonders für das Kondom.[28]

Gibt es nicht auch unter dem Aspekt der sozialen Diskriminierung Parallelen zur heutigen AIDS-Politik? Sie treten uns entgegen in der Haltung den sogenannten Risikogruppen gegenüber. Es ist zwar in den westlichen Industrieländern klar erwiesen, dass der Anteil der HIV-Infizierten außerhalb der Risikogruppen der Homosexuellen, Swinger und Fixer verschwindend klein ist. Die Seuche dringt eben kaum in das sozusagen normale heterosexuelle Milieu der großen Mehrheit vor. Dies Faktum wird aber häufig in Abrede gestellt, um die Angst vor AIDS zu schüren. Auch in diesem Fall geht es um die Zielsetzung, die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts dominierte: Wiedererrichtung von Moralstandards, die Sexualität an die Ehe und Fortpflanzung binden sollen. Der moralische Kreuzzug der Päpste während der letzten Jahrzehnte macht eine hintergründige Analyse unnötig; die Ziele werden offen benannt und mit Kritik am allgemeinen Zustand der Unmoral im Westen verbunden. Nicht viel anders die Propaganda der fundamentalistischen Christen in den USA.

Sehr klar tritt die Vermischung von medizinisch fundiertem Urteil und moralischer Motivation in der heutzutage häufig benutzten Diagnose „gestörtes Verhalten“ im Fall von Gewalttätern zutage. Der Sozialwissenschaftler und Psychologe Michael Buchholz erklärte anlässlich der Diagnosestellung bezüglich des norwegischen Massenmörders Breivik: Die Definition von >gestörtem Verhalten< könne „insgesamt weniger durch präzise Diagnostik beantwortet werden – vielen Beobachtern der psychiatrischen Diagnosesysteme fällt auf, wie sehr sich darin moralische Bewertungen im Mantel der Diagnostik durchsetzen.“[29]

Politik mit Gesundheitsargumenten lässt sich auch immer wieder im Bereich des Agrarprotektionismus beobachten. So wurden die Tierzüchter bzw. die Fleisch produzierenden Landwirte im deutschen Kaiserreich seit den 1880er Jahren zunehmend durch eine Außenhandels-Politik vor internationaler, hier speziell osteuropäischer Konkurrenz geschützt, die behauptete, der Seuchenabwehr zu dienen. Als besonders wirksam erwiesen sich nicht-tarifäre Regulierungen wie das Seuchenverhütungsgesetz von 1880, dem Verordnungen zur Schlachtvieh- und Fleischinspektion folgten. Die Wirkungen fasst Wehler wie folgt zusammen: „Bis 1889 waren die Reichsgrenzen gegen die Einfuhr von Lebendvieh faktisch dichtgemacht worden. Durch die lückenlose Kontrolle von importiertem Kühlfleisch, konserviertem Fleisch und Würsten gelang es, bis 1895 den gesamten Rind- und Schweinefleischimport um neunzig Prozent zu drosseln.“[30] Möglicherweise sind die im Zusammenhang mit der BSE-Seuche in England während der späten 1980er Jahre erlassenen Importverbote für britische Rindfleischprodukte in den meisten EU-Ländern ebenfalls eine mit der Behauptung des Gesundheitsschutzes begründete Politik des Agrarprotektionismus gewesen.[31] Staatliche Maßnahmen, die den Verdacht auf Politik mit der Krankheit nahelegen, ließen sich während der letzten Jahrzehnte mehrfach im Zusammenhang mit Tierseuchen und durch Lebensmittel übertragene Krankheitskeime beobachten, etwa bei der Schweinegrippe. Hier verbanden sich vermutlich protektionistische Interessen deutscher Agrarpolitiker mit den Profitinteressen der einen Impfstoff herstellenden Pharmaindustrie.[32]

Abschließend möchte ich zusammenfassen. Während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts begann „der moderne Siegeszug der Naturwissenschaften über die Infektionskrankheiten und Seuchen“ (Diepgen). Mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit wurden die Erfolge bei dem „heroischen Kampf gegen die Volkskrankheiten“ im Spiegel der wöchentlich publizierten Sterblichkeitsstatistiken des 1876 gegründeten Kaiserlichen Gesundheitsamts verfolgt. Die innerhalb weniger Jahrzehnte anfallenden, bahnbrechenden Erkenntnisse der Bakteriologie und die um die Jahrhundertwende sich ausbildende Sozialhygiene stellten die Seuchenbekämpfung auf eine dem Augenschein nach strikt wissenschaftliche Basis. Damit erreichte das seit Beginn der Neuzeit sichtbare Bemühen der von Ärzten beratenen Obrigkeit um eine rational begründete Politik gegen die Seuchen und Epidemien einen Höhepunkt. Auffällig ist allerdings, dass die Konzepte und Kampagnen zur Bekämpfung von Seuchen seit dem frühen 19. Jahrhundert stets darüber hinausgehende, meist rhetorisch verdeckte Ziele verfolgten. Gelegentlich blieb sogar die eigentliche Absicht, die Prävention bzw. Eindämmung von Seuchen, auf der Strecke.

So dienten die allein schon aufgrund der Unkenntnis über die Ursachen und Verbreitungswege seit den 1830er Jahren gegen die Cholera ergriffenen relativ ineffizienten Abwehrmaßnahmen primär der Verbreitung von bürgerlichen diätetischen Regeln und Sauberkeitsmaßstäben in den als schmutzig, liederlich, trunksüchtig und deshalb besonders krankheitsanfällig geltenden Unterschichten. Paul Weindling hat analysiert, dass die in den 1890er Jahren einsetzende Kampagne zur Bekämpfung der Tuberkulose als Volkskrankheit (ebenso wie die Bekämpfung des Alkoholismus und letztlich auch die der überhöhten Säuglingssterblichkeit) nicht zuletzt dazu diente, Bündnisse zwischen den konservativen politischen Eliten und den bürgerlichen Mittelschichten zu stiften und dem Staat die Ressourcen privater Wohltätigkeit zu erschließen.[33] Die Politik zur Eindämmung der Geschlechtskrankheiten seit der Jahrhundertwende wiederum wurde als Kampagne zur Veränderung von Moralstandards, zur Abwertung sexueller Bedürfnisse und zur Stabilisierung einer auf den Fortpflanzungsaspekt konzentrierten Ehe geführt.

Die Geschichte des Umgangs mit Seuchen kann uns keine Rezepte für angemessenes politisches Handeln liefern. Wir können nicht in diesem platten Sinne aus der Geschichte lernen. Historische Situationen wiederholen sich nicht, auch wenn es gelegentlich phänomenologische oder auch strukturelle Ähnlichkeiten geben mag. Doch kann uns die seuchenhistorische Forschung den Blick schärfen für die oft unerwünschte und zudem meist die Effizienz beeinträchtigende Indienstnahme der Gesundheitspolitik für letztlich sachfremde politische Ziele oder allgemeine Wertvorstellungen, für die unerwünschte Politik mit der Krankheit.

 

[1] Zitiert nach Hamburger Cholera-Tropfen. Blüthen-Lese von Curiositäten aus ernster Zeit. Hamburg 1892, S. 6.

[2] Vgl. u.a. online http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Charles_Gallo (Stand: 24. 9. 2011).

[3] Vgl. u.a. online http://www.nzz.ch/nachrichten/panorama/der_fall_robert_gallo_1.1048967.html (Stand: 25. 9. 2011)

[4] Vgl. Howard-Jones, N.: Choleranomalies: The Unhistory of Medicine as Exemplified by Cholera. In: Perspectives in Biology and Medicine, 15 (1972), S. 422. Zur Entdeckungsgeschichte auch online http://www.ph.ucla.edu/epi/snow/firstdiscoveredcholera.html (Stand: 24. 9. 2011).

[5] Vgl. Koch, M. A., u.a.: AIDS und HIV in der Bundesrepublik Deutschland. München 1990, S. 100 ff. (bga Schriften 3/90).

[6] Vgl. Evans, R.: Death in Hamburg. Society and Politics in the Cholera Years 1830-1910. Oxford 1987, S. 496.

[7] Vgl. Evans (1987), S. 497.

[8] Ciba-Zeitschrift, Januar 1934, Nr. 5.

[9] Zitiert nach Hoffmann-La Roche AG (Hg.): Epidemische Episoden 2: Controverses zur Cholera. Grenzach O. J., S. 16.

[10] Bulst, N.: Krankheit und Gesellschaft in der Vormoderne. Das Beispiel der Pest. In: Ders. u. Delort, R. (Hg.): Maladie et Société (XIIe – XVIIIe siècles). Paris 1989, S. 20f.

[11] Cohnstein, W.: Trost- und Beruhigungsgründe für die durch das Herannahen der Cholera aufgeschreckten Gemüther (…). Glogau u. Lissa 1831, S. 5.

[12] Cohnstein (1831), S. 19.

[13] Ackerknecht, E. H.: Anticontagionism between 1821 and 1867. In: Bulletin of the History of Medicine, 22 (1948), S. 562-593.

[14] Hoffmann-La Roche (o.J.), S. 19.

[15] Hamburger Cholera-Tropfen (1892), S. 10.

[16] Hamburger Cholera-Tropfen (1892), S. 17.

[17] Die Zeit v. 12. 4. 1991, S. 90; vgl. zu Peru auch online http://www.colorado.edu/geography/gcraft/warmup/cholera/cholera_f.html und zu Haiti http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-10/cholera-haiti-hilfsorganisationen (Stand: jeweils 25. 9. 2011).

[18] Hirsch konstatierte ein „Vorherrschen der Cholera im Proletariate, das immer und überall das bei weitem grösste Contingent zur Zahl der Erkrankungen und Todesfälle an dieser Krankheit gestellt hat, nicht selten der fast ausschließlich leidende Theil der Bevölkerung […] gewesen ist“. Hirsch, A.: Handbuch der historisch-geographischen Pathologie. Bd. 1, 2. Aufl., Stuttgart 1881, S. 334.

[19] Vgl. Evans (1987), besonders S. 403-469.

[20] Wichtigste Quelle war eine Aufstellung aller an Cholera Erkrankten und Gestorbenen mit Angabe von Alter, Geschlecht, Beruf sowie Wohnort. Vgl. Voß, A.: Soziale Ungleichheit vor der Cholera, dargestellt am Beispiel der Münchner Epidemie 1873/74. Universität München, Seminar für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 1997 (unveröff. MA-Arbeit), S. 22.

[21] Vgl. Voß (1997), S. 41-47, besonders S. 41f. u. 54.

[22] Vgl. Voß (1997), S. 42 u. 62f.

[23] Vgl. Voß (1997), S. 78 u. 87-93.

[24] Vgl. Voß (1997), S. 72f., 80 u. 88.

[25] Vgl. dazu ausführlich Frevert, U.: Krankheit als politisches Problem 1770-1880. Soziale Unterschichten in Preußen zwischen medizinischer Polizei und staatlicher Sozialversicherung. Göttingen 1984, S. 125-148. Für England ganz in diesem Sinne Davenport-Hines, R.: Sex, Death and Punishment. Attitudes to sex and sexuality in Britain since the Renaissance. London 1990, S. 158.

[26] Vgl. u.a. Bleker, J.: Die Medizinalreformbewegung von 1848/9. Zur Geschichte des ärztlichen Standes im 19. Jahrhundert. In: Deutsches Ärzteblatt, 73 (1976), S. 2901-2905 u. 2982-2988; Diess.: Von der medizinischen Volksbelehrung zur Popularisierung der medizinischen Wissenschaft. – Ideen einer „demokratischen Medizin“ um 1848. In: Medizinhistorisches Journal, 13 (1978), S. 112-119; Thoma, P.: Sozialmedizin und Medizinsoziologie – Problemgeschichte und Begriffsbestimmung. In: Geissler, B., u. Thoma P. (Hg.): Medizinsoziologie. Frankfurt/M. u. New York 1975, S. 12-20.

[27] Z.B. erklärt Virchow den Ausbruch der Typhusepidemie in Oberschlesien 1847 durch den Zusammenstoß polarer und äquatorialer Luftmassen, die ein Miasma gebildet hätten; dies verursachte im Zusammenhang mit der Hungersnot die Seuche. Als soziale Randbedingungen nennt Virchow enges Zusammenleben, überfüllte Wohnungen und mangelnde Lüftung derselben. Vgl. Virchow, R.: Mittheilungen über die in Oberschlesien herrschende Typhus-Epidemie. In: Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für Klinische Medizin, 2 (1848), S. 143–322.

[28] Vgl. dazu u.a. Sauerteig, L.: Krankheit, Sexualität, Gesellschaft. Gesundheitspolitik in Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Stuttgart 1999; Göckenjan, G.: Syphilisangst und Politik mit Krankheit. Diskurs zur Geschichte der Geschlechtskrankheiten. In: Sozialwissenschaftliche Sexualforschung. Bd. 2, Berlin u. New York 1989, S. 47-62; Woycke, J.: Birth Control in Germany 1871-1933. London u. New York 1988.

[29] Zitiert nach Fetscher C.: Sie gehören zu uns. In: Der Tagesspiegel, Nr. 21176 v. 4. 12. 2011, S. 25.

[30] Wehler, H.-U.: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 3, München 1995, S. 651.

[31] Vgl. die Hinweise auf wissenschaftliche und kritische Literatur unter http://de.wikipedia.org/wiki/Bovine_spongiforme_Enzephalopathie (Stand: 14. 2. 2012).

[32] Vgl. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,799993,00.html (Stand: 14. 2. 2012)

[33] Vgl. Weindling, P.: Hygienepolitik als sozialintegrative Strategie im späten Deutschen Kaiserreich. In: Labisch, A., u. Spree, R. (Hg.): Medizinische Deutungsmacht im sozialen Wandel. Bonn 1989, S. 37-55.

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