Die „erste“ Weltwirtschaftskrise 1857-1859

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Der folgende Text stellt die überarbeitete Version meines Beitrags zur Tagung „Finanz- und Wirtschaftskrisen. Schlaglichter im historischen Vergleich“, 6./ 7. November 2009, in der Katholischen Akademie in Bayern, München, dar. Der Text wurde leicht gekürzt abgedruckt in der Zeitschrift „zur debatte“, hg. v. der Akademie, 40 (2010), S. 39-41. Vgl. ergänzend zu den Rahmenbedingungen der Krise meine Darstellung der Industrialisierung Deutschlands auf dieser Homepage.

Einleitung

Wie eine unheimliche Seuche habe sich die Krise im Herbst 1857 weltweit verbreitet, schrieb ein zeitgenössischer Beobachter. „Von dem fernsten Westen der neuen Welt bis nach Stockholm und Moskau, bis nach Smyrna und Odessa. Die Stätten, über welche diese Pestilenz dahingeschritten war, bedeckten sich nicht (…) mit Leichen und rauchenden Schutthaufen, wohl aber mit zahllosen Ruinen des öffentlichen und des Privatwohlstandes.“ Neben der Beschwörung von Proletarierdemonstrationen mit „blutroten Fahnen“ in New York, Tausenden von Bankrotten in kürzester Zeit weltweit, ubiqitärer Massenarbeitslosigkeit, Ausbleiben des Weihnachtsgeschäfts war der Beobachter beeindruckt von einem ganz aktuell anmutenden Phänomen. In Hamburg, „dem Lande der Erbweisheit“, dessen Börse doch der „Tempel der Millionäre“ war, schrien die Mittelklassen nun nach der „Hilfe des Staates (…), der bürokratisch-vormundschaftlich den Privatverkehr unter seine unmittelbare Obhut nehmen sollte (…). Alle Verhältnisse schienen auf den Kopf gestellt: bei nie gekannten Warenvorräten, inmitten reicher Ernten überall Entbehrung; bei vortrefflichen Transportmitteln nirgends Austausch; gegenüber großen Einfuhren edler Metalle aller Orten Geldmangel; trotz der umfangreichsten Kreditanstalten eine Höhe des Zinsfußes, wie sie das Jahrhundert noch nicht gekannt hatte.“[1] Und die Frankfurter Zeitschrift „Der Aktionär“, das Zentralorgan für Börsengänger, schrieb am 18. 10. 1857: „Die Krisis ist mehr als eine europäische, sie ist eine Weltfrage geworden.“[2] Man beschwor demnach apokalyptische Verhältnisse im Weltmaßstab. Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Industrialisierung (Industrielle Revolution) Deutschlands im 19. Jahrhundert

(Überarbeitete Version eines Kapitels aus meiner Biographie von Karl Wilhelm Hermann Pemsel = R. Spree: Eine bürgerliche Karriere im deutschen Kaiserreich. Der Aufstieg des Advokaten Dr. jur. Hermann Ritter von Pemsel in Wirtschaftselite und Adel Bayerns. Aachen 2007, S. 11-35)

Schon lange hatte sich die Industrialisierung als der größte Veränderungsmotor in der Geschichte der letzten Jahrtausende vorbereitet, ohne in Deutschland den Durchbruch zu erreichen.Das ist einer der Gründe dafür, in der neueren Wirtschaftsgeschichtsschreibung nicht mehr den älteren Begriff der Industriellen Revolution zu gebrauchen. Zwar empfanden die Zeitgenossen viele Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die sich während des evolutionären Prozesses der Industrialisierung ereigneten, als so umstürzend neu, dass sie als revolutionär wahrgenommen wurden. Doch erkennt der Historiker die oft Jahrzehnte, gelegentlich gar Jahrhunderte zurückreichenden Wurzeln und zögernden Anläufe. Zudem fanden die Veränderungen nicht in der Wirtschaft bzw. der Gesellschaft als Ganzer und gleichzeitig statt, vielmehr zunächst in einzelnen Branchen und oft weit auseinander liegenden Regionen, von denen aus sie sich allmählich mal schneller, mal langsamer ausbreiteten. Kennzeichnend für die Industrialisierung, egal wo sie stattfand und (mit Blick auf die Erde insgesamt) bis heute noch stattfindet, ist deshalb die Ungleichzeitigkeit und räumliche Disparität der Entwicklungen, die sich schließlich zum Durchbruch einer neuen Wirtschaftsweise ergänzen.[1] Dieser ereignete sich in Deutschland ab den 1840er Jahren – nachdem während der 1830er Jahre wichtige Voraussetzungen realisiert worden waren. Binnen weniger Jahrzehnte fand der Wandel vom Agrarstaat, der Deutschland im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts insgesamt, in weiten Teilen sogar noch bis ins späte 19. Jahrhundert hinein war, zum Industriestaat statt, der um die Wende zum 20. Jahrhunderts vorherrschte – ungeachtet einiger weiterhin agrarisch geprägter Regionen. Binnen einer Generation veränderte sich nicht nur die ökonomische Basis, vielmehr lebten, dachten, fühlten die meisten Deutschen um die Wende zum 20. Jahrhundert anders als noch um die Mitte, gar zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Alte Traditionen und Werte waren zerstört, zumindest in Frage gestellt worden, gänzlich neue Orientierungen und Mentalitäten setzten sich bei großen Teilen der Bevölkerung durch. Im Folgenden wird ein knapper und subjektiv pointierter Überblick über diesen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozess geboten. Mehr von diesem Beitrag lesen