Anspruch und Wirklichkeit der Krankenhausbehandlung im 19. Jh.

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[Überarbeitete und aktualisierte Version der Veröffentlichung in: Medizin, Gesellschaft und Geschichte. Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung, 19 (2000), S. 143-151]

Das Krankenhaus ist heute zweifellos ein Zentrum der medizinischen Versorgung. Die Ausgaben für Gesundheit in unserer Volkswirtschaft machen fast 11% des Bruttoinlandsprodukts aus (rd. 245 Mrd. €, Stand 2006). Davon werden mit 58 Mrd. € rd. ein Viertel für stationäre Behandlung aufgewendet. Die Zahl der Krankenhäuser und der Krankenhausbetten hat sich zwar während der letzten Jahrzehnte verringert, dagegen steigt die Zahl der behandelten Patienten bei sinkender Verweildauer kontinuierlich weiter an. Das hat viele Gründe, darunter auch demographische (Stichwort: Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung, Zunahme des Anteils älterer und somit multimorbider Menschen). Doch drückt sich in dieser Zunahme der Beanspruchung des Krankenhauses nicht zuletzt auch dessen ständig gewachsenes Leistungsvermögen aus. Zwar wird von vielen Seiten Kritik am Krankenhaus geäußert, besonders an der wachsenden Größe der Anstalten, an der Unpersönlichkeit der Pflege (Stichwort: Gesundheitsfabrik), an dem Übermaß eingesetzter Technologie (Stichwort: Apparatemedizin). Aber das Heilvermögen (Stichwort: Hochleistungsmedizin) wird nur selten, und dann bei ganz bestimmten Leiden infrage gestellt. Insofern scheinen Heilungsversprechen und Heilvermögen des Krankenhauses seit dem Ende des 20. Jahrhunderts weitgehend zur Deckung gekommen zu sein. Dahin war es jedoch ein langer Weg, der im Übrigen gekennzeichnet ist durch längere, wechselnde Phasen, in denen die jeweiligen zeitgenössischen Ansprüche an die Krankenhausbehandlung und deren Wirklichkeit stärker oder auch schwächer übereinstimmten.

Noch um die Wende zum 20. Jahrhundert deutete sich eine solche akzeptierte Stellung innerhalb der Gesundheitsversorgung erst rudimentär an. Und bezüglich des frühen 19. Jahrhunderts lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß das Krankenhaus für die öffentliche Gesundheitspflege, mehr noch für die private, nur eine ausgesprochen periphere Funktion besaß. Kranke wurden typischerweise in der Familie versorgt, meist ohne Hinzuziehung eines approbierten Arztes. Die medizinkritisch inspirierte Sozialgeschichte des Gesundheitswesens der späten 1970er und frühen 1980er Jahre hat deshalb dem Krankenhaus bis weit in das 19. Jahrhundert hinein überhaupt jede Leistungsfähigkeit abgesprochen. Krankenhäuser galten als „Pforten zum Tode“, so der plakative, vielzitierte Titel einer  Studie zur Krankenhausmortalität im 18. und frühen 19. Jahrhundert, als „gesellschaftlich stigmatisierte Heilanstalten für Angehörige der unteren Bevölkerungsschichten, in deren Obhut man sich nur dann begab, wenn keine andere Möglichkeit (Familienpflege, bezahlte Krankenwartung, Selbsthilfe) vorhanden war. Wohlhabende Patienten mieden das Krankenhaus wie die Pest.“ Daran hat sich nach Meinung vieler Sozialhistoriker bis ins späte 19. Jahrhundert wenig geändert. [Vgl. den suggestiven Titel des Standardwerks von Murken, A. H.: Vom Armenhospital zum Großklinikum. Die Geschichte des Krankenhauses vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 3. Aufl., Köln 1995. Darüber hinaus Sigsworth, E. M.: Gateways to Death? Medicine, Hospitals, and Mortality, 1700-1850. In: Mathias, P. (Hg.): Science and Society, 1600-1900. Cambridge 1972, S. 97-110; Frevert, U.: Krankheit als politisches Problem 1770-1880. Soziale Unterschichten in Preußen zwischen medizinischer Polizei und staatlicher Sozialversicherung, Göttingen 1984, S. 75, ergänzend auch S. 263 u. 291f.; Stürzbecher, M.: Aus der Diskussion über das „Klassenlose Krankenhaus“ in Alt-Berlin. In: Berliner Ärzteblatt, 85 (1972), S. 509-521.]

Angesichts derart massiver Kritik an den Krankenhäusern erscheint es jedoch in hohem Maße erstaunlich, wie rasch deren Zahl schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts anwuchs, ein Vorgang, der sich besonders nach 1883 mit der Einführung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sogar noch beschleunigte. Im Deutschen Reich gab es 1876, bei der ersten reichsweiten Zählung, bereits 1.985 Krankenhäuser mit 75.702 Betten, bis 1910 hatte sich die Zahl der Anstalten mehr als verdoppelt auf 4.020 und die Zahl der Betten mehr als verdreifacht auf 260.110. Die Zahl der behandelten Kranken wuchs sogar überproportional, von rd. 400.000 im Jahre 1877 hatte sie sich bis 1910 auf mehr als 2 Mio. nahezu verfünffacht. Was sind die Gründe für dies Vordringen der Krankenhausbehandlung im Gesundheitsbereich während des 19. Jahrhunderts? [Vgl. Spree, R.: Quantitative Aspekte der Entwicklung des Krankenhauswesens im 19. und 20. Jahrhundert. „Ein Bild innerer und äußerer Verhältnisse“. In: Labisch, A., u. Spree, R. (Hg.): „Einem jeden Kranken in einem Hospitale sein eigenes Bett“. Zur Sozialgeschichte des Allgemeinen Krankenhauses in Deutschland im 19. Jahrhundert. Frankfurt/M. 1996, S. 59-63.]

Eine neue Attraktivität der Medizin, ihr gesteigertes Heilvermögen, können es wohl kaum gewesen sein. An der Situation der praktischen Medizin änderte sich bis weit in das 19. Jahrhundert hinein wenig. Die fortschrittliche Medizin der Zeit war eine Disziplin der (Grundlagen-) Forschung und der Lehre, weniger der Praxis, vor allem nicht der Alltagspraxis in der ambulanten Medizin und in den Allgemeinen Krankenhäusern der größeren und mittleren Städte. Diese Alltagspraxis blieb vielmehr traditionellen Konzepten und Methoden verhaftet. Das Krankenhaus konnte bis ins späte 19. Jahrhundert nur wenig gezielte und kausal wirksame Therapie bieten. Die naturwissenschaftliche Medizin wirkte sich zwar seit der Mitte des 19. Jahrhunderts allmählich auf neue Verfahren und Organisationsformen ärztlicher Praxis aus. Neben der in den 1840er Jahre eher zufällig entdeckten Anästhesie sind zu nennen: die Ende der 1860er Jahre entwickelte Antisepsis, die sich in Deutschland während der 1870er Jahre durchsetzte, vor allem aber seit Ende der 1880er Jahre die Asepsis, die die Chirurgie auf eine völlig neue Basis stellte, mit der gezielten Isolierung infektiös Erkrankter aber auch die Medizinische Klinik stark beeinflußte. [Noch in den frühen 1870er Jahren erkrankten z. B. in der chirurgischen Klinik des Münchener Allgemeinen Krankenhauses 50% bis 80% der operierten Patienten an Pyämie und Hospitalbrand. Nußbaum operierte deshalb nach Möglichkeit nur noch außerhalb des Krankenhauses, beispielsweise in angemieteten Hotelzimmern. Erst ab 1875, nach einem Besuch bei Lister in Edinburgh, brachte das nunmehr eingeführte Listersche antiseptische Verfahren rasch Besserung. Vgl. Scheffler, C.: Das Krankenhaus Links der Isar zu München. Organisation und Finanzierung in den 1860er und 1870er Jahren. Herzogenrath 1997 (Studien zur Geschichte des Krankenhauswesens, Bd. 38), S. 121-124].

Seit Mitte der 1880er Jahre wurden die chirurgischen Abteilungen nach septischen und aseptischen Fällen getrennt. Erst in den ausgehenden 1880er und frühen 1890er Jahren wurde die Frage der Wundinfektion durch Mikrobiologie und Bakteriologie prinzipiell gelöst. In der Chirurgie setzte sich sowohl im operativen wie im organisatorischen und im pflegerischen Bereich ein neuer Standard durch. Dieser neue hygienisch-bakteriologische Standard wurde in modernen, für die damalige Zeit unglaublich aufwendigen Krankenhausneubauten realisiert. Trotzdem blieb die krankheitsspezifische Letalität auch bei Routine-Operationen erschreckend hoch. So lag um die Jahrhundertwende die Sterblichkeit nach geburtshilflichen Operationen bei 5 %. Gleichwohl wurde die Chirurgie Ausgang des 19. Jahrhunderts – aber auch erst dann – zum Aushängeschild des modernen Allgemeinen Krankenhauses. Technische Entwicklungen im Bereich der Diagnostik und der internistischen Therapie kamen hinzu. Musterbeispiel ist der Röntgenapparat, der nach der Entdeckung der X-Strahlen im Jahre 1895 erstaunlich rasch zur Standardausstattung der Krankenhäuser wurde. [Vgl. Thomann, K. D.: Die Entwicklung der Chirurgie im 19. Jahrhundert und ihre Auswirkungen auf Organisation und Funktion des Krankenhauses. In: Labisch/ Spree (Hg.): „Einem jeden Kranken“, S. 145-166].

Noch problematischer ist der Beitrag der modernen Inneren Medizin auf die Entwicklung des Krankenhauses einzuschätzen. Zwar stellte die Serum-Therapie der Diphtherie nach Emil Behring und Shibasaburo Kitasato im Jahre 1890 ein epochales Ereignis dar. Doch auch diese Therapie blieb auf wenige Zentren beschränkt und war keineswegs immer erfolgreich. Allerdings war diese Entwicklung für die Krankenhausmedizin von großer Bedeutung, da derartige innovative pharmakologische Therapien, zu denen auch die Erprobung neuer Arzneimittel gegen Fieber und Schmerzen zu rechnen ist, zunächst nur im Krankenhaus durchgeführt werden konnten. Deutliche Fortschritte in der Therapie in Richtung gezielter Heilung von Krankheiten fanden demnach erst im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts statt. Sie haben vermutlich die Attraktivität des Krankenhauses erhöht und insofern eine Art Sogwirkung entfaltet. Während der ersten zwei Drittel des 19.Jahrhunderts muß jedoch die Anziehungskraft der Krankenhausmedizin als Therapieangebot recht niedrig eingeschätzt werden. Dennoch zog es zunehmend mehr Menschen an. [Vgl. Weindling, P.: Die Entwicklung der Inneren Medizin im 19. Jahrhundert und ihre Auswirkungen auf Organisation und Funktion des Krankenhauses. Am Beispiel der Kinderkrankenhäuser in Paris, London und Berlin. In: Labisch/ Spree (Hg.): „Einem jeden Kranken“, S. 167-183.]

Um klären zu können, welchen Wandel Anspruch und Wirklichkeit der Krankenhausbehandlung während des 19. Jahrhunderts durchmachten, sind die Aufgabenstellungen des Krankenhauses und seine Leistungen zu verschiedenen Zeitpunkten zu präzisieren. Dies verlangt nicht zuletzt einen Blick auf die soziale Zusammensetzung und die Finanzierung der Krankenhauspatienten. Zu diesem Zweck ist es sinnvoll, sich noch einmal die Ausgangssituation hinsichtlich der Krankenpflege um die Wende zum 19. Jahrhundert zu vergegenwärtigen. Bei der großen Masse der Bevölkerung herrschten Selbstmedikation und Pflege durch Familie und Angehörige eindeutig vor. Das impliziert allerdings, dass ein großer und bis ins späte 19. Jahrhundert ständig anwachsender Bevölkerungsteil im Krankheitsfall schlecht oder gar nicht versorgt war: die jüngeren Erwerbstätigen bis zum 30., häufig sogar 40. Lebensjahr. Diese waren unter den Bedingungen des 19. Jahrhunderts sehr mobil, wechselten auf der Suche nach Verdienst häufig den Arbeitsort und die Arbeitsstelle, lebten also in der Fremde und waren meist unverheiratet. Zu denken ist besonders an Dienstboten, Handwerksgesellen, Gewerbegehilfen, immer stärker dann auch an seit den 1840er Jahren vom Land abwandernde Arbeitskräfte, die sich als Tagelöhner, Eisenbahn- und Fabrikarbeiter verdingten. Ihnen fehlte typischerweise im Krankheitsfall jede familiäre Unterstützung.

Damit ist die wichtigste Zielgruppe der bereits seit dem späten 18. Jahrhundert in zahlreichen Städten gegründeten Krankenhäuser bezeichnet. Es überrascht insofern nicht, wenn man feststellt, daß in vielen Städten die ersten (zunächst meist sehr  kleinen) Krankenhäuser modernen Typs, nämlich für „heilbare Kranke“, ausdrücklich für diese Berufsgruppen errichtet wurden. Das größer ausgelegte städtische Krankenhaus hatte oft in einem Dienstboten- oder Handwerker-Krankenhaus seinen Vorläufer.  Neben den Ortsarmen sollten die Krankenhäuser also vor allem die ortsfremden Labouring Poor bei Krankheit versorgen. Fehlende Unterstützung der fern der Heimat arbeitenden unteren Beschäftigtengruppen durch Familien oder Haushalte war bis ins späte 19. Jahrhundert hinein der wichtigste Grund für die Einrichtung von Krankenhäusern; die Krankenhauspflege sollte hier Ersatz schaffen. Geboten wurden ein sauberes Bett, angemessene Ernährung und sachkundige Betreuung. Hinzu kam die ärztliche Überwachung, die ebenfalls wörtlich zu nehmen ist und in den Augen der Finanziers, also vor allem der Steuern zahlenden Bürger in den Kommunen, sichern sollte, dass die eingesetzten Finanzmittel rationell verwendet wurden, indem das Krankenhaus die Kranken möglichst rasch wiederherstellte und arbeitsfähig machte. [Vgl. z. B. K. Gabler, Das Krankenhauswesen der Stadt Krefeld im 19. Jahrhundert, Herzogenrath 1983 (Studien zur Geschichte des Krankenhauswesens, Bd. 19), S. 18-39 (= Die Handwerker-Krankenanstalt); R. Stremmel, “Gesundheit – unser einziger Reichtum”? Kommunale Gesundheits- und Umweltpolitik 1800-1945, Solingen 1993, S. 31-33 (= Das erste Solinger ‘Krankenhaus’); E. Saffert, Das erste Dienstbotenkrankeninstitut. Zur Geschichte des Krankenhaus- und Krankenversicherungswesens in Schweinfurt, in: Geschichte und Gegenwart. Herrn Altoberbürgermeister Georg Wichtermann (…), Schweinfurt 1975 (Veröffentlichungen des Historischen Vereins und des Stadtarchivs Schweinfurt, Sonderreihe, H. 9), S. 87-120; H. Salm, Das  Spital zum heiligen Geist als Dienstbotenkrankenhaus (1849-1871) – ein Vorläufer des Städtischen Krankenhauses Kaufbeuren, in: Kaufbeurer Geschichtsblätter 6 (1974), S. 188-196; Elkeles, B.: Der Patient und das Krankenhaus. In: Labisch/ Spree (Hg.): „Einem jeden Kranken“, S. 358-364].

Liste der erkrankten Handwerksgesellen, die in das Juliusspital zur Kur aufgenommen wurden, März 1786 (Quelle: Brinkschulte, E.: Krankenhaus und Krankenkassen, S. 69.)

Tatsächlich setzte sich die Patientenschaft der Krankenhäuser während des 19. Jahrhunderts auch genau so zusammen, wie es dieser Zweckbestimmung entsprach: Die Patienten waren überwiegend jüngere Erwachsene zwischen 15 und 40 Jahren, schwerpunktmäßig in den Zwanzigern; ältere Menschen und Kinder fanden sich kaum in den Krankenhäusern; Kinder schon deshalb nicht, weil sie meist durch die Statuten ausgeschlossen waren. Stets gab es ein mehr oder weniger großes Übergewicht männlicher Patienten, die von Beruf bis in die 1860er Jahre zu 60%-70% Handwerksgesellen waren. 10%-20% waren Tagelöhner oder sonstige Gewerbegehilfen, weitere 10%-20% Dienstboten. Nur sehr wenige gingen sozusagen bürgerlichen Berufen nach. Bei den Frauen dominierten eindeutig die Dienstbotinnen sowie die Angehörigen von Handwerkern. Je nach den örtlichen Bedingungen konnte ein kleiner Prozentsatz der weiblichen wie männlichen Patientenschaft aus der Landwirtschaft kommen. Ebenso entschieden die örtlichen Bedingungen über die Häufigkeit von Prostituierten als Patientinnen (in Hamburg stellten sie mehr als die Hälfte der Patientinnen, in München gab es keine, die als solche in den Aufnahmebüchern geführt wurden), oder von Militär und Eisenbahnbauarbeitern als Patienten. Die großen Veränderungstrends im späten 19. Jahrhundert bestanden darin, daß der Anteil der Handwerker zurückging, während der der Fabrikarbeiter wuchs; ebenso nahm meist der Anteil der Dienstbotinnen unter den Patientinnen zu, in Industriestädten der der Fabrikarbeiterinnen; dagegen sank der Anteil der Handwerkerfrauen deutlich. [Vgl. vor allem die auf der Basis von Individualdaten erarbeiteten Studien zur Sozialstruktur der Patienten in verschiedenen deutschen Krankenhäusern des 19. Jahrhunderts: Brinkschulte, E.: Krankenhaus und Krankenkassen. Soziale und ökonomische Faktoren der Entstehung des modernen Krankenhauses im frühen 19. Jahrhundert. Die Beispiele Würzburg und Bamberg. Husum 1998, S. 147-199; Leidinger, B.: Krankenhaus und Kranke. Die Allgemeine Krankenanstalt an der St. Jürgen-Straße in Bremen 1851-1897. Phil. Diss. Bremen 1998; Spree, R.: Sozialer Wandel im Krankenhaus während des 19. Jahrhunderts. Das Beispiel des Münchner Allgemeinen Krankenhauses, in: Medizinhistorisches Journal, 33 (1998), S. 245-291; Langefeld, W., u. Spree, R.: Das Allgemeine Krankenhaus Hamburg (St. Georg) im 19. Jahrhundert – Organisation, Patienten, Finanzen, in: Historia Hospitalium, 21 (1998/99), S. 166-173; J. Bleker u. a., Kranke und Krankheiten im Juliusspital zu Würzburg 1819-1829; Scheffler: Das Krankenhaus, S. 155f.; zu Hamburg: Langefeld/ Spree: Das Allgemeine Krankenhaus Hamburg, S. 169.]

Die berufliche Zusammensetzung der Krankenhauspatienten unterschied sich – soweit bisher erkennbar – nicht in systematischer Weise zwischen Nord- und Süddeutschland, obwohl die Zusammensetzung der Kostenträger bis in die frühen 1880er Jahre erheblich differierte. In Norddeutschland wurden die meisten Patienten als Klienten der Armenfürsorge im Krankenhaus versorgt, während in süddeutschen Städten mit einem Krankenhaus seit dem frühen 19. Jahrhundert überwiegend spezielle Krankenhausversicherungen für die Labouring Poor bestanden, so dass der Anteil der Armenpatienten unter 50%, oft sogar unter 20% lag. In Süddeutschland hatte deshalb das Krankenhaus auch viel weniger den Charakter einer Armenanstalt, was in Norddeutschland hingegen die Regel war. Selbst die Einführung der GKV ab 1884 änderte daran wenig, weil diese ihre Hauptaufgabe im Lohnersatz für erkrankte Arbeitnehmer, d.h. in der Gewährung eines Krankengeldes, fand und Krankenhausbehandlungen nur als Kann-Leistung vorsah. Die süddeutschen Krankenhäuser kamen insofern während des ganzen 19. Jahrhunderts stärker als die norddeutschen einem klaren gesundheits- und arbeitsmarktpolitischen Auftrag nach, der vor allem die Versorgungsprobleme der Labouring Poor im Krankheitsfall in für die Kommunen günstiger Weise lösen sollte. In Norddeutschland spielte das Krankenhaus dagegen in der Sozialpolitik eine eher untergeordnete Rolle, weil hier vielmehr die allgemeinen arbeiterpolitischen bzw. sozialintegrativen Absichten (Versöhnung der Arbeiterschaft mit dem bürgerlichen Staat) dominierten. [Insofern ist die häufige Gleichsetzung des frühen Krankenhauses mit dem Armenhaus angesichts der Krankenhausversicherungen zumindest für Süddeutschland irreführend. Vgl. die Varianten der Finanzierung von Krankenhäusern in den während der letzten Jahre fertiggestellten Fallstudien, bes. Spree: Die Finanzierung von Krankenhäusern in Deutschland während des 19. Jahrhunderts. In: Gerhard, H.-J. (Hg.): Struktur und Dimension. Fs. für K. H. Kaufhold. Bd. 2, Stuttgart 1997, S. 421, 435, 440-443; Langefeld, W.: Das Allgemeine Krankenhaus der Stadt Augsburg (1811-1864). Organisation, Patienten, Finanzen. In: Historia Hospitalium, 20 (1995-1997), S. 109-143; Spree, R.: Handwerker und kommunale Krankenhäuser im 19. Jahrhundert. In: Kaufhold, K. H., u. Reininghaus, W. (Hg.): Stadt und Handwerk in Mittelalter und Früher Neuzeit. Köln 2000, S. 269-300; Gabler, N., u. Spree, R.: Die finanzielle Entwicklung des Mannheimer Krankenhauses 1835-1890. In: Labisch, A., u. Spree, R. (Hg.): Krankenhaus-Report 19. Jahrhundert. Krankenhausträger, Krankenhausfinanzierung, Krankenhauspatienten, Frankfurt/ M. u. New York 2001, S. 203-243; Langefeld, W.: Wie kann ein Krankenhaus Gewinn machen? Finanzierung und Betriebsergebnis des Allgemeinen Krankenhauses der Stadt Augsburg 1811-1914. In: Labisch/ Spree (Hg.): Krankenhaus-Report, S. 141-177; Langefeld, W., u. Spree, R.: Die Finanzwirtschaft des Allgemeinen Krankenhauses Bielefeld 1843-1913. In: Labisch/ Spree (Hg.-): Krankenhaus-Report, S. 245-271; Lehmann, C.: Das Stuttgarter Katharinenhospital während des 19. Jahrhunderts zwischen Krankheitskosten-Versicherungskasse und Gesetzlicher Krankenversicherung. In: Labisch/ Spree (Hg.): Krankenhaus-Report, S. 179-201; Wagner, A., u. Spree, R.: Die finanzielle Entwicklung des Allgemeinen Krankenhauses zu München 1830-1894. In: Labisch/ Spree: Krankenhaus-Report, S. 95-140; Langefeld, W., u. Spree, R.: Organisation, Patienten und finanzielle Entwicklung des Clemens-Hospitals in Münster von 1820 bis 1914. In: Jakobi, F.-J., u. a. (Hg.): Strukturwandel der Armenfürsorge und der Stiftungswirklichkeiten in Münster im Laufe der Jahrhunderte. (Studien zur Geschichte der Armenfürsorge und der Sozialpolitik in Münster, Bd. 4), Münster 2002, S. 323-347; für das frühe 20. Jahrhundert Angaben bei Spree, R.: Krankenhausentwicklung und Sozialpolitik in Deutschland während des 19. Jahrhunderts. In: Historische Zeitschrift, 260 (1995), S. 85-102].

Offenbar ist der Heilanspruch des Krankenhauses während des 19. Jahrhunderts nicht im modernen Sinne eines gezielten und kausal wirksamen Therapieangebots zu verstehen. Vielmehr wurde primär auf die Herstellung einer den natürlichen Genesungsprozeß fördernden äußeren Umgebung für den Kranken geachtet. Aus diesem Grunde war es bis ins späte 19. Jahrhundert für den Erfolg eines Krankenhauses viel wichtiger, über gute Pflegekräfte als über besonders qualifizierte Ärzte zu verfügen. Das macht die große Bedeutung der katholischen, später auch der evangelischen Pflegeorden und schließlich der Rot-Kreuz-Schwestern verständlich.  Waren auch die Ärzte bis in die 1870er/80er Jahre für die Leistung eines Krankenhauses weniger bedeutsam, so war doch umgekehrt das Krankenhaus für die Ärzte wichtig als Lehr-, Forschungs- und Lerneinrichtung. [Vgl. ausführlicher Labisch, A., u. Spree, R.: Die Kommunalisierung des Krankenhauswesens in Deutschland während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In: Wysocki, J. (Hg.): Kommunalisierung im Spannungsfeld von Regulierung und Deregulierung im 19. und 20. Jahrhundert. Berlin 1995, S. 29ff.].

Fazit: Das Krankenhaus für heilbare Kranke, so die zeitgenössische Charakterisierung, um es vom traditionellen Hospital abzugrenzen, sollte durchaus medizinischen Zwecken dienen. Dazu gehörte natürlich auch die Heilung von Kranken. Aber angesichts des geringen kausalen Heilungsvermögens der Medizin bis ins späte 19. Jahrhundert hatte der Heilanspruch lange Zeit vielmehr die Bedeutung einer die Selbstheilung der Kranken fördernden Pflege. Erst im späten 19. Jahrhundert wandelte sich der Anspruch mehr und mehr in die Richtung einer effektiv Krankheiten beseitigenden ärztlichen Therapie. Hier öffnete sich dann eine gewisse Kluft zwischen Heilanspruch und Heilvermögen, der jahrzehntelang während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der öffentlichen Debatte eine Rolle spielte.

Anspruch und Wirklichkeit der Krankenhausbehandlung klafften demnach lange Zeit keineswegs so stark auseinander, wie man bis vor kurzem selbst in der einschlägigen Forschung zu glauben geneigt war. Die geringen Kenntnisse über die inneren Verhältnisse des Krankenhauses im 19. Jahrhundert und die vorherrschende Orientierung am Gegenwartskrankenhaus als einer überwältigend effizienten „Heilmaschinerie“ haben zu einer verzerrten Bewertung der Vorläuferinstitutionen beigetragen, deren zeitgenössischen Auftrag bzw. Anspruch man lange Zeit verkannte.

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