Seuchen in historischer Perspektive: Wissen – Moral – Politik

Dies ist mein Beitrag zur internationalen wissenschaftlichen Arbeitstagung „Epidemics and Pandemics in Historical Perspective“, 27. – 29. 10. 2011, im Institut für Geschichte der Medizin der Universität Düsseldorf. Veröffentlicht in: Vögele, J., u. a. (Hg.): Epidemien und Pandemien in historischer Perspektive. Epidemics and Pandemics in Historical Perspective. Wiesbaden 2016, S. 221-234.

 Während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts begann „der moderne Siegeszug der Naturwissenschaften über die Infektionskrankheiten und Seuchen“ (Diepgen). Mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit wurden die Erfolge bei dem „heroischen Kampf gegen die Volkskrankheiten“ im Spiegel der wöchentlich publizierten Sterblichkeitsstatistiken des 1876 gegründeten Kaiserlichen Gesundheitsamts verfolgt. Die innerhalb weniger Jahrzehnte anfallenden, bahnbrechenden Erkenntnisse der Bakteriologie und die um die Jahrhundertwende sich ausbildende Sozialhygiene stellten die Seuchenbekämpfung auf eine dem Augenschein nach strikt wissenschaftliche Basis. Damit erreichte das seit Beginn der Neuzeit sichtbare Bemühen der von Ärzten beratenen Obrigkeit um eine rational begründete Politik gegen die Seuchen und Epidemien einen Höhepunkt.

Auffällig ist allerdings, dass die Kenntnis der Ursachen und Verbreitungswege von Seuchen bis in die Gegenwart immer wieder deren faktischem Auftreten oft erheblich hinterher hinkt. Entsprechend gehen die Konzepte und Kampagnen zur Bekämpfung von Seuchen häufig von relativ vagen epidemiologischen Vermutungen aus und verfolgen über die Seuchenbekämpfung hinausgehende, meist rhetorisch verdeckte Ziele. Dies soll mit Beispielen aus der Zeit der Choleraepidemie von 1892 und mit einigen Verweisen auf die AIDS-Bekämpfung während der 1980er und 1990er Jahre illustriert werden. Abschließend einige kritische Bemerkungen zur Politik mit Seuchen. Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Finanzierung von Krankenhäusern in Deutschland im 19. Jh.

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Der folgende Aufsatz, hier leicht überarbeitet und aktualisiert, wurde ursprünglich in der Festschrift für Kaufhold veröffentlicht (in: Struktur und Dimension. Fs. für Karl-Heinrich Kaufhold zum 65. Geburtstag, Bd. 2, hg. v. H.-J. Gerhard, Stuttgart 1997, S. 413-446). Er entstand in einer frühen Phase meiner Beschäftigung mit der Finanzwirtschaft moderner Krankenhäuser im 19. Jahrhundert und stützt sich deshalb erst auf wenige Fallstudien. Inzwischen sind die Ergebnisse zahlreicher weiterer derartiger Studien veröffentlicht und für diese Version in den Fußnoten berücksichtigt worden. Sie bestätigen die hier vorgelegten Folgerungen und Thesen.

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Die Industrialisierung (Industrielle Revolution) Deutschlands im 19. Jahrhundert

(Überarbeitete Version eines Kapitels aus meiner Biographie von Karl Wilhelm Hermann Pemsel = R. Spree: Eine bürgerliche Karriere im deutschen Kaiserreich. Der Aufstieg des Advokaten Dr. jur. Hermann Ritter von Pemsel in Wirtschaftselite und Adel Bayerns. Aachen 2007, S. 11-35)

Schon lange hatte sich die Industrialisierung als der größte Veränderungsmotor in der Geschichte der letzten Jahrtausende vorbereitet, ohne in Deutschland den Durchbruch zu erreichen.Das ist einer der Gründe dafür, in der neueren Wirtschaftsgeschichtsschreibung nicht mehr den älteren Begriff der Industriellen Revolution zu gebrauchen. Zwar empfanden die Zeitgenossen viele Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die sich während des evolutionären Prozesses der Industrialisierung ereigneten, als so umstürzend neu, dass sie als revolutionär wahrgenommen wurden. Doch erkennt der Historiker die oft Jahrzehnte, gelegentlich gar Jahrhunderte zurückreichenden Wurzeln und zögernden Anläufe. Zudem fanden die Veränderungen nicht in der Wirtschaft bzw. der Gesellschaft als Ganzer und gleichzeitig statt, vielmehr zunächst in einzelnen Branchen und oft weit auseinander liegenden Regionen, von denen aus sie sich allmählich mal schneller, mal langsamer ausbreiteten. Kennzeichnend für die Industrialisierung, egal wo sie stattfand und (mit Blick auf die Erde insgesamt) bis heute noch stattfindet, ist deshalb die Ungleichzeitigkeit und räumliche Disparität der Entwicklungen, die sich schließlich zum Durchbruch einer neuen Wirtschaftsweise ergänzen.[1] Dieser ereignete sich in Deutschland ab den 1840er Jahren – nachdem während der 1830er Jahre wichtige Voraussetzungen realisiert worden waren. Binnen weniger Jahrzehnte fand der Wandel vom Agrarstaat, der Deutschland im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts insgesamt, in weiten Teilen sogar noch bis ins späte 19. Jahrhundert hinein war, zum Industriestaat statt, der um die Wende zum 20. Jahrhunderts vorherrschte – ungeachtet einiger weiterhin agrarisch geprägter Regionen. Binnen einer Generation veränderte sich nicht nur die ökonomische Basis, vielmehr lebten, dachten, fühlten die meisten Deutschen um die Wende zum 20. Jahrhundert anders als noch um die Mitte, gar zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Alte Traditionen und Werte waren zerstört, zumindest in Frage gestellt worden, gänzlich neue Orientierungen und Mentalitäten setzten sich bei großen Teilen der Bevölkerung durch. Im Folgenden wird ein knapper und subjektiv pointierter Überblick über diesen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozess geboten. Mehr von diesem Beitrag lesen