Gesundheit und Gesundheitswesen in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts

Gesundheit und Gesundheitswesen in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts[1]

Einleitung

Das Gesundheitswesen ist eine begriffliche Zusammenfassung verschiedener Institutionen, Personengruppen und Einzelakteure, die sich auf je unterschiedliche Weise um die Phänomene Gesundheit/ Krankheit bemühen. Gelegentlich arbeiten sie aufeinander bezogen und untereinander abgestimmt, oft aber auch völlig unkoordiniert und sogar gelegentlich gegeneinander. Von einem umfassenden System kann zweifellos nicht gesprochen werden. Jens Alber führt die Unübersichtlichkeit in seiner die Geschichte, Strukturen und Funktionsweise des bundesdeutschen Gesundheitswesen analysierenden Studie auf „die höchst komplexe und meist nur wenigen Experten geläufige Vielfachsteuerung“[2] zurück. Meist wird aus der Not eine Tugend gemacht und eine Aufzählung als Definition eingeführt: „Das Gesundheitswesen eines Staates umfasst sämtliche Regelungen, Maßnahmen, Sachmittel, Einrichtungen, Berufe und Personen, die das Ziel verfolgen, die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern, zu erhalten, herzustellen oder wiederherzustellen. Das Gesundheitswesen im weiteren Sinne umfasst demzufolge sämtliche sowohl öffentlichen wie privaten als auch professionellen wie laienweltlichen Aktivitäten, die auf Gesundheit gerichtet sind.“[3] D. h., um den Eindruck einer Zusammengehörigkeit der disparaten Elemente des Gesundheitswesen zu erzeugen, stellt die Definition auf die Zielsetzung dieser Elemente ab. Mehr von diesem Beitrag lesen

Seuchen in historischer Perspektive: Wissen – Moral – Politik

Dies ist mein Beitrag zur internationalen wissenschaftlichen Arbeitstagung „Epidemics and Pandemics in Historical Perspective“, 27. – 29. 10. 2011, im Institut für Geschichte der Medizin der Universität Düsseldorf. Veröffentlicht in: Vögele, J., u. a. (Hg.): Epidemien und Pandemien in historischer Perspektive. Epidemics and Pandemics in Historical Perspective. Wiesbaden 2016, S. 221-234.

 Während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts begann „der moderne Siegeszug der Naturwissenschaften über die Infektionskrankheiten und Seuchen“ (Diepgen). Mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit wurden die Erfolge bei dem „heroischen Kampf gegen die Volkskrankheiten“ im Spiegel der wöchentlich publizierten Sterblichkeitsstatistiken des 1876 gegründeten Kaiserlichen Gesundheitsamts verfolgt. Die innerhalb weniger Jahrzehnte anfallenden, bahnbrechenden Erkenntnisse der Bakteriologie und die um die Jahrhundertwende sich ausbildende Sozialhygiene stellten die Seuchenbekämpfung auf eine dem Augenschein nach strikt wissenschaftliche Basis. Damit erreichte das seit Beginn der Neuzeit sichtbare Bemühen der von Ärzten beratenen Obrigkeit um eine rational begründete Politik gegen die Seuchen und Epidemien einen Höhepunkt.

Auffällig ist allerdings, dass die Kenntnis der Ursachen und Verbreitungswege von Seuchen bis in die Gegenwart immer wieder deren faktischem Auftreten oft erheblich hinterher hinkt. Entsprechend gehen die Konzepte und Kampagnen zur Bekämpfung von Seuchen häufig von relativ vagen epidemiologischen Vermutungen aus und verfolgen über die Seuchenbekämpfung hinausgehende, meist rhetorisch verdeckte Ziele. Dies soll mit Beispielen aus der Zeit der Choleraepidemie von 1892 und mit einigen Verweisen auf die AIDS-Bekämpfung während der 1980er und 1990er Jahre illustriert werden. Abschließend einige kritische Bemerkungen zur Politik mit Seuchen. Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Finanzierung von Krankenhäusern in Deutschland im 19. Jh.

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Der folgende Aufsatz, hier leicht überarbeitet und aktualisiert, wurde ursprünglich in der Festschrift für Kaufhold veröffentlicht (in: Struktur und Dimension. Fs. für Karl-Heinrich Kaufhold zum 65. Geburtstag, Bd. 2, hg. v. H.-J. Gerhard, Stuttgart 1997, S. 413-446). Er entstand in einer frühen Phase meiner Beschäftigung mit der Finanzwirtschaft moderner Krankenhäuser im 19. Jahrhundert und stützt sich deshalb erst auf wenige Fallstudien. Inzwischen sind die Ergebnisse zahlreicher weiterer derartiger Studien veröffentlicht und für diese Version in den Fußnoten berücksichtigt worden. Sie bestätigen die hier vorgelegten Folgerungen und Thesen.

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Anspruch und Wirklichkeit der Krankenhausbehandlung im 19. Jh.

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[Überarbeitete und aktualisierte Version der Veröffentlichung in: Medizin, Gesellschaft und Geschichte. Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung, 19 (2000), S. 143-151]

Das Krankenhaus ist heute zweifellos ein Zentrum der medizinischen Versorgung. Die Ausgaben für Gesundheit in unserer Volkswirtschaft machen fast 11% des Bruttoinlandsprodukts aus (rd. 245 Mrd. €, Stand 2006). Davon werden mit 58 Mrd. € rd. ein Viertel für stationäre Behandlung aufgewendet. Die Zahl der Krankenhäuser und der Krankenhausbetten hat sich zwar während der letzten Jahrzehnte verringert, dagegen steigt die Zahl der behandelten Patienten bei sinkender Verweildauer kontinuierlich weiter an. Das hat viele Gründe, darunter auch demographische (Stichwort: Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung, Zunahme des Anteils älterer und somit multimorbider Menschen). Doch drückt sich in dieser Zunahme der Beanspruchung des Krankenhauses nicht zuletzt auch dessen ständig gewachsenes Leistungsvermögen aus. Zwar wird von vielen Seiten Kritik am Krankenhaus geäußert, besonders an der wachsenden Größe der Anstalten, an der Unpersönlichkeit der Pflege (Stichwort: Gesundheitsfabrik), an dem Übermaß eingesetzter Technologie (Stichwort: Apparatemedizin). Aber das Heilvermögen (Stichwort: Hochleistungsmedizin) wird nur selten, und dann bei ganz bestimmten Leiden infrage gestellt. Insofern scheinen Heilungsversprechen und Heilvermögen des Krankenhauses seit dem Ende des 20. Jahrhunderts weitgehend zur Deckung gekommen zu sein. Dahin war es jedoch ein langer Weg, der im Übrigen gekennzeichnet ist durch längere, wechselnde Phasen, in denen die jeweiligen zeitgenössischen Ansprüche an die Krankenhausbehandlung und deren Wirklichkeit stärker oder auch schwächer übereinstimmten. Mehr von diesem Beitrag lesen