„Volksgesundheit“ und Lebensbedingungen in Deutschland während es frühen 19. Jahrhunderts

 

 

 

„Volksgesundheit“ und Lebensbedingungen in Deutschland

                        während des frühen 19. Jahrhunderts[1]

 

 

(

 

 

                        Gliederung

 

  1. Einleitung

 

1.1                  Gesundheit und ärztliche Versorgung

1.2                  Sozialhistorischer Forschungsstand

1.3                  Begriffe, Konzepte, Ansatz

1.4                  Zum Aufbau

 

  1. Indikatoren der „Volksgesundheit“ seit der Mitte des
  2. Jahrhunderts

 

2.1                  Die Konzepte des Demographischen und des Epidemiologischen
Übergangs

2.2                  Das sozio-ökonomische Epochenproblem: Der Pauperismus

2.3                  Die Entwicklung der Sterblichkeit in Deutschland

2.3.1               Methodische Vorbemerkungen

2.3.2               Sterblichkeitstendenzen seit dem späten 18. Jahrhundert

2.3.3               Entwicklung der altersspezifischen Sterblichkeit

2.3.4               Veränderungen des Todesursachen-Spektrums

2.4                  Fazit: Die Entwicklung der „Volksgesundheit“ im Spiegel der empirischen Ergebnisse

 

  1. Tendenzen des Wandels der Lebensbedingungen und deren
    Auswirkungen auf die „Volksgesundheit“

 

3.1                  Modellierung des Zusammenhangs von „Volksgesundheit“ und
Lebensbedingungen

3.2                  Empirische Belege

3.2.1               Das agrarische Übergangs-„Modell“: Leezen

3.2.2               Das protoindustrielle Übergangs-„Modell“: Spenge

 

  1. Fazit: „Volksgesundheit“ und Pauperimus

 

  1. Einleitung

 

1.1       Gesundheit und ärztliche Versorgung

 

Während des späten 18. und weit in das 19. Jahrhundert hinein hatten die Menschen eine Einstellung zu Gesundheit und Krankheit, die wenig mit unserer modernen, medikalisierten Vorstellung zu tun hat.[2] Ge­sundheit bedeutete vor allem Arbeitsfähigkeit und war im Prinzip göttliche Gnade. Krankheit dagegen wurde als alltäglicher Begleiter und ständige Bedrohung erfahren; man konnte sich weder präventiv vor ihr schützen noch kurativ gezielt von ihr befreien. Entsprechend machten die meisten Menschen Krankheiten im Rahmen von Familie und Haushalt mit Selbstdiagnose und Selbstmedikation ab. Ärzte wurden fast nie hinzugezogen. Hindernisse waren allein schon die mangelnde Verfügbarkeit aufgrund der niedrigen Arztdichte[3] und die allzu hohen Kosten. Vor allem fehlte aber wohl in der Regel auch das Bewusstsein, dass man von einer ärztlichen Konsultation im Krankheitsfall nennens­werte Hilfe zu erwarten habe.[4]

 

Hier deutet sich nun ein Problem von erheblicher Reichweite an. Wenn während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die meisten Menschen ihre Krankheiten ohne Arzt „abmachten“, dann existieren kaum zuver­lässige Zeugnisse von den Krankheiten der „großen Masse“ und von den Ursachen ihres Sterbens, die im Wege der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung angefallen wären. Anhand welcher Quellen kann aber in dieser Situation der Historiker die Entwicklung des durchschnitt­lichen Gesundheitszustandes einer Bevölkerung rekonstruieren? Die nur sporadischen Zeugnisse aus ärztlicher Hand bieten kein sicheres und umfassendes Bild, da sie auf viel zu kleine Ausschnitte der Ge­sellschaft beschränkt sind.

 

Darüber hinaus ist erstaunlich, wie wenig sich die zeitgenössischen Ärzte überhaupt für die „Volksgesundheit“ interessierten, selbst wenn sie als Verfasser sogenannter Medizinischer Topographien aus­drücklich zur Beobachtung und Berichterstattung gesundheitsrelevan­ter lokaler Umstände verpflichtet waren oder sich dazu aus eigenem Antrieb berufen fühlten. Zwischen 1770 und 1850 sind ca. 60 Medizi­nische Topographien über deutsche Orte veröffentlicht worden.[5] Aus­sagen über den Gesundheitszustand in der beobachteten Bevölkerung und über die Krankheits- bzw. Sterblichkeitsverhältnisse enthalten sie nur in geringem Umfang. Die entsprechenden Aussagen wirken perspek­tivisch verzerrt, sind unzulänglich begründet und insgesamt wenig erhellend, es sei denn für die Zwecke eng begrenzter und dann durch zusätzliches Material fundierter Lokalstudien.[6]

 

Man kann mit gutem Grund behaupten, dass im frühen 19. Jahrhunderts kein Zusammenhang zwischen ärztlicher Versorgung und durchschnittli­chem Gesundheitszustand der Bevölkerung bestanden hat in dem Sinne, dass die ärztliche kurative Tätigkeit kaum Einfluss auf die „Volksge­sundheit“ hatte.[7] Anders ist möglicherweise die Bedeutung der medi­zinalpolizeilichen Maßnahmen zu beurteilen. Besonders die hoheitli­chen, meist im kommunalen Rahmen erfolgten Bemühungen um die Eindäm­mung der großen Seuchen, aber auch die Ausbreitung der Pockenschutz-Impfung seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts können durchaus einen Beitrag zur Hebung der „Volksgesundheit“ geleistet haben – obwohl auch das umstritten ist.[8] Festzuhalten ist, dass weder kurative noch präventive ärztliche Aktivitäten während des frühen 19. Jahrhunderts in ausreichendem Umfang geeignete Zeugnisse hinterlassen haben, die als Quellen zur Rekonstruktion der „Volksgesundheit“ dienen könnten. Möglicherweise hat das mit dazu beigetragen, dass die Medizinge­schichte in Deutschland bisher keinen nennenswerten Beitrag zur Ge­schichte der „Volksgesundheit“ geleistet hat.

 

Dennoch finden sich in der Literatur Aussagen zur Entwicklung der „Volksgesundheit“ in früherer Zeit. Sie stützen sich in erster Linie nicht auf medizinische, sondern auf demographische Informationen[9]: Von den Sterblichkeitsveränderungen wird auf Variationen des Gesund­heitszustands geschlossen. Dies Vorgehen ist prinzipiell nicht un­problematisch.[10] Allerdings darf es als um so angemessener gelten, je unmittelbarer sich der Zusammenhang zwischen Erkrankung und Tod darstellt. Das gilt vor allem dann, wenn akute Infektionskrankhei­ten, die relativ rasch verlaufen und eine hohe Letalität besitzen, das Krankheits- und Sterblichkeitsgeschehen beherrschen. Je mehr je­doch in einer Bevölkerung chronische Krankheiten und Mehrfachschädi­gungen dominieren, desto lockerer wird der Zusammenhang zwischen Er­krankung und Tod, desto weniger eignet sich die Mortalität als Indi­kator der Morbidität bzw. der „Volksgesundheit“.[11] Aufgrund von Ver­schiebungen in der Altersstruktur der Gestorbenen und im Todesursa­chen-Spektrum ist die Sterblichkeit heute ein weniger geeigneter Ge­sundheitsindikator als im frühen 19. Jahrhundert. Seinerzeit starben rd. 50% der Menschen im Säuglings- und Kindesalter. Und wenn sie äl­ter wurden, herrschten akute Krankheiten vor, die entweder rasch zur Genesung oder zum Tode führten. Chronische Krankheiten und Mehrfachschädigungen waren in der Bevölkerung insgesamt erheblich seltener als heute. Allerdings waren sie – wie heute[12] – im höheren Alter die Regel, das jedoch bei deutlich geringerem Bevölkerungsanteil dieser Altersgruppen. Unter solchen Bedingungen können Sterblichkeitsveränderungen mit Fug und Recht als Ausdruck für Gesundheitsänderungen gedeutet werden.[13]

 

Auf der Grundlage von Interpretationen demographischer Kennziffern, vor allem der Mortalitätsentwicklung, ist inzwischen ein Kenntnis­stand erreicht worden, der einige Sozialhistoriker dazu ermutigt hat, sich zur Entwicklung der „Volksgesundheit“ seit dem späten 18. Jahrhundert in Deutschland zu äußern. Der hier vorliegende For­schungsstand scheint der angemessene Ausgangspunkt für eine erneute Auseinandersetzung mit diesem Gegenstand zu sein.

 

1.2       Sozialhistorischer Forschungsstand

 

Conze spricht in seinem Überblick zur „Sozialgeschichte 1800-1850“ von einer allmählichen „Hebung der Volksgesundheit“, die sich vor allem im deutlichen Rückgang der durchschnittlichen Sterblichkeit manifestiert habe.[14] Allerdings seien die rasch wachsenden gesell­schaftlichen Unterschichten von den Gesundheitsverbesserungen kaum erreicht worden, besonders nicht während der 1830er und 1840er Jahre.

 

Eine ähnliche Aussage findet sich bei Ute Frevert. Sie zitiert eine zeitgenössische Autorität, den Berliner Medizinprofessors Johann Ludwig Casper, der in den 1820er Jahren Berechnungen der durchschnittlichen Lebensdauer, differenziert nach sozialen Ständen, vorgenommen und 1835 publiziert hat. Nach Casper hat „sich die Sterblichkeit im Vergleich zum vergangenen Jahrhundert erheblich verringert und die allgemeine Lebenserwartung erhöht“. Diese Fortschritte kamen jedoch fast ausschließlich den wohlhabenderen Gesellschaftsschichten zugute. „Die Unterschichten dagegen waren nach wie vor in ihrer Lebensfähigkeit übermäßig stark bedroht. Seuchen und Mangelkrankheiten waren im 19. wie im 18. Jahrhundert ständiger Gast in den Behausungen der ärmeren Leute; die soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod hatte sich im Bewusstsein der >öffentlichen Meinung< gegenüber dem 18. Jahrhundert eher noch verschärft“.[15]

 

Auch Imhof geht von einer globalen tendenziellen Sterblichkeitsab­nahme in Deutschland seit dem späten 18. Jahrhundert aus.[16] Eine sehr klare Formulierung der These findet sich bei Wehler.[17] Das Bevölkerungswachstum seit der Mitte des 18. Jahrhunderts müsse durch regional und altersspezifisch unterschiedliche, aber insgesamt durchschlagende Sterblichkeitssenkungen bewirkt worden sein. Sie fanden vor allem in den nördlichen und westlichen Provinzen Preußens statt und hier zunächst bei den Altersklassen der 10-14jährigen, et­was später bei den 1-3jährigen und schließlich bei den 10-19jährigen insgesamt. Die süddeutschen Staaten und die preußischen Ostprovinzen waren von diesen Veränderungen weitgehend ausgeschlossen, ebenso in allen Regionen Erwachsene in den höheren Altersklassen und die Säuglinge.

 

Im Gegensatz zu den vorgenannten Autoren konstatiert Rürup jedoch ausdrücklich, dass sich bei Geburten- wie Sterblichkeitsziffern von 1817-1870 keine eindeutigen Veränderungen erkennen lassen. So fanden auch auf keiner Altersstufe merkliche Zunahmen der Lebenserwartung zwischen dem frühen 19. Jahrhundert und den 1870er Jahren statt. Im jüngeren Erwachsenenalter betrug der Zuwachs maximal 2 Jahre, im höheren knapp

1 Jahr. „Insgesamt vollzog sich das Bevölkerungswachstum in Deutschland bis 1870 also weiterhin auf der Grundlage hoher Ge­burten- und Sterberaten. Anders als in früheren Jahrhunderten war die Spanne zwischen diesen Raten jetzt aber beständig groß genug, um einen anhaltenden Bevölkerungsüberschuss entstehen zu lassen. Die traditionellen Wachstumsbremsen – Kriege, Hungersnöte, Seuchen -, die früher eine hohe >Krisensterblichkeit< bewirkt hatten, wurden nur noch in begrenztem Umfang wirksam und verursachten jedenfalls keinen vollständigen Trendwechsel mehr.“[18]

 

Fasst man den Forschungsstand bezüglich der Entwicklungstendenzen der „Volksgesundheit“ während des frühen 19. Jahrhunderts zusammen, so hat sich diese offenbar durchschnittlich gebessert. Das jedoch in so starker regionaler und vermutlich altersspezifischer und sozialer Differenzierung, dass bevorzugten Regionen bzw. sozialen und Alters­gruppen stets auch benachteiligte gegenübergestellt werden können. Schließlich war der Prozess nicht einlinig: Auf Perioden stärkerer durchschnittlicher Besserung, vor allem in Form von Sterblichkeits­senkungen, folgten immer wieder rückläufige Phasen, während derer sehr hohe Sterblichkeitsniveaus realisiert wurden. Allerdings dürf­ten sich seit dem frühen 19. Jahrhundert die Ursachen und Bedingun­gen für Verbesserungen oder Verschlechterungen der „Volksgesundheit“ deutlich gewandelt haben, z. B. in dem Sinne, dass auch heftige Epide­mien oder wirtschaftliche Notlagen nur selten Sterbeüberschüsse be­wirkten. Der folgende Beitrag setzt sich zur Aufgabe, diesen Forschungsstand zu überprüfen und zu differenzieren.

 

1.3       Begriffe, Konzepte, Ansatz

 

Der zentrale Begriff „Volksgesundheit“ steht hier für durchschnitt­lichen Gesundheitszustand einer Bevölkerung. Sein wichtigster Indi­kator ist – analog zum älteren Verständnis und zum regelmäßigen Vor­gehen in der Literatur – die Sterblichkeit. Auch wenn diese, was leider in der einschlägigen Literatur selten genug geschieht, tatsächlich nach Geschlecht, Alter, Beruf und/oder Regionen differen­ziert wird, bleibt die Sterblichkeit – wie gesagt – ein grober, allerdings brauchbarer Indikator für Gesundheit. Angemerkt sei je­doch, dass diesem Vorgehen ein restriktives Gesundheitsverständnis zugrunde liegt: Es ist von unserer heutigen Auffassung, wonach Ge­sundheit als Wohlbefinden und Schmerzfreiheit sowie als Bedingung für ein sozial und wirtschaftlich produktives Leben begriffen wird, weit entfernt und meint schlicht eine möglichst niedrige Virulenz von zum Tode führenden Krankheiten in einer Population.

 

Die Sterblichkeit (in verschiedenen Differenzierungen) ist also die Hauptvariable der folgenden Darstellung. Gelegentlich kann sie durch die Betrachtung des Todesursachen-Spektrums ergänzt werden. Damit ist klar, dass sich die Untersuchungen auf der Grenze zwischen Sozi­algeschichte der Medizin und Historischer Demographie bewegen. Der letzteren verdanken wir ja die Zahlenreihen, mit denen der Gegen­stand bis ins frühe 19. Jahrhundert und ggf. sogar zurück bis ins 18. verfolgt werden kann. Darüber hinaus sind an der Grenze zwischen den beiden Disziplinen die Konzepte entwickelt worden, die überhaupt erst erlauben, die hier vorgegebene Themenstellung ernst­haft als globale zu formulieren. Ohne Konzepte bzw. modellhafte Ver­knüpfungen wohldefinierter Begriffe wäre es sinnlos, über die „Volksgesundheit“ auf gesamtgesellschaftlicher Ebene reden zu wol­len. Man könnte nur den Gesundheitszustand einzelner Menschen oder sehr kleiner Gruppen beschreiben. Die Konzepte des Demographischen und des Epidemiologischen Übergangs jedoch liefern einen Bezugsrah­men, mit Hilfe dessen Lebensbedingungen und „Volksgesundheit“ im Zu­sammenhang erfasst werden können.

 

1.4       Zum Aufbau

 

–          Im 2. Teil werden einleitend die genannten Konzepte knapp erläutert, die es gestatten, einen Zusammenhang zwischen „Volksgesundheit“ und Lebensbedingungen zu postulieren. Sie werden ergänzt um eine Skizze des sozio-ökonomischen Hauptproblems der Epoche, des „Pauperismus“, der bestimmte Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung der „Volksgesundheit“ nahelegt.

 

–          Mit Bezug darauf sind anschließend Indikatoren der „Volksgesundheit“ zu diskutieren, und zwar seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, um die Veränderungen des frühen 19. Jahrhunderts in eine Perspektive zu stellen. Das zentrale Anliegen ist der Versuch, die Entwicklung der altersspezifischen Sterblichkeit auf unterschiedlichen Aggregationsniveaus während der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts zu messen.

 

–          Zusammenhänge von Lebensbedingungen und „Volksgesundheit“ werden im 3. Teil als Ausblick auf Forschungsdesiderata zunächst in Form von Quasi-Modellen skizziert, die unterschiedliche Reaktionen der „Volksgesundheit“ auf die sozio-ökonomischen Randbedingungen zu interpretieren gestatten. Die „Modelle“ sind
schließlich mit empirischem Material zu belegen.

 

 

  1. Indikatoren der „Volksgesundheit“ seit der Mitte des
  2. Jahrhunderts

 

2.1       Die Konzepte des Demographischen und des Epidemiologischen Übergangs

 

Beim Konzept des Demographischen Übergangs handelt es sich um die modellhafte Fassung des natürlichen Bevölkerungswachstums, das wäh­rend des langfristigen gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses bestimmte Phasen durchläuft. Diese sind durch typische Beziehungen zwischen Fruchtbarkeits- und Sterblichkeitsniveaus geprägt.[19] Zu Be­ginn des Übergangs öffnet sich die „Bevölkerungsschere“, indem die Sterblichkeit zu sinken beginnt, während die Fruchtbarkeit, noch von traditionellen Normen gesteuert, auf hohem Niveau verharrt. In der zweiten Übergangsphase schließt sich die „Schere“ wieder, da nun die Fruchtbarkeit auf die veränderten Lebensbedingungen und normativen Vorgaben reagiert. Familienplanung und Geburtenkontrolle werden zunehmend gesellschaftlich akzeptiert und von immer mehr Gruppen in der Bevölkerung praktiziert; der säkulare Geburtenrückgang setzt ein. Ist er abgeschlossen, haben sich Frucht­barkeit und Sterblichkeit auf einem relativ niedrigen Niveau einge­pendelt. Die Zuwachsrate der Bevölkerung ist klein und abhängig von periodischen Fruchtbarkeitschwankungen, die vom Ausmaß der bewusst betriebenen Geburtenkontrolle gesteuert werden.

 

Das Konzept des Epidemiologischen Übergangs ergänzt das eben skizzierte und beschreibt die trendmäßige Entwicklung der Sterblichkeit in den verschiedenen Phasen des Demographischen Übergangs. Implizit modelliert es Wechselwirkungen zwischen dem durchschnittlichen Ge­sundheitszustand einer Bevölkerung und dem sozio-ökonomischen Wan­del.[20] Unterschieden werden drei Phasen, 1. das vormoderne „Zeital­ter der Seuchen und Hungersnöte“, 2. das „Zeitalter der rückläufigen großen Epidemien“ und 3. das „Zeitalter der degenerativen und ge­sellschaftlich verursachten Krankheiten“. Während der

  1. Phase ver­stetigt sich bereits die Sterblichkeit und beginnt zu sinken. Ent­sprechend kann die Lebenserwartung bei der Geburt von ca. 20-40 Jahren auf rund 50 Jahre ansteigen. In der bis heute andauernden 3. Phase pendelt sich die Sterblichkeit auf niedrigem Niveau ein, und die Lebenserwartung bei Geburt steigt auf 70 Jahre und mehr.

 

Analytisch brauchbar wird das Konzept des Epidemiologischen Über­gangs, wenn die zentrale Variable, die durchschnittliche Sterblich­keit, nach Alter und Geschlecht sowie nach Todesursachen differen­ziert wird. Es ist kürzlich in bestimmten Punkten konkretisiert wor­den, die besonders für die hier untersuchte Periode bedeutsam sind.[21] Demnach fanden bereits gegen Ende der Phase 1 wichtige Wand­lungsprozesse statt, die die Merkmale der Phase 2 zu präzisieren ge­statten: Diese ist geprägt durch einen starken Rückgang der zunehmend nicht mehr epidemisch auftretenden Infektionskrankheiten, die zu Kinderkrankheiten werden, und durch eine nur sehr langsame Eindämmung der Virulenz von relativ unspezifischen gastro-intestinalen Infekten (sogenannter Diarrhoe-Komplex), die wiederum primär Säuglinge und Kleinkinder bedrohten. So erklärt sich, warum gegen Ende der Phase 1 typischerweise ein allmählicher Rückgang der Erwachsenen-Sterblich­keit einsetzt, während die Kindersterblichkeit erst in der Phase 2 trendmäßig zu sinken beginnt, die Säuglingssterblichkeit sogar erst gegen Ende derselben.

 

Die beiden Konzepte liefern einige Hypothesen für die vorliegende Untersuchung. Z. B. kann gefolgert werden, dass sich die „Volksgesund­heit“ durchschnittlich bereits gegen Ende der Phase 1 des Epidemio­logischen Übergangs gebessert hat, nämlich im Sinne eines leichten Rückgangs und einer ersten Verstetigung der Erwachsenensterblichkeit. Diese Entwicklung müsste sich verstärkt und auf die Altersklassen der Kinder und Jugendlichen ausgeweitet haben, sobald sich in der deutschen Gesellschaft die Phase 2 des Epidemiologischen Übergangs durchsetzte. Und im Verlauf der Phase 2 sollten alle Alters­klassen, ausgenommen die Säuglinge, und nahezu alle sozialen Schichten deutliche Stabilisierungen ihrer Gesundheit und eine spürbare Verlängerung ihrer Lebenserwartung verzeichnen können.

 

Das Konzept des Epidemiologischen Übergangs und die Datierungen der Phasen sind nun allerdings fast ausschließlich anhand von histori­schem Material aus England, den USA und Frankreich gewonnen worden. Die genannten Folgerungen bezüglich der „Volksgesundheit“ können nicht einfach auf Deutschland übertragen werden. Da Studien zum Epi­demiologischen Übergang anhand von deutschem Material bisher nur in ersten Ansätzen vorliegen[22], sind vielmehr einige grundsätzliche Fragen, die sich aus dem Konzept ergeben, ungeklärt. Z. B. ist die ganz entscheidende Datierung der Phase 2 strittig, damit die Datie­rung des Übergangsprozesses überhaupt, denn der Beginn von Phase 1 und das Ende von Phase 3 sind sowieso offen.[23]

 

Als Arbeitshypothese wird im Folgenden davon ausgegangen, dass das „Zeitalter der Seuchen und Hungersnöte“ in Deutschland während des späten 18. Jahrhunderts seinem Ende zuging und dass sich während der 1820er/30er Jahre die Phase 2 des Epidemiologischen Übergangs durch­setzte.[24] Dieser Datierungsversuch soll anhand zusätzlicher und breiterer Informationen überprüft werden. Dabei wird vor allem auf die dem Konzept inhärente Vorstellung zurückgegriffen, dass das Ende der Phase 1 und der Beginn der Phase 2 durch die Verringerung und das allmähliche Ausbleiben von Jahren offener Bevölkerungskrisen mit Sterbeüberschüssen sowie durch eine Verstetigung und beginnende trendmäßige Senkung der durchschnittlichen Sterblichkeit charakteri­siert seien.[25] Es ergeben sich folgende (operationalisierte) Datie­rungskriterien:

 

–          Zahl und Häufigkeit von Jahren mit Sterbeüberschüssen

–          Trendrichtung der durchschnittlichen Sterblichkeitsziffer

–          Variationskoeffizient der Sterblichkeitsziffer.[26]

 

Ein massives Problem wirft nun aber die Tatsache auf, dass für das 18. und frühe 19. Jahrhundert (bis 1815) in der Regel keine zuver­lässigen längeren Bevölkerungsreihen in Deutschland vorhanden sind. Für das späte 18. Jahrhundert wird die Frage nach den o. g. Verände­rungen der Sterblichkeit deshalb primär anhand von lokalstatisti­schem Material untersucht. Als Sterblichkeits-Indikator fungiert da­bei das Verhältnis von Gestorbenen zu Geburten (in v.H.).[27] Die Fol­gerungen können natürlich nur tentativ sein. Ab 1815 steht dann ein umfangreicheres bevölkerungsstatistisches Material zur Verfügung, sodass mit echten Sterblichkeitsziffern gearbeitet werden kann.[28]

 

 

2.2       Das sozio-ökonomische Epochenproblem: Der Pauperismus

 

Die Datierungs-Hypothese ist, wie gesagt, auf einige empirische Evi­denz gestützt. Eine Überprüfung erscheint jedoch nicht nur deshalb geboten, weil die Evidenz besser abgesichert werden sollte. Vielmehr stellt allein der Hinweis auf die Möglichkeit, dass innerhalb Deutschlands während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Durchschnittssterblichkeit sich verstetigt habe und zu sinken begann, eine ausgesprochene Herausforderung für den Wirtschafts- und Sozialhistoriker dar. Das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert (bis 1850/60) sind bekannt als eine Epoche, die durch starke wirtschaft­liche Strukturveränderungen geprägt war: Agrarreformen; Frühindu­strialisierung und Proletarisierung sowie – als Konsequenz – Pauperismus.[29] Vor allem zwei Prozesse bewirkten die seit den 1830er Jahren deutlich wahrgenommene, neuartige und heftig beklagte Massenverarmung: Der eine Faktor ist das Vordringen der Kommerzialisierung und Kapitalisierung der Landwirtschaft seit dem späten 18. Jahrhundert. Die damit einhergehende Modernisierung und der Ausbau der Produktion vergrößerten den agrarischen Arbeitskräftebedarf und die Zahl bäuerlicher bzw. kleinbäuerlicher Erwerbsstellen, förderten aber andererseits auch die Proletarisierung. Zugleich stieg die Agrarproduktivität stark an, sodass eine wachsende Bevölkerung, gerade auch außerhalb des Agrarsektors, ernährt werden konnte. Als der andere Faktor gilt das Wachstum und die im späten 18. Jahrhundert erreichte Hochblüte des protoindustriell-handelskapitalistisch organisierten Verlagswesens. Dieser Prozess, der nicht zuletzt durch die Entstehung von Zonen verdichteten ländlichen Gewerbes (Textilherstellung; Kleineisengewerbe; Holzverarbeitung, z. B. Spielzeugherstellung) geprägt war, schuf ebenfalls in großem Stil neue Erwerbsmöglichkeiten und proletarische Existenzen.

 

Beide Prozesse hielten das fortgesetzte Bevölkerungswachstum in Gang. In den 1830er Jahren öffnete sich dann jedoch die „malthusianische Falle“: Das Bevölkerungswachstum überschritt „eine Art Sättigungs­grenze der Wirtschaft“.[30] Es eilte dem unter den gegebenen Bedingungen möglichen Wachstum der Wirtschaft und des Arbeitsplatzangebots deutlich voraus.

 

Die Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung der Lebensbedingungen der breiten Masse der Bevölkerung sind ambivalent: Die Massen­verelendung traf vor allem die sich ständig absolut und relativ ver­mehrenden Unterschichten. Deren Lebensbedingungen dürften sich kaum vor Ende der 1860er Jahre gebessert haben. Dafür spricht auch die Entwicklung des Reallohns, der während des Zeitraums 1820-1869 ten­denziell sank und erst seit den 1870er Jahren stieg.[31] Andererseits profitierten gewisse Gruppen ländlicher Produzenten (Mittel- und Großbetriebe) sowie Handel- und Gewerbetreibender von den neuen öko­nomischen Bedingungen und Chancen. Als Beleg sei darauf hingewiesen, dass die Agrarproduktivität während dieser Zeit im Mittel stets schneller wuchs als die Bevölkerung. Das beruhte nicht zuletzt auf einer auch durch die Agrarreformen vorangetriebenen Ökonomisierung des Einsatzes der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, durch den sich wiederum die in den feudalen Verhältnissen bisher versteckt gebliebene Arbeitslosigkeit (u. a. saisonale Unterbeschäftigung) vor allem für die vielen Landlosen in offene Arbeitslosigkeit wandelte.[32] Erinnert sei auch an den per­manenten relativen Überschuss an anlagefähigem Kapitel in Deutschland bis in die 1850er Jahre hinein.[33] Dieser bestand trotz der hohen In­vestitionstätigkeit während der 1830er und 1840er Jahre, die Richard Tilly aufgezeigt hat.[34] Man darf folgern, dass sich die Lebensbedin­gungen großer Gruppen der Bevölkerung auseinander entwickelten, dass insofern die soziale Ungleichheit zunahm. Für die große Masse muss allerdings von deutlichen Verschlechterungen ausgegangen werden.

 

Vor diesem Hintergrund erscheint nun die Hypothese einer durch­schnittlichen Sterblichkeitsverstetigung und -senkung während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts äußerst gewagt. Sie impliziert, dass auch in den ständig weiter verarmenden Unterschichten immer mehr Men­schen überlebt haben. Ihr Gewicht war nämlich in der Bevölkerung so groß, dass es auf den Verlauf der Durchschnittssterblichkeit durchschlagen musste. Diese konnte nur trendmäßig zu sinken beginnen, wenn sich während der schwierigsten Phase des Pauperismus auch die Überlebenschancen der Unterschichten gebessert hätten. Aus dem Forschungsüberblick bei Wehler ist eher das Gegenteil zu folgern.[35] Je­doch waren, was bereits betont wurde, nicht nur die sozialen, son­dern auch die regionalen Disparitäten groß. Sie wuchsen sogar noch bis ins späte 19. Jahrhundert. Somit ist es notwendig, die Tendenzen der Sterblichkeitsentwicklung im Folgenden möglichst konkret und in regionaler Differenzierung zu untersuchen.

 

 

2.3       Die Entwicklung der Sterblichkeit in Deutschland

 

2.3.1    Sterblichkeitstendenzen seit dem späten 18. Jahrhundert

 

In diesem Abschnitt wird die These überprüft, dass seit dem späten 18. Jahrhundert die Sterblichkeit in Deutschland trendmäßig zu sin­ken begann und sich dabei verstetigte. Die Kennziffern der Sterb­lichkeitsentwicklung[36] wurden für verschiedene Teilperioden berech­net, die sich durch unterschiedliche Sterblichkeitsbedingungen aus­zeichnen: 1740-80, 1780-1805 und 1816-1868. Von 1740 bis 1780 stieg der Sterblichkeitsindikator in fast allen Orten an (vgl. Tabellen 1 u. 2 im Anhang).[37] Dagegen sank er überwiegend bereits zwischen 1780 und 1805. Das folgt auch aus den Berechnungen mit echten Sterblich­keitsziffern, die allerdings nur wenige Orte/Regionen betreffen (vgl. Tabelle 2 im Anhang).[38] Dass aber nach 1816 mit Sicherheit ein trendmäßiger Sterblichkeitsrückgang in großen Teilen Deutschlands stattfand, teilweise als Fortsetzung aus der 2. Teilperiode, belegt das Ergebnis der Trenduntersuchungen für die Periode 1816-1868. Es ist methodisch gut abgesichert, weil anhand echter Sterblichkeitsda­ten für größere Regionen berechnet (vgl. Tabelle 3 im Anhang).[39]

 

Ein Problem werfen in diesem Zusammenhang die sehr niedrigen Sterb­lichkeitswerte der Jahre 1819-1826 auf. Die anschließend zunächst bis zum Beginn der 1830er Jahre wieder ansteigenden Ziffern verzer­ren viele Trendverläufe. Deshalb wurden zusätzlich Trends für die Teilperiode 1830-68 berechnet. Seit Beginn der 1830er Jahre fallen die Trends für die größeren deutschen Staaten durchweg, mit Ausnahme von Bayern (vgl. Schaubild 1). Auffällig ist das unterschiedliche Niveau der Durchschnittssterblichkeit, das in den Trends zum Aus­druck kommt. Das obere und das untere Extrem bilden Württemberg mit einer sehr hohen Sterblichkeit, die auch gegen Ende der Untersu­chungsperiode noch weit über dem deutschen Durchschnitt lag, und – deutlich nach unten abgesetzt – Schleswig-Holstein. In den übrigen Staaten lag die Sterblichkeit auf einem vergleichbar mittleren Ni­veau.

 

Der Trend für Preußen ist ein grober Mittelwert über abweichende re­gionale Tendenzen. Sie kommen in Schaubild 2 zum Ausdruck, in dem die Sterblichkeitstrends für ausgewählte preußische Provinzen darge­stellt sind. Auch hier fallen alle Trends im Prinzip. Die Ausnahme bildet Ostpreußen, wo – ähnlich wie in Bayern –  die Sterblichkeit bis zum Ende der Untersuchungsperiode trendmäßig anstieg. Insgesamt lag das Sterblichkeitsniveau in den drei östlichen Provinzen stets 20%-25% über dem der Westprovinzen (inkl. Brandenburg).[40] Auffällig schließlich, dass die Rate der Trendsenkung in fast allen Provinzen etwa gleich groß war, nur dass man eben von einem jeweils anderen Ni­veau ausging.

 

Man kann als erstes Fazit festhalten, dass die eingangs formulierte These haltbar ist, wonach in vielen Teilen Deutschlands bereits im späten 18. Jahrhundert ein Rückgang der durchschnittlichen Sterb­lichkeit begann, der sich im überwiegenden Teil Deutschlands trend­mäßig bis zum Ende des 2. Drittels des 19. Jahrhunderts fort­setzte.[41]

 

Weniger eindeutig fällt die Prüfung der Variationskoeffizienten aus, mit Hilfe derer die Schwankungsintensität der Sterblichkeit bzw. ihres Indikators gemessen wird (vgl. Tabellen 1-3 im Anhang). In fast allen Regionen nahm zwar die Schwankungsintensität von der 1. zur 2. Periode ab. Andererseits stieg sie in der Zeit von 1816-68 in einigen Fällen auch wieder an.

 

Cum grano salis darf dennoch gefolgert werden, dass die Schwankungs­intensität der Sterblichkeit in weiten Teilen Deutschlands bereits im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert abnahm und dass sich diese Tendenz seit den 1820er Jahren noch verstärkte.

 

Allerdings gilt diese Aussage keineswegs für alle Regionen in glei­cher Weise. Nicht nur hatten die Sterblichkeitstrends in den ver­schiedenen Regionen Deutschlands ein unterschiedliches Niveau. Noch krasser waren die Differenzen der Schwankungsbreite um die Trends. Diesen Sachverhalt verdeutlicht Schaubild 3, in dem die Sterblich­keitsentwicklung für Bayern, Württemberg und Ostpreußen zwischen 1830-1868 dargestellt ist. Es handelt sich – wie bereits anhand der Trendverläufe gezeigt – um Regionen mit besonders ungünstiger Sterb­lichkeitsstruktur. Um einen historisch relevanten Maßstab dafür zu bieten, wurden die jeweiligen Sterblichkeitsziffern auf diejenige von Schleswig-Holstein (= 100) bezogen. Man kann deshalb sofort er­kennen, um wieviel Prozent die Sterblichkeit in den betrachteten Re­gionen über derjenigen von Schleswig-Holstein lag. Während in den 1830er und 1840er Jahren vor allem die württembergische Sterblich­keit diejenige von Schleswig-Holstein um 60%-80% übertraf, erreichte Ostpreußen in den späten 1840er und frühen 1850er Jahren Spitzenab­weichungen von über 100%. Fast dieselben Werte errechnen sich übri­gens für die Provinz Posen.

 

Dass diese extremen Übersterblichkeitsverhältnisse in annähernd dem­selben Maße auch innerhalb Preußens gelten, zeigt Schaubild 4, in dem als Bezugsmaßstab der Trend der preußischen Durchschnittssterb­lichkeit fungiert. Die Sterblichkeitsziffern von Schleswig-Holstein lagen mit geringen Schwankungen um etwa 20% unter dem preußischen Trend, die von Ostpreußen und Posen mit starken Schwankungen häufig um 50%-80% darüber. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich die Sterblichkeitsbedingungen in den preußischen Ostprovinzen von denen fast aller anderen preußischen Provinzen und der übrigen deutschen Staaten unterschieden. Nach den Epidemie-Jahren 1831/32 senkte sich nämlich das Sterblichkeitsniveau in den Ostprovinzen bis Mitte der 1840er Jahre, vor allem relativ zum preußischen Durchschnitt. Dagegen verschlechterte es sich absolut und relativ stark von etwa 1845 bis 1855. Hier machten die Ostprovinzen nochmals Jahre mit Bevölkerungskrisen (Sterbeüberschüssen) durch und reali­sierten überhaupt erst ihre Sterblichkeitsmaxima.

 

In allen übrigen größeren Regionen lagen die Sterblichkeitsmaxima in den 1830er Jahren, und Sterbeüberschüsse traten zu der Zeit schon längst nicht mehr auf, selbst nicht in Jahren kurzfristig stark er­höhter Sterblichkeit. (Vgl. dazu die Daten in Tabelle 4 im Anhang). Zwar stieg in vielen Regionen die Sterblichkeit während der Mitte der 1840er Jahre nochmals an. Aber so hohe Niveaus wie 1831/32 bzw. 1837 erreichte sie nur in den preußischen Ostprovinzen bzw. in ande­ren primär agrarisch geprägten Gebieten.

 

Imhofs o. g. These von der Ablösung des Zeitalters der offenen Be­völkerungskrisen durch das der larvierten seit den 1820er Jahren ist zu modifizieren: Die Wende fand während der 1830er Jahre statt, und zwar im Durchschnitt der größeren deutschen Staaten, nicht jedoch in allen Unterregionen. Nicht nur die preußischen Ostprovinzen, sondern auch Teile anderer deutscher Staaten (bes. Bayerns und Württembergs) dürften bis in die 1850er Jahre hinein immer wieder von offenen Bevölkerungskrisen heimgesucht worden sein.

 

Dennoch und vor allem auf höherem Aggregationsniveau erscheint die Aussage haltbar, dass seit dem späten 18. Jahrhundert eine allmähli­che Verstetigung des Bevölkerungswachstums in Deutschland stattfand und dass im größten Teil Deutschlands die Durchschnittssterblichkeit in immer mehr Regionen trendmäßig zu sinken begann, spätestens seit den 1830er Jahren. Das „Zeitalter der Seuchen und Hungersnöte“ ging während des betrachteten Zeitraums zu Ende. Das heißt aber: Außer in den genannten Problemregionen haben sich während der Pauperismus-Pe­riode die Überlebenschancen auch der Unterschichten gebessert.[42] Um so dringlicher stellt sich die Frage nach den konkreten Bedingungen, unter denen dies geschehen konnte.

 

 

2.3.2    Entwicklung der altersspezifischen Sterblichkeit

 

Um den möglichen Einflussfaktoren näher zu kommen, sollte der bisher skizzierte Sterblichkeits-Befund differenziert werden. Zu fragen ist, welche Altersklassen in welchem Umfang am Sterblichkeits­rückgang beteiligt waren. Mit Blick auf Westeuropa hat Anderson die globale These aufgestellt, dass vor allem Erwachsene, hier primär die Altersgruppe der 20-30jährigen, den Sterblichkeitsrückgang trugen.[43] Dagegen behauptet Lee, dass während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem die Altersklassen 1-3 und 10-29 Jahre einen Zuwachs ihrer Lebenserwartung realisierten.[44] Insgesamt erscheint aber die Entwicklung der altersspezifischen Sterblichkeit während des frühen 19. Jahrhunderts, besonders auf aggregierter Ebene, noch so unklar, dass sie anhand eigener Berechnungen für den Zeitraum 1816-1867 überprüft werden soll.[45] Im Folgenden zunächst die wichtigsten Tendenzen aus den Daten für das Königreich Preußen (vgl. Schaubild 5 und Tabelle 5 im Anhang).

 

 

–          Alle Altersklassen realisierten während der 1820er Jahre ein Sterblichkeitsminimum. Anschließend stieg die Sterblichkeit teilweise wieder deutlich an und hatte Höhepunkte während der 1830er und 1850er Jahre. Insgesamt allerdings kann – wie oben dargestellt – von einem sinkenden Trend der Durchschnittssterblichkeit seit den 1830er Jahren ausgegangen werden.

 

–          Im Gegensatz zu diesem Trendverlauf nahm die Säuglingssterblichkeit über die Untersuchungsperiode hin trendmäßig zu.

 

–          Das gilt auch für die Altersklasse 1-14 Jahre insgesamt: Hier fand bis 1851 ein Sterblichkeitsanstieg statt. Erst danach sank die Sterblichkeit tendenziell.

 

–          In der Teilaltersklasse 1-5 Jahre (erst ab 1837 berechenbar) wies die Sterblichkeit bis 1867 ebenfalls keinen trendmäßigen Rückgang auf. In der anderen Teilklasse, den 5-14jährigen, gab es allerdings nach 1851 einen starken Rückgang.

–          Während sich in der Altersklasse 15-60 Jahre zunächst ein Sterblichkeitsanstieg bis 1837 einstellte, kann anschließend ein Rückgang bis 1867 konstatiert werden.

 

–          Am meisten profitierte offenbar die Altersklasse über 60 Jahre, deren Sterblichkeit – wenn auch unter großen Schwankungen – tendenziell rückläufig war und während der 1860er Jahre sogar den bis dahin niedrigsten Wert von 1820 klar unterschritt.

 

Fasst man diese Detailinformationen zusammen, dann bleiben als Al­tersklassen, die zumindest nach 1837 eine Verbesserung der Sterb­lichkeitsverhältnisse realisierten und insofern den Trend der preußischen Durchschnittssterblichkeit trugen, Kinder und Jugendliche zwischen die 5- 15 Jahre, die 15-40jährigen und die Alten über 60 Jahre. Kinder unter 5 Jahre und Säuglinge erlebten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts keinen trendmäßigen Sterblichkeitsrückgang. Die bei einigen Altersgruppen sichtbaren Anzeichen für eine Verbesserung der Überlebensbedingungen nach 1857 dürfen nicht zu hoch bewertet werden, weil die Beobachtungsperiode sehr kurz ist und während der 1870er Jahre meist noch einmal eine Verschlechterung folgte.

 

Auch die Berechnung altersspezifischer Sterblichkeitsziffern für das Königreich Sachsen zeitigt keine wesentlich anderen Ergebnisse (vgl. Schaubild 6 und Tabelle 6 im Anhang). Leider liegen die Grunddaten erst ab 1834 vor, doch wird auf diese Weise immerhin ein Vergleich mit den preußischen Werten nach Überschreiten des Sterblichkeits-Ma­ximums möglich.

 

–          Zunächst die bereits oben erwähnte Globalinformation zur Erinnerung: Im Durchschnitt aller Altersklassen sank die Sterblichkeit trendmäßig bis zum Ende der 1860er Jahre.

 

–          Davon wich die Säuglingssterblichkeit stark ab, indem sie 1849 ihren niedrigsten Wert erreichte und in der Folgezeit tendenziell wieder anstieg.

 

 

–          Stark schwankend, aber keinesfalls trendmäßig sinkend stellt sich die Sterblichkeit der Kinder und Jugendlichen von 1-14 Jahre dar. Hier könnte allerdings differenziert werden, indem man die 1-6jährigen von den 7-14jährigen unterscheidet: Beide Altersklassen haben zwar um 1849 ein Sterblichkeitsmaximum, aber bei den

1-6jährigen liegt die Sterblichkeit während der frühen 1860er Jahre über dem Niveau der 1830er Jahre, bei den 7-14jährigen dagegen darunter. Bei Letzteren kann also von einer längerfristigen tendenziellen Sterblichkeitssenkung gesprochen werden.

 

–          Auffällig ist, dass bei den Erwachsenen im Erwerbsalter zwischen 15 und 60 Jahren die Sterblichkeit während des Untersuchungszeitraums nahezu stabil war. Sie sank demnach nicht. Das gilt im Prinzip für alle Untergruppen dieser Altersklasse. Die
Stabilität war jedoch in den höheren Altersklassen ab 40 Jahre größer als bei den Jüngeren.

 

–          Einen deutlichen Sterblichkeitsrückgang erlebten dagegen die Altersklassen über 60 Jahre, nachdem 1843 das Maximum überschritten war.

 

Der trendmäßige Rückgang der durchschnittlichen Sterblichkeit seit den späten 1830er Jahren wurde also in Preußen wie in Sachsen von bestimmten Altersgruppen getragen. Mit Sicherheit nicht beteiligt waren die Säuglinge und die Kinder bis zum 5. Lebensjahr, deren Sterblichkeit trendmäßig eher anstieg. Dagegen erscheinen in Sachsen die Kinder über 5 Jahre und in beiden Staaten die Jugendlichen und Erwachsenen von 15 bis ca. 40 Jahre sowie die alten Menschen über 60 Jahre als diejenigen Altersklassen, die zur Sterblichkeitssenkung beitrugen.

 

Eine regionale Differenzierung erscheint wünschenswert. Die Ermitt­lung altersspezifischer Sterblichkeitsziffern für ausgewählte preußische Provinzen stellt eine Annäherung dar. Leider können die Berechnungen erst mit dem Jahr 1843 beginnen und auch nur relativ grobe Altersklassen berücksichtigen. Die Ergebnisse sind in den Tabellen 7-10 im Anhang dargestellt.[46] Im Folgenden werden die Kenn­ziffern für die preußischen Provinzen miteinander verglichen. Dabei bleiben die großen Niveauunterschiede außer acht, die wie folgt cha­rakterisiert werden können: In allen betrachteten Altersklassen lag die Sterblichkeit in den Provinzen Ostpreußen, Westpreußen, Posen und Schlesien sowie in der Stadt Berlin typischerweise über dem preußischen Durchschnitt, am höchsten in Posen, während die in Bran­denburg (ohne Berlin) leicht, die in der Rheinprovinz und in Westfa­len deutlich unterdurchschnittlich ausfielen. Demnach waren die Sterblichkeitsverhältnisse insgesamt in den erstgenannten Regionen erheblich ungünstiger als in den letztgenannten. Ebenso wird nicht auf die Niveauunterschiede zwischen Frauen und Männern eingegangen, die darin bestehen, dass Frauen in allen ausgewiesenen Altersklassen und im Prinzip zu allen Zeitpunkten eine teilweise erheblich niedri­gere Sterblichkeit als die Männer aufwiesen.[47]

 

Hier kommt es einzig auf die trendmäßige Entwicklung der altersspe­zifischen Sterblichkeit an. Das folgende Schema vermittelt einen Überblick über die fraglichen Tendenzen in den verschiedenen Regio­nen.

 

 

Entwicklungstendenz[48] der altersspezifischen Sterblichkeit[49]

   in ausgewählten preußischen Provinzen von 1843 bzw. 1849 bis 1867

 

Altersklasse (in Jahren)

 

Provinz

 

Sex 0<1 1<14 15-60 >60
Posen

 

w

m

– (1855)

– (1849)

– (1852)

– (1852)

– (1852)

– (1858)

– (1855)

– (1855)

Westpreußen

 

w

m

– (1858)

– (1858)

– (1852)

– (1852)

– (1852)

– (1852)

– (1855)

– (1855)

Ostpreußen

 

w

m

– (1852)

– (1852)

– (1852)

– (1852)

– (1855)

– (1855)

– (1855)

– (1855)

Schlesien

 

w

m

+

+

+

+

– (1855)

– (1855)

– (1855)

– (1855)

Stadt Berlin

 

w

m

+

+

+

+

– (1849)

– (1849)

– (1849)

– (1849)

Brandenburg

 

w

m

+

+

+

+

– (1852)

– (1855)

– (1855)

– (1855)

Westfalen

 

w

m

– (1858)

-(1858)

+

+

0

+

– (1855)

– (1855)

Rheinprovinz

 

w

m

– (1858)

– (1858)

+

+

0

+

– (1858)

– (1855)

 

Das Ergebnis dieser Übersicht ist durchaus überraschend. Mit Blick auf die verschiedenen Altersklassen erscheinen vor allem folgende Tendenzen bemerkenswert:

 

  1. Soweit überhaupt eine Senkungstendenz ausmachbar ist, setzte sie sich in der Regel relativ spät durch, nämlich erst im Verlauf der 1850er Jahre. Prinzipiell gilt das für die Altersklasse über 60 Jahre, die in allen Provinzen nach 1855 eine Sterblichkeitssenkung erlebte (Ausnahme: Berlin, dort bereits seit 1849). Etwas früher begann die Senkungstendenz in der Altersklasse 15-60 Jahre, oft nach 1852, in Berlin wiederum bereits 1849. Eine beachtliche Ausnahme machen hier die Westprovinzen.

 

  1. Die westlichen Provinzen weisen ein gänzlich anderes Entwicklungsmuster der altersspezifischen Sterblichkeitsziffern als die mittleren und östlichen Provinzen auf. Kinder und Erwachsene bis zum 60. Lebensjahr erfuhren hier nach 1849 keinen trendmäßigen Sterblichkeitsrückgang.

 

  1. Ein drittes wichtiges Ergebnis scheint zu sein, dass in den östlichen Provinzen (mit Ausnahme Schlesiens) während der 1850er Jahre sogar eine Senkung der Säuglingssterblichkeit stattfand.

 

Betrachtete man diese Resultate für sich, wären sie verwirrend: Es wäre ganz unerklärlich, wie die durchschnittlichen Senkungen der Sterblichkeit, besonders in den oben erwähnten Altersklassen, seit Ende der 1830er Jahre zustande gekommen sein sollten. Aber die re­gionalen Besonderheiten verweisen auf die Lösung des Rätsels: Die westlichen Provinzen Preußens hatten ja, wie oben gezeigt, seit den frühen 1830er Jahren einen deutlich ausgeprägten Rückgang der durch­schnittlichen Sterblichkeit erlebt. Daran waren offenbar vor allem ältere Kinder und Jugendliche bzw. junge Erwachsene beteiligt. Die sinkende Trendrichtung tritt aber nur in Erscheinung, wenn die 1830er Jahre in die Untersuchung einbezogen werden; in dieser Periode hatten die westlichen und mittleren preußischen Provinzen ihre Sterblichkeitsmaxima. Blendet man diese Periode aus und setzt erst Ende der 1840er Jahre ein, auf einem gegenüber den frühen 1850er Jahren relativ niedrigen Niveau, so finden in der Folgezeit bis Ende der 1860er Jahre keine langfristigen Sterblichkeitsrückgänge mehr statt. Anders in den Ostprovinzen: Hier liegen die Maxima der Durchschnittssterblichkeit erst Anfang der 1850er Jahre. Deshalb ergeben sich auch erst in der Folgezeit sinkende Sterblichkeitstrends.

 

Will man nach diesen Interpretationen nochmals zur Ausgangsfrage zu­rückkehren, welche Altersklassen zum durchschnittlichen Sterblich­keitsrückgang während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beitru­gen, ist man in einer schwierigen Lage. Die Datenlücken gestatten es nicht, die Entwicklung der altersspezifischen Sterblichkeit für größere Aggregate (preußische Provinzen) während des Zeitraums vor 1849 anhand statistischer Kennziffern zu untersuchen. Man kann nur aus den Besonderheiten des obigen Schemas einerseits, den bekannten Trendverläufen der Durchschnittssterblichkeit in den preußischen Provinzen andererseits einige indirekte Schlüsse ableiten. Zumindest für Berlin, Brandenburg, die Rheinprovinz und Westfalen darf wohl gefolgert werden, dass in den Altersklassen 1-14 und 15-60 Jahre die Sterblichkeitsmaxima jeweils bereits während der frühen 1830er Jahre überschritten wurden. Gemessen daran realisierten diese Altersklas­sen in den genannten Regionen tatsächlich schon vor 1850 tenden­zielle Sterblichkeitssenkungen. Im Fall von Schlesien sprechen dage­gen alle Informationen dafür, dass während des Untersuchungszeitraums keine trendmäßige Sterblichkeitssenkung in den jüngeren Altersgrup­pen stattfand. Die Ostprovinzen wiederum erscheinen als Nachzügler, bei denen die oben konstatierten Tendenzen der Sterblichkeitssenkung nach 1852 oder 1855 zudem problematisch sind, weil der verbleibende Betrachtungszeitraum zu kurz ist.

 

Die von Lee und Wehler vertretene These bezüglich der Entwicklung der altersspezifischen Sterblichkeit muss vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse vorsichtiger beurteilt werden: Soweit sie kleine Kinder (bis zum 5. bzw. 7. Lebensjahr) betrifft, gilt sie sicher nicht im Durchschnitt solcher Staaten wie Preußen und Sachsen. Dass aber Kin­der und Jugendliche oberhalb dieser Altersgrenze möglicherweise be­reits während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts trendmäßige Rückgänge ihrer Sterblichkeit, vor allem in den nord-westlichen und mittleren preußischen Provinzen, erfahren haben, ist mit den hier dargestellten Berechnungen und Überlegungen verträglich. Anderer­seits nehmen Lee und Wehler nicht an, dass die Sterblichkeit in den Altersklassen zwischen 15 und 30 bzw. 15 und 40 Jahre gesunken sein könnte. Das wiederum erscheint nun doch ziemlich wahrscheinlich, und zwar auch in den Ostprovinzen. Als sicher kann gelten, dass die Sterblichkeit der Übersechzigjährigen generell abgenommen hat.

 

Die regionalen Muster dieser Entwicklungen lassen sich wegen der Da­tenmängel nicht klar genug herausarbeiten. Allerdings gibt es inzwi­schen einschlägiges Material aus Familien-Rekonstitutions-Studien, das zur Überprüfung der genannten These und zur Präzisierung der re­gionalen Variationen herangezogen werden kann. Einschlägige Mo­dellrechnungen auf breiterer Materialbasis präsentiert z. B. Knodel, dessen neueste Studie wohl den Stand der historisch-demographischen Forschung in Bezug auf Deutschland markieren dürfte. Er benutzt Da­ten für 14 Dörfer aus verschiedenen deutschen Regionen, die anhand eines Modells standardisiert werden, um die Entwicklung der Wahr­scheinlichkeit von Neugeborenen in Ost-, Nord-, West- und Süd­deutschland zu schätzen, vor dem 10. Lebensjahr zu sterben. Es zeigt sich, dass diese Wahrscheinlichkeit in allen Regionen während der er­sten Hälfte des 19. Jahrhunderts – im Vergleich zum 18. Jahrhundert – deutlich abgenommen hat, in einigen Fällen schwächer (Baden, Bay­ern), in anderen stärker (Friesland, Waldeck).[50] In einer anderen Auswertung dieser Daten kommt Knodel zu dem Schluss, dass die Überlebenschancen der Altersklassen 1 < 5 Jahre und 5 < 15 Jahre seit der Mitte des 18. Jahrhunderts im Durchschnitt seines Dörfer-Samples langfristig gewachsen sind.[51] Weitere Beispiele finden sich bei Imhof. Danach nahm die Lebenserwartung sowohl der 1jährigen, als auch die der 15- und der 50jährigen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gegenüber 1780/1809 zu.[52] Diese Daten gelten für die Region Schwalm in Nordhessen.

 

Insgesamt deutet sich an, dass auf lokaler Ebene Daten gefunden werden können, die die fragliche These bestätigen. Andererseits scheint es, dass die widersprechenden Fälle (die man vermutlich in Bayern, Württemberg und in Teilen der ostelbischen Provinzen Preußens finden dürfte) nicht gleich gut aufgearbeitet sind. Die Reichweite von Folgerungen aus dem lokalen Material ist prinzipiell fraglich. Darüber hinaus bietet die Fülle der verfügbaren, im Detail jeweils variierenden Ergebnisse wenig Chancen, übergreifende Erklärungsmuster zu finden. Plausible Ansätze dazu gibt es bisher im Grunde nur für die regionalen Variationen der Säuglingssterblichkeit – und auch die sind nicht sehr elaboriert, so dass der Phantasie beim Erfinden neuer Hypothesen offenbar kein Zwang angelegt zu werden braucht.[53]

 

Die Veränderungen der Sterblichkeit im Kinder-, Jugendlichen- und Erwachsenenalter während der ersten zwei Drittel des 19. Jahrhunderts sind bisher nicht einmal versuchsweise erklärt worden. Anknüpfungspunkte könnte der Wandel des Todesursachen-Spektrums bie­ten, da die unterschiedliche Prävalenz von Krankheiten und Todesur­sachen auch auf die unterschiedliche Betroffenheit der Altersklassen verweist. Mehr dazu im folgenden Abschnitt, der allerdings über An­deutungen noch nicht hinauskommt. Die regionale Differenzierung wird hier außer acht gelassen.

 

 

2.3.3    Veränderungen des Todesursachen-Spektrums

 

Das Konzept des Epidemiologischen Übergangs stellt primär auf Verän­derungen des Todesursachen-Spektrums ab, von denen bisher nur am Rande die Rede war. Lassen sich die Veränderungen im deutschen Fall genauer datieren? Das zu prüfen ist sehr schwer, weil die Interpre­tation der Krankheitsbezeichnungen aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert – soweit überhaupt statistische Informationen der Art vorliegen – fast unüberwindliche Schwierigkeiten aufwirft. Dennoch scheinen beim derzeitigen Forschungsstand folgende Thesen haltbar zu sein:

 

  1. Die „großen Seuchen“ früherer Jahrhunderte waren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verschwunden. Auch die neuen „großen Killer“ wie die Cholera erlangten meist nur regional oder lokal begrenzte Bedeutung.

 

Im preußischen Durchschnitt betrug z. B. 1831 die Cholera-Sterblich­keit 2,5 Promille. Die Gesamtsterblichkeit dieses Jahres stellte sich auf 35,6 Promille. Die Cholera machte demnach ganze 7% der Sterblichkeitsrate aus, die nach Abzug der Cholera-Toten mit 33,1 Promille immer noch – wahrscheinlich infolge einer Grippeepidemie – deutlich über den vorangegangenen und nachfolgenden Mittelwerten lag (Sterblichkeits-Mittel 1828-30 = 30,1 Promille, 1832-34 = 31,6 Pro­mille).[54] Allerdings waren einzelne Regionen sehr stark betroffen, bes. die Regierungsbezirke Bromberg, Marienwerder, Königsberg und die Stadt Berlin, wo die Cholera deutlich die Durchschnittssterb­lichkeit beeinflusste. Das gilt auch für die folgenden, jedoch rela­tiv weit auseinander liegenden Epidemiejahre. Dennoch ist sicher, dass die Cholera nie die Breitenwirkung älterer Seuchen erlangen konnte. Die Bedeutung dieser und anderer akuter Infektionskrankhei­ten ist im 19. Jahrhundert auch nicht annähernd mit der der Tuberku­lose zu vergleichen, die regelmäßig mindestens 10% der Gesamtsterb­lichkeit verursachte, in den Altersklassen über 30 Jahre meist sogar bis zu 50%.

 

  1. Andererseits hatten sich die Human-Crowd Diseases zu Kinderkrankheiten gewandelt. (Vgl. zur Illustration einige Zahlen aus der bayerischen Statistik, Tabelle 11 im Anhang).

 

  1. Darüber hinaus war durchschnittlich die Sterblichkeit an Pocken und in vielen Regionen auch die an Typhus, Ruhr, Tuberkulose und Keuchhusten trendmäßig rückläufig geworden.

 

  1. Andererseits hatten sich meist saisonal konzentrierte Magen-Darm-Infektionen („Sommergipfel“) zur Haupttodesursache bei Säuglingen und Kleinkindern entwickelt.[55]

 

Diese Wandlungen des Todesursachen-Spektrums unterstützen die bisher dargestellten Thesen zu den Grundlagen der durchschnittlichen und altersspezifischen Sterblichkeitsentwicklung. Mit allen Vorbehalten (wegen bisher ausstehender einschlägiger Untersuchungen) kann gefol­gert werden, dass das Ausbleiben der „großen Seuchen“ und die zumin­dest partielle Rückläufigkeit der unter 3. genannten Krankheiten als Todesursachen für eine Senkung der durchschnittlichen Sterblichkeit spricht. Die Bedeutung akuter Infektionskrankheiten für das Säug­lings- und Kleinkindalter und das Fehlen von wirksamen Abwehr- und Therapiemitteln macht es wiederum wahrscheinlich, dass Sterblich­keitssenkungen in diesen Altersklassen nur über deutliche Verbesse­rungen der Pflege und besonders der Ernährung der Kinder durchsetz­bar gewesen wären. Das Vordringen der Magen-Darm-Infekte jedoch spricht dagegen, dass derartige Verbesserungen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in nennenswertem Maße Platz gegriffen haben. Insgesamt nahm angesichts des Bedeutungsverlusts derjenigen Krankheiten und Todesursachen, die gegenüber sozialen Unterschieden relativ indiffe­rent sind und als sozusagen „blindes Schicksal“ größere Populationen überfallen (Seuchen und akute Infektionskrankheiten), der Einfluss der sozio-ökonomischen Lebensbedingungen (Arbeits-, Einkommens-, Er­nährungs- und Wohnverhältnisse) auf die „Volksgesundheit“ während dieser Periode zu. Es etablierte sich eine zunehmend stärker ausge­prägte soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod.[56] Diese spiegelt sich auch primär in den regionalen Sterblichkeitsdifferenzen.

 

2.4       Fazit: Die Entwicklung der „Volksgesundheit“ im Spiegel der empirischen Ergebnisse

 

Die Trends und globalen Messergebnisse machen deutlich, dass sich die „Volksgesundheit“ während des späten 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts tendenziell gebessert hat. Im Verlauf der 1830er Jahre löste die Phase 2 des Epidemiologischen Übergangs in großen Teilen Deutschlands das Zeitalter der Seuchen und Hungersnöte end­gültig ab. Die Aussage muss allerdings differenziert werden: Es pro­fitierten offenbar vor allem die Erwachsenen von den die Sterblich­keit senkenden Entwicklungen, Jugendliche und Kinder ab dem 5. bzw. 7. Lebensjahr seltener, Kleinkinder und Säuglinge in der Regel gar nicht. Zudem waren die gewerbeintensiven Regionen begünstigt, die landwirtschaftlich geprägten dagegen überwiegend benachteiligt. Dar­aus folgt, gemessen an der Höhe der Durchschnittssterblichkeit (oder auch der Säuglingssterblichkeit), ein Gefälle von Süd-Osten nach Nord-Westen. Den durchschnittlichen Gesundheitsverbesserungen bei den mittleren und oberen Gesellschaftsschichten stand jedoch eine Stagnation und periodische Verschlechterung derselben in den Unter­schichten gegenüber. Die Hypothese des Pauperismus als zunehmender Massenverarmung eben der absolut und relativ wachsenden Unterschichten ist verträglich mit Verbesserungen der „Volksgesundheit“, abge­leitet aus trendmäßig sinkenden Sterblichkeitsziffern. Allerdings müssten die Bedingungen, unter denen das möglich ist, wohl konkreti­siert werden. Das soll im Folgenden geschehen.

 

 

 

  1. Tendenzen des Wandels der Lebensbedingungen und deren Auswirkungen

            auf die „Volksgesundheit“

 

Die folgenden Ausführungen stellen eine Sichtung von vorliegenden demographischen Studien dar, die unter der hier entwickelten Frage­stellung neu interpretiert werden. Sie haben den Stellenwert der Be­gründung von Desiderata weiterer Forschung.

 

3.1       Modellierung des Zusammenhangs von „Volksgesundheit“ und Lebensbedingungen

 

Die sozialgeschichtliche Literatur ist in Bezug auf die Klärung der oben bezeichneten Zusammenhänge wenig hilfreich. Ihr Anliegen war es vielmehr bisher vor allem, darzustellen, warum und wie sich während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Signum des Paupe­rismus die Überlebenschancen immer größerer Bevölkerungsgruppen ver­schlechterten und deren Sterblichkeit in die Höhe trieben.[57] Was da­gegen fehlt sind Hinweise auf sozio-ökonomische Verhältnisse, die unter den Bedingungen der Pauperismus-Epoche ein – wie auch immer elendes – Überleben und eine Senkung der Sterblichkeit erlaubten. Solche Verhältnisse lassen sich durchaus angeben.

 

Die gesuchte Verbindung von „Volksgesundheit“ und sozio-ökonomischen Lebensbedingungen könnten am ehesten sogenannte demo-ökonomische „Modelle“ herstellen, die Veränderungen der Bevölkerungsentwicklung auf den sozialen Wandel beziehen. Bestimmte Konstellationen der wichtigsten demographischen Kennziffern in Frühphasen und während des Demographischen Übergangs (Geburten- und Sterbeziffer, natürli­ches Bevölkerungswachstum, Heiratshäufigkeit und -alter) werden ver­knüpft mit den sie jeweils bedingenden sozio-ökonomischen Faktoren. Faktisch handelt es sich um idealtypische Konstrukte. Im Folgenden sollen zwei bedeutsame Übergangs-„Modelle“ herausgegriffen werden, die sich als das agrarische und das protoindustrielle bezeichnen lassen. Sie münden i. d. R. früher oder später in das industriell-urbane „Modell“.[58] Daneben gibt es natürlich weitere und vor allem Mischformen. Hier sind zunächst reine Formen anhand von Kennziffern formal zu beschreiben. Sie werden im Rahmen dieses Aufsatzes interpretiert als Überlebens-„Modelle“, da sie gute Überlebens­chancen für größere Bevölkerungsgruppen indizieren. Vom Idealtyp des vormodernen agrarischen „Modells“, das eine durch Brauchtum und soziale Kontrolle gesteuerte Abstimmung zwischen Nahrungsspielraum und Bevölkerungswachstum impliziert, wurde in beiden Übergangs-„Modellen“ abgewichen. Allerdings begünstigten die Konstellationen der Übergangs-„Modelle“ – ein Aspekt, der bisher in der Literatur eher vernachlässigt wurde – die verschiedenen Altersklassen in un­terschiedlicher Weise. Somit sind sie geeignet, nicht nur sinkende Trends der Durchschnittssterblichkeit zu erklären, sondern vor allem Variationen der Trendrichtung in verschiedenen Altersklassen, und das im Hinblick auf systematisch mit den demographischen Variablen interagierende sozio-ökonomische Faktoren.

 

Das agrarische Übergangs-„Modell“ ist charakterisiert durch stei­gende eheliche und traditionell niedrige uneheliche Fruchtbarkeit, leicht zunehmende Heiratsquote und unverändert hohes Heiratsalter bei Erstehe sowie durch sinkende Säuglings- und Kindersterblichkeit bei niedriger Jugendlichen- und Erwachsenensterblichkeit. Dagegen wird das protoindustrielle Übergangs-„Modell“ gekennzeichnet durch hohe eheliche und mäßig hohe uneheliche Fruchtbarkeit, hohe Heirats­quote, verbunden mit relativ niedrigem Heiratsalter bei Erstehe, durch tendenziell sogar steigende Säuglings- und Kindersterblichkeit bei sinkender Sterblichkeit der Jugendlichen und Erwachsenen. Diese Konstellationen hält das folgende Schema fest:

 

                                   Zwei demo-ökonomische Übergangs-„Modelle“

 

Variablen agrarisches Modell

 

protoindustrielles Modell
eheliche Fruchtbarkeit

 

++ ++
uneheliche Fruchtbarkeit

 

+
Heiratsquote

 

+ ++
Heiratsalter bei Erstehe

 

+
Sterblichkeit der

 

        Säuglinge

 

++
       Kinder

 

+
       Jugendlichen

 

       Erwachsenen

 

Legende: ++ = sehr groß/hoch; + = relativ groß/hoch; – = sinkend/niedrig

 

 

Die Variablen-Konstellationen hängen systematisch mit sozio-ökomi­schen Faktoren zusammen wie Erb- und Heiratsgewohnheiten („Prinzip der Stelle und der Nahrung“), Umfang des Heimgewerbes (Verlagswesen, Protoindustrie), Bevölkerungs- und Gewerbedichte, langfristige Konjunktur der Haupterwerbszweige, Intensität der Müttererwerbstätigkeit bzw. Arbeitsbelastung der Frauen und Mütter, typische Ernährungsweise der Säuglinge und Kleinkinder, Hygiene- und Wohnverhältnisse etc.[59] Je nachdem, welches „Modell“ nun in einer Region vorherrschte, ergaben sich daraus spezifische Muster der Bevölkerungsentwicklung und – abzulesen an den unterschiedlichen Trendrichtungen der altersspezifischen Sterblichkeit – auch der „Volksgesundheit“. In beiden „Modellen“ ist rasches Bevölkerungswachstum möglich: Im zweiten „Modell“ wird dies vor allem durch eine Zunahme der Heiratsquote, relativ niedriges Heiratsalter, steigende Geburtenziffer und sinkende Sterblichkeit der Jugendlichen und Erwachsenen bewirkt. Im ersten „Modell“ hängt die Bevölkerungszunahme dagegen eher von dem Umfang ab, in dem die Säuglings- und Kindersterb­lichkeit sinkt. Imhof hat, ohne sich ausdrücklich auf diese „Modelle“ zu beziehen, im Hinblick auf die demographischen Konse­quenzen eine analoge Gegenüberstellung vorgenommen, für die er die Begriffe System der Erhaltung und System der Verschwendung von Menschenleben prägte.[60] Die beiden „Modelle“ oder auch Systeme sol­len im Folgenden anhand beispielhafter empirischer Daten illustriert werden.

 

 

3.2       Empirische Belege

 

3.2.1    Das agrarische Übergangs-„Modell“: Leezen[61]

 

Während des späten 18. Jahrhunderts setzte im Kirchspiel Leezen in Holstein eine „Bevölkerungsexplosion“ ein. Sie wurde vornehmlich ge­tragen durch eine periodische Zunahme der Heiratsquote, einen leich­ten Anstieg der ehelichen Fruchtbarkeit und einen deutlichen Rück­gang der Säuglings- und Kindersterblichkeit sowie einen schwächeren der Erwachsenensterblichkeit. Das Bevölkerungswachstum beschleunigte sich vom Ende der 1820er bis in die 1840er Jahre hinein noch einmal, da die Zahl der Geburten weiter anstieg, während die Sterblichkeit trendmäßig sank. Erst seit dem Ende der 1840er Jahre schloss sich die Bevölkerungsschere, als der Geburtenrückgang einsetzte. Das Be­völkerungswachstum stabilisierte sich auf niedrigerem Niveau.

 

Hervorzuheben ist: Leezen realisierte während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen sinkenden Trend der Durchschnittssterblich­keit. Diese ging von 28,1 (pro 1000 Lebende) in den Jahren 1767/71 über 21,6 (1803), 21,2 (im Mittel der Stichjahre 1835, 1840 und 1845) auf 18,4 im Jahre 1855 zurück.[62] Gegenüber dem späten 18. Jahrhundert sanken aber in Leezen nicht nur die Erwachsenen-, son­dern vor allem auch die Säuglings- und die Kindersterblichkeit ten­denziell. Dadurch nahm die Lebenserwartung dieser Altersklassen spürbar zu, was die folgende Übersicht verdeutlicht. Im übrigen sei darauf hingewiesen, dass hinsichtlich dieser Entwicklung keine sozia­len Differenzen (zwischen „Groß“- und Kleinbauern sowie Landarbei­tern) feststellbar sind.[63]

 

 

 

Sterbewahrscheinlichkeit von Kindern bis zum 15. Lebensjahr

                        in Leezen zwischen 1720 und 1869[64]

 

von 1.000 Lebendgeborenen starben bis zum Alter von

 

2 J. 5 J. 10 J. 15 J.

 

1720/1769

 

180 252 310 338
1770/1819

 

225 289 323 348
1820/1868

 

147 194 223 234

 

Auch die höheren Altersklassen realisierten während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Zugewinne ihrer Lebenserwartung, die jedoch weit weniger spektakulär ausfielen als die im Kinder- und Jugendlichenalter. Diese Entwicklung fand – wie Gehrmann hervorhebt – Entsprechungen in anderen norddeutschen Regionen, so in der Schwalm (Nordhessen) sowie in Holstein (Neuenbrook, Marne und Hohenfelde).[65] Sie unterscheidet sich dagegen stark von den Entwicklungen in proto-industriell geprägten Regionen – wie unten noch gezeigt wird – und von den in der Literatur häufig behandelten Regionen in Bayern, Württemberg sowie in den preußischen Ostprovinzen, wo Säuglings- und Kindersterblichkeit hoch waren und tendenziell während des frühen 19. Jahrhunderts sogar anstiegen.[66] Diese Situation verweist auf spezifische sozio-ökonomisch bestimmte Lebensbedingungen in Norddeutschland, die sich von denen in anderen Teilen Deutschlands unterschieden, hier aber –  und das ist in der Historischen Demographie ja bisher die Ausnahme – anhand des Fallbeispiels Leezen konkretisiert werden können.

 

In aller gebotenen Kürze die wichtigsten sozio-ökonomischen Fakto­ren, die die skizzierten demographischen Tendenzen bewirkten:[67] Die Einführung der holsteinschen Koppelwirtschaft im späten 18. Jahrhun­dert entlastete die Frauen von schwerer Feldarbeit; sie konnten nun länger stillen. Davon profitierten besonders die Säuglinge und Kleinkinder. Positiv wirkte auch der Übergang zur Milchwirtschaft, besonders zur Butterherstellung, seit den 1820er Jahren. Dadurch etablierten sich neue Sauberkeitsstandards, die die sogenannte künstliche Ernährung der Kleinkinder hygienischer machten und Infek­tionsrisiken minderten. Nach einer vorübergehenden Agrarkrise 1818-27 schuf eine gute landwirtschaftliche Absatzlage von 1828 bis Mitte der 1860er Jahre Beschäftigungschancen und ausreichende Einkommen für alle Bevölkerungsschichten. Insbesondere scheint sich schon im späten 18. Jahrhundert die Ernährungssituation der dem Säuglingsal­ter Entwachsenen deutlich gebessert zu haben. Die Resistenz gegen­über Infektionskrankheiten wuchs offenbar, was durch die Abnahme und das schließliche Ausbleiben der auf Mangel- und Fehlernährung beru­henden Frühjahrskrisen seit den späten 1760er Jahren indiziert wird.[68] In Leezen etablierte sich ein System der Erhaltung von Men­schenleben.

 

Die Intensivierung der Landwirtschaft bei gleichzeitiger allmähli­cher Besserung der Ertragslage konservierte andererseits bis Mitte des 19. Jahrhunderts den Kontrollmechanismus des Bevölkerungswachs­tums, der für das Ancien Regime typisch war: Das Heiratsalter blieb relativ hoch, ebenso die Wiederverheiratungsquote bei nur geringfügig steigender Heiratsquote; systematische Geburtenbeschränkung fand nicht statt. D. h., die ökonomischen Veränderungen und die dadurch ermöglichte günstige Versorgungslage bewirkten in Leezen gerade keine grundsätzliche Veränderung des demographischen Verhaltens, ob­wohl das anhaltende Bevölkerungswachstum im Prinzip nicht unproble­matisch war. Die wirtschaftliche Situation trug vielmehr die Bevöl­kerungsexpansion unter Beibehaltung der traditionellen Normen, bis sich die dörfliche Gemeinschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, nicht zuletzt aufgrund exogener Faktoren (Abwanderungssog in die Städte etc.), allmählich aufzulösen begann.[69]

 

 

3.2.2    Das protoindustrielle Übergangs-„Modell“: Spenge[70]

 

In dem durch verlegtes Heimgewerbe (Leinenspinnerei und -weberei) geprägten Kirchspiel Spenge bei Bielefeld begann während des späten 18. Jahrhunderts ein starker Geburtenanstieg, der sich bis in die 1830er Jahre (von einzelnen Krisenjahren abgesehen) fortsetzte. Die Zahl der Sterbefälle wuchs trendmäßig nicht im selben Umfang, so dass sich ein langfristiges Bevölkerungswachstum einstellte.

 

Charakteristisch war ein großer „Bevölkerungsdurchsatz“ – Mager spricht in diesem Zusammenhang von dem „heißen demographischen Klima Spenges“.[71] Das bedeutete: Relativ hohe Heiratsquote und niedriges Heiratsalter, besonders der Frauen; in Jahren guter Konjunktur stei­gende Raten unehelicher Geburten; insgesamt hohe (wenn auch infolge fehlender Bevölkerungsdaten nicht exakt zu bestimmende) Geburtenzif­fer, zumal Geburtenkontrolle nicht nachweisbar ist. In Spenge eta­blierte sich ein typisches Regime der Verschwendung von Menschenle­ben. Das kommt besonders in der relativ hohen Säuglings- und Kinder­sterblichkeit zum Ausdruck: Nur rd. die Hälfte der Geborenen er­reichte das 15. Lebensjahr.[72]

 

 

 

Säuglings- und Kindersterblichkeit in Spenge 1769/78-1859/68

                        (pro 100 Lebendgeburten)[73]

 

Periode Säuglingssterblichkeit Kindersterblichkeit

 

1769/1778

 

15,3 36,7
1779/1788

 

22,2 54,9
1789/1798

 

18,8 37,9
1799/1808

 

16,1 39,7
1809/1818

 

20,0 36,9
1819/1828

 

18,1 34,6
1829/1838

 

22,5 41,7
1839/1848

 

17,8 43,3
1849/1858

 

17,8 37,6
1859/1868

 

19,1 36,4

 

Die Situation verschlechterte sich noch während der 1830er/40er Jahre, der Endphase der Protoindustrialisierung. Zwar nahm die Säug­lingssterblichkeit während der 1840er Jahre etwas ab, doch stieg da­für die Kindersterblichkeit weiter an. Betroffen davon waren vor al­lem die Kinder der landlosen und fast ausschließlich von der Heimar­beit lebenden Heuerlinge, deren Sterblichkeit deutlich über der der Bauernkinder lag. Auffällig ist jedoch, dass die Lebenserwartung der Altersklassen ab 10 Jahre relativ gut war. Sie war während der er­sten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei 10- und 15jährigen – trotz der schlechten Vergleichbarkeit der Periodenabgrenzungen – größer als z. B. in Leezen und hatte sich gegenüber den Verhältnissen im späten 18. Jahrhundert gesteigert.[74] Die Gesundheits- und Überlebensbedin­gungen der Säuglinge und Kleinkinder waren demnach im späten 18. Jahrhundert sehr ungünstig und verschlechterten sich im frühen 19. Jahrhundert sogar weiter. Dagegen profitierten die älteren Kinder, die Jugendlichen und Erwachsenen im längerfristigen Durchschnitt ge­sundheitlich von den Versorgungsbedingungen des protoindustriellen „Modells“.

 

Was waren die wichtigsten ökonomischen Hintergrundsfaktoren? Schlechte Wohnverhältnisse, mangelnde Hygiene, unzulängliche Ernäh­rung, vor allem zu früh einsetzende, permanente Mitarbeit im heimge­werblichen Arbeitsprozess machten bes. die Kinder zu den „Hauptleid­tragenden“ der Ausbreitung der Protoindustrie. Die Säuglinge waren durch die hohe Arbeitsbelastung der Mütter benachteiligt, die das Stillen erschwerte oder sogar unmöglich machte. Von den wirtschaft­lichen Bedingungen profitierten andererseits die Jugendlichen und Erwachsenen. Ihr zeitweise sogar gutes Einkommen erlaubte eine reichliche, ja selbst in Krisenphasen eine zumindest ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln über den Markt. Nachhaltige Bevölke­rungskrisen gab es nur noch 1779 und 1781. Die gelegentlichen Ster­beüberschüsse im 19. Jahrhundert hinterließen keine nennenswerten Spuren. Die Bevölkerung Spenges hatte sich durch die protoindustri­elle Heimarbeit dem Gefahrenbereich der traditionellen Krisenmorta­lität weitgehend entzogen.

 

Die im ökonomischen Bereich ausgelösten Prozesse und Weichenstellun­gen bestimmten stark das demographische Verhalten: Solange die gute Konjunktur für Leinen anhielt, erhöhte sich die Heiratsquote, sank das Heiratsalter und stieg die Illegitimitätsquote. Das ließ die Ge­burtenziffer trendmäßig ansteigen. Als andererseits im Laufe der 1830er Jahre das Leinengewerbe in seine strukturelle Dauerkrise ab­sackte und Spenge zum typischen Pauperismusgebiet wurde, stieg das Heiratsalter wieder, ging die Heiratsquote zurück und nahm die Ille­gitimitätsquote ab. Der Übergang zu den Verhaltensweisen des indu­striell-urbanen „Modells“ konnte nicht vollzogen werden; stattdessen fand vorübergehend eine Art Rückkehr zu einem etwas deformierten agrarisch-traditionellen demographischen Muster statt.

 

Bei Spenge dürfte es sich auch in dem Sinne um ein demo-ökonomisches „Modell“ handeln, als anzunehmen ist, dass viele protoindustriell ge­prägte Regionen aufgrund ähnlicher sozio-ökonomischer Bedingungen die dargestellte Konstellation demographischer Variablen realisier­ten.[75] Andere „Modelle“ sind denkbar, lassen sich hier aber nicht konkretisieren. So könnte beispielsweise Oberschwaben (Württemberg) ein „Modell“ für jene Regionen abgeben, in denen hohe Fruchtbarkeit und gleichzeitig aber extrem hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit trotz günstiger Überlebensbedingungen der älteren Kinder, der Ju­gendlichen und Erwachsenen doch nur zu mäßigem Bevölkerungswachstum führen. Auch hier ist das Nicht-Stillen der Säuglinge und die Fehl­ernährung der Kleinkinder als Hauptursache der überhöhten Sterb­lichkeit anzusehen.[76] Doch waren die ökonomischen Bedingungen für die starke Arbeitsbelastung der Mütter und die gelegentlich als Gleichgültigkeit gedeutete Einstellung zum Überleben der Kinder in dieser Region andere als in der Protoindustrie. Oberschwaben würde eine Variante des agrarischen Übergangs-„Modells“ abgeben, das mit Leezen kontrastiert, indem es ein System der Verschwendung von Men­schenleben im agrarischen Milieu repräsentiert.

 

Insgesamt kann die Konkretisierung derartiger demo-ökonomischer Mo­delle zur Interpretation von abweichenden Entwicklungen der alters­spezifischen Sterblichkeit (hinsichtlich der unterschiedlichen Ten­denzen in verschiedenen Altersklassen und/oder Regionen) als For­schungsdesiderat gelten. Hier sollte der potenzielle Ertrag eines solchen Ansatzes skizziert werden.

 

 

 

  1. Fazit: „Volksgesundheit“ und Pauperismus

 

Seit den 1820er Jahren, teilweise bereits im späten 18. Jahrhundert setzte in vielen Regionen Deutschlands ein trendmäßiger Rückgang der durchschnittlichen Sterblichkeit ein. Zugleich verstetigte sich die Sterblichkeitsentwicklung. Nur in wenigen Regionen Deutschlands gab es während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch Jahre mit Sterbeüberschüssen. Fast überall waren die „offenen Bevölkerungskri­sen“ des Ancien Regime den „verdeckten“ gewichen. Zahlreiche Indika­toren sprechen insofern dafür, dass sich in dieser Zeit die Ablösung der ersten Phase des Epidemiologischen Übergangs durch die zweite Phase vollzog.

 

Der Sterblichkeitsrückgang betraf – soweit bisher zu sehen – primär die Erwachsenen, abgeschwächt auch die Jugendlichen, während sich die Sterblichkeit der Kinder und Säuglinge überwiegend kaum verän­derte. Teilweise stieg die Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit sogar noch während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an. Unter diesem Aspekt waren die Differenzen zwischen unterschiedlich struk­turierten Wirtschaftsregionen und sozialen Gruppen allerdings sehr groß. Die regionalen Differenzen spiegeln sich zudem in unterschied­lichen Häufigkeiten der alters- und geschlechtsspezifischen Todesur­sachen. Sie verweisen auf deutliche Abweichungen in denjenigen Di­mensionen der allgemeinen Lebensbedingungen großer Bevölkerungsgrup­pen, die einen Einfluss auf die „Volksgesundheit“ besitzen. Als sol­che Dimensionen kommen in Betracht die Arbeitsbedingungen sowie die Einkommens-, Wohn- und Ernährungsverhältnisse. Diese hängen systema­tisch mit demographischen Variablen wie Heiratshäufigkeit und -alter sowie Fruchtbarkeit zusammen.

 

Um zu zeigen, wie sich der Einfluss der Lebensbedingungen auf die „Volksgesundheit“ erfassen lässt, wurden bestimmte Konstellationen der Dimensionen der Lebensbedingungen und der demographischen Vari­ablen idealtypisch modelliert. Anhand empirischer Daten wurden ein agrarisches und ein protoindustrielles Übergangs-„Modell“ beschrie­ben. Dabei wurde deutlich, dass sich in beiden „Modellen“ Chancen für die Verbesserung der „Volksgesundheit“ während des frühen 19. Jahr­hunderts ergaben – allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen und mit abweichenden Konsequenzen für die Betroffenen, speziell für die verschiedenen großen Altersklassen. Zugleich ließ sich zeigen, dass beide „Modelle“ auf vorübergehenden ökonomischen Bedingungen beruh­ten und sich deshalb in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf­lösten. Weitere „Modelle“ sind denkbar, können aber im Rahmen dieses Aufsatzes nicht spezifiziert werden. Die hier skizzierten Zusammen­hänge wurden als Überlebens-„Modelle“ charakterisiert, und zwar in dem Sinne, dass sie plausibel machen, warum bestimmte Altersklassen der Bevölkerung während des frühen 19. Jahrhunderts Senkungen der Sterblichkeit und eine Zunahme ihrer Lebenserwartung realisieren konnten. Sie verweisen auf Überlebensbedingungen, die selbst unter dem Vorzeichen des Pauperismus leichte Verbesserungen, und zwar auch in den Unterschichten, sowie den Beginn derjenigen großen Wandlungen der „Volksgesundheit“ zuließen, die als charakteristisch für die Phase 2 des Epidemiologischen Übergangs postuliert werden.

 

 

Der Weg zur Durchsetzung des hier nicht näher behandelten industri­ell-urbanen „Modells“ führte allerdings in großen Teilen Deutsch­lands, besonders auch in den rasch wachsenden Städten, durch eine längere Phase zunächst nochmals ansteigender durchschnittlicher Sterblichkeit und sich verschlechternder „Volksgesundheit“ während der 1870er und 1880er Jahre, ehe sich die Verhältnisse seit den 1890er Jahren grundsätzlich zum Besseren wendeten.

 

Fußnoten

[1]  Die Arbeiten an diesem Aufsatz wurden durch ein Projekt der Universität Konstanz gefördert. Der Verfasser dankt besonders Herrn Olaf Gerndt, M.A., für die umfangreichen Sterblichkeitsberechnungen. Veröffentlicht in Kümmel, W. F. (Hg.): Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Bd. 7 für das Jahr 1988. Stuttgart 1990, S. 75-113.

Aus technischen Gründen ist es leider nicht möglich, die Tabellen und Schaubilder aus dem Anhang der Veröffentlichung hier zu reproduzieren. Ich bitte um Entschuldigung und muss interessierte Leser auf die genannte Publikation verweisen. Allerdings kann der Anhang auch als Datei beim Verfasser angefordert werden. Email: reinhardspree@googlemail.com

[2]  Vgl. u. a. Stolberg, M.: Umgang mit Krankheit und Pflegebe­dürftigkeit aus historischer Sicht. In: IKOL e.V. (Hg.): Zur Zu­kunftsentwicklung pflegender Versorgung. Referate und Diskussions­beiträge des Symposiums am 26. 6. 1987…, S. 8-16 (vervielf. MS); Un­schuld, P. U.: Zum Gesundheitsbegriff im 19. und 20. Jahrhundert. Beitrag zum Symposium „Bewertung von Gesundheit. Kriterien der Taug­lichkeit“. Akademie für Sanitätswesen der Bundeswehr, München, 12. 12. 1987 (vervielf. MS); Winau, R.: Krankheitsbegriff und Krank­heitskonzept. In: Rapp, F., u. Schütt, H.-W. (Hg.): Begriffswandel und Erkenntnisfortschritt in den Erfahrungswissenschaften. Berlin: Technische Universität 1987, S. 131-147. Zur Medikalisierung vgl. Spree, R.: Soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod. Zur Sozialgeschichte des Gesundheitsbereichs im Deutschen Kaiserreich. Göttingen 1981, S. 138-162; Labisch, A., u. Spree, R. (Hg.): Medizinische Deutungsmacht im sozialen Wandel. Bonn 1989, passim.

[3] Vgl. Zahlen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und eine Diskussion der Gründe für die Ungleichverteilung der verschiedenen Arztkategorien auf Stadt und Land bzw. auf wohlhabendere und weniger entwickelte Regionen deutscher Territorialstaaten: für Preußen bei Huerkamp, C.: Der Aufstieg der Ärzte im 19. Jahrhundert. Vom gelehrten Stand zum professionellen Experten: Das Beispiel Preußens. Göttingen 1985, Kap. 2; für Bayern bei Probst, C.: Die Medizinalreform in Bayern am Beginn des 19. Jahrhunderts und der Bestand an Krankenanstalten. In: Schadewaldt, H., u. Wolf, J. H. (Hg.): Krankenhausmedizin im 19. Jahrhundert. (Fs. f. H. Goerke), München 1983, S. 183-194; für Württemberg bei Drees, A.: Die Ärzte auf dem Weg zu Prestige und Wohlstand. Sozialgeschichte der württembergischen Ärzte im 19. Jahrhundert. Münster 1988, S. 163-172.

[4] Anders hat die Situation im Adel und im gehobenen Bürgertum ausgesehen, vgl. bes. Lachmund, J., u. Stollberg, G.: Zur medikalen Kultur des Bildungsbürgertums um 1800. Eine soziologische Analyse anhand von Autobiographien. In: Kümmel, W. F. (Hg.): Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Bd. 6 für das Jahr 1987, Stuttgart 1989, S. 163-184. Für die ländlichen Verhältnisse Stolberg, M.: Heilkunde zwischen Staat und Bevölkerung. Angebot und Annahme medizinischer Versorgung in Oberfranken im frühen 19. Jahrhundert. Med. Diss. Technische Universität München 1986.

[5] Vgl. bezüglich der veröffentlichten Topographien besonders die Auswertung bei Brügelmann, J.: Der Blick des Arztes auf die Krank­heit im Alltag 1779-1850. Medizinische Topographien als Quelle für die Sozialgeschichte des Gesundheitswesens. Phil. Diss. Freie Uni­versität Berlin 1982. Ergänzend die älteren Beschreibungen dieser Quellen (in der Reihenfolge ihres Publikationsdatums) Fischer, A.: Beiträge zur Kulturhygiene des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhun­derts im Deutschen Reiche. Leipzig 1928; Zeiss, H.: Medizinische To­pographien als volkskundliche Quellen. In: Archiv für Bevölkerungs­wissenschaft (Volkskunde) und Bevölkerungspolitik, 5 (1935); Brandl­meier, K. P.: Medizinische Ortsbeschreibungen des 19. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet. Berlin 1942; Jusatz, H.: Die Bedeutung der medizinischen Ortsbeschreibungen des 19. Jahrhunderts für die Entwicklung der Hygiene. In: Artelt, W., u. Rüegg, W. (Hg.): Der Arzt und der Kranke in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Stutt­gart 1967.

Dazu kommen zahlreiche unveröffentlichte und bisher kaum aus­gewertete Topographien in den Archiven der deutschen Bundesstaaten, besonders für die drei süddeutschen Staaten. Vgl. als gelungenes Beispiel der laufenden Auswertungen unveröffentlichten topographischen Materials aus Bayern, die C. Probst in München betreut, Stolberg: Heilkunde.  Einen einschlägigen Bestand beschreibt Zorn, W.: Medizinische Volkskunde als sozialgeschichtliche Quelle. Die bayerische Bezirksärzte-Landesbeschreibung von 1860/62. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 69 (1982), S. 219-231.

[6] Der Verfasser hat 56 dieser Topographien in dem Projekt der Universität Konstanz „Die Entwicklung der >Volksgesundheit< in Deutschland, 1780-1850“ systematisch im Hinblick auf die Informatio­nen zu den Krankheits- und Sterblichkeitsverhältnissen, zur Stadt- und Wohnhygiene, zur Ernährungssituation, zu den Arbeitsbedingungen und zur Säuglings- bzw. Kleinkindpflege auswerten lassen. Über die vorläufigen Ergebnisse liegt ein Bericht vor unter dem Titel „Auf dem Wege zu einer historischen Epidemiologie für Deutschland – spä­tes 18. und frühes 19. Jahrhundert“.

[7] Sehr pauschal findet sich diese These bereits bei Anderson, O. W.: Age-specific Mortality in Selected Western European Countries with particular Emphasis on the Nineteenth Century. In: Bulletin of the History of Medicine, 29 (1955), S. 249; prononciert dazu in zahlreichen Studien vor allem McKeown, vgl. u.a. zusammenfassend McKeown, T.: The Modern Rise of Population. London 1976, S. 152-163. Zeitgenössische Ärzte äußerten sich drastisch über die Hilflosigkeit ihres Berufsstandes in Fragen der Therapie, z. B. Hirschel, B.: Com­pendium der Geschichte der Medicin von den Urzeiten bis auf die Ge­genwart… 2. Aufl., Wien 1862,

  1. 544-547. Zur „Vertrauenskrise“, die auf das „therapeutische Chaos jener Jahrzehnte folgte“, auch Ferber, C. v.: Soziologie für Mediziner. Eine Einführung. Berlin usw. 1975, S. 14.

[8] Überraschend dagegen die globalen positiven Wertungen der Effekte der Gesundheitspolitik und der Ansätze zu einer medizini­schen Versorgung im frühen 19. Jahrhundert in einiger neuerer Lite­ratur, bes. bei Lee, W. R.: Germany. In: Ders. (Hg.): European Demo­graphy and Economic Growth. London 1979,

  1. 149-160; Ders.: The Me­chanism of Mortality Change in Germany, 1750-1850. In: Medizinhisto­risches Journal, 15 (1980), S. 244-268.

Bezüglich der Pockenschutzimpfung vgl. Huerkamp, C.: The History of Smallpox Vaccination in Germany: A First Step in the Medicalization of the General Public. In: Journal of Contemporary History, 20 (1985),

  1. 617-635. Hier fehlt eine Darstellung des Gewichts der Pocken als Todesursache vor und nach der Einführung der Impfung. Entsprechend wirkt die Behauptung, die Pockenschutzimpfung habe einen positiven Einfluss auf den Sterblichkeitsrückgang gehabt, unge­nügend begründet. Die notwendige statistische Grundlage liefert da­gegen Mercer, primär für England, aber auch unter Einbeziehung deut­scher Daten. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Einführung der Pockenschutz-Impfung ganz maßgeblich zur Senkung der Durchschnitts­sterblichkeit seit Beginn des 19. Jahrhunderts beigetragen habe, und zwar in Deutschland im Umfang eines Rückgangs der Sterblichkeit um ca. 5 Promille. Vgl. Mercer, A. J.: Smallpox and Epidemiological-Demographic Change in Europe: The Role of Vaccination. In: Population Studies, 39 (1985), 2, S. 303 u. 306ff.

Skeptisch bezüglich der behaupteten Wirkung der Pockenschutz­impfung auf die Durchschnittssterblichkeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist z. B. Brügelmann, und zwar wegen der von ihm nachgewiesenen Schwierigkeiten, die Pockenschutzimpfung als Neuerung in der einfachen Bevölkerung zu popularisieren, und mit Verweis auf das multifaktorielle Krankheitsgeschehen. Der die Sterblichkeit sen­kende Effekt der Pockenreduktion wurde durch ein Vordringen der gastro-intestinalen Infekte kompensiert. Vgl. Brügelmann, J.: Medi­kalisierung von Säuglings- und Erwachsenenalter in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgrund von medizinischen Topographien. In: Imhof, A. E. (Hg.): Leib und Leben in der Geschichte der Neu­zeit. Berlin 1983, bes. S. 183ff.; ebenso Imhof, A. E.: From the Old Mortality Pattern to the New: Implications of a Radical Change from the Sixteenth to the Twentieth Century. In: Bulletin of the History of Medicine, 59 (1985), 1, S. 4.

Die Effizienz der übrigen seucheneindämmenden medizinalpoliti­schen Maßnahmen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts schätzt Evans in seiner neuesten seuchenhistorischen Monographie gering ein, vgl. Evans, R. J.: Death in Hamburg. Society and Politics in the Cholera Years 1830-1910. Oxford 1987, passim. Hier nimmt Riley eine originelle, wahrscheinlich etwas überzogene Gegenposition ein, der den Be­strebungen zur Umwelthygiene und besonders zur Eindämmung der Mias­men seit dem späten 18. Jahrhundert (Kanalisierung, Zirkulation von Wasser in Zisternen , Trockenlegung von Sümpfen und anderen Feucht­gebieten, Straßenreinigung, Verwendung von Schwefelstäbchen gegen Insekten im Haus, Reform des Beerdigungswesens etc.) eine indirekte große Bedeutung für die Sterblichkeitsrückgänge beimisst. Dadurch wurden die als Krankheitsüberträger fungierenden Insekten dezimiert. Vgl. Riley, J. C.: Insects and the European Mortality Decline. In: American Historical Review, 91 (1986), S. 833-853.

[9] Vgl. als wichtigstes Beispiel für Deutschland Imhof, A. E.: Die gewonnenen Jahre. Von der Zunahme unserer Lebensspanne seit dreihundert Jahren. (…) München 1981.

[10] Vgl. die Kritik bei Riley, J. C.: Disease without Death: New Sources for a History of Sickness. In: Journal of Interdisciplinary History, 17 (1987), S. 538f.

[11] Vgl. auch die Überlegungen zu angemessenen Gesundheitsindi­katoren bei Spree: Soziale Ungleichheit,

  1. 22-29.

[12] Vgl. Schipperges, H.: Homo Patiens. Zur Geschichte des kran­ken Menschen. München u. Zürich 1985,

  1. 291ff.

[13] Vgl. die zusammenfassenden Bemerkungen zur langfristigen Entwicklung des Krankheits- bzw. des Todesursachen-Spektrums bei Im­hof: From the Old Mortality Pattern. Zu den Veränderungen im späten 19. Jahrhundert im Detail Spree, R.: Veränderungen des To­desursachen-Panoramas und sozio-ökonomischer Wandel – Eine Fallstu­die zum „Epidemiologischen Übergang“. In: Gäfgen, G. (Hg.): Ökonomie des Gesundheitswesens. Berlin 1986, S. 73-100.

[14] Vgl. Conze, W.: Sozialgeschichte 1800-1850. In: Zorn, W. (Hg.): Handbuch der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Bd. 2, Stuttgart 1976, S. 454f.

[15] Frevert, U.: Krankheit als politisches Problem 1770-1880. Soziale Unterschichten in Preußen zwischen medizinischer Polizei und staatlicher Sozialversicherung. Göttingen 1984, S. 126.

[16] Vgl. Imhof: Die gewonnenen Jahre, bes. S. 80, 164ff., 199ff. Sein Belegmaterial bezieht sich auf Berlin und einige nordhessische Dörfer (Schwalm).

[17] Vgl. Wehler, H.-U.: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 2, München 1987, S. 21-24.

[18] Rürup, R.: Deutschland im 19. Jahrhundert 1815-1871. Göttin­gen 1984, S. 22-29, das Zitat S. 29.

[19] Vgl. u. a. Schmid, J.: Einführung in die Bevölkerungssoziolo­gie. Reinbek b. Hamburg 1976, S. 277-292; auf S. 282 die illustrie­rende Standard-Graphik. Speziell zur deutschen Entwicklung Mar­schalck, P.: Bevölkerungsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 1984, S. 122-127.

[20] Vgl. Omran, A. R.: The Epidemiologic Transition. A Theory of the Epidemiology of Population Change. In: Milbank Memorial Fund Quarterly, 49 (1971), S. 509-538; Ders.: Epidemiologic Transition in the Uni­ted States. The Health Factor in Population Change. In: Population Bulletin, 32 (1977), S. 1-42.

[21] Vgl. Flinn, M.: The Stabilisation of Mortality in Pre-indu­strial Western Europe. In: Journal of European Economic History, 3 (1974), S. 285-318; Ders.: The European Demographic System 1500-1820. Brighton 1981, bes. S. 62, 95ff., 101; Kunitz, S. J.: Speculations on the European Mortality Decline. In: Economic History Review, Sec. Ser., 36 (1983), S. 349-363.

[22] Vgl. Imhof: Die gewonnenen Jahre, S. 198-212; Rothenbacher, F.: Zur Entwicklung der Gesundheitsverhältnisse in Deutschland seit der Industrialisierung. In: Wiegand, E., u. Zapf, W. (Hg.): Wandel der Lebensbedingungen in Deutschland. Wohl­fahrtsentwicklung seit der Industrialisierung. Frankfurt/M. u. New York 1982, S. 356-363.

[23] Imhof datiert den Beginn der Phase 2 widersprüchlich: Einer­seits spricht er davon, dass die Phase 1 in Deutschland bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gedauert habe; dabei verweist er als Kriterium auf die Entwicklung der durchschnittlichen Lebenser­wartung. Vgl. Imhof: Die gewonnenen Jahre, S. 199. Ande­rerseits liest er aus den vitalstatistischen Daten für Berlin ab, dass seit den 1820er Jahren eine merkliche Verstetigung des Bevölke­rungswachstums stattgefunden habe und das „Zeitalter der offenen Be­völkerungskrisen“ durch das der verdeckten abgelöst worden sei. Das könne als Hinweis auf das Ende des „Zeitalters der Seuchen und Hun­gersnöte“ (nach Omran), also als Ende der Phase 1 des Epidemiologi­schen Übergangs, interpretiert werden. Vgl. ebenda, S. 202. Rothen­bacher wiederum setzt den Beginn der Phase 2 mit den 1870er Jahren an – unter Hinweis auf den stattgefundenen Wandel des Todesursachen-Spektrums. Vgl. Rothenbacher: Zur Entwicklung, S. 361.

[24] Der Verfasser hat bereits an anderer Stelle versuchsweise den Beginn der Phase 2 auf die 1820er/30er Jahre datiert. Als Krite­rium dienten die von Imhof erwähnte Verstetigung der durchschnittli­chen Sterblichkeit und die stattgefundenen Veränderungen des To­desursachen-Spektrums (Ausbleiben der großen Seuchen im überregiona­len Maßstab; Wandel der altersunspezifischen Human-Crowd Diseases zu Kinderkrankheiten; Einsetzen des trendmäßigen Rückgangs der Sterb­lichkeit an bestimmten Infektionskrankheiten, bes. Pocken, Typhus und Tuberkulose). Vgl. Spree: Veränderungen, S. 78.

[25] Vgl. dazu auch – mit Rückgriff auf Chaunu – Flinn: The Euro­pean Demographic System, S. 94f.

[26] Der Variationskoeffizient als Quotient aus Standardabwei­chung und arithmetischem Mittel (in v. H.) misst die Schwankungsin­tensität einer Zeitreihe im Mittel.

[27] Vgl. zu diesem Vorgehen u. a. Mercer: Smallpox, S. 288ff.

[28] Vgl. bes. Kraus, A.: Quellen zur Bevölkerungsgeschichte Deutschlands 1815-1875. Boppard 1980.

[29] Vgl. die Zusammenfassung des Forschungsstands bei Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2,

  1. 281-296. Zum Prozess und zur Bedeutung der Proletarisierung Tilly, Ch.: Proletarianization: Theory and Research. In: Ders.: As Sociology Meets History. New York usw. 1981, S. 179-189.

[30] Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, S. 285.

[31] Vgl. Gömmel, R.: Realeinkommen in Deutschland. Ein interna­tionaler Vergleich (1810-1914). Nürnberg 1979,

  1. 9 u. 12 (Vorträge zur Wirtschaftsgeschichte, H. 4).

[32] Von 1820-1850 wuchs die Arbeitsproduktivität in der Land­wirtschaft um rd. 60%, die deutsche Bevölkerung dagegen nur um rd. 35%. Vgl. Helling, G.: Zur Entwicklung der Produktivität in der deutschen Landwirtschaft im 19. Jahrhundert. In: Jahrbuch für Wirt­schaftsgeschichte, (1966/ 1), S. 134 u. 140. Die Bevölkerungsdaten u. a. bei Hoffmann, W. G., u. a.: Das Wachstum der deutschen Wirt­schaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Berlin usw. 1965, S. 172f. Zur These des Ökonomisierungsprozesses vor allem Borchardt, K.: Die Industrielle Revolution in Deutschland. München 1972, S. 37f.

[33] Vgl. dazu Borchardt, K.: Zur Frage des Kapitalmangels in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, 173 (1961), S. 401-421.

[34] Vgl. Tilly, R.: Capital Formation in Germany in the Nine­teenth Century. In: Cambridge Economic History of Europe, Bd. 7, T. 1, Cambridge 1978, S. 382-441.

[35] Vgl. Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, S. 288.

[36] Kennziffern, mit denen im Folgenden argumentiert wird, sind: die durchschnittliche Sterblichkeit (bzw. da, wo keine echten Sterb­lichkeitsziffern aufgrund fehlender Bevölkerungsdaten berechnet wer­den können, der oben definierte Sterblichkeitsindikator); der lineare Trend sowie der Variationskoeffizient der Sterblichkeit.

[37] Die Berechnungen für die Teilperiode 1740-1780 beziehen sich auf folgende Orte: 8 Kirchspiele aus der nordwestdeutschen Küstenre­gion; das Kirchspiel Spenge bei Bielefeld; das Dorf Rudow bei Ber­lin; die südwest- bzw. süddeutschen Städte Hanau, Lenggries, Memmingen und Pforzheim. Die Grunddaten wurden folgenden Quellen entnommen: Ehr­hart, G. v.: Physisch-medicinische Topographie der Königlich Baie­rischen Stadt Memmingen im Illerkreis. Memmingen 1813; Kopp, J. H.: Topographie der Stadt Hanau in Beziehung auf den Gesundheits- und Krankheitszustand der Einwohner. Frankfurt/M. 1807; Lorenzen-Schmidt, K.-J.: Ländliche Familienstrukturen in der nordwestdeut­schen Küstenregion 1750-1870. Engelbrechtsche Wildnis 1987; Meyer, W.: Untersuchungen über die Mortalität in der evangelischen Kirchen­gemeinde Rudow von 1681 bis 1929. Med. Diss. Freie Universität Ber­lin 1981; Roller, J. C.: Erster Versuch einer Beschreibung der Stadt Pforzheim mit besonderer Beziehung auf das Wohl seiner Bewohner. Heidelberg 1812; Scherer, W.: Medizinhistorische Demographie der Pfarrei Lenggries für den Zeitraum von 1620-1900. Med. Diss. Techni­sche Universität München 1980; Peter, H.-W.: Die Bevölkerungsent­wicklung in einer protoindustriellen Region: Kirchspiel Spenge 1768/69-1868. Universität Bielefeld 1983 (unveröff. Staatsexamensar­beit).

[38] In der 2. Teilperiode wurden zusätzlich echte Sterblich­keitsziffern berechnet für Schleswig-Holstein, die Grafschaft Lippe und das württembergische Dorf Laichingen. Die Grunddaten wurden fol­genden Quellen entnommen: Bulst, N., u. Hoock, J.: Bevölkerungsent­wicklung und Aktivitätsstruktur als statistisches und polizeiliches Problem in der Grafschaft Lippe in der zweiten Hälfte des 18. Jahr­hunderts. In: Bulst, N., u. a. (Hg.): Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft (…). Trier 1983; Gudme, A. C.: Die Bevölkerung der beiden Herzogthümer Schleswig und Holstein in früheren und späteren Zeiten. Altona 1819; Ders.: Schleswig-Holstein. Eine statistisch-geogra­phisch-topographische Darstellung dieser Herzogthümer, nach gedruck­ten und ungedruckten Quellen. Bd. 1, Kiel 1833; Helwig, A.: Beiträge zur Mortalitäts-Statistik der Stadt Mainz von Anfang dieses Jahrhun­derts bis incl. 1872. Mainz 1873; Kraus: Quellen. Die Daten für Laichingen (Schwäb. Alb) wurden dem Verf. von Hans Medick überlassen, dem an dieser Stelle dafür herzlich gedankt sei. Sie entstammen der von ihm durchgeführten und bisher unveröffentlichten Familien-Rekonstitutionsstudie über Laichingen von 1654-1858.

[39] Die Trendberechnungen erfolgten für das Königreich Preußen und seine Provinzen, das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin, die Königreiche Sachsen, Württemberg und Bayern sowie das Großherzogtum Baden. Alle Grundda­ten aus Kraus: Quellen.

[40] Der Sterblichkeitstrend der Provinz Westfalen ist mit dem der Rheinprovinz fast identisch und wurde deshalb in Schaubild 2 nicht mit aufgenommen.

[41] Für Europa generell behauptet dies auch Flinn: The European Demographic System, S. 91, 95, 101. Bezüglich der deut­schen Entwicklung konstatiert Robert Lee, dessen klares Statement al­lerdings nicht sehr überzeugend abgesichert wirkt: „The fall in mor­tality in the 18th and 19th centuries, together with the gradual disappearance of the traditional mortality crises effectively laid the basis for the modern growth in total population as a whole. Furthermore there is every indication that this process was equally evident in the case of Germany“. Lee: The Mechanism, S. 244.

[42] Diese Folgerung wird durch weitere Befunde gestützt. Z. B. hat Shorter festgestellt, dass das Alter der ersten Menarche in Frankreich während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgrund verbesserter Ernährungsverhältnisse durchschnittlich gesunken ist. Das dürfte auf Deutschland übertragbar sein. Vgl. Shorter, E.: L’age des premières règles en France, 1750-1950. In: Annales ESC, 36 (1981), S. 495-511. Knodel wiederum vermutet, dass sich der Gesundheitszustand von Müt­tern durchschnittlich gebessert hat. Dabei stützt er sich vor allem auf sinkende Raten vorgeburtlicher Sterblichkeit. Vgl. Knodel, J. E.: Demographic Behavior in the Past. A study of fourteen German village populations in the eighteenth and nineteenth centuries. Cam­bridge usw. 1988, S. 280f. Schließlich meint Flinn, dass die Instabi­lität der Sterblichkeit im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert ab­nahm und ihr Fall einsetzte, weil sich Häufigkeit und letale Auswir­kungen von Kriegen und Hungersnöten verringerten, während gleichzei­tig die Epidemien „handhabbarer“ wurden. Mit dem letzten Argument wird auf das Ausbleiben der Pest und auf die Pockenschutzimpfungen verwiesen. Die Ernährungsverbesserungen führt er auf die Intensivie­rung der Agrarproduktion und die Verbreitung neuer Früchte, vor allem auf den Kartoffel- und den Maisanbau, zurück. Vgl. Flinn: The Stabilization, S. 302, 309ff. u. 316ff.

[43] Vgl. Anderson: Age-specific Mortality, S. 250.

[44] Vgl. Lee: Germany, S. 156, und das Belegmaterial auf S. 188. Wehler stützt sich bei seiner oben zitierten gleichlau­tenden Aussage offenbar auf Lee; vgl. Wehler: Deutsche Gesell­schaftsgeschichte, Bd. 2, S. 23.

[45] Tabelle 5 im Anhang basiert auf folgenden Quellen:

Dieterici, W.: Die Statistischen Tabellen des Preußischen Staats nach der amtlichen Aufnahme des Jahres 1843. Berlin 1845. Ders.: Die Bevölkerung des Preußischen Staats nach der amtlichen Aufnahme des Jahres 1846. Berlin 1848. Ders.: Über die Vertheilung der Bevölkerung nach dem Geschlecht und Alter im Preußischen Staate. In: Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Ber­lin. Berlin 1848. Ders.: Handbuch der Statistik des preußischen Staats. Berlin 1861. Engel, E.: Das Anwachsen der Bevölkerung im Preußischen Staate seit 1816; Ders.: Die Sterblichkeit und die Lebenserwartung im preußischen Staate und besonders in Berlin. In: Zeitschrift des Königlich Preußischen Statistischen Bureaus, 1 (1861), S. 9-31 und

  1. 321-353. Hoffmann, J. G.: Übersicht der Bodenfläche und Bevölkerung des preußischen Staats. Aus den für das Jahr 1817 amtlich eingezogenen Nachrichten. 2. unveränderter Abdruck, Berlin 1819. Ders.: Die Bevölkerung des Preußischen Staats nach dem Ergebnisse der zu Ende des Jahres 1837 amtlich aufgenommenen Nach-richten in staatswirthschaftlicher, gewerblicher und sittlicher Beziehung. Berlin 1839. Ders.: Darstellung der Bevölkerungs-, Geburts-, Ehe- und Sterblichkeitsverhältnisse, welche im preußischen Staate in den 15 Jahren 1820 bis mit 1834 bestanden (…). In: Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin. 1843. Jahrbuch für die amtliche Statistik des Preußischen Staats, 1 (1863). Mittheilungen des statistischen Bureau’s in Berlin, hg. von Dieterici, 14 (1858) (= Übersicht des Ergebnisses der Volkszählung im Preußischen Staate im December des verflossenen Jahres 1858), S. 209-214. Preußische Statistik, hg. vom Königlichen Statistischen Bureau in Berlin. Bde. V, X, XVI, XVII, XXIX u. XLIIIa, Berlin 1864, 1867, 1869, 1870, 1874 u. 1879. Tabellen und amtliche Nachrichten über den Preußischen Staat für das Jahr 1849, hg. von dem statistischen Bureau zu Berlin. 1 und 2, Berlin 1851; (…) für das Jahr 1852, Berlin 1855; (…) für das Jahr 1855, Berlin 1858; (…) für das Jahr 1858, Berlin 1860. Zedlitz, L. Frh. v.: Die Staatskräfte der preußischen Monarchie unter Friedrich Wilhelm III. Berlin 1828. Zeitschrift des Königlich Preußischen Statistischen Bureaus, 2 (1862).

[46] Vgl. die Quellen in Fn. 45.

[47] Diese Ergebnisse stehen in einem gewissen Kontrast zu der These Shorters, dass Frauen zwischen 5 und 30 bzw. 40 Jahren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts typischerweise eine höhere Sterb­lichkeit als Männer aufgewiesen hätten. Allerdings streuen Shorters statistische Belege regional stark und beziehen sich auf unter­schiedlich abgegrenzte Altersklassen, sind also mit den hier präsen­tierten nur bedingt vergleichbar. Vgl. Shorter, E.: A History of Women’s Bodies. New York 1982, S. 228-231.

[48] Eine längerfristig sinkende Tendenz, die sich nicht nur auf den Vergleich des letzten mit dem vorletzten Wert der Zeitreihe be­zieht, wird durch das Zeichen – und die Angabe des Jahres mit dem betreffenden vorangegangenen Sterblichkeitsmaximum (in Klammern) ge­kennzeichnet; 0 = keine Tendenz; + = Tendenz steigend.

[49] Vgl. die Originalziffern in den Tabellen 7-10 im Anhang.

[50] Vgl. Knodel: Demographic Behavior, bes. S. 59.

[51] Vgl. Knodel, J.: Demographic Transitions in German Villages. In: Coale, A. J., u. Watkins, S. C. (Hg.): The Decline of Fertility in Europe. Princeton 1986, S. 347.

[52] Imhof: Die gewonnenen Jahre, S. 80. Die genauen Werte sind nicht angegeben; Imhof stellt sie nur graphisch dar.

[53] Vgl. z. B. den soliden, wenn auch allzu knappen Erklärungsan­satz, der ganz auf die Häufigkeit des Stillens oder Nicht-Stillens abstellt, bei Knodel: Demographic Behavior, passim, bes. S. 52 f. Die notwendige Ergänzung (Arbeitsbedingungen/ -belastungen der Mütter) liefert zusammengefasst Lee, W. R.: The Impact of Agra­rian Change on Women’s Work and Child Care in Early-Nineteenth-Cen­tury Prussia. In: Fout, J. C. (Hg.): German Women in the Nineteenth Century. A Social History. New York u. London 1984, S. 234-255; Ders.: Primary Sector Output and Mortality Changes in Early XIXth Century Bavaria. In: Journal of Economic History, 6 (1977), S. 133-162. Phantasievolle Ausweitung dieser Ansätze durch Betonung der un­terschiedlichen Mentalitäten in der Bevölkerung infolge von Kriegs­einwirkungen bei Imhof, A. E.: Unterschiedliche Säuglingssterblich­keit in Deutschland, 18. bis 20. Jahrhundert – Warum? In: Zeit­schrift für Bevölkerungswissenschaft, 7 (1981), S. 343-382. Von Im­hof inspiriert, dann aber weitgehend nur noch spekulativ Ottmüller, U.: Speikinder – Gedeihkinder. Kommunikationstheoretische Überlegun­gen zu Gestalt und Funktion frühkindlicher Sozialisation im bäuerli­chen Lebenszusammenhang (…). Phil. Diss. Freie Universität Berlin 1986. Bei Ottmüller hat die unterschiedliche regionale Betroffenheit durch Kriege in der Vergangenheit schließlich zu mehr oder weniger latenter Männerfeindschaft bei den in diesen Regionen (oft erst Ge­nerationen später) lebenden Frauen und zu daraus resultierender Am­bivalenz gegenüber dem Leben der Kinder geführt.

[54] Wg. der Grippe-Hypothese vgl. Köllmann, W.: Bevölkerungsge­schichte 1800-1970. In: Zorn (Hg.):  Handbuch, Bd. 2, S. 11f.

[55] Vgl. dazu allgemein Kunitz: Speculations, S. 352. Daten bei Imhof: From the Old Mortality Pattern, S. 5.

[56] Vgl. Kunitz: Speculations, S. 354f.

[57] Beispielhaft für die hier in Frage gestellte Sichtweise vor allem Kuczynski, J.: Darstellung der Lage der Arbeiter in Deutsch­land von 1789 bis 1849. Berlin 1961, S. 317-351. In diesem Sinne aber auch noch die neuere einschlägige Darstellung von Frevert: Krankheit, S. 116-148. Allgemeiner Fischer, W.: Armut in der Geschichte. Göttingen 1982, S. 56-82.

[58] Vgl. zur Fassung dieser Zusammenhänge in drei „Modellen“ vor allem Hohorst, G.: Von der Agrargesellschaft zum Industriekapitalis­mus: Der Kernprozess der „demographischen Transition“ in Deutschland. In: Bade, K. J. (Hg.): Auswanderer, Wanderarbeiter, Gastarbeiter. Ostfildern 1984. In eine regionale Fallstudie eingebunden Ders.: Protoindustrialisierung im Übergang zum industriellen Kapitalismus: Die demoökonomische Entwicklung im Kreis Hagen und seinen Amtsbezirken 1817-1863. In: Scripta Mercaturae, 16 (1982), S. 110-138.

[59] Vgl. die einschlägige Literatur, bes. die Beiträge von Me­dick zu dem Band Kriedte, P., u. a.: Industrialisierung vor der Indu­strialisierung. Göttingen 1977, S. 90-193; Clarkson, L. A.: Proto-Industrialization. The First Phase of Industrialization? London 1985; Hohorst: Protoindustrialisierung; Ders.: Von der Agrargesellschaft.

[60] Imhof: Unterschiedliche Säuglingssterblichkeit, S. 369ff.

[61] Die folgenden Ausführungen stützen sich auf Gehrmann, R.: Leezen 1720-1870. Ein historisch-demographischer Beitrag zur Sozial­geschichte des ländlichen Schleswig-Holstein. Neumünster 1984, bes.

  1. 80ff. (Vitalstatistik), 131ff. (Säuglingssterblichkeit), 222ff. (Fruchtbarkeit).

[62] Vgl. Gehrmann: Leezen, S. 80. Die Daten für 1767/71 aufgrund einer schriftlichen Mitteilung des Verfassers v. 21. 1. 1988.

[63] Vgl. Gehrmann: Leezen, S. 95f.

[64]   Nach Gehrmann: Leezen, S. 93.

[65] Vgl. Gehrmann: Leezen, S. 95.

[66] Vgl. dazu bes. Imhof: Unterschiedliche Säuglingssterblich­keit; Lee: The Impact; Ders.: Primary Sector Output.

[67]   Vgl. Gehrmann: Leezen, S. 28-54, 162-171.

[68]   Vgl. Gehrmann: Leezen, S. 115-124.

[69] Das bedeutet einen Verlust der strukturell vermittelten sozialen Kontrolle. In­dikator: Sinken der Geburtlichkeit seit den späten 1840er Jahren, und zwar gemäß der „Aufwuchshypothese“, die Gehrmann für angemessen hält. Vgl. Gehrmann: Leezen, S. 233f., 259f., 300f.

[70] Die Ausführungen folgen der unveröff. Staatsexamensarbeit von Peter: Die Bevölkerungsentwicklung, und den teilweise darauf aufbauenden Aufsätzen von Mager, W.: Spenge vom frühen 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. In: Ders. (Hg.): Ge­schichte der Stadt Spenge. Spenge 1984, S. 93-161; Ebeling, D., u. Klein, P.: Das soziale und demographische System der Ravensberger Protoindustrialisierung. In: Hinrichs, E., u. Zon, H. van (Hg.): Be­völkerungsgeschichte im Vergleich: Studien zu den Niederlanden und Nordwestdeutschland. Aurich 1988, S. 27-48.

[71] Mager: Spenge, S. 104ff.

[72] Vgl. Mager: Spenge, S. 110.

[73] Vgl. Ebeling u. Klein: Das soziale und demographische Sy­stem, S. 34.

[74] Vgl. die Daten bei Peter: Die Bevölkerungsentwicklung, S. 74.

[75] In diese Richtung gehen auch die vergleichenden Interpreta­tionen des Materials bei Ebeling u. Klein: Das soziale und demogra­phische System, passim, und die dort zitierte Literatur.

[76] Vgl. das Material bei Kull: Beiträge zur Statistik der Be­völkerung des Königreichs Württemberg. In: Württembergische Jahrbücher für Statistik und Landeskunde (1874), T. 1, S. 143-150.

 

 

 

Gesundheit und Gesundheitswesen in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts

Gesundheit und Gesundheitswesen in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts[1]

Einleitung

Das Gesundheitswesen ist eine begriffliche Zusammenfassung verschiedener Institutionen, Personengruppen und Einzelakteure, die sich auf je unterschiedliche Weise um die Phänomene Gesundheit/ Krankheit bemühen. Gelegentlich arbeiten sie aufeinander bezogen und untereinander abgestimmt, oft aber auch völlig unkoordiniert und sogar gelegentlich gegeneinander. Von einem umfassenden System kann zweifellos nicht gesprochen werden. Jens Alber führt die Unübersichtlichkeit in seiner die Geschichte, Strukturen und Funktionsweise des bundesdeutschen Gesundheitswesen analysierenden Studie auf „die höchst komplexe und meist nur wenigen Experten geläufige Vielfachsteuerung“[2] zurück. Meist wird aus der Not eine Tugend gemacht und eine Aufzählung als Definition eingeführt: „Das Gesundheitswesen eines Staates umfasst sämtliche Regelungen, Maßnahmen, Sachmittel, Einrichtungen, Berufe und Personen, die das Ziel verfolgen, die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern, zu erhalten, herzustellen oder wiederherzustellen. Das Gesundheitswesen im weiteren Sinne umfasst demzufolge sämtliche sowohl öffentlichen wie privaten als auch professionellen wie laienweltlichen Aktivitäten, die auf Gesundheit gerichtet sind.“[3] D. h., um den Eindruck einer Zusammengehörigkeit der disparaten Elemente des Gesundheitswesen zu erzeugen, stellt die Definition auf die Zielsetzung dieser Elemente ab. Mehr von diesem Beitrag lesen

Seuchen in historischer Perspektive: Wissen – Moral – Politik

Dies ist mein Beitrag zur internationalen wissenschaftlichen Arbeitstagung „Epidemics and Pandemics in Historical Perspective“, 27. – 29. 10. 2011, im Institut für Geschichte der Medizin der Universität Düsseldorf. Veröffentlicht in: Vögele, J., u. a. (Hg.): Epidemien und Pandemien in historischer Perspektive. Epidemics and Pandemics in Historical Perspective. Wiesbaden 2016, S. 221-234.

 Während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts begann „der moderne Siegeszug der Naturwissenschaften über die Infektionskrankheiten und Seuchen“ (Diepgen). Mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit wurden die Erfolge bei dem „heroischen Kampf gegen die Volkskrankheiten“ im Spiegel der wöchentlich publizierten Sterblichkeitsstatistiken des 1876 gegründeten Kaiserlichen Gesundheitsamts verfolgt. Die innerhalb weniger Jahrzehnte anfallenden, bahnbrechenden Erkenntnisse der Bakteriologie und die um die Jahrhundertwende sich ausbildende Sozialhygiene stellten die Seuchenbekämpfung auf eine dem Augenschein nach strikt wissenschaftliche Basis. Damit erreichte das seit Beginn der Neuzeit sichtbare Bemühen der von Ärzten beratenen Obrigkeit um eine rational begründete Politik gegen die Seuchen und Epidemien einen Höhepunkt.

Auffällig ist allerdings, dass die Kenntnis der Ursachen und Verbreitungswege von Seuchen bis in die Gegenwart immer wieder deren faktischem Auftreten oft erheblich hinterher hinkt. Entsprechend gehen die Konzepte und Kampagnen zur Bekämpfung von Seuchen häufig von relativ vagen epidemiologischen Vermutungen aus und verfolgen über die Seuchenbekämpfung hinausgehende, meist rhetorisch verdeckte Ziele. Dies soll mit Beispielen aus der Zeit der Choleraepidemie von 1892 und mit einigen Verweisen auf die AIDS-Bekämpfung während der 1980er und 1990er Jahre illustriert werden. Abschließend einige kritische Bemerkungen zur Politik mit Seuchen. Mehr von diesem Beitrag lesen

Der Industrie-Pionier und Finanzier Theodor von Cramer-Klett

Der Industrie-Pionier und Finanzier Theodor von Cramer-Klett

 

Vorwort

Freiherr Theodor von Cramer-Klett (geb. 1817, gest. 1884) war einer der führenden Pioniere der Industrialisierung in Bayern und zugleich ein bedeutender Finanzier. Zwei der mit seiner Hilfe begründeten Unternehmen existieren nicht nur heute noch, sondern gehören als DAX-Unternehmen zu den größten der BRD, die MAN und die Munich Re. Andere spielen ebenfalls weiterhin eine wichtige Rolle im deutschen Finanzleben, z. B. die Privatbank Merck, Finck & Co., die 1990 an die Barcleys Bank verkauft und 1999 wiederum von der Kredietbank S.A. Luxembourgeoise (KBL) übernommen wurde, aber immer noch mit mehreren Filialen existiert.[1] Dennoch wird Cramer-Klett in der wirtschaftshistorischen bzw. unternehmensgeschichtlichen Literatur meist nur am Rande erwähnt, i. d. R., wenn es um eines seiner Unternehmen geht.[2] Zwar gibt es einige Skizzen in biographischen Handbüchern[3] sowie in regionalgeschichtlichen Werken[4] und im Internet einen WIKIPEDIA-Artikel.[5] Allerdings existiert bis heute nur eine alte, wegen ihrer Auswertung inzwischen teilweise nicht mehr zugänglicher Quellen jedoch unverzichtbare Biographie dieses Mannes, die 1922 als wirtschaftshistorische Dissertation  veröffentlicht wurde.[6]

Da ich mich im Zuge der Recherchen zu dem Juristen Hermann Pemsel, dem langjährigem Generalbevollmächtigten und Vertrauten Cramer-Kletts, ausgiebig mit letzterem beschäftigen musste, erscheint mir die verfügbare Informationsbasis zu diesem herausragenden Unternehmer unzulänglich, vor allem sehr verstreut, unvollständig und teilweise verzerrt. Deshalb habe ich den folgenden knappen Abriss seines Lebens und Werks verfasst, der die vorliegende einschlägige Literatur zusammenfasst und an einigen Punkten um eigene Archivstudien ergänzt. Dabei handelt es sich zum größten Teil um eine überarbeitete Version einiger Kapitel aus meiner Biographie Hermann Pemsels.[7] Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Industrialisierung (Industrielle Revolution) Deutschlands im 19. Jahrhundert

(Überarbeitete Version eines Kapitels aus meiner Biographie von Karl Wilhelm Hermann Pemsel = R. Spree: Eine bürgerliche Karriere im deutschen Kaiserreich. Der Aufstieg des Advokaten Dr. jur. Hermann Ritter von Pemsel in Wirtschaftselite und Adel Bayerns. Aachen 2007, S. 11-35)

Schon lange hatte sich die Industrialisierung als der größte Veränderungsmotor in der Geschichte der letzten Jahrtausende vorbereitet, ohne in Deutschland den Durchbruch zu erreichen.Das ist einer der Gründe dafür, in der neueren Wirtschaftsgeschichtsschreibung nicht mehr den älteren Begriff der Industriellen Revolution zu gebrauchen. Zwar empfanden die Zeitgenossen viele Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die sich während des evolutionären Prozesses der Industrialisierung ereigneten, als so umstürzend neu, dass sie als revolutionär wahrgenommen wurden. Doch erkennt der Historiker die oft Jahrzehnte, gelegentlich gar Jahrhunderte zurückreichenden Wurzeln und zögernden Anläufe. Zudem fanden die Veränderungen nicht in der Wirtschaft bzw. der Gesellschaft als Ganzer und gleichzeitig statt, vielmehr zunächst in einzelnen Branchen und oft weit auseinander liegenden Regionen, von denen aus sie sich allmählich mal schneller, mal langsamer ausbreiteten. Kennzeichnend für die Industrialisierung, egal wo sie stattfand und (mit Blick auf die Erde insgesamt) bis heute noch stattfindet, ist deshalb die Ungleichzeitigkeit und räumliche Disparität der Entwicklungen, die sich schließlich zum Durchbruch einer neuen Wirtschaftsweise ergänzen.[1] Dieser ereignete sich in Deutschland ab den 1840er Jahren – nachdem während der 1830er Jahre wichtige Voraussetzungen realisiert worden waren. Binnen weniger Jahrzehnte fand der Wandel vom Agrarstaat, der Deutschland im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts insgesamt, in weiten Teilen sogar noch bis ins späte 19. Jahrhundert hinein war, zum Industriestaat statt, der um die Wende zum 20. Jahrhunderts vorherrschte – ungeachtet einiger weiterhin agrarisch geprägter Regionen. Binnen einer Generation veränderte sich nicht nur die ökonomische Basis, vielmehr lebten, dachten, fühlten die meisten Deutschen um die Wende zum 20. Jahrhundert anders als noch um die Mitte, gar zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Alte Traditionen und Werte waren zerstört, zumindest in Frage gestellt worden, gänzlich neue Orientierungen und Mentalitäten setzten sich bei großen Teilen der Bevölkerung durch. Im Folgenden wird ein knapper und subjektiv pointierter Überblick über diesen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozess geboten. Mehr von diesem Beitrag lesen