Geschlechterverhältnis und bürgerliche Familie im 19. Jh.


(Überarbeitete Version eines Kapitels aus meiner Biographie des Advokaten Karl Wilhelm Hermann Pemsel[1])

Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern machten während des 19. Jahrhunderts eine tiefgreifende, folgenschwere Veränderung durch: Aus Frauen und Männern mit einem partnerschaftlichen Verhältnis bei jeweils eigenen, aber gleichwertigen und auch nicht prinzipiell fixierten Aufgabenbereichen im Haushalt wurde ein Unterordnungsverhältnis von biologisch dichotomisierten Wesen, in dem angeblich die Natur dem Manne eine grundsätzliche Dominanz der Frau zuwies. Die sich etablierende Vorstellung polarisierter Geschlechtscharaktere[2], die in der Familie komplementäre, aber nicht gleichwertige funktionelle Rollen übernehmen, war die ideologische Reaktion auf das (räumliche) Auseinandertreten von Berufs- und Erwerbssphäre auf der einen Seite, Haushalts- und Familiensphäre auf der anderen im Zuge von Industrialisierung und Verstädterung. Die von den Männern mit großem Aufwand und sehr erfolgreich betriebene soziale und rechtliche Abwertung der Frau traf zwar im späten 19. Jahrhundert auf erste Widerstände, die sich nach dem Ersten Weltkrieg verstärkten. In Deutschland wurde die allmähliche Emanzipation der Frauen aus den patriarchalischen Strukturen noch einmal durch die fundamentalistische Ideologie des Nationalsozialismus stark geschwächt. Aber auch in den anderen westlichen Industriestaaten kam sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg spürbar voran. Im Folgenden sollen die Dimensionen dieser Strukturen, um deren Abbau bis heute gerungen wird, ihre Herausbildung während des 19. Jahrhunderts und die Hintergründe ihrer Wirkungsmächtigkeit skizziert werden. Mehr von diesem Beitrag lesen