Plumpe: Wirtschaftskrisen

Werner Plumpe: Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart. (C. H. Beck, Wissen). Verlag C. H. Beck, München 2010, 128 S., (1 Abb.), 8,95 €.

 

 

Wirtschaftskrisen hatten bis zur Gegenwart für die sie durchlebenden oder durchleidenden Gesellschaften oft nahezu die umstürzende Gewalt von Kriegen oder großen Seuchenzügen. Allerdings mit dem gravierenden Unterschied, dass Wirtschaftskrisen, besonders ihre Ursachen und die Chancen der Bewältigung, im Laufe der letzten 200 Jahre höchst unterschiedlichen Deutungen und Verantwortungszuschreibungen unterlagen. Soweit das der extrem begrenzte Rahmen zuließ, hat sich Plumpe diesen Schwierigkeiten souverän gestellt, indem er einerseits deskriptiv Krisentypen und konkrete historische Wirtschaftskrisen der letzten 400 Jahre Revue passieren lässt, gleichzeitig aber immer wieder wichtige theoretische Deutungen und Kontroversen skizziert. Auch gesellschaftspolitische Implikationen und Interessenlagen werden fallweise berücksichtigt , was in Bezug auf die Wirtschaftskrisen des 20. Jahrhunderts (besonders Weltwirtschaftskrise 1929ff., S. 81-91, und Konjunkturzyklus 1966ff., S. 93-97) bis hin zu den ganz aktuellen Problemlagen (Börsen-Krise 2000f. und Finanz- bzw. Wirtschaftskrise 2007ff., S. 103-115) teilweise höchst interessante Interpretationen ermöglicht.

 

Wirtschaftskrisen werden erst ab dem 17. Jahrhundert behandelt, schwerpunktmäßig diejenigen in Europa und Nordamerika (S. 13f.). Faktisch unterbleiben methodologische Erörterungen ganz, die theoretischen setzen mit den Krisendarstellungen des 19. Jahrhunderts ein – beides erscheint angesichts der Platzprobleme vollauf gerechtfertigt. Plumpe unterstellt die Existenz von (unregelmäßigen) Konjunkturzyklen seit dem frühen 19. Jahrhundert, die den Hintergrund aller Krisen bis hin zu den aktuellen bilden. Den entsprechenden Krisenmechanismus skizziert er unter starker Betonung der Spekulation (S. 42-45). Hier und an anderer Stelle betont Plumpe die Notwendigkeit der Spekulation für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung; Krisen seien insofern unvermeidbar. Sie gelten ihm als Element der „schöpferischen Zerstörung“ und des Strukturwandels, die mit der Durchsetzung von tiefgreifenden Innovationen verbunden sind (nach Joseph Alois Schumpeter; u. a. S. 100, 106 u. 115f.). Krisenzyklen erscheinen als normale Bewegungsform der modernen Wirtschaft (u. a. S. 114 u. 118f.), denen man gelassener begegnen sollte.

 

Wie schon angedeutet, werden zahlreiche historische Wirtschaftskrisen, beginnend mit der Tulpenmanie der 1630er Jahre, mehr oder weniger ausführlich, den Stand der Literatur referierend, dargestellt. Hinsichtlich der Krisenzyklen der Periode seit dem Zweiten Weltkrieg bringt Plumpe stärker als zuvor seine eigene Sichtweise ins Spiel, wenn er z. B. die alternativen Interpretationen der Zyklen der 1970er und 1980er Jahre analysiert und den parallel stattfindenden problematischen Richtungswechsel der Wirtschaftswissenschaft aus zeitgenössischen ideologischen Wendungen erklärt (S. 98-101). Im Zusammenhang mit den aktuellen Währungs- und Zahlungsbilanzkrisen verdeutlicht Plumpe die verhängnisvolle Politik der US-Notenbank, die seit Ende der 1980er Jahre den Geldumlauf immer weiter aufblähte und damit die Bildung von spekulativen Blasen an den Börsen wie am Immobilienmarkt förderte (S. 102 u. 108).

 

Insgesamt halte ich das Buch für sehr informativ und aufgrund der mutigen Interpretationen für ausgesprochen anregend. Die deskriptiven Teile (Darstellung historischer Krisenverläufe) erscheinen zwar gelegentlich unbefriedigend, weil sie über die im Internet leicht verfügbaren Informationen kaum hinaus gehen. Doch ist das wohl dem Format der Publikationsreihe geschuldet.

 

Berlin, Januar 2011                                                                                                Reinhard Spree

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