Was ist und wozu dient Sozial- und Wirtschaftsgeschichte?

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Überarbeitete Version meiner Ansprache anlässlich der Verabschiedung aus der Volkswirtschaftlichen Fakultät der Universität München am 24. Jan 2007

Meine Biographie verlief erkennbar nicht sehr geradlinig; immer wieder spielten Zufälle eine große Rolle. Sie ermöglichten mir viele Umwege. Allerdings erscheinen sie mir überwiegend als Produktionsumwege (Eugen von Böhm-Bawerk), als produktive Umwege. Auf diese Weise habe ich in viele Disziplinen, ihren Betrieb, ihre Ergebnisse hineinschauen können, habe mir dabei vieles angeeignet und wurde bereichert. Dennoch fühlte ich mich in den meisten Umgebungen, in denen ich gearbeitet habe, doch als Grenzgänger. Diese Situation kann man einerseits positiv erfahren und werten: Marginalität als Anstoß für besondere Produktivität (Robert E. Park). Andererseits handelt es sich, wie die Praxis zeigt, um eine stets gefährdete Position:

„sitting on a fence is a dangerous course (…)
even the hero gets a bullet in the chest
once upon a time in the west”

[Dire Straits: Once upon a time in the west. Auf: Communiqué, 1979]

Die demnach ambivalente Marginalitätserfahrung ist typisch für die Disziplin Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Treffend z. B. der fragende Aufsatztitel von Knut Borchardt in der Festschrift für meinen Amtsvorgänger Wolfgang Zorn (1987): „Wirtschaftsgeschichte. Wirtschaftswissenschaftliches Kernfach, Orchideenfach, Mauerblümchen oder nichts von dem?“
Die geradezu demonstrative Ratlosigkeit bezog sich nur auf die Wirtschaftsgeschichte, wie viel mehr gilt sie für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte! Deshalb zum Abschied von diesem Fach, das die Volkswirtschaftliche Fakultät der Universität München im Interesse an der Konzentration auf das so genannte Kerngeschäft aufgegeben hat (etwas Besseres fällt ja auch vielen hoch gelobten Managern in unseren Großunternehmen nicht ein), hier einige Anmerkungen zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte: Was ist das? Was tut sie? Worin bestehen Probleme? Was sind die Leistungen bzw. Funktionen?

Was ist Sozial- und Wirtschaftsgeschichte?

Eine wissenschaftliche Disziplin kann nicht über ihre Gegenstände definiert werden, die hat sie typischerweise mit vielen anderen Disziplinen gemein. Eine Disziplin konstituiert sich vielmehr auf 4 Ebenen:
• eigenständiger Begriffsapparat
• spezifische Methoden
• ein Bestand an überprüftem und gesichertem Beobachtungswissen
• Konzepte (Theorien) zur Erklärung der untersuchten Phänomene

So gesehen, ergibt sich für die Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte ein Problem, da sie zwischen verschiedenen Bezugsdisziplinen steht. Sie bedient sich vor allem der Begriffe, Methoden und Theorien
• einerseits der Soziologie/ Sozialpsychologie
• andererseits der theoretischen Volkswirtschaftslehre und der empirischen Wirtschaftsforschung

Für bestimmte Gegenstandsbereiche benutzt sie aber auch Terminologie, Methoden und Theorien der
• Politischen Wissenschaft
• Medizin
• Naturwissenschaften
Methodisch orientiert sie sich darüber hinaus stark an den Geschichtswissenschaften (das betrifft vor allem Quellenkritik, Hermeneutik und die Rekonstruktion von Komplexität).

Wirtschafts- u. Sozialhistoriker sind, wie Knut Borchardt formulierte, Spezialisten für Komplexität [vgl. Spree, R.: Spezialist für Komplexität – Knut Borchardt im Gespräch. In: ifo-Studien, 38 (1992), S. 107-131].

Halten wir fest: genuine Konzepte/ Theorien und Methoden der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte gibt es nicht. Sie erhält demgegenüber ihre Spezifität als eigenständige Disziplin primär durch
• einen Bestand an gesichertem Beobachtungswissen
und durch
• unverzichtbare, geradezu konstitutive methodische und theoretische Interdisziplinarität

Was tut die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte?

Sozial- und Wirtschaftshistoriker wenden die Werkzeuge der modernen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an auf die systematische Analyse der historischen Prozesse gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung, auf die Strukturen, innerhalb derer diese Prozesse stattfinden und die durch sie verändert oder gar erst geschaffen werden.

Das erfordert vor allem ein Denken in soziologischen und/ oder ökonomischen Konzepten (Modellen).

Ziel ist, die Logik der Prozesse sozialen und ökonomischen Wandels zu rekonstruieren und zu erklären.

Wichtige Forschungsfelder der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte während der letzten Jahrzehnte (besonders in Deutschland) waren:

• Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft (Klassen- und Schichtbildung)
• Arbeiterbewegung und Arbeitergeschichte
• Industrialisierung (inklusive Frühindustrialisierung)
• Cliometrics = Quantitative Wirtschaftsgeschichte unter Berücksichtigung ökonomischer Theorien und ökonometrischer Methoden (hier speziell Forschungen zu Wachstum, Konjunkturen und Krisen der deutschen Wirtschaft, Lebensstandard und Körpergrößen)
• Hausindustrie (Proto-Industrialisierung)
• Bevölkerungsentwicklung (Historische Demographie versus Bevölkerungsgeschichte)
• Sozialgeschichte der Familie
• Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Bürgertums
• Sozialgeschichte der Medizin
• Unternehmensgeschichte
• Geschichte der Institutionen
• Geschichte der Sozialpolitik
• Geschichte der Wirtschaftspolitik (Staat und Wirtschaft)

Probleme

Es wurde und wird also eine große Vielfalt von Themengebieten bearbeitet; vielleicht ist das Spektrum zu groß und zu weit gefächert angesichts der kleinen Zahl von Fachvertretern im deutschsprachigen Raum. Oft scheint es, dass hier, besonders im Vergleich zum angelsächsischen Raum, die erforderliche kritische Masse fehlt, um größere Forschungsdebatten zu führen. Diese Situation fördert eher Nischenstrategien, eben: die Herausbildung marginaler Existenzen.

Dennoch sind auf allen genannten Feldern teilweise bedeutende, auch international beachtete Leistungen erbracht worden. Darauf kann an dieser Stelle nicht im Detail eingegangen werden.

Funktionen

Statt dessen möchte ich die Leistungen andeuten, indem ich die kritische Funktion der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte anspreche, die Knut Borchardt schon 1968 bei einer Tagung des Wirtschaftshistorischen Ausschusses des Vereins für Socialpolitik betonte. Hier einige wenige ausgewählte Beispiele:

1. In der BRD gibt es besondere Schwierigkeiten mit den notwendigen Wirtschafts- und Sozialreformen. Ökonomen meinen oft, das sei Folge schlechter Politik oder sogar Ausfluss eines Nationalcharakters. Jedoch machte erst vor kurzem der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl deutlich, dass wir es “mit dem langen Schatten des Dritten Reichs“ zu tun haben [Vgl. Ritschl, A.: Pfadabhängigkeiten bei der Entstehung der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung. In: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, 6 (2005), S. 151-170].

Eine Fülle von insbesondere den Wettbewerb ausschaltenden oder abmildernden Gesetzen stützte im Dritten Reich speziell den gewerblichen Mittelstand, z. B. der große Befähigungsnachweis im Handwerk, die duale Berufsausbildung, die Rabattverordnung, die Zugabeverordnung. Zahlreiche Regulierungen verdecken die Marktkräfte bzw. das Marktgeschehen, z. B. die zentralisierte Bankenaufsicht, die kontrollierte Energieversorgung, die Ausnahmebereiche des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen, die Organisation des Gesundheitswesens, die Stärkung des Korporatismus, u. v. a. mehr; all das ist Erbe der markt- und wettbewerbsfeindlichen, zugleich bestimmte Teile des so genannten alten Mittelstands (Handwerk, Bauern) hofierenden Dritten Reichs. Diese Politik ergänzte die bereits im April 1933 wirksam gewordenen Bestrebungen, mit dem so genannten „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und in dessen Folge mit einer Fülle von Verordnungen und Erlassen, die „Freien Berufe“, besonders Ärzte und Juristen, aber auch Künstler und natürlich die Studierenden von der Konkurrenz jüdischer Kollegen zu „befreien“.

Die Regulierungen wurden in der BRD nicht außer Kraft gesetzt, bildeten vielmehr eine Reservewirtschaftsordnung. Damit wurde die Illusion der so genannten Volksgemeinschaft unausgesprochen und stillschweigend in die BRD weiter transportiert. Nun verabschiedet sich die Reformgesetzgebung seit der zweiten Amtsperiode von Gerhard Schröder notgedrungen davon. Die BRD kommt erst jetzt in der Marktwirtschaft an. Das tut weh. Deshalb rufen SPD und Gewerkschaften offen nach einem Ende der Reformen, viele Kräfte in der CDU/ CSU unterstützen diese Forderungen aus populistischen Motiven. Und so werden die Reformen in Bezug auf die Sozialpolitik und den Arbeitsmarkt stückweise zurück gefahren, während man den schwer durchschaubaren und durch mächtige Lobbys vertretenen Finanzmarkt unbehelligt wuchern lässt.

2. Ein anderes Beispiel für die Notwendigkeit einer kritischen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte bietet die Globalisierung.

Viele Ökonomen sind der Überzeugung, die Globalisierung sei ein primär von Marktkräften durchgesetzter und politisch kaum zu steuernder Prozess jüngeren Datums; nicht zuletzt sei sie eine Folge der neueren Innovationen im Bereich der Informationstechnologie, Stichworte: Telekommunikation/ Internet.

Wirtschaftshistoriker zeigen jedoch, dass es sich vielmehr um einen langfristigen Prozess mit Vorläufern handelt, die Jahrhunderte zurückreichen; sie können überzeugend darlegen, dass die Globalisierung primär von politischen Entscheidungen vorangetrieben wurde und wird. [Vgl. dazu auch Spree, R.: Globalisierungs-Diskurse – gestern und heute. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, (2003), H. 2, S. 35-56. Preprint als: Concerns about Globalisation – Then and Now. Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge, Discussion Papers (hg. von der Volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU), No. 03-04, München 2003]. Globalisierung entwickelt sich deshalb wellenförmig und kennt vor allem nicht nur Stillstand, sondern sogar rückläufige Phasen, wie den Globalisierungsrückschlag von ca. 1879 bis 1945.

Die wichtige Erkenntnis: Globalisierung ist politisch steuerbar.

3. Ein letztes Beispiel: die Krise der Sozialversicherung.

Seit längerem haben sich die Ökonomen vor allem in die Rentenversicherung verbissen; die Krankenversicherung wird erst neuerdings als Problemfeld entdeckt. Das liegt an der Unkenntnis hinsichtlich der Dynamisierung der Krankenversicherung durch das Sachleistungsprinzip sowie an der mangelnden Berücksichtigung der Arbeitsmarktsituation und vor allem der demographischen Grunddaten: Allein schon der seit Mitte der 1970er Jahre stetig wachsende Sockel an Arbeitslosigkeit (inzwischen fast 2,5 Mio. Menschen, die offiziell als Langzeitarbeitslose gemeldet und im Grunde nicht mehr vermittelbar sind) bringt mittelfristig alle Systeme ins Schleudern, die auf dem Umlageverfahren basieren, d. h., deren Leistungen aus dem Beitragsaufkommen der jeweils erwerbstätigen Bevölkerung finanziert werden. Die Zahl der Leistungsempfänger wächst deshalb im Verhältnis zur Zahl der Leistungserbringer, die also immer stärker belastet werden. Längerfristig wird dieser Effekt noch verstärkt durch die seit Jahrzehnten anhaltende und sich fortsetzende Senkung der Kinderzahlen pro Frau (im Alter von 15-50 Jahren) bei gleichzeitiger Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung.

Bleiben wir aber zunächst bei der Rentenversicherung, um zu zeigen, dass die Kenntnisnahme der historischen Fakten und der Realität helfen kann, kurzschlüssige Reformvorschläge infrage zu stellen. In Bezug auf die Rentenversicherung gibt es viele Irrtümer, die teilweise die Reformen behindern.

Irrtum Nr. 1: mit der Rentenversicherung sei 1889/91 die Umlagefinanzierung eingeführt worden.

Falsch: Bis 1957 galt formal als Finanzierungsmodus die Kapitaldeckung. Doch hatte man damit mehrfach Schiffbruch erlitten und notgedrungen faktisch eine Umlage- bzw. Steuerfinanzierung praktiziert. Das gilt schon für die Anlaufphase: Um in den 1890er Jahren erste Renten auszuzahlen, brauchte man den Staatszuschuss und ergänzend die Mitgliederbeiträge, denn es gab ja beim Start keinen angesparten Kapitalsockel, aus dessen Erträgen die Renten hätten gezahlt werden können.

Das setzte sich fort, als die Inflation 1914-1923 die inzwischen aufgebaute Kapitaldeckung entwertete. In derselben Situation befand man sich nach dem Zweiten Weltkrieg.

Daraus folgt: Kapitaldeckung funktioniert nur unter Schönwetterbedingungen.

Auf das Umlageverfahren und/oder eine Finanzierung aus Steuermitteln ganz zu verzichten, was manche Ökonomen als Anhänger der „reinen Lehre“ präferieren, erscheint aufgrund der historischen Erfahrung zumindest grob fahrlässig, wenn nicht illusorisch.

Irrtum Nr. 2: Kinderlosigkeit wird von manchen Ökonomen als moral hazard-Problem begriffen. Das existierende Sozialsystem, hier besonders die Rentenversicherung, fördere den Verzicht auf Kinder. Bei dieser Argumentation glaubt man sich sogar auf historische Fakten berufen zu können: die Geburtenziffer sank im Deutschen Reich ab den 1890er Jahren, weil zuvor die Sozialversicherung eingeführt worden sei. Das aber ist eine typische Scheinkorrelation.

Wenn man die Entwicklung der Geburtenziffer verstehen will, muss man mindestens drei Motive berücksichtigen:
Altersversorgung, Sex, Kinderwunsch

zum Motiv Altersversorgung

Eine Analyse des Geburtenrückgangs seit dem späten 19. Jhdt. zeigt, dass der Wegfall des Bedarfs an Altersversorgung durch Kinder gar keine Rolle spielen konnte. Die Rente war von der Idee her und erst recht aufgrund der Fakten bis 1957 ein kleiner Zusatz zu einer Altersversorgung, die vor allem durch die Familie und durch eigenen Zuverdienst des alten Menschen sichergestellt werden musste.

Zur Erläuterung einige historische Fakten: 1892 bis 1913 betrug das Rentenniveau rd. 18% eines Durchschnittslohns. Bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs stieg das Niveau nur auf rd. 26% des Durchschnittslohns an. 1955 erreichte das Niveau 38% des Durchschnittslohns. Altersarmut und häufig die Notwendigkeit, ergänzend Fürsorgeleistungen zu beantragen, blieben das Normalschicksal – trotz der Rentenversicherung.

Folgerung: der drastische Geburtenrückgang muss andere Ursachen haben. Hier ist vor allem zu denken an die seit dem späten 19. Jahrhundert spürbar gewordenen Steigerungen des Reallohns auch der unteren Sozialschichten. Die Möglichkeit zeichnete sich ab, den Kindern einen höheren Lebensstandard zu sichern als man ihn selbst erlebt hatte. Dazu erschien es unabdingbar, dass die Kinder, zumindest die Jungen, eine solide Berufsausbildung absolvierten, vielleicht sogar eine höhere Schule besuchten. Mitarbeit der Kinder, um das Familieneinkommen zu sichern, stand dem entgegen. Senkte man die Zahl der Kinder, verteilte sich das Haushaltseinkommen auf weniger Köpfe, konnte das Auskommen ohne Kinderarbeit gelingen. Speziell in der Arbeiterbewegung setzte sich diese Überzeugung durch und führte im frühen 20. Jahrhundert zum so genannten „Gebärstreik“ der Arbeiterfrauen.

Das kann hier nicht weiter ausgeführt werden, lässt jedoch den Schluss zu: Die realistische Chance, der Falle extremer und sich scheinbar schicksalhaft vererbender Armut zu entgehen, fördert die Senkung der Geburtenziffer (übrigens auch heutzutage in unserer Unterschicht und in den Entwicklungsländern).

zum Motiv Sex

An der Sexualität als natürlichem Trieb hat sich während des 20. Jahrhunderts wohl kaum etwas verändert. Dass der so genannte Pillenknick Mitte der 1960er Jahre eine Rolle gespielt haben soll, ist wieder eine Scheinkorrelation: Wenn man auf die Verfügbarkeit von Kontrazeptiva als Ursache für zurückgehende Kinderzahlen abstellen will, wie erklärt man dann den gewaltigen Geburtenrückgang von ca. 1890-1936/38, als kaum Kondome verfügbar waren, für die auch nicht einmal geworben werden durfte, und schon gar keine Pille? Dennoch gab es in den 1930er Jahren fast keine Familien mehr mit 5 und mehr Kindern und nur noch wenige mit 3 und mehr Kindern. (Vgl. dazu u. a. Spree, R.: Der Geburtenrückgang in Deutschland vor 1939. Verlauf und schichtspezifische Ausprägung. In: Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Hg.): Demographische Informationen 1984. Wien 1984, S. 49-68). Schon in den 1950er Jahren war die 2-Kind-Familie die Norm.

Folgerung: Für drastische Geburtenbeschränkung braucht man keine Pille.

zum Motiv Kinderwunsch

Das ist zweifellos ein sehr komplexes Problem. Als Sozialhistoriker gebe ich zu bedenken, dass in der Diskussion der Wertewandel zu wenig beachtet wird, hier vor allem: die Entwertung des deferred gratification patterns, des Prinzips der aufgeschobenen Befriedigung. Seit den späten 1960er Jahren hat sich dagegen in den hochentwickelten Ländern als breiter gesellschaftlicher Basistrend durchgesetzt, möglichst wenig auf die unmittelbare Befriedigung von Bedürfnissen (Essen, Trinken, Sex, Freizeit, Spaß usw.) zu verzichten und das auf später aufzuschieben, auch wenn dann vielleicht ein höheres Befriedigungsniveau erreichbar erscheint. Nein, man will alles – und das sofort!

Kinder aufzuziehen ist dagegen ein Musterbeispiel für die Notwendigkeit, auf unmittelbare Triebbefriedigung lange Zeit und immer wieder verzichten zu müssen.

Solange Kinder und evtl. sogar viele eine soziale Norm waren, nahm man sie als Schicksal hin. Diese Norm ist jedoch durch die fortschreitende Individualisierung (Ulrich Beck) aufgelöst worden. Die Individualisierung hat auch die Fortpflanzungsnorm unverbindlich gemacht. Seitdem stellt sich Kinderkriegen als individuell zu lösendes Entscheidungsproblem dar. Und je höher die durch die Existenz von Kindern geforderten Verzichtleistungen, desto häufiger wird auf Kinder verzichtet.

Nicht zuletzt liegt das an der nach wie vor nur mangelhaft ausgebildeten Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in unserer Gesellschaft. Vielmehr wird Frauen immer noch soweit wie möglich die traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter zugemutet, ggf. gepaart mit der Doppelbelastung, nebenbei noch Geld zu verdienen, meist in untergeordneten Jobs. Männer und Frauen müssen lernen, selbstverständlich gleichberechtigt miteinander umzugehen, im Privatleben wie im Arbeits- oder im politischen Leben. Dem tragen aber viele bedeutsame Institutionen nicht Rechnung. Das Vordringen der weiblichen Erwerbstätigkeit, besonders auch der Mütter, hat zwar den modernen Generationenvertrag zustande kommen lassen, wonach Familie und Erwerbstätigkeit auch der Frauen miteinander vereinbar sein sollen. Doch funktioniert der eben nicht: Familien- und Erwerbstätigkeit sind in vielen Arbeitsmarktsegmenten nicht oder nur unter großen Opfern zu kombinieren. Kinderarmut bis zur Kinderlosigkeit ist die Folge, die unserem Sozialstaat die Basis entzieht.

Gerd Hardach hat diese Zusammenhänge gut heraus gearbeitet: „Die Voraussetzung für die Stabilisierung der Geburtenrate war die allgemeine Akzeptanz des doppelten Standardlebenslaufs. Die Frauen, die im Rahmen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung für die Kinderbetreuung und die Altenpflege sorgten, waren die >heimliche Ressource< im Generationenverhältnis“. [Vgl. G. Hardach: Der Generationenvertrag. Lebenslauf und Lebenseinkommen in Deutschland in zwei Jahrhunderten. Berlin 2006, S. 451. Ergänzende Erläuterungen in der Rezension von Spree]. Seitdem Frauen diese Zurücksetzung nicht mehr akzeptierten und sich von der „heimlichen Ressource“ der Sozialpolitik zur offenen Ressource des Arbeitsmarkts entwickelten, sinkt die Geburtenrate deutlich.

Hier und an anderen Stellen bewährt sich Hardachs Einbeziehung der familialen Transfers in die Betrachtung der intergenerationellen Leistungsverteilung. Z. B. wird es manchen Leser überraschen, wenn er zur Kenntnis nimmt, dass die so genannte demographische Gesamtlastquote der Erwerbsgeneration auch bis 2030 keine Werte erreichen wird, die stark über denen etwa des Jahres 1871 liegen (62%-66%, je nach Prognosemodell). Doch bestand um 1871 das Einkommen der Jugendlichen und Kinder fast ausschließlich aus familialen Transferleistungen, das der kleinen Alterspopulation ebenfalls aus familialen und nur zu einem geringen Teil aus öffentlichen Transfers (Armenfürsorge, ab 1891 evtl. ergänzend eine Rente). Heute und in der nächsten Zukunft handelt es sich jedoch fast ausschließlich um öffentliche Transferleistungen, besonders für die wachsende Altenpopulation, die in immer geringerem Maße mit familialen Transferleistungen (Unterstützung und Pflege durch die Familie) rechnen kann. Die entsprechenden Anforderungen an die Erwerbstätigen, diese Transfers durch zunehmende Steuern und/ oder Sozialversicherungsbeiträge zu finanzieren, findet wenig Akzeptanz in der Bevölkerung. Damit ist aber auch klar, dass die wachsende Erwerbstätigkeit der Frauen unter den gegebenen Bedingungen (aktiver und passiver Widerstand der Männer gegen ein neues Rollenverständnis in Beruf und Familie) nicht nur zur sinkenden Geburtenziffer führt und damit zur Aufkündigung des Generationenvertrags, sondern auch zum Rückgang des Umfangs der familialen Transferleistungen (Vgl. Hardach, S. 460).

Da im Übrigen nicht sichtbar ist, wie sich diese aus dem Geschlechterkonflikt resultierende Sprengkraft für unsere Institutionen reduzieren sollte, da das Problem ja in Gesellschaft und Politik bisher kaum erkannt wurde, erscheint die Hoffnung allzu optimistisch, man würde von wachsender zu stagnierender Bevölkerung gelangen und den Absturz vermeiden können. Auch die Wachstumsperspektiven sind eher düster: Zwar kann die steigende weibliche Erwerbsquote aufgrund der seit Jahrzehnten zunehmenden und die Männer übertreffenden Qualifizierung der Frauen als wachstumsfördernd eingeschätzt werden, doch wird meist das Hauptproblem ausgeblendet: der hohe und steigende Anteil unqualifizierter Arbeitskräfte in unserer Gesellschaft – der nur in zunehmende Sockelarbeitslosigkeit münden wird. Das hat wahrscheinlich ebenfalls etwas mit dem wandlungsresistenten Selbstbild dieser hauptsächlich aus Männern bestehenden Population zu tun, die nämlich ihrer mangelnden Qualifikation angemessene, niedrig bezahlte Tätigkeiten meidet.

Ich kann an dieser Stelle das Problem nicht vertiefen. Es liegt jedoch auf der Hand, dass Zwangsmaßnahmen – etwa durch die entsprechende Ausgestaltung des Renten- oder des Steuersystems – in der skizzierten Perspektive wenig erfolgversprechend erscheinen.

Folgerung: Das Ausmaß an notwendigen Verzichtleistungen müsste durch gesellschaftliche Hilfestellungen verringert werden. Besonders muss es vermieden werden, dass Frauen Erwerbstätigkeit und berufliche Selbstverwirklichung als unvereinbar mit der Mutterschaft erscheint. Gerade die qualifizierten Frauen verzichten dann zunehmend auf Kinder – und das entzieht unserem auf Umlage basierenden Sozialstaat das Fundament.

Welche Faktoren müssen zusätzlich berücksichtigt werden?

Ich nenne nur vier, die ich nicht mehr im Detail erläutern kann, die aber für die Politik gerade heute wichtig erscheinen:
– stetiges Wirtschaftswachstum, vor allem in Form der Bereitstellung von Arbeitsplätzen
– Vertrauen in die Institutionen, besonders in Bildung
– Optimismus bezüglich der Zukunft der Kinder
– Planungssicherheit

Fazit

Sozial- und Wirtschaftsgeschichte als kritische Disziplin kann helfen, Irrtümer bei Maßnahmen bzw. politischen Empfehlungen zu vermeiden, die auf nur vermutete historische Voraussetzungen gründen. Sie kann auf Dimensionen und Determinanten verweisen, die häufig übersehen werden. Es erscheint fahrlässig, auf diese kritische Instanz verzichten zu wollen.

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2 Responses to Was ist und wozu dient Sozial- und Wirtschaftsgeschichte?

  1. Jörg Karau says:

    Ein sehr eindrucksvoller Vortrag, der hoffentlich in den Fachkreisen die verdiente Anerkennung gefunden hat. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte als primär historische Disziplin scheint mir allemal zuverlässiger und nützlicher zu sein als „reine“ Wirtschaftstheorien und -prognosen, die sich ja häufig als falsch herausstellen.
    Und danke für den Link!

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